TODAY IS THE DAY

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Black As Fuck

Seit knapp über zehn Jahren arbeitet Steve Austin nun mit seiner Band daran, den allgemeinen Musikgeschmack immer wieder aufs Neue zu umgehen und stattdessen die geneigte Hörerschaft mit schwerverdaulichem Material zu versorgen. Gab es bei den vorangegangenen Werken des wandlungsfähigen Meisters einhellige Begeisterung, hatte man beim aktuellen Epos „Sadness Will Prevail“ (Relapse) selbst als beinharter Fan chaotischer Noise-Orgien schwer zu knabbern angesichts dieses selbstzerstörerischen Mammutwerks. Da Steve Austin als recht durchgeknallt und doch wieder spirituell angehaucht gilt und ich ein recht großer Bewunderer seiner Platten bin, war ich entsprechend nervös, als ich zur Audienz in den Tourbus geführt wurde. Nachdem ich dank der Sprachbarriere in ein paar Fettnäpfchen getreten und nur knapp an einem blauen Auge vorbeigeschliddert war, erwies sich der Gute als stolzer Papa und Ehemann und recht entspannter Visionär, dem absolut keine Rockstarallüren anzumerken sind. Und obendrein kann er Kölsch nicht leiden – also ein recht sympathischer Zeitgenosse!

Wie oft wurdest du schon damit aufgezogen, dass du so heißt wie Lee Majors in „Der sechs Millionen Dollar Mann“?


Jetzt genau sechs Millionen mal. Danke für Frage!

Gab es irgendwelche besonderen Geschehnisse auf Tour?

Die Tour war bisher ziemlich spaßig und brutal. Ein Backstageraum wurde komplett auseinandergenommen, zwei Gitarren wurden zerstört, ein paar Tische mussten dran glauben, ein Kerl brach sich fast seinen Arm, ein anderer musste ins Krankenhaus zur Not-OP ... Wir haben also jede Menge Spaß!

Aber wenn ich mir mal heute Abend das Kölner Underground anschaue, scheint es nicht gerade allzu voll zu werden. Interessiert sich keiner mehr für deine Band?

Keine Ahnung, woran das hier in Deutschland liegt. In England spielen wir in ausverkauften Stadien oder in überfüllten Clubs. In Bielefeld mussten wir vor gerade mal knapp zehn Leuten auftreten und Köln sieht es auch nicht besonders gut aus. Deutschland scheint wohl ein Problem mit uns zu haben!

Konntest du dich schon mit den eher verhaltenen Reaktionen auf „Sadness Will Prevail“ auseinandersetzen?


Ich glaube, die meisten Leute verstehen es als einen wichtigen Meilenstein in der Musikgeschichte und die es nicht begreifen wollen, sind einfach nur dumm. ‚Sadness Will Prevail‘ ist ein intellektuelles Werk, und wenn es jemand nicht mag, kümmert es mich nicht, weil derjenige wahrscheinlich zu blöd ist, um es zu begreifen. Es ist ein sehr schmerzhaftes Stück Musik, das nicht für jeden geschrieben wurde. Ich schätze, viele Menschen mögen das Album aus ähnlichen Gründen, weswegen ich es eigentlich hasse, es mir wieder anhören zu müssen. Sie können sich in die depressive Stimmung hineinversetzen und ziehen dabei vielleicht etwas positives für sich heraus. Für mich war es eine sehr anstrengende Arbeit.

Also war dein persönlicher Background die Inspirationsquelle?


Ja, knapp drei Jahre Isolation, Suizid, Depressionen, jede Menge Scheiße. Aber auch viele wundervolle Ereignisse wie die Geburt meines Sohnes Hank, dem ein paar der ‚fröhlicheren‘ Stellen gewidmet sind. Ansonsten ist das Album ‚black as fuck‘.“

In wieweit siehst du bildende Kunst als ein wichtiges Ausdruckmittel für dich an und generell in der heutigen Zeit?

Kunst ist sehr wichtig für mich und das Einzige, was ich auf dieser Welt respektieren kann. Es gibt da den Spruch: ‚Kunst ist Leben.‘ Völlig egal, wo wir hingehen, wir werden überall mit Kunst konfrontiert, sei es im Internet oder auf der Straße mit den ganzen Graffitis. Sogar in der Schule, wenn die Kids sich Sachen auf ihre Mappen zeichnen. Kunst ist viel mehr als nur ein Ausdrucksmittel, es kann auch die Gefühle der Menschen auf einfachste Art und Weise beeinflussen und dient zur Kommunikation miteinander auf einer höheren Ebene.

Nur fiel das Coverartwork von „Sadness Will Prevail“ ehrlich gesagt ein wenig ab, im Vergleich zu den anderen Platten ...

Oh, das tut mir jetzt Leid, wenn wir dir nicht ein TOOL-Hologrammvierfarbscheißcoverbooklet präsentiert haben, aber es geht hier um die Vermittlung von Gefühlen und nicht ums Blenden. Das Cover zeigt eine misshandelte Frau, die auf kaltem Entzug ist und mit ihren Drogenproblemen nicht fertig wird, da sie auf Acid hängen geblieben ist. Es wurde extra auf so was wie Farbe oder Graustufen verzichtet, um das Artwork so minimal wie möglich zu halten und die Wirkung für den Betrachter zu erhöhen. Deshalb schwarz-weiß, zwei Farben: Ying-Yang. Punk-Rock, Hard-Core, hell-dunkel. Wenn du das Cover scheiße findest, habe ich genau das erreicht, was ich vorhatte, nämlich dass du dich scheiße gefühlt hast. Denn hier wird eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs gezeigt, insofern hat man auch allen Grund dazu, sich scheiße zu fühlen.

Wieso wechselst du eigentlich nach jedem Album deine Mitmusiker? Funktioniert die Band nur, wenn jeder nach deiner Pfeife tanzt?

Die Band ist mein Leben, es sind meine Songs, meine Texte, meine Aufnahmen, sprich mein Eigentum. TODAY IS THE DAY ist keine Band, der man einfach beitritt, weil man sie grade trendy findet. Mir ist es egal, ob man mich leiden kann oder nicht, denn aus irgendeinem blöden Grund mache ich das schon, seit ich denken kann. Ich würde mich als Künstler bezeichnen, der eher alleine an seiner Staffelei an neuen Bildern arbeitet oder alte Sachen wieder aufgreift und versucht zu verbessern.

Weißt du, was du ansonsten gemacht hättest, ohne deine Band oder dein Tonstudio?

Ich glaube, ich hätte irgendwas mit Computern gemacht, vielleicht Design. Das hätte mir sicherlich Spaß gebracht.

Fällt es dir leicht, die richtige Balance zwischen Musikerdasein und Familie zu finden?

Ich glaube, es ist ein guter Mix aus beiden. Ich arbeite im Studio, schreibe Musik. Insgesamt verbringe ich an die 80 Stunden im Tonstudio, da bleibt wenig Zeit für Kino, Konzerte oder Musikzeitschriften. Meine freie Zeit verbringe ich lieber mit meiner Frau und meinem kleinen Sohn, und unternehme mit denen halt die ganzen ‚normalen‘ Dinge im Leben einer intakten Familie. Auf der anderen Seite gibt’s auch wieder Auftritte in Tokyo mit SLAYER und MOTÖRHEAD, Partys im Backstageraum und Leute aus aller Welt kennen lernen. Ich behalte dabei aber lieber gerne einen klaren Kopf und sogenannte ‚Rockstars‘ sind für mich nicht mehr als fette Typen, die Scheißmusik machen, sich den ganzen Tag vollaufen lassen und nichts in ihrem Leben im Griff haben.

Schon irgendeine Vorstellung, wie TODAY IS THE DAY in fünf oder zehn Jahren klingen werden?

Keine Ahnung, so was kann man nicht vorhersagen. Sobald etwas nicht mehr interessant für mich ist, habe ich auch keine Lust mehr, mich damit zu beschäftigen. Das neue Album, das wir gerade schreiben, wird das schnellste und härteste sein, was TITD bisher rausgebracht haben, soviel steht schon mal fest.

Foto: Sandra Steh