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Interviews

I WALK THE LINE

Nur ein paar gebrochene Knochen

Zugegeben, Tampere und Riihimäki sind nicht gerade der Nabel der Welt, aber wenn Jani von MANIFESTO JUKEBOX, der nebenbei noch das Label Combat Rock Industry betreibt, sich mit Ville von WASTED und drei weiteren Musikern zusammenfindet, um eine neue Band zu gründen, dann schaut die Welt gebannt auf Finnland. Die bekannten Tugenden der bereits etablierten Combos werden auf „Badlands“, dem Debüt von I WALK THE LINE, durch den Keyboardsound von Organistin Anna ergänzt und insgesamt übertreffen I WALK THE LINE mit ihrem folklastigen Punkrock schlichtweg alle Erwartungen. Sogar Aston von Boss Tuneage entschloss sich zu einem gemeinsamen Album-Release, und die sympathische Band zeigt, dass man sich auch nach einer Dekade im Geschäft noch mal neu erfinden und bisweilen sogar selbst übertreffen kann. Und zu meiner großen Freude waren Jani und Ville auch bei weitem nicht so wortkarg, wie man es den Nordlichtern immer nachsagt ...
Eure Band setzt sich aus Mitgliedern von MANIFESTO JUKEBOX und WASTED zusammen, ist das nicht eine Art Konkurrenz auf dem eigenen Label?
Jani:
„Wieso sollte daraus Konkurrenz entstehen? Das kann ich nicht nachvollziehen. Für uns ist es einfach so, dass wir als Freunde gemeinsam Musik machen, und wenn uns das glücklich macht, dann bringen wir sie auf meinem Label raus, mehr sehe ich darin nicht. Für das Label sehe ich das nur als positive Sache, denn wenn jemand MANIFESTO JUKEBOX gefällt, dann werden die Leute auch I WALK THE LINE hören wollen, oder wenn jemand zuerst auf I WALK THE LINE stößt, möchte die betreffende Person vielleicht auch die anderen Bands kennen lernen.“
Wie habt ihr euch denn überhaupt getroffen?
Ville:
„Nun ja, die finnische Szene ist ziemlich klein und jeder kennt den anderen. Vor beinahe zehn Jahren sind wir auf dieselben Gigs gegangen, haben uns manchmal gegrüßt und ein Bier getrunken, oder so. Als WASTED dann anfingen, mehr Konzerte zu machen, begann das auch bei MANIFESTO JUKEBOX, und da wir auf denselben Gigs spielten, hingen wir manchmal zusammen rum und lernten uns so besser kennen. Jani hat dann einige der frühen WASTED-Singles rausgebracht. Wir kennen uns seit etwa sechs Jahren, genau so lange wie unsere Keyboarderin Anna, die ja in keiner der Bands spielte, aber eben auch mit denselben Leuten befreundet war.“
Wieso habt ihr euch nach einem Johnny Cash-Song benannt?
Ville:
„Wir wollten für die Band einen eher untypischen Namen. Etwas, was zeigt, welchen Stil wir spielen. Es ist eben kein typischer Punkrock, sondern hat auch einen Rock‘n‘Roll-Einschlag. Der Name spiegelt auch die finnische Mentalität wider, die ganze Melancholie, die Ehrlichkeit und die Tatsache, dass man zu seinem Wort steht. Es nicht als Tribut an Johnny Cash gedacht, so gerne wir ihn uns natürlich anhören.“
Wie würdet ihr den Stil der Band beschreiben?
Ville:
„Energiegeladener, melodischer Punkrock mit Keyboards. Manchmal entspannt, manchmal roh und ungeschliffen. Von Zeit zu Zeit atmosphärisch. Unsere Einflüsse sind eben nicht nur Punkrock. Es wurde auch schon gesagt, wir würden nach einer Mischung aus MURDER CITY DEVILS und SOCIAL DISTORTION klingen. Manchmal sagen Leute auch, dass sie noch die POGUES raushören. Wir haben keine Angst davor, alle Einflüsse, die wir durch die Musik bekommen, zu verarbeiten. Man kann nicht sein ganzes Leben lang an einem Stil hängen bleiben, man muss sich weiterentwickeln. Neue Herausforderungen und Herangehensweisen ausprobieren und einfach weiterspielen.“
Wie sehen denn eure größten Momente als Band aus und was waren die Tiefschläge?
Jani:
„Die Höhepunkte waren unsere Japan-Touren mit MANIFESTO JUKEBOX. Klar haben wir auch viele tolle Konzerte in Finnland und in Europa gespielt, aber eine Reise nach Japan ist schon was ganz besonderes. Es ist eine ganz andere Welt. Und wenn die Menschen dort dann noch auf deine Musik stehen, dann ist das ein tolles Gefühl. Das Negativerlebnis schlechthin war dagegen unsere Tour durch die USA. So weit zu reisen und dann zuzusehen, wie alles schief läuft, war echt eine Sache, die einem ein ziemlich dummes Gefühl gab, alles war irgendwie sinnlos.“
Ville: „Eines meiner schlimmsten Erlebnisse war ein Autounfall während der WASTED-Tour in Schottland. Wir waren in der Mitte von nirgendwo, ich habe ein entgegenkommendes Auto nicht gesehen und Boom! Es gab einen ziemlich heftigen Aufschlag hinten am Van. Erstmal dachten wir, dass im anderen Auto jemand gestorben sei, und unsere gesamte Backline auch kaputt sein würde. Das andere Auto war echt klein und in keinem besonders gutem Zustand, aber alles nahm ein gutes Ende. Nur ein paar gebrochene Knochen, und unserer Heck war halt kaputt. Wir konnten sogar die Tour beenden. Tolle Erinnerungen gibt es viele, aber nichts, was irgendwie heraussticht. Aber ich muss dieses große Festival in Finnland namens ‚Ilosaarirock‘ erwähnen. Jedes Jahr kommen etwa 20.000 Leute dorthin, und mit WASTED haben wir schon vier Mal dort gespielt, und die Shows waren wirklich gut. Mehrere hundert Leute haben mitgesungen. I WALK THE LINE spielen dieses Jahr auch dort, und ich kann es kaum erwarten.“
Ihr habt eine sehr erfrischende Herangehensweise an die Texte. Welche Intentionen habt ihr beim Schreiben?
Ville:
„Also, ich habe alle Texte für das Album geschrieben, und auch für WASTED schreibe ich alles, wobei WASTED eher politisch und geradlinig sind. Als ich begann, die Texte für I WALK THE LINE zu schreiben, wollte ich nicht dasselbe machen. Ich habe einfach begonnen, alles aufzuschreiben, was mir in den Sinn kam, und ich habe mich auch nicht darum gekümmert, was die Leute darüber denken, oder ob man es verstehen kann. Ich denke, man kann sie selbst interpretieren und auf sein eigenes Leben anwenden. Ich habe auch versucht, mir beim Schreiben etwas Zeit zu lassen und nicht alles so offensichtlich auszudrücken. Es ging mir darum, verschiedene Wege zu finden, um Emotionen zu beschreiben.“
Wie kommt es, dass in euren Texten immer Probleme geschildert werden, und sie trotzdem so positiv klingen?
Ville:
„Alle Texte sind sehr persönlich, ich schreibe mir dabei was von der Seele, also handelt es sich manchmal um ein Ventil für mich, um Frustrationen abzubauen. Als ich die Texte schrieb, war ich auch in einer ziemlich schlimmen Phase meines Lebens. Es schien so, als ob nichts so laufen würde, wie ich das wollte. Es war eine sehr depressive Phase, zudem war es auch Herbst, und in Finnland ist es dann die ganze Zeit dunkel und kalt. Das hat die Traurigkeit und die Melancholie in den Texten noch etwas gesteigert. Es war wohl auch eine Art Therapie für mich, um die Dämonen in meinem Kopf zu bekämpfen. Was die Musik betrifft, denke ich, dass sich beides ergänzen sollte. Man kann wohl dieselben Gefühlsregungen haben, ohne dass man sich die Texte anhört, allein durch die Musik. Die Akkorde und die Melodien sind eben auch nicht das, was ich als fröhlich bezeichnen würde. Außerdem ist die Welt sowieso voller Bands, die über die Liebe und das Glück singen, das macht mich schläfrig, ich will über andere Sachen singen.“
Ist der Titel „Badlands“ programmatisch für das Album, und wofür steht er?
Ville:
„Den Titel haben wir gewählt, weil er die Musik und die Texte des gesamten Albums widerspiegelt. Hoffnungslosigkeit, Depression und Einsamkeit eben. Das Wort ‚Badlands‘, welches ja trockener und erodierter Boden bedeutet, beschreibt das ziemlich gut. Es hat jedenfalls nichts mit Bruce Springsteen oder dem Skatepark in den USA zu tun.“
Ist es für eine Band aus Finnland schwerer Erfolg zu haben?
Jani:
„Auf eine gewisse Art schon. Es ist unmöglich, häufiger auf Tour zu gehen, oder mit größeren Bands zu touren, um sich einen Namen zu machen. Aber letztendlich sind diese Dinge auch gar nicht so wichtig, weil es bei unserer Band nicht um den schnellen Erfolg geht. Da wir aus Finnland sind, bekommen wir nichts umsonst. Wir müssen besonders hart arbeiten, um gut zu sein und auch an uns selbst zu glauben, damit die Dinge ihren Lauf nehmen, also hat es auch sein Gutes.“
Wie kam es denn dazu, dass ihr die CD bei Boss Tuneage veröffentlicht habt?
Jani:
„Combat Rock Industry hatte schon bei den Releases von MANIFESTO JUKEBOX und WASTED mit Boss Tuneage zusammengearbeitet, und da das so toll funktioniert hat, war es ganz natürlich, auch hier eine gemeinsame Veröffentlichung zu machen. Glücklicherweise mochte Aston von Boss Tuneage auch I WALK THE LINE.“
Könnt ihr vielleicht noch etwas zu Combat Rock Industry sagen: Wer macht das Label, wie hat alles begonnen?
Jani:
„Ich mache Combat Rock Industry zusammen mit Janne von ENDSTAND. Wir haben das Label im Mai 2000 gegründet, und ich kann gar nicht glauben, dass das schon vier Jahre her ist. Davor hatten wir beide ein Ein-Mann-Label, aber irgendwie war es dumm, in Konkurrenz zu stehen, weil wir ja auch dieselben Dinge mochten. Wir haben uns also entschlossen, unsere Kräfte zusammenzulegen, um die Bands, die wir mochten, besser vertreten zu können, und insgesamt hat sich das alles großartig entwickelt. Wir hatten die Chance, mit vielen guten Bands zu arbeiten, mit denen wir sogar befreundet sind, und mehr kann man wohl nicht verlangen. Im Mai werden wir etwas expandieren und einen Plattenladen namens ‚Combat Rock Shop‘ in Helsinki aufmachen. Unsere nächsten Releases sind BOMBSHELL ROCKS, ON A SOLID ROCK, OI POLLOI und WASTED – es ist also viel in Arbeit.“
Kann man euch bald auf Tour sehen?
Ville:
„Im Herbst sind sowohl MANIFESTO JUKEBOX als auch WASTED auf Tour, also können wir da schon mal nicht touren, aber vielleicht werden wir es dann im nächsten Winter oder im Frühling nach Deutschland und ins restliche Europa schaffen.“

Thomas Eberhardt

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #56 (September/Oktober/November 2004)

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