SOVIETTES

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Minneapolis Blues

Nein, die SOVIETTES sind keine Band aus Russland, sie sind auch keine Kommunisten und auch keinesfalls eine neue, bis dato unentdeckte Band. Bei dem Quartett aus Minneapolis handelt es sich um drei Mädels – Annie (Gitarre und Gesang), Sturgeon (Gitarre und Gesang), Suzy (Bass und Gesang) – und einen maskulinen Weggefährten, Danny, der ebenfalls singt und das Schlagzeug spielt.

Im Juni erschien ihr drittes Album „LP III“ auf Fat Wreck Chords und bescherte mir mit seiner knappen halben Stunde Spielzeit eine Menge Freude. Denn die SOVIETTES spielen eine eingängige Mischung aus Pop-Punk der frühen 90er à la SCREECHING WEASEL, der sympathischen Hektik der BRIEFS, ja vielleicht sogar der HIVES und etwas New Wave. Dabei flirten die Vier durchweg mit Pop-Elementen, die an die B-52’s erinnern, so dass die Songs auf „LP III“ durch schöne Wechselspiele aus Schnelligkeit, Melodien und eingängigen Refrains gekennzeichnet sind. So entpuppt sich nicht nur „Paranoia cha cha cha!“, der Song den die SOVIETTES zum ersten „Rock Against Bush“-Sampler beisteuerten, als hymnisch-hektischer Ohrwurm. Auch die restlichen Songs des Albums, etwa der Opener „Mutiply and divide“ oder „What did I do?!“ machen eine Menge Spaß, da der Sound der SOVIETTES energisch, frisch und unverbraucht ist.

Zusammen mit den EPOXIES, die letztes Jahr in die Fat Wreck-Familie aufgenommen wurden, sind die SOVIETTES das musikalisch frischeste neue Signing des San Franciscoer Labels, das sie gleich für eine drei Monate lange US-Tour mit den EPOXIES, SMOKE OR FIRE und AGAINST ME! buchte. Bevor die SOVIETTES aber in Fat Mikes Schoß gelangten, veröffentlichten sie zwei Alben, „LP“ und „LP II“, auf Adeline Records, dem Label von GREEN DAY-Sänger Billie Joe Armstrong.

„Unser Kontakt mit Fat Wreck kam schon zu den Zeiten zustande, als wir noch auf Adeline waren“, erzählt mir Annie am Telefon. Und während sich in der alten Welt der Tag dem Ende zuneigt und es in Minneapolis gerade Mittag ist, nimmt die sympathische Amerikanerin einen Schluck Kaffee und fährt unbeirrt fort: „Sturgeon ist mit Billy, dem Gitarristen von DILLINGER FOUR verheiratet. So haben wir durch sie alle Mitarbeiter von Fat Wreck kennen gelernt und mit den meisten sind wir seitdem gut befreundet. Als wir begannen, an ‚LP II‘ zu arbeiten, zeigte Fat Wreck schon Interesse an uns, damals wollten wir aber bei Adeline bleiben. Zwei Gründe führten danach aber dazu, dass wir fühlten, dass Fat Wreck das richtige Label für uns ist. Erstens nahmen sie die EPOXIES unter Vertrag, was uns das Gefühl nahm, möglicherweise ein Exot auf dem Label zu werden. Zweitens legten Adeline eine unbefristete Pause ein, so dass uns die Option, bei ihnen ein Album zu machen, nicht mehr offen stand.“

Der Fat Wreck-Deal brachte der Band nicht nur mehr Aufmerksamkeit ein als zuvor, auch die ersten Pläne sind geschmiedet für Touren durch Japan, Kanada und möglicherweise im nächsten Frühjahr auch Europa. Und auch wenn die SOVIETTES mit „Paranoia cha cha cha“ ein politisches Statement abgaben, so sind sie doch keine politische Band. Vielmehr sind die meisten Texte der SOVIETTES eher persönlicher Natur, und auch von Hammer und Sichel, die man auf der Bandwebsite nicht übersehen kann, sollte man nicht darauf schließen, dass hinter den SOVIETTES eine politische Idee steht: „Das ist so eine Sache: Natürlich ziehen viele Leute, die den Namen THE SOVIETTES hören und sich die Website anschauen, den Schluss, dass wir Kommunisten sind. Wir sind alle große Popkultur-Fans und versuchen das mit unserer Musik und unserem Auftreten zum Ausdruck zu bringen. Daher haben wir auf unserer Website das Hammer-Sichel-Symbol und Buchstaben aus dem russischen Alphabet. Ich denke aber, dass wir beides früher oder später entfernen werden. Zwar stammen Sturgeons und meine Vorfahren aus Russland, eine tiefer gehende Verbindung haben wir aber weder zu dem Land noch zu der Kultur. Außerdem führt die Verwendung kommunistisch angehauchter Symbole oft dazu, dass Leute immer wieder von uns angepisst sind, weil sie nicht verstehen, dass es uns dabei um Popkultur geht. Dass wir uns keiner politischen Richtung untergeordnet haben, bedeutet aber nicht, dass wir unpolitisch sind. Nimm ‚Paranoia cha cha cha‘: der Song handelt davon, dass unsere verrückte Regierung die Leute immer wieder in Angst versetzt, um dies dann auszunutzen, damit sie tun und lassen kann, was sie will. Wir haben versucht, dieses Thema in dem Song auf eine popkulturelle Art und Weise zum Ausdruck zu bringen.“

Und auch im weiteren Gesprächsverlauf zeigt Annie immer wieder, dass sie keineswegs unpolitisch ist und zu vielen Themen eine klipp und klare Meinung hat, auch wenn die von ihr geschriebenen Texte – jeder in der Band schreibt Texte und Songs – sonst nur wenig politischen Inhalt haben. „Ich schreibe meist über Themen, die mich in meinem Alltagsleben begleiten, dabei kann alles Mögliche heraus kommen. Das gilt, denke ich, auch für die Songs, die Sturgeon, Suzy und Danny schreiben. Nimm einen Song wie ‚Roller girls‘, der unserem lokalen Roller-Derby-Team gewidmet ist. Einen solchen Song können wir genauso gut schreiben wie ‚Portland‘, ein Song von ‚LP II‘, in dem es darum geht, dass ein sehr guter Freund von mir an einer Überdosis Heroin gestorben ist.“

Während meine Gesprächspartnerin an dieser Stelle nachdenklich wird, befindet sie sich wenige Augenblicke später wieder im vollen Redeschwall, lacht viel und zeigt sich im Gespräch bestens gelaunt und entspannt – es gibt nichts, was man ihr aus der Nase ziehen müsste. Nach ihrer Aussage ist Mann beziehungsweise Frau in Minneapolis von kaum einem Thema genervt. Einzig und allein Fragen nach dem Start der Band, die im Winter 2000 in Minneapolis zusammenfand und neben den bisher veröffentlichten drei Alben einige Samplerbeiträge, 7“s und Splitsingles herausgebracht hat, sind es, die die Sängerin und Gitarristin „not so exciting“ findet. Liest man sich so durch die Biografie der SOVIETTES, so fällt auf, dass die einzelnen Bandmitglieder schon in diversen Bands tätig waren, die alle der dynamischen Musikszene von Minneapolis entstammen.

So war meine Gesprächspartnerin einst bei den HOSTAGES und CADILLAC BLINDSIDE, während die anderen drei sich in einer Vielzahl anderer Bands herumgetrieben hatten. „Die Szene in Minneapolis gibt dir viele Möglichkeiten, dich künstlerisch zu betätigen. Du hast hier nicht nur eine Punk- beziehungsweise Musikszene. Vielmehr mischen sich hier Musiker, Künstler, Designer, Toningenieure und Produzenten in einer großen Szene zusammen. Alle helfen einander und tun ihr bestes dafür, die Projekte der anderen zu fördern. So ist hier eine sehr vielseitige und interessante Szene entstanden. Und selbst wenn man außer THE REPLACEMENTS, HÜSKER DÜ, DILLINGER FOUR und den SELBY TIGERS kaum Bands aus Minneapolis kennt, so denke ich doch, dass die Stadt eine der besten Musikszenen in ganz Amerika hat, deren Vielseitigkeit auch einen großen Einfluss auf die SOVIETTES hat.“

Mit einem sehr guten dritten Album, den geplanten Touren und einem Stapel neuer Songideen scheint die Zukunft der SOVIETTES mehr als gut auszusehen. Es bleibt zu hoffen, dass die Band es tatsächlich nach Kanada, Japan und auch nach Europa schafft. Denn es wäre den SOVIETTES nur zu wünschen, dass sie ihren Bekanntheitsgrad weiter steigern. So wie es momentan aussieht, sind sie auf dem besten Weg dorthin. Auch wenn dies bedeuten könnte, dass Minneapolis um eine Mathelehrerin ärmer ist. Oder ist es bloß ein Scherz, dass Sturgeon neben den sechs Saiten bei den SOVIETTES auch binomische Formeln und E-Funktionen bestens beherrscht? „Nein, das ist kein blöder Gag. Sturgeon unterrichtet an einer Highschool in Minneapolis Mathematik und Wissenschaften. Ich weiß, das klingt verrückt, ist aber nichts als die Wahrheit.“