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Interviews & Artikel

TOXPACK

East Berlin Streetcore

TOXPACK, eine Berliner Ost-West-Kooperation, brettern mit ihrer dritten CD „Aggressive Kunst“ und schweißtreibenden Konzerten übers Land. Ihre „Beweg deinen Arsch“-Mucke ist Anlass genug, die Herren zum Gespräch zu bitten. Ort des Geschehens: Ein Café in der Kreutzigerstraße, Berlin- Friedrichshain. Dort, wo aus bunten Häusern der Punk dröhnt und die Bewohner ihre Balkone mit Totenkopf-Flaggen statt mit Geranien verschönern. Im Gespräch Hinni Hammer, berserkernder Drummer, und Schulle, der zwanghafte Vokalfrontmann, der in jedes „Mikro beißen muss, das ihm in die Quere kommt“.

Euer Album „Aggressive Kunst“ lässt aggressive Texte erwarten. Viele Lyrics sind allerdings eher von der depressiven beziehungsweise paranoiden Sorte. Was ist da los?

Schulle: Ja, das liegt ja wohl an unserem Lebensstil. So wie wir unseren Lebensalltag bestreiten, da ist ja nicht immer alles positiv, und man brüllt eben das raus, was einen ankotzt. Das sind unsere Themen. Die werden schön aufgearbeitet, der Frust wird rausgelassen und alles, was einen ankotzt, niedergeschrieben und dann gesungen.
Hinni: Genau, wenn die Scheiße auf einen runterregnet, sind die Texte halt ein bisschen stinkig.

Die Scheiße, die auf euch runterregnet, würde mich interessieren. Zum Beispiel die aus dem Song „Hass dich“.


Schulle: Wenn wir solche Themen aufarbeiten, gibt es eben andere Leute, die sagen: „Genauso fühl ich mich auch, genau das Problem hab ich selber grade durch“. Und das baut einen eben auch wieder auf. Wir sind ja auch keine Funpunk-Band, wir machen Streetcore. Das heißt für uns, das wahre Leben von der Straße zu zeigen.

Musik von der Straße? Dann hättet ihr ja auch Bluesmusiker oder Rapper werden können. Warum genau diese Hardcore-Schiene?


Schulle: Die Musik, die wir selber mögen, ist breit gefächert. Angefangen beim guten alten Punk und Oi! über Metal bis Hardcore. Streetcore als musikalischen Begriff gibt es schon länger, aber so richtig eingedeutscht hat – glaube ich – TOXPACK die ganze Geschichte. Streetcore soll für uns bedeuten, alle Musikrichtungen, die wir selber mögen und hören, in eine zusammen zu fassen. Das ist unsere eigene Schublade, die wir uns selber gebaut haben. Bevor uns irgendwelche Leute sagen, wo wir hingehören, sagen wir selber: „Wir machen Streetcore“. Das ist bis jetzt auch angenommen worden.

Ein Gitarrensolo in „Suff und wilde Spiele“ ist doch aus „Thunderstruck“ von AC/DC, oder etwa nicht?


Schulle: Korrekt. Eine Hommage an den alten Rock’n’Roll, Bluesrock und Rock allgemein, der uns ja beeinflusst hat. Wer hat damals mit 14 nicht AC/DC gehört? Es ist eine Huldigung, um zu sagen: Ihr seid die alten Götter und wir feiern und lieben euch. Der Song handelt ja größtenteils vom Rock’n’Roll-Leben. Deshalb haben wir diese Passage in der Mitte und auch am Ende mit eingebaut.
Hinni: Pssssst!
Schulle: Wieso denn, sag’s doch!
Hinni: Der Song ist voller AC/DC-Zitate. Das erste Gitarrensolo, das Tommy da spielt, ist das Intro von „Thunderstruck“. Das ist 1:1 abgekupfert. Aber es gibt noch ein zweites AC/DC-Zitat. Wer es als Erster errät, soll uns schreiben und bekommt eine CD.

Die Reaktionen eurer Fans auf den Konzerten sind spektakulär. Die Leute gehen mit ohne Ende und können sämtliche Texte auswendig, obwohl das Album noch gar nicht erschienen ist.


Schulle: Tja, hm, wie kommt das bloß? Nein, im Ernst, wir stellen ja auf unserer Website Downloads zur Verfügung, damit die Leute sich anhand der Ausschnitte eine Meinung bilden können. Die Songs sind nach circa einer Minute abgefadet. Unser Publikum kann sich das Material anhören und entscheiden, ob es das Album kaufen will oder nicht.
Hinni: Ja, die Leute sind echt der Wahnsinn. Wenn von uns ein Rough-Mix draußen ist, macht der ziemlich schnell die Runde. Genauso haben wir auch unser Video „Suff und wilde Spiele“, das im „Trinkteufel“ gedreht wurde, auf unserer Website zum Download zur Verfügung gestellt. Auf „Aggressive Kunst“ ist es als Bonustrack enthalten.

In welcher Stückzahl ist „Aggressive Kunst“ erschienen?

Schulle: Da wir nicht bei einem Majorlabel unter Vertrag sind, produzieren wir immer in Tausenderschritten. Wenn die ersten Tausend weg sind, produzieren wir die nächste Staffel. Und so arbeitet sich das voran.

Wie viele CDs müsstet ihr verkaufen, um davon leben zu können?

Schulle: Oh, das weiß ich gar nicht. Hängt ja davon ab, wie man lebt. Kommt drauf an, was in den Kühlschrank kommt, und wie hoch die Miete ist, die man zahlen muss. Aber davon ist bei TOXPACK noch lange nicht die Rede. Wir gehen alle nebenher arbeiten. Es ist ein gutes Hobby, mit dem man nebenbei Geld verdient, aber die Familie können wir davon nicht ernähren.
Hinni: Von T-Shirts, Konzerten und Merch kann man vielleicht gerade mal die Miete bestreiten oder mal die Miete für den Probenraum. Bei dieser Art „Randgruppenmusik“, die wir machen, ist das eher schwierig.

Was ist deiner Meinung nach eine Randgruppe?


Hinni: Die Leute, die Streetcore hören, zum Beispiel. Nehmen wir mal an eine Band aus unserem Bereich verkauft 10.000 Platten, dann sind das die absoluten Mega-Topseller. Machst du aber Pop oder Mainstream-Rock, dann bist du schnell bei 100.000 Platten. Wenn unsereins 10.000 verkauft, ist das supergut, aber leben kann davon keiner.

So genannte Randgruppenmusik läuft ja nicht im Radio. Man muss sich ja schon Mühe geben, Musik dieser Art zu finden. Wie kommt das?


Schulle: Ich finde es ja einerseits sehr schön, dass diese Musik, wie Punk, Hardcore, Oi!, von den Medien noch nicht so ausgeschlachtet worden ist, dass es eben nicht bei MTV oder VIVA rauf und runter läuft. Dann wäre es ja uninteressant. Interessant ist es, wenn es eben noch nicht jeder kennt. Dann ist es noch Abenteuer und hat seinen Reiz. Weil es eben nicht nur ums Geld und das fette Pushen geht. Das ist wie eine kleine Familie jenseits der ausgelatschten Trampelpfade unserer Mediengesellschaft.
Hinni: Die meisten unserer Fans sind deutlich jünger als Schulle und ich. Das Thema Abgrenzung spielt also eine wichtige Rolle., also sich mittels Musik gegen andere abzugrenzen. So was Ähnliches läuft ja auch zum Beispiel in der Hip-Hop-Szene ab.

Hinni, wir wissen ja, dass du wegen der Groupies Musik machst. Groupies kosten Geld. Jetzt hast du noch keine Kohle, solltest du aber richtig viel Geld machen, bist du kommerziell. Und damit wirst du uninteressant für die „Randgruppen“-Groupies. Wie fühlst du dich in diesem Teufelskreis?


Hinni: Das stimmt doch überhaupt nicht, dass ich wegen der Groupies Musik mache. Aber sobald eine Band kommerziell erfolgreich ist, wird ihr die so genannte Street Credibility abgesprochen. Ich hab nichts gegen Mainstream, aber ich hab was gegen Leute, die sich protestlerisch aufführen, aber schon längst im Mainstream angekommen sind. Das haben die Leute begriffen und die sagen jetzt: „Kommerz, ist also nicht mehr meins“. Zum Beispiel haben sich viele von der TERRORGRUPPE abgewandt, als die mal in der Bravo waren, dabei war es immer noch dieselbe Band mit denselben Texten. Aber aufgrund der Tatsache, dass die da drin waren, haben viele Leute gesagt: „Mit denen will ich nichts mehr zu tun haben, die gehören nicht mehr zu uns“.

Ist doch eine ziemlich elitäre Haltung: Etwas ist nur gut, so lange nur ich und meine fünf Freunde eine bestimmte Band kennen?!


Schulle: Ja, gut, aber wer nimmt es dir schon ab, wenn du sagst: „Mich kotzt mein Leben an, ich brülle meinen Frust raus, ich bin ein Straßenköter“ und hast aber fett das Geld auf dem Konto. Das nimmt dir doch keiner mehr ab. Eine gewisse Form von Status wird eben verlangt, wenn man sagt: „Ich bin ein Straßenköter, von der Mattscheibe bis zum Zeh tätowiert und anders als alle anderen“. Und dann esse ich aber in irgendeinem Fünf-Sterne-Hotel zu Abend. Das passt einfach nicht. Wenn ich Mainstream bin, dann sollte ich auch eine Kurskorrektur vornehmen und dazu stehen.

So lange ich erfolglos bin, darf ich also Streetcore machen und sobald ich Geld auf dem Konto habe, nur noch Funpunk?


Schulle: So lange du dir selber in die Hand beißt, weil du Hunger hast, machst du Musik für Leute, die froh sind, wenn du rausschreist, wie dreckig es dir geht. Das ist Street Credibility. Wir leben in einem Zwei-Klassen-System. Du kriegst keine Unterstützung, wenn du keine Connections hast. Und in diesem System leben wir so, wie unser Leben eben ist. Wir kommen von der Straße, singen von der Straße und werden keine Blender sein. Das schätzen die Leute an uns.

Findest du es nicht reichlich übertrieben, in einem der reichsten Länder der Welt von Hunger zu sprechen?


Hinni: TOXPACK kennt den leeren Kühlschrank und das ist nicht besonders witzig. Campino von den TOTEN HOSEN ist doch auch so einer. Hör dir mal die alten und dann die neuen Sachen an. Nicht mehr wieder zu erkennen. Die sind so erfolgreich, weil sie sich dem Mainstream angepasst haben.
Schulle: Warum hören die nicht einfach auf? Warum sagen die nicht: Okay, wir haben euch beschissen, wir haben was wir wollen, verfolgt uns nicht, erschießt uns nicht? Warum erzählen die immer noch irgendwelchen 16-Jährigen vom Rebellentum und bleiben unter Garantie bei Rot an der Ampel stehen. Und die Kids kaufen denen das ab. Ach was, hört euch lieber unsere CD an.

Klare Frage, klare Antwort: Seid ihr Rassisten?

Schulle: Auf keinen Fall. Nein. Ich frage mich echt, wo die ganzen Leute waren, wenn sozial-ethisch verwirrte Nazis Alarm gemacht haben. Wo waren die anderen denn da? Seit 15 Jahren müssen wir uns immer wieder anhören: „Ach, die Skins auf euren Konzerten, sind da nicht irgendwelche Nazis drunter?“. Ich kann das nicht mehr hören. Genauso viele Nazis, wie diese Leute im Fernsehen gesehen haben, haben wir auf der Straße weggetreten und treten sie immer noch weg. Bei unseren Konzerten sind sowohl Punks als auch Skins, nicht zu verwechseln mit Nazis. Sollten sich Nazis auf einem unserer Konzerte enttarnen, gibt es auf die Mütze. Das war schon immer so und so wird es auch bleiben. TOXPACK hat da eine ganz klare Haltung, von der sich jeder gerne selber ein Bild machen kann. So wurden wir zum Beispiel für ein Antifa-Festival in Belgien angefragt, bei dem Bands aus dem linken Spektrum spielen werden. Da haben wir sofort Ja gesagt: Gegen Rassismus, gegen Faschismus.

Eben, bei dem ernsten Thema bricht man sich ja mit einem klaren Statement keinen Zacken aus der Krone. Damit haben andere ja so ihre Probleme.


Hinni: Innerhalb der Band sind die Meinungen demokratischerweise ja auch nicht konform. Selbst wenn Schulle sich als „antipolitisch“ bezeichnet, ich bin es nicht. Ich war selbst in der Antifa aktiv, finde ihre Arbeit nach wie vor wichtig, wehre mich aber gegen die Sippenhaft, in die manche Leute genommen werden.
Schulle: Antipolitisch heißt: Ich habe keinen Bock, mich vor eine Flagge zu stellen, egal welche. Das ist vielleicht auch politisch, aber auf keinen Fall extrem, in keine Richtung. Wir lassen uns nicht vereinnahmen. Anfang der 90er, zu Beginn des Oi!-Punk, hat sich die Szene in mehrere Kategorien aufgeteilt. Da gab es Nazi-Idioten, dann die Redskin/S.H.A.R.P.-Fraktion, und wir als Oi!-Skins haben uns mit dem Begriff „antipolitisch“ gegen beide schützen wollen. Mit TOXPACK wollen wir Musik machen, keine Politik.
Hinni: Wir beziehen klar Stellung gegen Faschismus und gegen Rassismus. Das ist der gemeinsame Nenner innerhalb der Band. Wir haben auch kein Problem damit, auf Antifa-Festivals zu spielen, lassen uns aber nicht vor irgendeinen Karren spannen.

Gesine Jüthner

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #64 (Februar/März 2006)

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