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Interviews

BLACK HEART PROCESSION

Drive like San Diego

San Diego hat seit den frühen Neunzigern den Ruf, eine besonders kreative, eigenwillige Musikszene zu haben, deren bekannteste Vertreter ROCKET FROM THE CRYPT waren. Die Großstadt im Süden Kaliforniens, an der Grenze zu Mexiko, hat so über die letzten 15, 20 Jahre immer neue Bands hervorgebracht, die zwar irgendwie miteinander verwandt waren, aber sich alle in ihrem jeweils ganz eigenen kreativen Ansatz voneinander unterschieden. Auch THE BLACK HEART PROCESSION gehören dazu, eine grundsympathische Band ohne jede Attitüde, die mich mit ihrem aktuellen, fünfte Longplayer "The Spell" einmal mehr rundum begeistern kann: Punk-Spirit trifft auf düster-melancholischen Folk-Goth, Walzerrhythmus auf schluchzende Geigen und dramatische Klavierpassagen - und das ohne jeden billigen Pathos. Komisch eigentlich, dass solch intensive Musik von so fröhlichen Menschen gemacht wird wie Pall Jenkins und Toby Nathaniel, die mir in Hamburg für dieses Gespräch gegenübersaßen.


Was habt ihr die letzten Jahre gemacht? Euer letztes Album ist rund drei Jahre her.


Pall: Ach, wir ließen es mit der Band eher ruhig angehen, es war so was wie eine Auszeit. Toby hat geheiratet und zog nach Portland, und dann war die DVD zu "Amore Del Tropico" sehr viel Arbeit, die erforderte viel Zeit und Energie. Danach machten wir deshalb erstmal eine kleine Pause, bevor es mit dem neuen Album weiterging. Das ist jetzt raus, und dieses Jahr werden wir ausgiebig touren, auf jeden Fall auch in Europa. Unsere ersten vier Platten folgten alle recht kurz aufeinander. Wir mussten einfach mal etwas langsamer machen, uns wieder im normalen Leben zurechtfinden. Es gibt schließlich auch noch mehr im Leben als Musik und Kunst, auch wenn die immer irgendwie in deinem Kopf sind. Man muss da ein vernünftiges Gleichgewicht finden.

Toby: Wir sind eine Band, die sich nicht direkt auf irgendwelche Einflüsse bezieht, sondern die davon lebt, dass sie mitten im Leben steht. Wenn ich mich immer nur um meine Musik kümmern würde und nicht auch mal um meine Frau, dann wäre sie das sicher nicht mehr sehr lange.

Nun, dafür gibt es ja genug Beispiele: Junge Bands, die es richtig wissen wollen und sich ganz ihrer Musik widmen, und alte Rock'n'Roller, die nichts anderes haben im Leben.

Pall: Uns geht es bei der Musik um den Schaffensprozess, ums Spielen und darum, eine neue CD zu machen, einfach das, was uns ein gutes Gefühl gibt. Touren ist für uns eher eine Notwendigkeit, sowohl was den Lebensunterhalt anbelangt, als auch um seine Musik mit anderen teilen zu können. Ich weiß, dass ich wohl nie etwas anderes machen werde als etwas, das mit Musik zu tun hat. Von klein auf war das so, und als wir die Band gründeten, nahmen wir uns vor, viel zu touren, und selbst wenn wir nicht auf Tour sind, hat jeder von uns jeden Tag sein Instrument in der Hand, spielt für sich. Außerdem habe ich ja auch ein Studio, und da arbeite ich ständig mit anderen Bands oder anderen eigenen Projekten. Mein ganzer Alltag besteht zu einem großen Teil aus Musik. Gleichzeitig mag ich den Gedanken nicht, mich in dieser Tretmühle aus ständigem Touren aufzureiben. Bei "Amore Del Tropico" haben wir schon gemerkt, dass wir aufpassen müssen, dass die Band nicht einfach auseinanderbricht bei all der Anstrengung. Statt sieben Wochen Tour also besser nur die Hälfte, solche Sachen eben. Was für einen Sinn hat es, eine Band zu machen, wenn man dadurch nur lernt einander zu hassen und sich schließlich auflöst? Es überrascht mich deshalb immer wieder, wie viel manche Musiker und Bands unterwegs sein können.

Seid ihr ehrgeizig?

Pall: Das kommt auf die Definition an ... Ich beschäftige mich gerne intensiv mit Dingen, arbeite an meiner und anderer Leute Musik. Ich bin ein recht produktiv arbeitender Mensch, und das merke ich immer daran, wenn andere Leute über meinen Eifer erstaunt sind, während ich mich für faul halte. Und so treibe ich mich immer selbst an. Von daher bin ich wohl ehrgeizig, setze mir immer selbst neue Ziele und versuche die zu erreichen. Aber ehrgeizig in dem Sinne, dass wir berühmt und erfolgreich werden wollen, sind wir sicher nicht. Mir ist es wichtiger, für mein musikalisches Schaffen geschätzt zu werden. Aber Ruhm auf Basis schlechter Musik und affigen Verhaltens, darauf kann ich verzichten.

Toby: Ich denke, unsere Musik ist auch gar nicht dafür geeignet, mit ihr eine richtige kommerzielle Karriere anzustreben. Wenn wir das so durchziehen würden, hätten wir auch gar nicht mehr die Inspiration, die wir für unsere Art Songs brauchen. Unser Songwriting passiert eben, wenn es Zeit dafür ist, das können wir nicht erzwingen.

Das ist ein Gegensatz zu vielen auch durchaus erfolgreichen Bands, die mit bekannten Produzenten extrem ambitioniert im Studio an ihren Stücken arbeiten, die das Songwriting schon beinahe industriell betreiben.

Pall: Nun, das ist einfach eine Frage deiner Vorlieben, was dir wichtig ist, deiner Erfahrungen. Ich kann da nur für mich sprechen, und ich mag zum Beispiel Filme, die eher düster sind, die dich mit auf eine Reise nehmen. Na ja, und andere Leute mögen eben "Terminator" ... Aber wir denken nicht zu sehr darüber nach, was wir da machen, das kommt einfach so aus uns heraus und wir mögen es, wenn Musik, Texte, Artwork, Bilderwelt und Verpackung eine stimmige Einheit bilden, das ist uns wichtig. Wir vergleichen uns da auch nicht mit anderen Bands, sondern machen unser Ding. Ich habe schon immer Platten gemocht, von klein auf, mit denen man sich aufs Bett legen konnte und die einen mit auf eine Reise genommen haben, bei denen man sich das Artwork anschauen und die Texte durchlesen konnte, immer und immer wieder, und jedes Mal konnte man noch einen neuen Aspekt entdecken. Genauso gibt es auch Bücher, die man mehrfach lesen kann, in denen man immer wieder Neues entdeckt. Solche Platten machen wir dann auch selbst am liebsten - nicht bewusst, das geht gar nicht, sondern sie entstehen einfach. Und je weiter wir gehen, desto stärker wird uns das bewusst, wobei wir innerhalb der Band darüber gar nicht reden, das nicht planen. Wir setzen uns, im übertragenen Sinne, einfach ins Auto und fahren los.

Dabei erstaunt es mich, dass ihr auf mich nicht den düsteren, melancholischen, depressiven Eindruck macht, den eure Musik oft hinterlässt.

Toby: Die Erklärung ist einfach: So sind wir nicht drauf. Wir kennen natürlich diesen Aspekt des Lebens, aber schätzen tun wir andere.

Pall: Wir müssen ja nicht versuchen, uns mit diesen Gefühlen als Goth-Band mit Latexklamotten zu verkleiden. Solche Bands wirken auf mich weniger düster als vielmehr lächerlich und belustigend. So was fasse ich immer als Joke-Band auf, aber bitte, das muss jede Band selber wissen. Wir sind da einfach "echter", unsere Musik entspricht unserer Wertschätzung der düsteren Aspekte der menschlichen Existenz. Und wir planen das auch nicht wirklich, wir machen eben unsere Musik, die dann eben so herauskommt. Nimm einen Song wie "The spell": Als wir den geschrieben haben, zeichnete sich immer deutlicher ein bestimmtes Bild ab, und von diesem Zeitpunkt an haben wir nach Mitteln und Wegen gesucht, dieses Bild zu verdeutlichen. Das kann man mit dem Zusammensetzen eines Puzzles vergleichen: Anfangs hast du nur die Teile, aber irgendwann beginnst du, das Motiv zu erahnen und es fällt dann immer leichter, die Teile zusammenzusetzen. So läuft auch das Songwriting bei uns ab, wobei es ja im Bereich der Malerei Leute gibt, die das Bild genau vor Augen haben, wenn sie loslegen, während andere erst beim Malen erkennen, wohin es sie treibt. Und wir gehören da zu letzterer Gruppe. Wenn das Bild dann klar erkennbar ist, diskutieren wir, mit welchen Mitteln, was den Text und die Musik anbelangt, wir das schärfer bekommen können, wie wir die gewünschte Atmosphäre erzielen können. Wir schaffen so eine neue Klangwelt, in die wir unsere Zuhörer gerne entführen.

Eure Musik ist eher was für einen gemütlichen Winterabend zu Hause, als für eine sommerliche Autofahrt ...

Toby: Wir sind mal eine Liste durchgegangen, zu welchen Tätigkeiten unsere Musik passt. Autofahren? Nein. In einer Kneipe sitzen und trinken? Vielleicht. Traurig sein und vor sich hin brüten? Durchaus.

Pall: Ach, ich finde, unsere Musik passt durchaus zum Autofahren: ohne Scheinwerfer durch die Nacht ... Ich sehe unsere Musik, unsere Platten eher wie einen guten Film, der eine ganze Bandbreite an Emotionen enthält: Furcht, Glück, Hoffnung, Verzweiflung ... Ich sehe uns also überhaupt nicht so eindimensional und düster, wie wir das oft zu hören bekommen. Lieder wie "Not just words" passen in dieses Klischee nicht rein, und die ganze letzte Platte "Amore Del Tropico" entsprach dem nicht. Abgesehen davon ist jede unserer Platten anders, wir mögen es nicht, uns zu wiederholen. Und dazu passt, dass wir ein ganz gemischtes Publikum haben. Bei unseren Konzerten sehe ich Goth-Fans, Punks, alte und junge Besucher. Und so nennen wir unsere Musik, als denkbar breitestes Beschreibung, "World Music", denn es ist Musik für die ganze Welt. Und genau so sieht auch meine Plattensammlung aus: Punk, Country, Klassik ... Entsprechend breit gefächert sind unsere Einflüsse, und so mögen wir es nicht, auf nur ein Genre reduziert zu werden.

Wie siehst du da eure neue Platte?

Pall: Ich finde sie düsterer als "Amore Del Tropico", gerade auch textlich.Früher waren wir sarkastischer oder besser gesagt parodistischer. Wir haben eigentlich einen guten Sinn für Humor. Lachen und Weinen liegen nahe beieinander, und so verleihen wir unseren Liedern auch eine gewisse Leichtigkeit.

Typisch für euren Sound ist oft dieser Walzer-Rhythmus. Wie kommt das?

Toby: Wir fingen damit schon bei der ersten Platte an, ja, und irgendwie haben wir unseren Spaß an diesem Rhythmus wohl nie verloren. Aber wir kennen durchaus auch andere Rhythmen.

Pall: An anderer Stelle macht ein typischer 4/4-Takt einfach mehr Sinn, das ist dann eben straighter Rock. Aber wenn man mal was anderes ausprobieren will, den Melodien etwas mehr Raum einräumen will, ist so ein 3/4-Takt passender. Aber über so was denken wir gar nicht mal besonders nach, das ergibt sich beim gemeinsamen Spielen.

Toby: Wir experimentieren auch nicht großartig, was Songstrukturen, Tempo und Takt anbelangt. Wir haben unsere Standards, mit denen wir umgehen können, und sind damit zufrieden.

Pall: Und außerdem habe ich mich nie mit Musiktheorie auseinandergesetzt, ja, ich war auch in Mathematik ganz schlecht. Wenn es also um solche Taktsachen geht, da kapituliere ich. Wenn ich da anfange mitzuzählen, klappt gar nichts mehr. Da bewundere ich aufrichtig die ganzen Math-Rock-Bands wie DON CABALLERO. Nur für mich wäre das nichts, da sind mir BHP lieber, wo alles gemächlich fließt. Ich habe mehr Spaß daran, mich auf das Erschaffen einer bestimmten Atmosphäre, auf die Texte und den Gesang zu konzentrieren, fühle mich deshalb bei dieser Band wohler als bei vielen davor, denn da muss ich nicht so viel über die Musik nachdenken. Toby könnte einen komplexeren Sound zwar leisten, aber ich denke, er ist auch so zufrieden. Ich schaue mir das dann lieber bei anderen Bands an, etwa den MELVINS, mit denen wir mal auf Tour waren und wo unsere beiden Bands einen sehr interessanten Gegensatz darstellten.

Pall, du warst einst auch bei THREE MILE PILOT, die neben ROCKET FROM THE CRYPT und DRIVE LIKE JEHU den "typischen" San Diego-Sound geprägt haben. Wie man hört, arbeitet die Band an einer neuen Platte.

Pall: So ist es, nächstes Jahr soll die erscheinen. Aber da ich mit BHP unterwegs bin und die anderen mit PINBACK, verzögert sich das alles etwas. Aber wir haben schon diverse Songs geschrieben und aufgenommen. Die Band war ja nie wirklich aufgelöst, wir blieben über die Jahre gute Freunde - Toby war ja in der Schlußphase auch bei der Band - und jetzt geht es eben weiter. Wir waren mit der Band seinerzeit recht viel auf Tour, und es war schwer, denn die Zeit war noch nicht richtig reif für diesen Sound. Und da hatten wir dann irgendwann den Punkt erreicht, wo wir einfach besser aufhörten. Und so entstanden BHP, wo alles viel einfacher lief, und bei PINBACK war es genauso. Richtig aufgelöst hatten wir uns aber nie, und so schleppten wir eines Tages unser gesamtes Equipment wieder ins Studio - das zum einen Teil BHP gehört, zum anderen PINBACK - und nahmen direkt vor "The spell" ein paar neue Songs auf. Zach und ich dachten uns dann, dass wir da wirklich ein Album daraus machen könnten, eben auch, weil wir über die Jahre immer wieder auf die Band angesprochen worden waren. Ein neues Album kam für uns aber nur in Frage, wenn das vom Gefühl her stimmt, wir wollten uns reif dafür fühlen, auf die Platte stolz sein können.

Headhunter Records war ja Anfang der Neunziger ein exzellentes Label, auf dem all die legendären San Diego-Bands veröffentlichten ...

Pall: ... inklusive DRIVE LIKE JEHU, die die beste Band der Stadt waren!

Nur interessierte sich damals kaum jemand für die Headhunter-Releases, oder auf jeden Fall nicht so viele Leute, dass ich nachvollziehen könnte, warum DLJ heute als so einflussreich und legendär gehandelt werden.

Pall: Stimmt, damals interessierte sich keiner für die. Genauso THREE MILE PILOT, die sind heute bekannter als je zuvor.

Warum?

Pall: Ich weiß es nicht.

Toby: Ich denke, es hat was damit zu tun, dass die Musikgeschichte ihre Zyklen hat, und alle 10, 20 Jahre wiederholen sich bestimmte Entwicklungen und Phänomene. Bei Mode ist es das Gleiche, plötzlich sind die Achtziger wieder in. Und so entdecken Leute eben auch die Subkultur der frühen Neunziger wieder, entdecken diese Bands. Dazu kommt, dass DRIVE LIKE JEHU viele Leute beeindruckt haben, die selbst Musik machen, und so gewinnt da eine Entwicklung über einen gewissen Zeitraum richtig an Schwung.

Pall: Für mich ist das umso erstaunlicher, als ich das damals ja alles direkt miterlebt habe, und ich weiß noch, dass die Live-Shows von DLJ unglaublich waren. Das war ein Gefühl, als wenn ein dicker Geländewagen direkt durch den Club rast! Ein unglaublich intensives Konzerterlebnis, und das bei so einem dürren Typen wie Rick. Der stieg auf die Bühne und dann explodierte alles. Diese Energie kann man auch ihren Platten anhören, auch nach all den Jahren noch, selbst wenn die Platten nur ein Schatten der Live-Shows sind. Es tut mir Leid für alle, die nie eine Chance hatten, sie zu sehen, ihre Konzerte, an deren Ende sie sich völlig verausgabt hatten, sie komplett schweißgebadet von der Bühne torkelten - Konzerte, die besser waren als alles, was ich seitdem gesehen habe. Und von all den Bands, die sich heute an diesem intensiven, screamigen Sound versuchen, kommt kein an DLJ heran. Ich hatte nach jedem Konzert eine Gänsehaut, so gut waren sie.

Was machen die heute?

Pall: Bis vor kurzem machte Rick die HOT SNAKES, und nach deren Ende ging er nach New York, macht vielleicht auch bald wieder Musik und arbeitet an diversem Artwork, zum Beispiel für mein Soloprojekt, MR. TUBE AND THE FLYING OBJECTS. Er ist ein großartiger Künstler, wir sind alte Freunde, und so fragte ich ihn, ob er nicht das Cover meiner Platte machen könne. Rick ist ein Mensch, der mich immer wieder stark beeindruckt, der seinen ganz eigenen Stil hat.

Gibt es eigentlich noch das Label Vinyl Communications? Ich habe Bob Barley 1990 mal besucht ...

Pall: Klar, den gibt es immer noch, und er ist immer noch Klempner, ein paar Freunde von mir arbeiten für ihn.

Auf seinem Label kamen damals viele 7"s von lokalen Bands raus, etwa von NEIGHBORHOOD WATCH und AMENITY.

Pall: Haha, NEIGHBORHOOD WATCH, das waren der Basser und der Drummer von THREE MILE PILOT. Und AMENITY, das war eine Straight Edge-Band, das waren so ehemalige Surfer-Typen, die dann zu Skatern wurden, aus meiner Schule und die mich als "Punkrock Pall" bezeichneten, weil ich ständig besoffen war. Skaten war nie mein Ding, ich hab mir lieber ein paar Bier gezischt. Ich war damals der erste Punk an meiner Schule, hörte JFA, SUICIDAL TENDENCIES und so. Später dann spielten unsere Bands zusammen Konzerte. Und ich habe mal mit meiner ersten Band DARK SARCASM eine 7" auf Vinyl Communication gemacht. Jello Biafra hat sogar eine davon, eine von den 15 in buntem Vinyl, haha.

Gab oder gibt es einen speziellen "San Diego-Sound"? Auf so was wird ja immer wieder von Musikjournalisten verwiesen, doch wie nimmt man das als "Betroffener" war?

Pall: Das ist so ein typischer Mythos, eine Schöpfung von Musikjournalisten.

Toby: Damals, Anfang der Neunziger, gab es mit Bands wie FISHWIFE, DRIVE LIKE JEHU oder PITCHFORK schon so was wie einen "typischen" San Diego-Sound. Da steckte keine Absicht dahinter, da kopierte keiner den anderen, aber es herrschte so ein gewisser Vibe, eine gewisse Stimmung.

Pall: Diese Bands spielten zusammen Konzerte, es gab eine aktive Szene. THREE MILE PILOT passen da nicht ganz dazu, wir waren immer die irgendwie seltsame Band. Ich habe eben nie verstanden, wie jemand all diese Bands, ROCKET FROM THE CRYPT nicht zu vergessen, in eine Kategorie packen kann. Und man vergisst auch all die Bands, an die sich heute kaum noch jemand erinnern kann, wie STRUGGLE oder DAY CALLED ZERO. Dieser "San Diego-Sound" war eine Sache einer bestimmten Zeit, wir waren alle jung und alles war sehr aufregend. Na ja, jetzt bin ich 35, ein paar Leute von damals machen immer noch Musik, viele andere aber nicht, die sind heute Anwälte, Handwerker oder sonst was. Für mich kam aber nie was anderes in Frage als die Musik, ich habe mich nicht um eine andere Ausbildung bemüht, ich war immer in erster Linie Musiker. Irgendwie habe ich Glück gehabt, das Musikmachen funktioniert für mich, denn ich wüsste nicht, was ich sonst machen sollte. Ach ja, ich habe auch noch eine Frage an dich: Denkst du, dass THREE MILE PILOT eine Emo-Band waren? Genau das muss ich nämlich immer wieder lesen und verstehe dabei überhaupt nicht, was die damit meinen.

Hahaha, lustig, aber nein, ich denke, falscher kann man nicht liegen. Wenn Emo, dann die alten Dischord-Bands.

Pall: Genau, RITES OF SPRING, SOULSIDE und so, die habe ich auch gehört - und deshalb erst recht nicht verstanden, was an uns "emo" gewesen sein soll. Und genauso wenig verstehe ich es, wenn man BHP als "Americana" und "Gothic" bezeichnet. Ich schätze, das hat wohl was damit zu tun, dass Journalisten versuchen, Musik in Worte zu fassen.

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #66 (Juni/Juli 2006)

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