PAT THOMAS

An diesem Abend in Köln dachte ich für einen kurzen Moment, so etwas wie Folkrock sei endgültig gestorben. Eine andere Erklärung schien es für die handvoll Leute, die sich wegen Pat Thomas im Bürgerhaus Kalk eingefunden hatten, nicht zu geben. Zwar spielten die COWBOY JUNKIES am selben Abend im E-Werk, doch deren letzte Platte hatte bestimmt nicht annähernd so euphorische Besprechungen bekommen wie Thomas´ aktuelles Werk "Fresh". Auf "Fresh" versammelten sich Leute wie Steve Wynn (DREAM SYNDICATE), Chris Cacavas (ex-GREEN ON RED), Gary Floyd (SISTER DOUBLE HAPPINESS) Pat Johnson und Sonya Hunter zu einem fröhlichen Stelldichein und verhalfen Thomas zu seiner bis dato überzeugendsten Platte. Spätestens 1988 mit der Gründung des Heyday-Labels in San Francisco etablierte sich Thomas als eine der wirklich wichtigen Personen der amerikanischen Folkrock-Szene. Dort nahm er fortan Acts wie Chris Cacavas, Barbara Manning oder Steven Robacks (RAIN PARADE) Band VIVA SATURN unter Vertrag, also sowohl die Reste des zersplitterten Paisley-Undergrounds als auch neuere Folk-Strömungen. Unter anderem wurde dort auch Thomas erste Soloplatte "It's A Long, Long Way To Omaha, Nebraska" (1989) veröffentlicht.

Ursprünglich stammt der Mann aber aus New York, wo er als Drummer von ABSOLUTE GREY, die wie die Eastcoast-Variante von Bands wie RAIN PARADE klangen, seine ersten Erfahrungen sammelte. Ein schöner Querschnitt aus deren fünf Platten namens "Anthology" wurde hierzulande im letzten Jahr veröffentlicht. In Deutschland schenkte man ihm 1994 durch die Veröffentlichung von "St. Katherine" (What's So Funny About) zum ersten Mal mehr Aufmerksamkeit. Darauf befindet sich die Essenz von Thomas´ Solo-Aktivitäten aus den Jahren 1983-93, darunter Songs seiner seltsamerweise nur in Griechenland erschienen zweiten Platte "Too Close To The Ground". Besonders seine früheren Sachen sind von eine tiefen Verehrung für klassische amerikanische Singer/Songwriter geprägt. "Fresh" dagegen ist eine zuweilen richtig krachige Rockplatte geworden, was auch live nachdrücklich betont wurde, trotz Übungsraum-Atmosphäre. Thomas nahm die Frustrationen dieses Abends mit professioneller Gelassenheit, ließ sich aber einer Stelle des Gigs mit einem schiefen Grinsen zu der Bemerkung hinreißen, daß das der Zeitpunkt sei, wo er normalerweise sagen würde, er freue sich, hier zu sein.


Das Desinteresse heute Abend ist ja aufgrund der guten Reviews von "Fresh" sehr unverständlich. Wird dir in den Staaten mehr Aufmerksamkeit geschenkt?

Es ist rätselhaft, in Dresden hatten wir zumindest 90 Leute und in Nürnberg 50. Und dann das hier heute. Außerdem ist das schon unsere dritte Tour hier in den letzten zwei Jahren. Ich bin ziemlich schockiert und weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. In den Staaten spielen wir nicht oft, da meine Band zur Hälfte aus Deutschen besteht. Ich nehme dort hauptsächlich meine Platten auf oder produziere andere Bands.

Gefällt es dir eigentlich, wenn dich die meisten Leute in die Schublade "Folkrock" stecken?

Man kennt mich als "Mr. Folkrock", weil ich das Heyday-Label gegründet habe, und dann für das deutsche Label Normal arbeitete, wo Acts wie Penelope Houston, Bedlam Rovers und Barbara Manning veröffentlicht wurden. Wenn irgendetwas mit Pat Thomas zu tun hat, ist es deshalb automatisch Folkrock. Es passiert zu oft, daß Journalisten alle Musiker aus San Francisco in dieselbe Schublade stecken. Klar, es gibt nach wie vor eine bestimmte Szene von Musikern in San Francisco, und diese Gemeinschaft liebe ich auch. Natürlich ist es nicht mehr so, wie man es zwischen '89 und '91 gewohnt war. Es gab bestimmte Clubs und Bars, wo man hingehen konnte. Dort saßen Mitglieder von X-TAL in einer Ecke und in einer anderen welche von AMERICAN MUSIC CLUB. Selbst wenn du über Folkrock redest, muß dir klar sein, daß Sonya Hunter nicht wie Penelope Houston klingt. Aber so wie darüber geschrieben wird, erscheint es, als ob es sich um eine einzige Band handeln würde.

"Fresh" ist für mich auch kein Folkrock, es ist eher ein 70er-Rockalbum. Es sind sicherlich Folk-Elemente enthalten, aber genauso kann ich darin die STONES, WHO oder KING CRIMSON wiederfinden. Außerdem bin ich ein großer Van Morrison-Fan, wie du schon an dem Cover von "St. Katherine" sehen kannst, daß seiner Platte "Moondance" nachempfunden ist. Ebenso offensichtlich ist, daß ich Neil Young, Lou Reed und Bob Dylan mag. Meistens Musik aus den späten 60ern und frühen 70ern. Meine nächste Platte wird aber garantiert noch weniger folkig sein, da ich in letzter Zeit viel SOFT MACHINE und KING CRIMSON gehört habe. Vielleicht wird es auch ein richtiges Krautrock-Album, hehe.

Ich habe aber ähnliche Probleme, wenn ich Leuten versuche klarzumachen, wer Pat Thomas ist. Deshalb greife ich auf Vergleiche zurück, z.B. mit Bob Dylan oder klassischen Protestsängern wie Phil Ochs.

Ich wollte auch nicht Vergleiche kritisieren. Mich stört, daß viele Besprechungen mehr wie mein Lebenslauf aussehen. Ich erwarte nicht, daß jemand schreibt: Pat Thomas macht einen total neuen Sound. "Fresh" ist sicherlich nichts Neues innerhalb der Musikgeschichte, aber etwas Neues für Pat Thomas. Obwohl ich kein Deutsch verstehe, sehe ich in deutschen Magazinen sofort, ob jemand nur die üblichen Vergleiche anstellt, oder wirklich etwas über meine Platte geschrieben hat, z.B. daß der erste Song ein intensives Blues-Feeling hat, der zweite ein cooles Gitarren-Solo und der dritte scheiße klingt. Das ist für mich eine Plattenbesprechung und nicht die Auflistung von zehn Bands, mit denen ich mal zusammengearbeitet habe. Ich bin deshalb so darauf fixiert, weil es überall in Deutschland ähnlich aussah und ich hätte es gerne etwas origineller gehabt.

Das hast aber kein Problem damit, wenn die Leute "Fresh" als nostalgisch bezeichnen?

Nein, es ist ein nostalgisches Album, deshalb sind auch die Photos aus den 60ern und 70ern von mir und meiner Familie auf dem Cover. Aber "Fresh" klingt nicht nach Sonya Hunter und auch nicht nach den BEDLAM ROVERS. Es klingt nach...

...Pat Thomas?!

Ja, Pat Thomas. Natürlich bin ich stolz auf das, was ich bisher getan habe und auf die Bands, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Schließlich will ich nicht vor meiner Vergangenheit flüchten. Ich fände es nur besser, wenn die Leute sich mehr um die Musik kümmern würden und weniger um das, was ich vorher getan habe.

Du hast dich vorhin als ehemaligen Chef von Heyday Records bezeichnet. Du hast also nichts mehr mit dem Label zu tun.

Ich habe Heyday 1993 verkauft und nahm alle Acts mit zu Normal nach Bonn, wo ich bis '95 gelebt habe. Heyday hat einen neuen Besitzer und veränderte sich musikalisch völlig. Sie machen jetzt Bands, die nichts mit dem ursprünglichen San Francisco-Sound des Labels zu tun haben. Vorher hatte ich die Platten der Bands zeitgleich in Deutschland und in den USA veröffentlicht, aber in Deutschland liefen sie wesentlich besser. Ich war es leid, ständig Geld zu verlieren und ging deshalb nach Deutschland, weil es mir sinnvoller erschien. Jetzt lebe ich wieder in SF, da Bonn ziemlich langweilig ist. Ich will mich jetzt wieder stärker auf meine eigenen Sachen konzentrieren, da ich in Bonn hauptsächlich mit den Projekten anderer Leute beschäftigt war. Außerdem ist das Wetter in SF besser, haha.

Und wer hat die Normal-Alben in den Staaten veröffentlicht?

Ehrlich gesagt niemand. Meine letzten Platten, genauso wie die von Chris Cacavas, Sonya Hunter oder den BEDLAM ROVERS sind nicht in den Staaten erhältlich.

Das klingt ziemlich verrückt. Eigentlich bin ich immer davon ausgegegangen, daß die Musik dieser Bands stark mit den USA verwurzelt wäre und deshalb dort auf größeres Interesse stößt.

Das Problem ist, daß all diese Bands sehr viel "soul" haben und Gefühl zeigen, was in Amerika momentan nicht angesagt ist. Stattdessen sind Kurt Cobain, PAVEMENT oder Courtney Love cool. Sonya Hunter und Chris Cacavas sind uncool, weil sie nicht diesen neuen "alternative bullshit" machen. Folk interessiert in den Staaten niemand. Daß Chris Cacavas in den Staaten keinen Plattenvertrag bekommen konnte, ist für mich ein echtes Verbrechen. Das erinnert mich stark an die 50er und 60er, wo viele Jazz-Leute ähnliche Probleme hatten. Charlie Parker oder John Coltrane gingen nach Paris, Stockholm oder Kopenhagen, wo sie abgefeiert wurden, während sie in New York City vor 50 Leuten spielten. Das positive an dieser Entwicklung ist, daß viele Bands dadurch die Möglichkeit bekamen, in Deutschland zu touren, das negative, daß man sich in San Francisco nicht mehr so häufig über den Weg läuft. Diesen familiären Gemeinschaftssinn in SF vermisse ich ziemlich.

Aber jemand wie Steve Wynn, der aus derselben Szene stammt, scheint keine Probleme mit seinen Plattenveröffentlichungen zu haben.

Steve ist in den Staaten relativ bekannt, aber er ist dort bei weitem nicht das Idol, das er in Europa ist. In Italien oder Griechenland kommen wesentlich mehr Leute zu seinen Konzerten, als in New York. Dennoch war die Sache mit dem Paisley-Underground richtig groß in Amerika. Ich war zwanzig, als Bands wie DREAM SYNDICATE, RAIN PARADE und GREEN ON RED sehr populär waren. Rückblickend waren sie die damaligen PAVEMENT, die überall angesagt waren. Mittlerweile sind sie die alten Langeweiler, die keiner mehr haben will. Ich kann das nicht verstehen, weil es für mich nach wie vor großartige Musik ist.

Aber dennoch muß doch in einem Riesenland wie den USA eine Publikum für solche Sachen vorhanden sein.

Sicherlich, ich kriege ständig Briefe von Leuten, die wissen wollen, wo sie bestimmte Platten herkriegen können. Dummerweise besitzen diese Leute keine Plattenfirma und schreiben auch nicht für wichtige Magazine.

Du hast 1993 noch den "Hit Me With A Flower"-Sampler herausgebracht. Zu dieser Zeit hatte ich den Eindruck, daß es ein größeres Neofolk-Revival gäbe, was aber sehr schnell wieder vorbei war.

Das hat mich sehr enttäuscht, da hauptsächlich Penelope Houston davon profitiert hat und einen Majordeal bekam. Sicherlich ist sie gut, aber es gibt auch noch andere Bands. Viele schauen jetzt wegen dieses Vertrags auf Penelope herab, aber ich denke, es ist in Ordnung, weil sie dadurch weiterhin Platten machen kann. Was mich stört, ist, daß sie mit diesem Geld ein Album mit schon zwei Jahre alten Songs gemacht hat. Ich hätte etwas künstlerisch wesentlich anspruchsvollerers von ihr erwartet und kein neues altes Album.

Deine Sympathie für Bands wie NIRVANA bzw. was du als "alternative bullshit" bezeichnest, hält sich wohl sehr in Grenzen.

Ich bin sehr Anti-NIRVANA eingestellt, weil ich Kurt Cobains Einfluß für völlig überbewertet halte. Wenn jemand wie Neil Young über zwanzig Alben veröffentlicht, ist er in meinen Augen wichtig, aber nicht jemand, der drei Platten gemacht hat und plötzlich für Gott gehalten wird. Wenn er die Straße überquerte, um irgendwo scheißen zu gehen, wurde eine Story darüber geschrieben. Das ging alles viel zu schnell für ihn. Irgendwie haben seine Fans und die Medien ihn auch dadurch umgebracht, weil sie ihn nicht in Ruhe ließen.

Und was hälst du in diesem Zusammenhang von Neil Young und seiner Platte mit einer angesagten Alternative Rock-Band wie PEARL JAM? Ein alter Sack, der wieder hip sein will?!

Ich habe natürlich viele Neil Young-Platten, aber die habe ich mir nicht zugelegt. Ich glaube, daß beide damit ihre Zeit verschwendet haben. PEARL JAM machen ihr Ding und Neil Young seins. Ich finde diese Vorstellung auch nicht besonders aufregend. Aufregend fände ich es, wenn Neil Young und Lou Reed zusammen spielen würden.

Zwei alte Säcke in einem Raum, ob das klappt?

Für mich bedeutet "alt" nicht automatisch "schlecht", genauso wenig wie "neu" automatisch "gut" ist. Ein Freund von mir arbeitete in einem Plattenladen in Bonn. Als gerade eine Kevin Ayers-Platte lief, kam ein Typ in den Laden und fragte, wer das sei, weil er die Musik cool fand. Als er sah, daß die Platte von 1975 war, legte er sie wieder hin und meinte: Ich kann das nicht kaufen, es ist zu alt. Das ist ein ähnliches Problem, das ich mit einem Magazin wie Spex habe. Sie ignorieren das meiste, was vor 1980 passiert ist. Mit anderen Worten: Warum über eine schlechte PAVEMENT-Scheibe schreiben, wenn du über eine große alte Miles Davis-Platte schreiben könntes? Wenn die dritte SOFT MACHINE-Platte 1970 ein verdammt gutes Album war, ist sie 1996 immer noch ein verdammt gutes Album. So etwas verliert nie seine Qualität.

Deine Meinung zum Einfluß von MTV auf die Musikszene wird wahrscheinlich ähnlich überschwenglich aussehen.

Es ist ein mieser Einfluß, denn MTV macht Menschen über Nacht zu Superstars. Die BEATLES mußten noch überall auf der Welt touren, bevor sie nach vier oder fünf Jahren Stars wurden. Heute mußt du nur drei Videos machen, die die Leute toll finden und du bist so wichtig wie die BEATLES. Berühmt zu sein hat nicht mehr denselben Stellenwert wie damals. Wofür ist eigentlich Madonna berühmt? Gute Titten?! Bestimmt nicht, weil sie so tolle Musik macht. Die ganze Medienlandschaft ist momentan völlig abgefuckt. Alles hat sich in einen schlechten Witz verwandelt.

War denn früher wirklich alles so anders und besser?

Als ich '83 anfing, war alles wesentlich einfacher. Die ersten Paisley Underground-Sachen wurden veröffentlicht und R.E.M. waren noch eine Independent-Band. Es war leichter Presse zu kriegen, weil es weniger Bands gab. Inzwischen gibt es jedes Jahr zehn neue Labels, die 100 neue Platten rausbringen. Damals konnte ich noch in einen Plattenladen gehen und kannte fast alle Platten in der Independent-Ecke. Heute habe ich nicht die leiseste Ahnung, wer all diese Bands sind. Natürlich ist es toll, daß diese Bands ihre Platten veröffentlichen können, aber inzwischen ist es einfach zuviel geworden. Eine CD herauszubringen ist nichts besonderes mehr. Es sollte so etwas wie eine Führerscheinprüfung für Bands geben, bevor sie eine Platte veröffentlichen dürfen, haha.

Dein erste Band ABSOLUTE GREY nahm zur gleichen Zeit wie R.E.M. sehr ähnliche Musik auf. R.E.M. sind jetzt Rockstars, aber niemand kennt ABSOLUTE GREY. Frustriert dich das?

Ich würde R.E.M. ein wenig mit den BEATLES vergleichen. Sie haben sich ziemlich abgerackert, tourten und tourten und tourten. R.E.M. waren einer der letzten großen Pre-MTV-Bands, alle danach machte MTV groß. Ich habe sie noch vor 300 Leuten in einer Bar spielen sehen. ABSOLUTE GREY waren noch nichtmal eine Collegeband, da wir noch zu jung waren. Deshalb löste sich die Band auch auf, als sich einige Mitglieder entschieden, in unterschiedlichen Städten zum College zu gehen. Ich fing dann an, mich mehr fürs Singen und Songwriting zu interessieren, weil ich keine Lust mehr hatte, nur im hinteren Teil der Bühne zu hocken. Ich kann aber immer noch nicht richtig Gitarre oder Piano spielen, weshalb ich viele meiner Songs zusammen mit anderen geschrieben habe. ABSOLUTE GREY war meine erste richtige Band, bei der ich Drummer war und noch keine eigenen Songs schrieb. Zu dieser Zeit war uns die Band sehr wichtig, und wir fühlten uns als Teil des Paisley-Undergrounds, obwohl wir aus New York waren. Mit 19 ist man natürlich noch viel naiver, außerdem war alles so aufregend. Dummerweise wird man älter und merkt, daß man keine Million Platten verkauft hat, und auch keine Million Dollar verdient hat - und auch keinen Sex mit tausenden von Mädchen hatte, haha.