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Interviews & Artikel

DISTEMPER

Ska aus dem Reich von Abramowitsch und Gazprom

Von russischen Bands erfährt man ja hierzulande nicht allzu viel. Eine Band, die aber auch in Deutschland und in einigen anderen europäischen Ländern schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, ist DISTEMPER. Die Band existiert schon seit 1989 und ist heute eine feste Größe in der russischen Ska-Punk-Szene. Dass DISTEMPER ursprünglich als Hardcore-Band begonnen haben, merkt man ihnen heutzutage stellenweise noch an, so konnte sich die Band eine gewisse Grundhärte und -schnelligkeit in ihrem Sound stets bewahren. Bis jetzt haben DISTEMPER zwölf Studioalben und einige Best-Of- und Live-Scheiben veröffentlicht, wovon einige auch in Deutschland auf ANR music&more erschienen. Durch ausgiebige Touren in Mitteleuropa haben sich DISTEMPER auch in hiesigen Gefilden eine stetig wachsende Fangemeinde erspielt. Zum Abschluss ihrer dreiwöchigen Tour im Sommer 2007 standen mir Schlagzeuger Bai und Sänger und Gitarrist Dazent Rede und Antwort.

Ihr habt beim Touraufenthalt in Hamburg mehrere hundert Euro im Fanladen von St. Pauli ausgegeben ...


Dazent: Diese St. Pauli-Sachen gibt es nur in Deutschland, in Russland überhaupt nicht. Viele Leute bei uns haben jetzt mitbekommen, was St. Pauli ist: Die wohl einzige Fußballmannschaft der Welt ohne einen einzigen Nazi-Fan. In Russland kann man Fußballfans standardmäßig den Nazis zurechnen. Erst in letzter Zeit treten bei uns auch antifaschistische Fußball-Hooligans in Erscheinung, aber es sind sehr, sehr wenige. Es ist sehr gefährlich, in Russland Antifa-Aktivist zu sein, lebensgefährlich, würde ich sogar sagen. Und weil bei St. Pauli alle einer Richtung zuzuordnen sind, also die Fans nicht nur in der Begeisterung für ihre Mannschaft vereint sind, sondern auch im Kampf gegen die Nazis, sind wir auch Anhänger von St. Pauli.

Aber ihr seid schon Fußballfans?

Bai:
Ich bin Fußballfan, aber seit 1994 gehe ich nicht mehr ins Stadion. weil es immer mehr Nazis wurden. Es war nicht mehr angenehm, zu Spielen zu gehen. Ich würde sagen, 80 Prozent der jugendlichen Fußballfans sind "Patrioten" oder Faschisten, das bedeutet, sie vertreten Nazi-Auffassungen, propagieren "White Power".

Dazent: Selbst auf den Bannern, die in den Stadien hängen und bei den Fernsehübertragungen nicht zu übersehen sind, ist ganz oft das "White Power"-Symbol zu sehen.

Bai: Das ist auch auf den Schals fast aller Fan-Organisationen. Viele verstehen gar nicht richtig, was das bedeutet, wo das alles herkommt, "National Front" und so weiter. Die Älteren verstehen es, aber die Jungen, die Kinder, nicht. Die können das gar nicht verstehen, wachsen da rein und später gibt es keinen Weg zurück.

Dazent: Die Leute geraten denen in die Finger. Die Fußballfans gelten unter den Subkulturen als die Aggressivsten, die Krassesten. Wenn du keiner von ihnen bist, läufst du Gefahr, geschlagen zu werden. Sobald sie in die Schule kommen, fangen die Kinder an, Fußballfans zu sein, um nicht allein zu stehen und irgendwo dazuzugehören, um nicht verkloppt zu werden. So kommen sie mit rechten Vorstellungen in Berührung, wachsen damit auf und werden schließlich selbst überzeugte Nazis. Die ganze Ideologie beginnt schon sehr früh auf die Leute zu wirken.

Gibt es denn unter den Fans Vertreter von rechten Parteien und Organisationen, die dort Propaganda machen?

Bai:
Ja, natürlich. Schon zu meiner aktiven Zeit, als es noch nicht so viele Faschisten unter den Fans gab, haben die organisierten Faschisten mit Hilfe der Fans Aktionen durchgeführt. Sie haben dafür Geld bezahlt, gewannen immer mehr Einfluss und heute ist die Mehrzahl der Fußballfans rechts.

Dazent: Das geschah natürlich nicht offen von Seiten der faschistischen Parteien, denn es ist ja verboten.

Bai: Oft wurden Fußballfans von Faschisten geholt, um bei Aktionen auf ihrer Seite dabei zu sein. Das sind ja Erwachsene und starke Leute ... wie Fäuste. Und daraus entwickelte sich eine dauerhafte Partnerschaft.

Dazent: Seit dieser Zeit ist für viele beides verbunden: Wenn du Fußballfan bist, musst du auch Anhänger der "White Power"-Ideen sein. Dieses Stereotyp zu zerstören, ist sehr schwer. So wie auch der Begriff "Skinhead" in Russland fast ausschließlich mit Faschismus in Verbindung gebracht wird. In den Massenmedien, in allen Zeitungen und im Fernsehen bezeichnet man als Skinheads nicht jene Leute, die sich als "Traditional Skinheads" begreifen oder jene, die sich einfach den Skinhead-Stil angeeignet haben, sondern nur die, für die Skinhead gleich Nazismus bedeutet. Das ist also von Anfang an schon falsch. Für die Miliz und alle anderen bedeutet das Wort "Skinhead" deswegen "Faschist". Skinhead sein, auf traditionelle Art, wie oft in Deutschland und überall auf der Welt, Reggae hören und sich entsprechend kleiden, ist in Russland entsprechend gefährlich, weil dich alle gewöhnlichen Leute für einen Fascho halten.

Aber stören sich denn die gewöhnlichen Leute überhaupt an den Faschisten? Tun sie etwas dagegen?

Dazent:
Offiziell ja. Angeblich.

Bai:
Aber im Gegenteil unterstützt die Miliz oft die Faschisten. Wenn die Faschisten kommen und Migranten zusammenschlagen, lösen sie in den Augen der Miliz viele Probleme. Und daher verschließt die Miliz die Augen.

Dazent: Es gibt nur wenige Leute, die der Jugend auf professionelle Weise erklären können, was Faschismus und "White Power" bedeuten. Nur wenige, die antifaschistische Öffentlichkeitsarbeit leisten. Selbst Menschenrechtler, die auf einem hohen politischen Niveau Aufklärung über Faschismus leisten, sind ihres Lebens nicht sicher. So wurde in Petersburg ein bekannter Menschenrechtler ermordet. Die faschistische Gewalt der letzten Zeit wurde immer nur unter dem Stichwort "Hooliganismus" abgehandelt. Die Morde in Petersburg und Moskau wurden vor Gericht als Hooliganismus verhandelt.

Bai: Vor wenigen Tagen erst ist in Sibirien, bei Irkutsk, ein Umweltaktivist bei einem Naziangriff ermordet worden.

Dazent: Die große Masse, 90 Prozent, sind mit ihren eigenen Belangen beschäftigt. Der Lebensstandard ist gering und die Leute sind mit allem Möglichen beschäftigt. Die einen trinken einfach, die anderen versuchen, Business zu machen. Denen ist Politik egal. Business machen heißt, sich durch Millionen von bürokratischen Instanzen zu kämpfen und an jeder Stelle Vsyatki, Bestechungsgelder, zu bezahlen. Die haben den Kopf voll damit, da ist kein Platz mehr für Faschismus. Und die Jugend ist überflüssig, niemand braucht sie. Niemand arbeitet mit den Jugendlichen, das ist sehr schlecht. Die "Pioniere" gibt es lange nicht mehr, keinen "Komsomol", gar nichts. Natürlich war das früher alles kommunistisch, doch es gab Orte für Jugendliche und man hat sich mit ihnen beschäftigt. Das hat sich geändert und nun kümmert sich niemand mehr darum.

Und dieses Vakuum wird nun von Faschisten ausgefüllt?

Dazent:
Es wird vor allem vom Fußball gefüllt. Und das ist prinzipiell ja nicht schlecht.

Bai:
In vielen Städten gibt es außer Fußball nichts zu tun.

Dazent: Die Vorstände der Vereine sind in einer Schlüsselposition. Der einzige Ausweg ist, dass die Vereine anfangen, etwas gegen die faschistische Unterwanderung der Fans zu unternehmen. So wie das ja auch St. Pauli tut.

Bai: Vor einigen Jahren gab es vom Club Moskva das T-Shirt "Moskva-Fans gegen Rassismus". Dieses T-Shirt ist sehr schnell wieder verschwunden ... hat wohl niemand gekauft.

Dazent: Das zeigt aber auch, dass das Problem bekannt ist und sich die Leute Gedanken darüber machen. Auch die Fußballer, die ja mit ihrem Alter zwischen 17 und 30 auch junge Leute sind, verstehen sehr wohl diesen Problemkomplex. Aber die Verantwortlichen in den Vereinen tun halt nichts.

Bai: Sie sagen zwar, dass sie gegen Rassismus vorgehen. Davon ist auf den Tribünen allerdings nichts zu spüren.

Dazent: Die kümmern sich in erster Linie um das Geld, Probleme wie Rassismus spielen eine untergeordnete Rolle und fallen durch den Rost. Selbst bei jenen, die sich eigentlich ihres Berufs oder ihrer Position wegen damit auseinandersetzen müssten. Und unter Jugendlichen sind es fast nur Anarchisten und die Punk-Szene, die sich mit diesen Problemen beschäftigen. Die Punk-Szene ist zwar eher antifaschistisch und gegen rechtes Gedankengut, trotzdem gibt es aber auch Bands, die offen Nazi-Gedankengut auf ihren Konzerten vertreten. Und niemand tut etwas dagegen.

Handelt es sich dabei um Punk-Gruppen?

Dazent:
Punk- und Ska-Gruppen. Ja, sogar Ska-Gruppen. Diese Entwicklung hängt sehr stark mit der des Fußballs zusammen: Die Ska-Bands machen oft Texte über Fußball und spielen für Fußballfans. Und da Fußballfans mehrheitlich rechts sind, tauchen in den Texten auch explizit rechtsextreme Meinungen auf. Weil das die Fans hören wollen. Das hängt sehr eng zusammen. Es herrscht die Meinung vor, dass Ska die Musik der Fußballfans sei, dass in England alle Fußballfans Ska hören. Die Jugend in Russland orientiert sich sehr stark an England, was von dort kommt, gilt als modisch, ob Kleidung oder Stil, insbesondere der von Fußballfans. In Deutschland haben wir das so nicht antreffen können.

Bai: Die Kinder glauben, als Fußballfan musst du Ska hören und rechtsradikal sein.

Der Schlagzeuger der Moskauer Band PURGEN wurde auf offener Straße angegriffen, weil er ein DISTEMPER-T-Shirt trug. Ihr seid vor einiger Zeit in den Fokus faschistischer Angreifer geraten, es gab Überfälle auf die Gruppe.

Dazent:
Das Publikum, das zu unseren Konzerten kommt, lässt es inzwischen nicht mehr zu, dass sich auch Faschos dort aufhalten. Die Nazis haben verstanden, dass DISTEMPER-Konzerte für sie tabu sind, da sie dort eine Abreibung bekommen.

Bai:
Das ist in Moskau so und in St. Petersburg.

Dazent: Wir sind keine politische Band. Wir haben nur unsere Position klar gemacht. Vor einigen Jahren, als wir schon eine bekannte Band waren, haben wir offen im Radio, in Interviews und auf der Bühne erklärt, dass wir keine Faschisten auf unseren Konzerten sehen wollen. Nazis raus. Sobald jemand den rechten Arm hob, unterbrachen wir unser Konzert und sorgten dafür, das diese Leute rausflogen und verjagt wurden. Und daher kommt unser Image, mit dem wir sehr zufrieden sind. Wir haben das rechte Publikum aus eigener Kraft von unseren Konzerten vertrieben. Wir hatten keine Angst, das zu machen, weil wir eine große Anhängerschar hinter uns haben. Aber damals ist die rechte Gewalt noch nicht so eskaliert wie heute, es wurde niemand umgebracht. Es gab zwar Schlägereien und Überfälle auf Konzerte, aber es gab keine Morde wie in jüngster Zeit. Und weil wir damals keine Angst hatten, den Faschisten zu sagen, dass sie bei uns nichts zu suchen haben, sind wir heute die einzige Ska-Gruppe mit einem nicht-rechten Publikum. Wir haben deutlich gemacht: Wenn du zu DISTEMPER gehst, musst du gegen Nazis sein. Neue Ska-Gruppen befinden sich dagegen von Anfang an im Schatten jener Bands, die die Fußballthemen bedienen und rechtem Gedankengut nahe stehen. Das sind nicht viele, aber fünf Gruppen reichen ja aus, um wahrgenommen zu werden. Und andere Ska-Bands haben im Gegensatz zu uns nicht die Möglichkeit, sich ein eigenes Publikum auszuwählen. Uns war eben nicht egal, wer zu unseren Konzerten kommt. Und das können sich die heutigen Bands nicht leisten. Wer sich heute als antifaschistisch positioniert, sorgt dafür, dass die Konzerte von Anfang an blutig werden - bis hin zum Tod. Die Leute, die nur Musiker sein und sich nicht mit Politik beschäftigen wollen, können die Nazis nicht von ihren Konzerten fern halten. Wo Ska gespielt wird, kommen in jedem Fall Nazis. Wir sind die einzige Band, bei der das nicht so ist. Nimm eine beliebige Ska-Band in Russland und es werden zu Konzerten auf jeden Fall Nazis auftauchen. Nicht dass die unbedingt herumbrüllen und den Arm heben müssen, aber sie werden für jeden erkennbar sein.

Wenn die Ska-Szene so rechts ist, was ist dann mit auch hierzulande bekannten Ska-Gruppen wie SPITFIRE und MARKSCHEIDER KUNST?

Dazent:
SPITFIRE sind natürlich nicht rechts. Und MARKSCHEIDER KUNST gelten in Russland nicht wirklich als Ska-Band, sie ziehen ein völlig anderes Publikum an. Da gibt es einen Altersunterschied: Zu uns kommen eher die Jugendlichen, ihr Publikum ist älter und erwachsener, die über Dreißigjährigen. Sie spielen zwar meist in kleinen Clubs, aber sind sehr gut bekannt. Wir haben ein gutes Verhältnis, gerade zum Sänger. Wenn wir in Petersburg sind, dann sieht man sich. Wir sind aber in ganz unterschiedlichen Szenen unterwegs und spielen nie zusammen, weil es keine Festivals gibt, die das zusammenbringen könnten. SPITFIRE sind zwar unsere Szene, aber aus Petersburg. Wegen unterschiedlicher musikalischer Hintergründe sind unsere Fans verschieden: Wir sind aus dem Punkrock zum Skapunk gekommen, sie kamen vom Rockabilly. Das hört man, wo wir recht harte Parts spielen, klingt es bei SPITFIRE eher rockig.

Mit welchen Gruppen spielt ihr denn zusammen?

Dazent:
Wir suchen uns die Gruppen aus, mit denen wir zusammen Konzerte bestreiten. Im Vorfeld führen wir Gespräche über die Ska-Szene in Russland und machen deutlich, dass es Gruppen gibt, mit denen sie nicht mehr zusammen spielen können, wenn sie mit uns aufgetreten sind. Das ist die Verantwortung, die wir von den anderen erwarten, und mit verantwortungsvollen Leuten können wir auch zusammen auftreten.

Gibt es denn unter den Ska-Gruppen welche, die offen rechts sind? Oder beschränkt sich das auf das Publikum?

Bai:
Zum Großteil betrifft es das Publikum. Wenn die Texte sich um Themen wie Fußball und Schlägereien ranken, kommen eben genau die einschlägigen Leute aus der Fußballszene.

Dazent: Nur einzelne Bands sind offen rechts, wie zum Beispiel CWT - auch wenn sie das auf ihrem letzten Album zu verbergen suchen, weil Putin ein Gesetz zum Kampf gegen Faschismus erlassen hat. Die Gesetze sind ja vorhanden, nur die Probleme beginnen doch dort, wo man sich angesichts von Faschismus verhalten muss. Wenn in der Öffentlichkeit jemand "Heil Hitler" brüllt, kann er jetzt festgenommen werden. Aber ganz so einfach sind die Nazis nun auch nicht gestrickt, das sind ja keine Dummköpfe. Sie maskieren sich einfach. Die Leute, die zu CWT gehen, sehen völlig normal aus, Fußballfans eben. Die tragen keine Hakenkreuze an der Jacke. Nicht so wie die klassischen Nazi-Skins, denen man ihre Meinung schon von weitem angesehen hat. Zuerst hat die Band genau dieses Publikum angezogen, dass auf Konzerten den rechten Arm gehoben und "Heil Hitler" gerufen hat. Als sich die öffentliche Meinung dann gegen die Skinheads gewendet hat - und die Skin-Szene daher vor einiger Zeit in Russland sehr unter Druck geraten ist - haben sich die selben Leute anders angezogen und die Haare wieder wachsen lassen. Aber die Nazi-Ideen sind geblieben. Deswegen ist es so wichtig, zu wissen, zu welchen Konzerten man gehen kann. Wenn du offensichtlich auf Punkrock stehst, gehst du besser nicht zu CWT. Es gibt immer wieder junge Fans, die noch keinen Überblick haben.

Eurer Anhänger habt ihr in Moskau und St. Petersburg. Wie sieht es in anderen Städten aus?

Dazent:
Wir finden mit den Organisatoren meist eine gemeinsame Sprache. Sie verstehen oft sehr gut, was uns wichtig ist. Ein Risiko bei Konzerten außerhalb Moskau und Petersburg ist natürlich immer vorhanden. Das wissen auch die Veranstalter. Seit dem Überfall in Voronezh nehmen wir unseren Schutz sehr viel ernster. Wir wissen nun, dass die Aktionen vorher geplant sein können, und nicht einfach nur aus Schlägereien entstehen ...

Wann war der Angriff in Voronezh? Was ist da passiert?

Dazent:
Das liegt jetzt zwei Jahre zurück. Wir hatten ein Konzert mit lokalen Punkbands gespielt, das Konzert war gut verlaufen und alles in Ordnung.

Bai: Das Konzert war von der Miliz beschützt worden, die setzten uns danach in den Bus und wir fuhren zum Schlafplatz. Doch die Faschisten hatten heraus gefunden, wo wir schlafen sollten, und erwarteten uns vor dem Hauseingang.

Dazent: Wir standen beim Bandbus und plötzlich tauchten aus der Dunkelheit Gestalten auf, 30 Leute, mit Flaschen bewaffnet. Es war sofort klar, dass das ein gezielter Angriff ist, sie riefen White-Power-Parolen, "Antifa, wir kommen zu euch, jetzt bekommt ihr, was ihr verdient!" und zerschlugen die Fenster unseres Busses. Wir kamen da nicht mehr weg. Anscheinend hatte der Veranstalter unvorsichtig die Adresse weitergegeben. Wir glauben, dass die Miliz bald wusste, wer uns angegriffen hat, aber es kam zu keinen Ergebnissen. Das wurde als Hooliganismus abgetan. In Voronezh ist die Situation mit den Nazis derart brenzlig, dass der Veranstalter auf eine Anzeige verzichtete, obwohl ihm bei dem Angriff der Finger gebrochen wurde. Zu seiner Sicherheit erstatteten wir dann auch keine Anzeige. Wenn wegen unser Anzeige jemand von den Angreifern verurteilt worden wäre, hätten die anderen einen Krieg vor seiner Haustür angezettelt und sicher Rache genommen an den Leuten vor Ort.

Gab es danach noch Angriffe auf euch?

Bai:
Mehr Überfälle gab es nicht. Wir haben uns im Nachhinein sehr intensiv mit dem Thema Schutz befasst und seitdem läuft es wieder normal. Schutz heißt dabei vor allem, dass bei Auswärts-Gigs geheim bleibt, wo wir schlafen werden und wann wir am Konzertort eintreffen.

Ist es in Russland normal, dass Punk-Konzerte von der Miliz geschützt werden?

Bai:
Außerhalb von Moskau und St. Petersburg - dort haben die Clubs oft eine eigene Security - ist das nichts Ungewöhnliches. Die Miliz wird dafür bezahlt.

Dazent:
Konzerte außerhalb von Petersburg und Moskau sind in der Regel keine D.I.Y.-Konzerte. Bisher verstehen nur die Leute in einigen Großstädten, Ryasan, vielleicht noch Kazan, was es mit D.I.Y. auf sich hat. Da gibt es Leute, die selbst was organisieren. Und in Russland ist das alles anders als in Deutschland, es gibt keine besetzten Häuser, keine eigenen Kulturzentren, Kneipen oder so. Die Leute leben ganz anders und es gibt nur wenige Möglichkeiten für D.I.Y.

Ihr spielt also in kommerziellen Läden?

Dazent: Wir spielen in Clubs, in alten Kinos. Das liegt in der Hand des örtlichen Veranstalters, der uns einlädt. Meist laden uns die Besitzer der Läden ein. Oder jemand bezahlt Miete für einen Saal, organisiert die Werbung und wir kommen und spielen dann dort.

Kann man damit genug verdienen, dass man davon leben kann?

Bai:
Man kann nicht gerade sagen, dass sich davon besonders gut leben lässt. Aber ich bin ein Faulpelz, ich möchte nicht arbeiten gehen. Das gefällt mir nicht. Ich will Musik machen. Und irgendwie klappt es doch, dass ich davon leben kann. Aber die anderen in der Band arbeiten.

Wie läuft denn der Tonträger-Verkauf in Russland?

Dazent:
Das ist in Russland ziemlich schwierig. Zum einen ist die Piraterie sehr ausgeprägt: Ein neues Album kommt raus und schon findet es sich auf einschlägigen Seiten zum Herunterladen wieder. Außerdem gibt es in Russland kaum Fans, die Vinyl sammeln - deswegen werden auch keine Platten gemacht oder verkauft. Ein eigenes Label zu gründen, ist praktisch unmöglich. Es ist schwer, damit etwas zu verdienen. Einzelne Labels, die vor Jahren bei null angefangen haben, sind inzwischen so gefestigt, dass sie sich halten können. Die haben Jahre gebraucht, um groß genug zu werden. Und weil sie jetzt groß sind, können sie auch die Piraten unter Kontrolle halten. Und sie können so günstig produzieren, dass zum Schluss ein Plus herauskommt. Es gibt nur wenige Punkrock-Labels, es ist für unbekannte Gruppen daher schwer, Platten herauszubringen. Selbst wenn sie nichts dafür haben wollen.

Seid ihr auf einem großen Label?

Dazent:
Das ist schon ein D.I.Y.-Label, aber eines von den Größeren, aus Petersburg: KapKan Records, die machen hauptsächlich Metal. Wir sind dort eines der ersten Releases auf Svezhaya Struya, übersetzt: Fresh Stream Records, einer neuen Serie, die unter anderem Name erscheint, weil KapKan hauptsächlich mit Metal in Verbindung gebracht wird.

Ihr habt eure letzte Platte mit der Punkband TARAKANY zusammen gemacht ...

Bai:
Dahinter steht die Idee, unterschiedliches Publikum zusammenzubringen. Wie gesagt, die Punk- und die Ska-Szene haben in Russland nichts miteinander zu tun. Die Fußballfans mögen Punks nicht, halten sie für dreckig und so weiter. Wir sagen, dass wir eine Ska-Punk-Band sind und haben die Platte gemacht, um zu zeigen, dass beides für uns zusammengehört. TARAKANY sind eine der bekanntesten Punkbands, wir sind eine der bekanntesten Ska-Gruppen. Und wenn wir uns zusammentun, verstehen vielleicht auch welche aus dem Publikum, dass es möglich ist, miteinander zu reden. Außerdem haben wir alle zur selben Zeit angefangen, wir kennen TARAKANY unser ganzes Bandleben lang. NAIVE, TARAKANY, DISTEMPER, SPITFIRE und noch drei, vier andere - viel mehr alte Gruppen gibt es heute nicht mehr. Wir haben alle vor langer Zeit angefangen - SPITFIRE sind aus Petersburg, da ist es etwas anders -, aber die anderen sind aus Moskau und daher kennen wir uns schon ewig. Es war uns wichtig, den Fans zu zeigen, dass wir befreundet sind und an einem Strang ziehen. Der letzte Song ist daher "If the kids are united" in russischer Übersetzung. In diesem Sinne war auch die SkaPunkUnited-Tournee für uns sehr wichtig.

Ihr wart auch auf der die SkaPunkUnited-Tournee mit SKANNIBAL SCHMIDT, JAN FEAT. UDSSR und den MAD MONKS unterwegs - vier Bands aus vier Ländern ...

Dazent:
Gern würden wir so etwas auch mal in Russland machen. Die Leute, die zu uns kommen, würden auch dahin kommen und es wäre sicher toll.

Bai: Es gibt ein Problem mit den Kosten für die Anfahrt. Wer mit dem eigenen Bandbus kommt, hat niedrige Kosten, wenn man aber durch Belarus fährt, muss man sinnlos Geld für Visa etc. ausgeben, was keiner will. Bleibt das Fliegen und das wird auch teuer.

Dazent: Auch die Clubs verlangen viel Geld in Russland, allein für die Saalmiete. D.I.Y.-Läden gibt es keine. Auch die Clubs, wo D.I.Y.-Bands auftreten, sind alle kommerziell orientiert, so dass auch diese Bands das Geld für die Miete aufbringen müssen. Der D.I.Y.-Club Jerry Rubin in der Nähe des Leninskij-Prospekts in Moskau - es hat ihn schon vor Millionen von Jahren gegeben und es gibt ihn nach wie vor - ist der einzige selbstverwaltete Laden, der bisher alles überstanden hat. Keine Ahnung wie die das machen, vielleicht haben sie Verbindungen in der Regierung, über ihre Eltern oder so ... Ansonsten haben D.I.Y.-Clubs keine Chance. Moskau ist eine durch und durch kommerzielle Stadt, jeder Keller, jeder Fleck, jeder Meter ist schon verkauft. Wir können ja nicht mal einen Raum zum Proben finden. Das ist unmöglich. Wir sind eine ziemlich bekannte Band und haben keinen Proberaum. Von jungen Musikern gar nicht zu reden. Kein Platz, keine Garage, nichts. Und wer hat schon die Möglichkeit, zu Hause zu proben? Da gibt es ja noch Nachbarn ...
Wir proben zur Zeit für fünf Euro die Stunde - das ist ein Sonderpreis, sehr günstig. Normal sind zehn oder fünfzehn Euro pro Stunde.

Und in irgendeiner Garage?


Bai:
Da wird schnell geklaut. Und die meisten Garagen bei uns sind nicht dicht, da geht dir die Technik kaputt.

Dazent: Früher, als wir anfingen, hatten die meisten Häuser in Moskau noch keine Schlösser an den Haustüren. Wir sind einfach in einen Keller in einem alten Haus rein, in einen Luftschutzraum aus Kriegszeiten, und dort haben wir sehr viel geprobt. Irgendwann wurde der aufgebrochen und alles verwüstet. Vielleicht von Obdachlosen, vielleicht gezielt, wir wissen es nicht. Aber danach hatten wir keine Lust mehr, uns noch mal etwas Ähnliches zu suchen. Und jetzt bekommen wir oft Rabatt fürs Proben, weil die Leute unsere Situation verstehen oder wir sie schon lange kennen. Aber um das Bezahlen kommt man nicht mehr herum. Früher gab es einen Proberaum im legendären dk - dom kultury, also Haus der Kultur - Gorbunova. Doch seitdem der frühere Direktor, der wichtigste Mann dort, gestorben ist, hat die neue Führung alle Musiker vor die Tür gesetzt. Und Konzerte wird es dort auch nicht mehr geben. Das war einer der legendärsten Konzertorte, nicht nur von Moskau, sondern in ganz Russland. Dort sind viele ausländische Bands zum ersten Mal in Russland aufgetreten ...

Felix Hermann

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #75 (Dezember 2007/Januar 2008)

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