LIFE IS PUNK: ABEL GEBHARDT

Foto

Ox-Schreiber im Porträt. Teil 1: Lars "Abel" Gebhardt

Warum immer nur fremde Leute interviewen, wenn man auch selbst genug interessante Typen im Kreise der Schreiber hat? Also haben wir beschlossen, von nun an regelmäßig altgediente Mitarbeiter vorzustellen, und den Anfang macht Abel.


Bitte stell dich vor.

Ich heiße Lars Gebhardt, Spitzname Abel, bin 34 Jahre alt und wurde in Unna in Westfalen geboren. Seit nunmehr dreizehn Jahren wohne und lebe ich in Hamburg, bin ledig, aber liiert.

Wie bist du einst zu Punk/Hardcore gekommen? Was hat damals den Reiz ausgemacht? Wer hat dich "rekrutiert"? Was waren die Reaktionen deiner Umgebung?

Zum Punk bin ich ganz klar über die Musik gekommen. Zwar kannte ich bereits das Phänomen Punk, sah täglich auf dem Weg zur Schule ein paar Bunthaarige am Brunnen in Unna Dosenbier trinken, doch das reizte mich erst mal gar nicht. Erst als ich dann ein paar Bands wie DIE GOLDENEN ZITRONEN, RAMONES, SLIME, SEX PISTOLS, TOTEN HOSEN oder LURKERS kennen lernte, wurde ich angefixt. So erkannte ich, dass hinter dem Etikett Punk doch mehr stand, als anders auszusehen und Bier zu trinken. Zwar gefiel mir die äußerliche Abgrenzung als pubertierendem Bengel auf der Suche nach sich selbst auch ganz gut, noch mehr begeisterte mich aber der Gedanke, machen zu können, was man will. Hast du Lust, Krach zu machen? Gründe eine Band, auch wenn du gar kein Instrument spielen kannst. Möchtest du schreiben? Dann mach einfach ein Fanzine, auch wenn du von Journalismus und professioneller Schreibe keine Ahnung hast. Bist du mit dem Unterhaltungsprogramm in deiner Gemeinde unzufrieden? Dann veranstalte selber Konzerte und Partys. So ging es. Und so lernte ich ziemlich schnell ziemlich viele Leute in ganz Deutschland kennen, denen es genauso ging wie mir. Rekrutiert wurde ich in diesem Sinne also von niemandem, es gab aber viele Leute in der Szene, die mir zeigten, was bei ausreichendem Enthusiasmus und Elan alles möglich ist. Die Reaktionen meiner Umgebung fielen wohl völlig normal aus. Die Eltern konnten nicht verstehen, warum ihr Sohnemann plötzlich nur noch kaputte Klamotten tragen wollte und sich die Haare färbte, schoben das aber auf meine Pubertät und waren sich sicher, das würde sich schon wieder legen. Die Mitschüler nahmen es eher belustigt auf. Die gleichaltrigen Mädchen fanden es wohl irgendwie süß ...

Was sind deine früheren, was deine heutigen "Szene"-Aktivitäten?

Wenn ich mich recht entsinne, war meine erste Szene-Aktivität das Tauschen von Konzertmitschnitten auf Tape. Ich selber sammelte diese Live-Tapes und kam so ziemlich schnell zum Tauschen mit anderen Sammlern. So lernte man andere Punk-Musik-Fans kennen. Wenig später startete ich dann mit dem "Unter Tage" meine ersten Gehversuche als Fanzinemacher. Das war so mit fünfzehn. Meine Gitarre sparte ich mir auch in dieser Zeit zusammen und hatte mit MATHE DIFF und später DIRTY DOX meine ersten eigenen Bands. Später startete ich mit Freunden das "Stay Wild"-Fanzine und gründete die Band BALLERMANN 77. Heute schreibe ich für das Ox-Fanzine, singe bei PROJEKT KOTELETT und lege gelegentlich Platten beim Punkrock-Abend in der Tortuga Bar in St. Pauli auf.

Was machst du, um deinen Lebensunterhalt zu verdienen, wie war der Weg dorthin? Hast du deinen Traumberuf? Was hat dich bei der Berufswahl motiviert?

Ich arbeite als Bildredakteur in einer Sportagentur. Der Weg dorthin war mehr als krumm und schief. Es war nicht so, dass ich von früh an wusste, wohin ich beruflich einmal kommen möchte, im Gegenteil. Abitur habe ich gemacht, weil ich keine Alternative wusste. Da habe ich einfach die Schule fortgesetzt. Nach dem Zivildienst machte ich dann sogar eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann. Das war - wie zu erwarten - ein ziemlicher Schuss in den Ofen. Anschließend jobbte ich bei Plattenfirmen, Autovermietungen, Zeitarbeitsfirmen und Werbeagenturen, bis ich mich irgendwann noch einmal an der Uni einschrieb und ein paar Semester Germanistik und Medienkultur studierte. Während der Zeit verdiente ich mein Geld in einer Fotoagentur mit dem Einscannen von Fotos zum Aufbau einer digitalen Bilddatenbank. Die boten mir nach zwei Jahren Aushilfsdasein ein Volontariat an. Da mit die Arbeit in der Agentur ziemlich gut gefiel, schmiss ich kurzerhand mein Studium, absolvierte das Volontariat und arbeitete seitdem als Redakteur in diversen Agenturen und Verlagen. Einen Traumberuf habe ich nie gehabt. Aber ich wollte immer gerne journalistisch tätig sein. Und da meine Vorlieben seit je her in den Bereichen Kultur und Sport liegen, habe ich so nun das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden. Früher war Arbeiten für mich ein absolut nötiges Übel, eine lästige Verpflichtung, der ich stets mehr schlecht als recht nachkam. Heute macht mir der Beruf Spaß und ich arbeite in einem Umfeld, in dem ich so sein kann, wie ich will und bin.

Wie "punkrock" ist dein Job, wo gibt es Berührungspunkte mit deinen privaten Interessen beziehungsweise zu Punk-Idealen, worin liegen die "Inkompatibilitäten"?

Wirklich "punkrock" ist mein Job nicht. Immerhin arbeite ich mit Bundesligavereinen und Großverlagen wie Heinrich Bauer und Axel Springer zusammen. Da steht das Kapital dann doch sehr im Vordergrund. Die alltägliche Arbeit ist aber selbstbestimmt und fernab von großkapitalistischen Ansätzen. Ich arbeite in einer kleinen Agentur, wo der persönliche Kontakt noch im Vordergrund steht. Von daher kann ich meine Arbeit bestens mit meinem Gewissen vereinbaren. Das könnte ich sicher nicht, wenn ich als Redakteur für die Bild oder Ähnliches tätig wäre.

"Eine andere Welt ist möglich", sagt attac. Was sagst du, was tust du dafür?

Ich rede mit Menschen. Und zwar ständig. Manchmal vielleicht sogar ein wenig zu missionarisch, aber der Versuch, anderen Leuten einen Denkanstoß zu geben, ist es mir immer wert. Und dabei meine ich vor allem Menschen, zu denen ich Kontakt habe, die nicht denselben Hintergrund und damit manchmal eine völlig andere Sichtweise auf die Dinge des Lebens haben als ich. Im AJZ-Plenum darüber zu schwadronieren, wie böse die Kapitalisten, Nazis und Bullen sind, ist eine Sache, verändert aber nicht wirklich etwas. Meiner Nachbarin, Bäckerin, Arbeitskollegin etc. erklären, warum man nicht die CDU wählen sollte, kann eventuell dafür sorgen, dass sie zumindest darüber nachdenkt, ob sie es beim nächsten Mal wieder tun soll.

Wie reagiert dein Umfeld - privat wie beruflich - auf deine Punkrock-Vorliebe? Verständnis, Erstaunen, Unkenntnis?

Ungefähr genau diese drei Reaktionen erlebe ich immer wieder. Die einen finden es gut und leben vielleicht sehr ähnlich oder haben es zumindest in der Vergangenheit mal getan. Die anderen wissen gar nicht, worum es geht. Und wieder andere sagen, dass sie damit überhaupt nichts anzufangen wissen. Ich persönlich kann mit all dem leben. Toleranz mir gegenüber kann und will ich nur in Maßen erwarten, schließlich bin ich auch nicht jedem und allem gegenüber aufgeschlossen.

Punk war mal eine Jugendbewegung. Wie lässt sich das mit deinem Alter vereinbaren? Für immer jung, für immer Punk? Oder manchmal doch das schleichende Gefühl, für irgendwas zu alt zu sein?

Ich würde nicht sagen, Punk war mal eine Jugendbewegung. Ich denke, Punk ist immer noch eine Jugendbewegung. Es hilft bei der Identifikationssuche Heranwachsender und ist ein herrliches Ventil, um jugendliche Energien in Bahnen zu lenken. Von der Optik mal ganz abgesehen. Ein junger Mensch in Leder und mit bunten Haaren wirkt cool, sexy und energetisch, ein erwachsener Mann dagegen schnell abgehalftert und stehengeblieben. Doch gegen das Älterwerden kann sich keiner verwehren. Und wenn man sich über so viele Jahre in einer bestimmten Szene bewegt hat, sind dort viele Kontakte und Freundschaften entstanden, die man auch gerne bis ins hohe Alter pflegen will. Im Laufe der Jahre kommen natürlich ganz andere Dinge dazu, die einem wichtig sind und das ganze Punksein relativieren. Und so wird man sich immer weniger über Punk definieren. Aber ein Teil des Lebens kann es schon bleiben, ohne dass man dadurch peinlich wird. Sich aber mit über vierzig noch auf die Bühne stellen und die Teenage Rebellion beschreien, wirkt auf mich oft befremdlich. Da sollte man dann doch lieber die Rolle des Märchenonkels annehmen, der dem Nachwuchs erzählt, wie es früher mal war und ein paar nützliche Tips geben. Man kann seinen Erfahrungsschatz ja sinnvoll weitergeben. Das finde ich wesentlich effektiver und auch charmanter, als der eigenen Jugend auf ewig nachzuhängen.

Bei welcher Gelegenheit hast du angefangen, über Musik zu schreiben?

Was macht den Reiz aus? Was war/ist deine Motivation?

Eigentlich fing es an, als ich zum ersten Mal ein Fanzine in die Finger bekam. So etwas kannte ich nicht, es faszinierte mich aber sofort. Und dann dachte ich mir, das kannst du auch. Und auch damals schon galt für mich: Mach einfach dein Ding. Und so fing ich an, über die Musik zu schreiben, für die ich mich immer mehr begeisterte, über die es aber in den konventionellen Medien zu der Zeit so gut wie gar nichts zu lesen gab.

Und was hat dich dann bewegt, beim Ox mitzumachen?

Die Lust, über das zu schreiben, was mich interessiert, und der dazugehörige Austausch mit ähnlich tickenden Menschen.

Wie schätzt du die Entwicklung des Heftes ein, wie sollte es weitergehen?

Vom kleinen Fanzine zum Underground-Magazin ... Tolle Entwicklung. Und jetzt ab an die Börse.

Welche Bands/Platten und Genres haben dich früher beeindruckt und beeinflusst, welche sind es heute?

Früher waren es reine Punkbands. Namen gefällig? RAMONES, SEX PISTOLS, SLIME, THE CLASH, GOLDENE ZITRONEN, LURKERS, UK SUBS, MIMMIS, MOLOTOW SODA ... Das war herrlich übersichtlich. Da konnte man sich auch sehr einfach über seinen Musikgeschmack definieren. Heute sind es eher Bands, die auch mal ein Genre sprengen. Im Laufe der Jahre begann ich mich immer mehr für die Wurzeln der popkulturellen Musik zu interessieren. Und so beschäftigte ich mich immer mehr mit Rockabilly, Blues, Jazz, Gospel etc. Daneben gab es auch in der elektronischen Musik immer mal etwas, was mir interessant erschien. Aber je älter ich werde, desto weniger interessiere ich mich für aktuelle, neue Bands. Ich schaue doch immer öfter zurück, zumal ich bei all den zeitgenössischen Interpreten das Gefühl habe, das alles schon mal in anderer Form gehört zu haben.

Was hat sich deiner Meinung nach in der Szene in der Zeit, die du dabei bist, am maßgeblichsten verändert, sowohl positiv wie negativ?

Ich glaube, das kann ich so gar nicht beurteilen. Dazu sah ich mich nie so richtig als Teil einer Szene, auch wenn ich mich gerne mal darin bewegte. Sicher gibt es generelle Entwicklungen, die auch auf die Punkrock-Szene zutreffen. Dazu zähle ich die radikale Vermarktung und Kommerzialisierung von musikalischen und modischen Trends, die mit einer früher noch unvorstellbaren Kurzlebigkeit einhergehen. Das kann man anprangern und verteufeln, sollte es aber als Zeitgeist-Phänomen akzeptieren und versuchen, sich auf dieser Basis neue Wege zu schaffen. Dass der Mainstream die Subkultur vereinnahmt, ist ja auch keine neue Erkenntnis. So darf es dann nicht verwundern, dass heute eine Oma sich die Haare lila färbt, bei H&M RAMONES-Shirts verkauft werden und Nieten und Totenköpfe zu den ganz gängigen Mode-Accessoires zählen. Wen das nun aber wirklich stört, der scheint in seiner eigenen Vergangenheit hängen geblieben zu sein und im Gestern zu leben. Es ist halt alles eine Frage des Stils und der Etikette. Aber das war es in anderer Form damals ja auch schon. Da konnte man sich nur leichter abgrenzen. Punk, Ted, Popper, Rocker ... Heute verschmelzen die Insignien der einzelnen Subkulturen ständig. Man kann es wohlwollend auch Crossover nennen. Ansonsten hat die Technik natürlich auch dafür gesorgt, dass Networking wesentlich vereinfacht wurde. Das kommt auch einer Subkultur und dem Underground zugute. Man kann sich ja kaum noch vorstellen, wie das früher alles ohne E-Mail und Internet funktionierte, aber es ging. Und wenn ich nostalgisch werde, behaupte ich auch, dass es dadurch früher viel intensiver war und man mit viel mehr Herzblut bei der Sache war.

Was ist heute das größte Ärgernis in Zusammenhang mit Musik?

Dass vieles so gleichförmig, uniformiert und kalkulierbar geworden ist. Auch oder gerade im Punkrock. Das fing in den 90er Jahren an, wo plötzlich jede zweite Neuveröffentlichung nach NOFX oder BAD RELIGION klingen sollte. Und das wiederholte sich sich seitdem immer wieder. Das nervt doch. Oder kann irgendjemand heute noch Bands ertragen, die versuchen, wie TURBONEGRO zu klingen? Die Produktionen der Bands klingen alle so aufgepumpt und glattgebügelt. Da gilt es nur noch, möglichst "fett" zu klingen, für Ecken und Kanten bleibt kein Platz. Ich fordere hiermit öffentlich die Sperrigkeit im Punkrock zurück. Oi!

Wie wichtig waren dir früher Äußerlichkeiten - also Schuhe, Frisur, Kleidung - wie sieht das heute aus?

Früher waren mir Äußerlichkeiten schon wichtig, schließlich sind sie bei der Identifikations- und Selbstfindung für einen pubertären Jugendlich sehr hilfreiche Werkzeuge. Je älter man wird, desto nebensächlicher wird allerdings die Farbe der Haare oder die Anzahl der Nieten. Heute ist mir das ziemlich gleich. Ich muss mich nicht mehr durch das entsprechende Outfit einer Jugendbewegung zuordnen, der ich längst entwachsen bin. Und mal im Ernst, wer sich mit sechzehn Jahren die Haare blau färbte, überall Nieten hintackerte und in diesem Aufzug seine Dorfnachbarn schockieren konnte, braucht das zwanzig Jahre später nicht mehr. Wen schockiert oder provoziert es denn noch, wenn ich mir eine Sicherheitsnadel durch die Backe stecke und die Haare rasiere und färbe? Piercing und Coloring werden mir doch bereits in der Gala und Bunten als trendy und angesagt verkauft. Somit hat der Punk seine Identifikationsmerkmale verloren. Aber das war doch immer schon so. Frag mal die Rocker, Hippies, Halbstarken, Beatniks und so weiter ...

Wie groß/klein ist deine Plattensammlung, wie wichtig ist sie dir, welche Formate bevorzugst du?

Für einen Normalsterblichen ist meine Plattensammlung ziemlich groß. Für jemanden, der aber seit fast zwanzig Jahren als Fanzineschreiber aktiv ist, wohl eher normal und überschaubar. Früher habe ich schon mehr gesammelt, vor allem Vinyl. Heute ist mir das ziemlich egal, ob ich nun irgendeine Testpressung in farbigem Vinyl im Regal stehen habe oder nicht. Wenn mir eine Platte oder CD gut gefällt, kaufe ich sie mir, egal welches Format. Meistens nehme ich die günstige Variante.

Wie steht es um dein Konsumverhalten? Wie viel Geld hast du früher für Platten ausgegeben, wie viel heute? Hat dein Job/Verdienst sich da irgendwie ausgewirkt?

Mein Konsumverhalten hat sich in Sachen Musik kaum verändert. Ich gebe immer noch viel zu viel Geld dafür aus. Obwohl ich schon so viele Platten und CDs im Regal stehen habe, die ich wohl in Leben nicht mehr alle hören könnte. Und natürlich hat sich mein Verdienst auf den Musikkonsum ausgewirkt. Heute muss ich mir eine neue Platte nicht mehr vom Mund absparen, sondern kaufe sie mir einfach. Der Nachteil ist dabei, dass man einen Neuerwerb nicht mehr in der Form zu schätzen weiß, wie noch damals, wo es jedes Mal fast wie Weihnachten war, einen neuen Tonträger in den Händen zu halten.

Gibt es heute Wichtigeres in deinem Leben als Punkrock, etwa Hobbys, Beruf oder Familie, und wie gehst du mit eventuellen Interessenkonflikten um?

Absolut. Meine Freundin, Freunde und meine Familie sind mir wesentlich wichtiger als der Begriff Punkrock. Aber mal unter uns: das waren sie immer schon. Auch mein Beruf hat inzwischen einen ganz anderen, wichtigeren Stellenwert eingenommen als früher zum Beispiel die Schule oder das Studium. Interessenkonflikte habe ich dadurch eigentlich keine. Mein Umfeld steht mir und meinem Punkrockertum - soweit ich dieses noch lebe - sehr tolerant gegenüber. Das ist schön, aber auch harte Arbeit. Die wollen ja erst mal dahingehend erzogen werden. Das geht nicht von heute auf morgen. Inzwischen kommen sogar meine Eltern zu den Konzerten meiner Band und finden das irgendwie witzig oder so.