MUNSTER RECORDS

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Das Erbe des Monsters

Das spanische Label Munster Records feiert dieses Jahr seinen 25. Geburtstag, auch wenn das Anhängsel "Records" dieses Alter noch nicht ganz erreicht hat. Im April 2008 aber feierte Munster-Boss und -Gründer Iñigo Pastor seinen 40. Geburtstag, und an seinem 15. Geburtstag hatte er einst das Fanzine "La Herencia De Los Munster" (benannt nach dem spanischen Titel des Films "Munster, Go Home") gegründet, das mit seinem 7"-Beileger die Keimzelle des Labels wurde. Damals wohnte Iñigo noch nebst Bruder Gorka (der heute den Munster-Mailorder sowie Bang! Records betreibt) im heimischen Baskenland, erst später zog es ihn in die Hauptstadt Madrid, wo das kleine spanische Underground-Imperium heute seine Sitz in einem wunderbar chaotischen Büro mitten in der Altstadt hat. Und Munster, diesen Eindruck gewann ich bei meinem Besuch im April, ist sowas wie die heimliche Punkrock-Zentrale der Hauptstadt, denn die ein, zwei Handvoll Menschen, die dort (Sub-)Labels wie Beat Generation, Vampisoul oder Rock&Roll Inc. und auch spanische Plattenläden mit den neuesten Indie-Releases aus aller Welt versorgen, haben überall ihre Finger im Spiel und bekommen ständig Besuch von den anderen Music-Maniacs aus der Stadt. Hier laufen die Fäden zusammen, der eine hat einen Rock'n'Roll-Club, der andere eine Bar, jener ist DJ, dieser arbeitet im Plattenladen, einer organisiert Konzerte, der Nächste spielt seit Jahren in Bands, und so weiter. Eine angenehme, sehr sympathische Szene ist das, und so zog ich mich an einem sonnigen Samstag nach diversen Tapas mit Iñigo in ein altehrwürdiges Künstlercafé zum Interview zurück. Übrigens erschien in Ox #37 schon einmal ein Interview mit Iñigo, das sich auf der Ox-Website nachlesen lässt und das trotz seines Alters in Ergänzung zu diesem Interview durchaus lesenswert ist.


Iñigo, was war deine erste Platte?

Bei uns zuhause gab es immer einen Plattenspieler und ich bediente mich an den Platten meines Vaters. Die einzige Rock-Platte war "Revolver" von den BEATLES, und die legte ich immer wieder auf. Die erste Platte, die ich mir gekauft habe, war 1981 die 7" einer spanischen Band namens LOS ESPASMODICOS, die von den DEAD KENNEDYS beeinflussten Hardcore spielte. Das ist auch die Platte, die ich in meinem Leben am meisten gehört habe. Und ab da kaufte ich eigentlich jeden Indie-Release, den ich in die Finger bekam, denn Anfang der Achtziger gab es in Spanien eine richtige Explosion von kleinen, unabhängigen Labels.

Und wie kamst du erstmals mit Punk an sich in Kontakt?

Ich hatte Bilder in Zeitschriften gesehen, später dann auch in Fanzines. Ich hörte zu Beginn auch viel Musik in Piraten-Radiosendern. Ich komme aus dem Baskenland, aus der kleinen Industriestadt Santurtzi bei Bilbao, aus der auch ESKORBUTO stammen, eine der bekanntesten spanischen Punkbands, und da begegnete man auch auf der Straße Punks. Die sahen echt bedrohlich aus ... Sonst sah man ja nur die normalen Jugendlichen, hier und da mal einen Metaller, aber die sahen lächerlich aus. Aber die Punks, die hatten so eine gefährliche Aura, das faszinierte mich, das übte auf einen Teenager wie mich einen starken Reiz aus. Klar, mit zwölf traust du dich noch nicht so rumzulaufen, aber ich war fasziniert und lernte bald Bands wie THE WHO, SEX PISTOLS und NEW YORK DOLLS kennen. Und mir gefiel die Attitüde, die Punk verbreitete: Mach, was du willst - Hauptsache, du machst es selbst.

Wie war Punk damals mit der Situation im Baskenland verbunden?

Es gab damals in Spanien überall eine Explosion von Punkbands, doch nirgendwo gab es so viele neue Bands wie im Baskenland. Das hatte was mit der miesen sozialen Lage im Baskenland zu tun, und die Bands waren alle auch politisch. Ich selbst war damals aber wenig am politischen Aspekt von Punk interessiert. Klar, ich teile viele Einstellungen, ich war mir der Situation im Baskenland bewusst, aber mich interessierte eben mehr die Musik als die Message. Durch die vielen Bands entstand sehr schnell eine richtige Szene, viele ausländische Bands, auch aus den USA, machten auf Tour bei uns Halt. Ich erinnere mich zum Beispiel an verschiedene Bands aus der zweiten Welle des US-Hardcore, die bei uns spielten, wie etwas SCREAM oder Rollins mit seiner Band. Und auch viele europäische Bands kamen zu uns, etwa B.G.K. oder GOD. Ich sog diese Bands auf, sie inspirierten mich, auch selbst aktiv zu werden.

Und deshalb hast du dein eigenes Fanzine gegründet.

Ich kaufte damals jedes Fanzine, das ich in die Finger bekam. Für mich war damals ein Fanzine interessanter als eine Platte: Es war billiger, und man hatte mehr davon, denn man konnte viele neue Bands kennen lernen. Man hatte ja gar nicht das Geld, ständig Platten zu kaufen, und schon gar nicht konnte man sich das Risiko eines Fehlkaufs leisten. Also las ich viel, um die richtigen Platten kaufen zu können. Und so entschied ich mich dann, mein eigenes Fanzine zu machen, um über die Platten zu schreiben, die ich gekauft hatte, und über die Bands, auf deren Konzerten ich war. Das war 1983.

Welche Bands hattest du in der ersten Ausgabe?

Da waren die CRAMPS drin, die ich sehr liebte, und auch PSYCHIC TV, sowie eine lokale Psychobilly-Band und etwas über australischen Garage-Punk. Es war erstaunlicherweise eine recht breite Palette, aber ich schrieb eben über das, was ich selbst hörte und was mir Freunde vorspielten. Das hat mich wirklich sehr geprägt, diese Lust am Entdecken, einfach so viel verschiedene Musik zu hören, wie man in die Finger bekommen konnte, ohne mich dabei auf ein Genre zu beschränken. Dabei stand aber schon immer Punkrock im Mittelpunkt, für keine andere Musik habe ich mich je so stark begeistern können.

Was an Punkrock, von der Musik abgesehen, begeisterte dich?

Es war diese Attitüde, einfach unmittelbar sein Ding zu machen, ohne jemandem eine Erklärung schuldig zu sein. Dabei habe ich damals da nicht darüber nachgedacht, es ist einfach passiert, es entsprach einfach meinem Bedürfnis, meine Meinung loszuwerden, und es gab keine Barriere, die mich aufhielt.

Was für ein Teenager warst du?

Ich war ein eher ruhiger Typ, und meine Freunde waren nicht mal besonders an meiner Musik interessiert. Die ganzen Leute, all meine späteren Freunde, lernte ich durch die Musik kennen. Die Musik weitete meinen Horizont, veränderte meinen Blick auf die Welt, ich besuchte andere Städte, lernte die Welt kennen. Ich war wirklich hungrig danach, andere Leute kennen zu lernen und zu treffen. Und als ich dann mit 16, 17 erstmals nach Madrid kam, all die Bands und Clubs sah, stand meine Entscheidung schnell fest, dahin ziehen zu wollen.

Und was hielten deine Eltern von all dem?

Es war eine seltsame Zeit damals, Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger. Spanien war immer noch im Übergang von der Franco-Diktatur zu einer Demokratie, und gerade das Baskenland war sehr stark von dieser Veränderung ergriffen. Viele in meinem Alter versuchten sich an harten Drogen, und es gibt den Verdacht, dass Heroin seitens staatlicher Kreise damals gezielt eingesetzt wurde. Rückblickend finde ich, dass da heute eine Generation fehlt, dass da viele Leute, die wirklich intelligent und kreativ waren, auf der Strecke blieben. Damals waren also viele Leute echt abgefuckt, aber ich war so auf mein Ding konzentriert, dass ich da nie in Versuchung geriet. Mein Vater fuhr mich damals auf Konzerte oder zu Freunden und holte mich wieder ab, und als ich dann das Fanzine startete, halfen mir meine Eltern und meine Tante beim Falten, Heften und Verschicken. Die waren froh, dass ich mich mit sowas Sinnvollem beschäftigte.

Nun bist du ja aber eigentlich nach Madrid gezogen, um zu studieren.

Zuerst habe ich mich natürlich nur darum gekümmert, so viele Konzerte wie möglich zu besuchen, so viele Bands zu sprechen, wie ich schaffte, mit Labels und Fanzines aus dem Ausland Kontakte zu knüpfen. Es kamen auch sehr viele Leute nach Madrid, und ich fand es spannend, immer wieder neue Leute kennen zu lernen. Und ich war natürlich auch schon ein kleiner Geschäftsmann, musste zusehen, wie ich die nächste Ausgabe des Heftes zustande bringe. Und um zu überleben, arbeitete ich in einem Club, das muss so 1988/89 gewesen sein, und als ich mal wieder richtig pleite war, keine Ahnung hatte, wie ich den Druck für das bereits seit Wochen fertig layoutete Heft bezahlen sollte, geschah das Unglaubliche: Ich erzählte einem Stammgast von meiner Situation, und er fragte mich, wieviel Geld ich denn brauche. Ich sagte was von so 300 bis 400 Euro, und als der Club dann schloss, ging er mit mir zu einem Bankautomat, hob das Geld von seinem Konto ab und gab es mir mit den Worten, ich könne es ihm ja irgendwann zurückgeben.

Ich habe ihn nie wieder gesehen. Aber so konnte ich meine nächste Ausgabe drucken, mit dem Heft weitermachen. Das war ein entscheidender Punkt in meinem Leben: Hätte ich das Geld nicht bekommen, hätte ich wohl aufgegeben.

Hast du mal versucht, den Typen zu finden?

Keiner kannte seinen Namen, aber ich erinnere mich, dass er Pilot war. Ich war wirklich verzweifelt, als ich ihn traf und er mich rettete. Da habe ich mal fünf Minuten an Gott geglaubt, hahaha.

Der Beginn von Munster als Label waren die Single-Beilagen zum Heft.

Ja, zuerst hatte ich eine Flexi-Disk, das muss 1987 gewesen sein, und dann eine richtige 7". So gesehen war das der erste Release, aber ich rechne seit dem Tag, als ich die erste Ausgabe des Fanzines bezahlt habe, und das war von dem Geld, das ich zu meinem 15. Geburtstag statt Geschenken erhalten hatte. Später dann veranstaltete ich auch Konzerte und und buchte für ausländische Bands Touren in Spanien, etwa für LUL aus Holland, die CELIBATE RIFLES aus Australien, die NEW CHRISTS, die HONEYMOON KILLERS mit Jon Spencer, ein paar schwedische Bands. Und so knüpfte ich die Kontakte, die dann später hilfreich waren, als ich das Label hatte. Abgesehen davon war es einfacher Touren zu buchen, als Platten zu veröffentlichen, denn ich war damals ständig pleite.

Und wieso hast du das Fanzine dann aufgegeben?

Es hat einfach zu viel Geld gekostet. Wir haben kaum mal Geld gesehen für die verkauften Hefte gesehen.

Bei all dem war - und ist - immer auch dein Bruder Gorka involviert.

Ja, Gorka ist zwei Jahre älter als ich, und er hat damals das Layout des Fanzines gemacht. Er hat Kunst studiert. Er ist allerdings im Baskenland geblieben, als ich nach Madrid ging, und er hatte dann ein paar Jahre mit seiner Band LA SECTA richtig großen Erfolg in Spanien. Er fing dann an, sich um den Munster-Mailorder zu kümmern. und tut das noch heute, und mit Bang! Records hat er auch sein eigenes Label. Munster war auch nie ein Ein-Mann-Betrieb, ich hatte immer Freunde, die mir an verschiedensten Stellen geholfen haben, die Artikel für das Heft geschrieben haben. Und viele von denen sind heute recht erfolgreich: Einer ist heute der Leiter des Kulturressorts einer der größten spanischen Tageszeitungen.

Du hast dich dann auch entschlossen, dein Studium aufzugeben.

Ja, ich hatte ein recht technisches Studium, es ging da um Telekommunikationstechnik und so, das machte mir überhaupt keinen Spaß. Rückblickend hätte ich wohl Soziologie oder so studieren sollen. Und so habe ich dann lieber mein eigenes Ding gemacht. Am Anfang habe ich vor allem Compilations gemacht, Singles und LPs, und bis heute macht mir dieser Prozess des Zusammenstellens einer Platte Spaß. Das ist für mich vergleichbar damit, ein Buch zu schreiben, und die Krönung ist dann, die Platte frisch aus dem Presswerk in der Hand zu haben. Außerdem gab es damals, zu Beginn der Neunziger, in Spanien einen echten Bedarf an einem Label. Das war noch lange vor der Europäischen Union, Spanien war noch ein richtig armes Land, keiner machte so ein Label in Spanien, es gab alle Platten nur als Import. Und so gewonnen wir eine richtige Fanbasis im Land, erst durch das Fanzine, dann durch das Label, und ich glaube, wir trugen dazu bei, dass sich so was wie eine Szene entwickelt hat. Ich hatte damals auch noch richtig viele Brieffreunde ...

Ein Hinweis an unsere jungen Leser: Damals gab es noch keine E-Mails, kein Internet ...

Nein, noch nicht mal Faxgeräte waren verbreitet. Und die meiste Zeit hatte ich auch kein Telefon, weil ich mal wieder die Rechnung nicht bezahlt hatte nach dem letzten teuren Telefoninterview mit Australien. Es muss für jemanden, der keine Erinnerung an diese Zeit hat, unvorstellbar sein, wie man damals ein Fanzine oder ein Label betreiben konnte. Wolltest du was von einem Label wie Bomp! oder New Rose, musstest du einen Brief schreiben und es dauerte Wochen, bis du eine Antwort erhalten hast. Gerade diese beiden Labels waren es übrigens, die mich besonders inspirierten für die Arbeit mit Munster.

Hast du denn vor, angesichts des Jubiläums einige deiner frühen Releases neu aufzulegen?

Ich hatte schon überlegt, die frühen Sachen einfach als Umsonst-Download über unsere Website anzubieten, denn früher hatten wir keinerlei Verträge, es war nicht mal per Handschlag, denn man hatte ja nur per Brief Kontakt, haha. Das Problem ist, dass ich auch so schon genug zu tun habe mit dem Alltagsgeschäft, dass mir kaum Zeit bleibt, mich um solche Dinge zu kümmern.

An welcher Stelle begann das Label zu deinem Lebensunterhalt zu werden?

Das muss gewesen sein, als ich so um 1991/92 herum anfing, mit anderen Labels zu tauschen und damit meinen eigenen Mailorder startete. Damals war die Arbeit dann auch so viel, dass ich jemand hatte, der mir gegen Bezahlung half. Einer von meinen Helfern aus dieser Zeit ist heute übrigens einer der wichtigen Leute hinter dem Benicassim-Festival, ein anderer arbeitet bei einer großen Konzertagentur.

Das Programm von Munster ist von jeher ein interessanter Mix aus Rereleases und neuen Platten von Bands aus Spanien, Australien und den USA. Wie kam es dazu?

Ich habe schon viel Zeit, Energie und Geld für die Produktion spanischer Bands ausgegeben, und es war immer aus Begeisterung und einem Gefühl, auch was für die Szene im Land tun zu müssen. Aber ich habe nie irgendwelche Verträge mit den Bands abgeschlossen, etwa was Verlagsrechte anbelangt, mich nie wirklich um Sponsoring und so etwas gekümmert. Du kannst dir mal im Büro die ganzen Poster unserer Bands anschauen, das ist kein anderes Logo drauf als das von Munster! Ich bin da stolz drauf, aber manchmal ist etwas Geld von außen natürlich auch hilfreich, und na ja, mit der Zeit ließ mein Eifer hinsichtlich der Releases spanischer Bands etwas nach. Und zeitgleich ergab sich die Möglichkeit, Platten aus dem Katalog der legendären Label Skydog und New Rose neu aufzulegen, aber auch alte spanische Punkplatten. Ich merkte auch, dass es ein wachsendes Interesse an solchen Releases gab, und einen wachsenden Markt - nicht nur in Spanien, auch in Japan, den USA und dem Rest von Europa. Und so entschieden wir uns, mehr in diese Richtung zu gehen, und das machen wir eigentlich bis heute so: eine Mischung aus Reissues und ein paar wenigen aktuellen Bands. Bei den aktuellen Bands, so scheint es mir, haben andere Labels mit besseren Marketing- und Promo-Kontakten ein glücklicheres Händchen. Und ich gebe zu, in der Hinsicht bin ich auch ein Purist, denn ich mag diesen ganzen Business-Rummel nicht, bevorzuge Musik immer in ihrer pursten Form, die nicht von irgendwem bezahlt oder gesponsort wird. Und ich gebe zu, ich bin auch etwas frustriert, dass unsere Bemühungen mit noch aktiven Bands nicht wirklich Erfolg hatten, obwohl wir uns wirklich Mühe gaben. Wir hatten Daniel Rey, den man von seiner Arbeit mit den MISFITS und den RAMONES kennt, der die SAFETY PINS produzierte, wir hatten Mick Collins von den GORIES, wir hatten Chips K, der noch vor den HELLACOPTERS mit LA SECTA arbeitete, wir hatten Spot, den "Phil Spector des Hardcore", der CEREBROS EXPRIMIDOS produzierte, doch meine Idee, immer das Bestmögliche zu erreichen, war letztlich einfach nur sehr teuer. Ich fürchte, man muss wohl auch immer extrem nett zu den Medien sein, sich mit den richtigen Leuten treffen und Smalltalk machen, aber das ist nicht meine Stärke.

Und deshalb machst du jetzt lieber Reissues.

Ja, da kann ich mich ganz der perfekten Aufmachung widmen, für perfekte Linernotes sorgen, mit dem Ergebnis von Releases, auf die die Leute tatsächlich gewartet haben.

Es gibt ja auch diverse Sublabels und befreundete Labels.

Munster ist so was wie der "Schirm" für alles. Bang! ist das Label meines Bruders Gorka, und er nutzt das Munster-Netzwerk für Vertrieb und Promotion. Beat Generation ist das Label von Enano, der auch bei Munster arbeitet und der eher Punk- und Hardcore-Releases macht. Francisco, der auch im Munster-Büro arbeitet, macht Rock&Roll Inc., und Electro Harmonix ist unser Ableger für eher obskure Releases im 10"-Format, und dann ist da noch Vampisoul, das völlig separat läuft und unsere bislang erfolgreichste Gründung ist.

Ihr veröffentlicht da sehr obskure, oft lateinamerikanische Funk- und Soul-Musik aus den Sechzigern und Siebzigern.

Durch meine Arbeit an den Reissues bin ich immer tiefer eingetaucht in die Musikgeschichte und habe dabei Musiker und Bands entdeckt, die nicht in den Rahmen der bestehenden Labels passten, denn sie waren eher im Bereich der Black Music, im Latino-Jazz oder Folk beheimatet. Und ich kannte die Arbeit von Labels wie SoulJazz oder Ace in England, hatte die Idee, etwas Ähnliches ins Leben zu rufen, aber völlig getrennt von Munster, was Ästhetik, Promotion und Distribution anbelangt. Zugrunde liegt aber auch hier der Spaß am Finden unglaublicher Musik und die Leidenschaft, so was dann zu veröffentlichen.

Nun ist das ja stilistisch weit weg vom - im weitesten Sinne - Rock der sonstigen Munster-Releases.

Ja, aber ich denke, je älter man wird, desto breiter wird auch der musikalische Horizont und man schaut immer weiter zurück, in die Vierziger und Fünfziger des letzten Jahrhunderts. Ich habe mich schon immer für sehr viel verschiedene seltsame Musik interessiert, für Noise, Industrial, Hardcore, Punk, Rockabilly, Garage, aber auch Soul, Jazz und Funk, afrikanische Musik. So war das eine ganz natürliche Enwicklung, dass es schließlich zur Gründung von Vampisoul kam. Und bevor man als Labelmacher anfängt, sich ständig über Downloading und Piraterie zu beklagen, sollte man sich eher überlegen, wie man seine Releases so gestaltet, dass die Leute sie kaufen wollen. Man muss sich einfach etwas anstrengen. Und das Gute an Munster ist, dass wir noch nie eine Hit-Platte hatten.

Warum?

Es gab nie den einen Topseller, und das bedeutet, dass wir völlig frei sind in dem, was wir machen, eben weil wir nicht auf den einen Hit angewiesen sind. Wir machen stattdessen viele kleine Releases.

Aber was ist über die Jahre eure erfolgreichste Veröffentlichung gewesen - und was die erfolgloseste?

Hahaha, wir haben so viele erfolglose Releases, haben schon so viele Platten an unsere Mailorderkunden verschenkt, da kann ich keine Spezielle nennen. Unser erfolgreichster Release? Wir haben vor Jahren eine Tribute-Compilation für SUICIDE gemacht, mit FLAMING LIPS, MUDHONEY, MERCURY REV und anderen, und die verkauft sich bis heute, sogar in den USA.

Und welche Platte schätzt du sehr, für die die Welt aber noch nicht bereit war?

Das ist das Album eines seltsamen Engländers, der in Cordoba lebte und ganz unglaubliche Musik machte, die mich etwas an Robyn Hitchcock erinnerte. Er war ein starker Trinker und wohl auch anderen Drogen nicht abgeneigt, und kaum war das Album von GOODBYE PLANET aufgenommen und erschienen, rastete der Kerl komplett aus. Er hat irgendwie den Druck nicht ertragen, den er sich selbst gemacht hat. Ich brachte die Platte raus, weil ich sie toll fand, wusste aber schon, dass das ein totaler Flop wird, denn der Typ war wirklich verrückt, richtig krank. Und so ist es heute ein richtig dunkler Schatz im Munster-Katalog. Sowieso zieht das Phänomen, dass Bands sich auflösen, kaum dass wir die Platte veröffentlicht haben, wie ein Fluch durch die Munster-Geschichte.

Wie entdeckst du die ganzen Vampisoul-Sachen?

Von ein paar dieser Bands habe ich schon mal gehört, aber ich kenne auch ein paar Menschen, die sich besser auskennen als ich, und die empfehlen mir Sachen, sagen mir, was eine Veröffentlichung lohnt und was nicht. Ich habe da also "Berater", die ein wichtiger Teil von Vampisoul sind, etwa Experten für afrikanische Musik, für peruanische Bands, für argentinischen Jazz. Es gibt eine Menge Aufnahmen von argentinischem Jazz, der bislang nie veröffentlicht wurden, und meine Aufgabe ist, zur "Quelle" vorzudringen, die Leute aufzuspüren, die die Aufnahmen besitzen und die Rechte daran.

Wer kauft bei Vampisoul?

Ach, eigentlich gibt es überall Leute, die sich dafür interessieren. Ich war gerade in Portugal, und obwohl es ein kleines, noch relativ armes Land ist, gibt es da Interesse an Vampisoul-Releases, genauso wie in Japan, Australien oder Deutschland.

Und in Südamerika?

Nein, da nicht. Die Leute dort sind so arm, da können sich nur reiche Leute CDs leisten, und so verkaufen wir nur wenig. Aber Südamerika ist sehr interessant, um da "neue" Bands aufzutreiben, aus den Sechzigern etwa. Das sind ganz spezielle Bands, denn wer in Argentinien oder Uruguay in den Sechzigern in einer Beat-Band spielte, der musste das schon aus sehr großer Überzeugung tun.

Wer hat dich auf diese Nische gebracht, in der sich Vampisoul bewegt?

Ich unterhalte mich mit vielen Leuten, die Musik mit großer Begeisterung sammeln, und da bekomme ich immer wieder Hinweise auf Bands und Platten, die jemand für unbedingt wiederveröffentlichenswert hält - ich behaupte nicht, dass ich alles kenne und besitze. Eigentlich gibt es zu jedem Release eine andere Geschichte. In Argentinien beispielsweise kenne ich jemand, der früher Musiker war: Litto Nebbia heißt der, er war in den Sechzigern bei LOS GATOS SALVAJES, und den lernte ich zufällig in Spanien kennen, und der kennt jeden in Argentinien. Der hat mich mit verschiedenen Leuten dort in Kontakt gebracht, und so kommt eines zum anderen. Lustig ist dabei immer wieder, wie überrascht die Leute sind, dass nach so vielen Jahren plötzlich jemand an ihrer Musik interessiert ist - und dass sie das erste Mal in ihrem Leben ein bisschen Geld für ihre Musik bekommen. Und sie freuen sich, dass ihre Musik für die Nachwelt dokumentiert wird. Als nächstes Projekt steht jetzt ein Mann aus den Sechzigern an, der damals, als man in Spanien Musik nur im Radio hörte oder auf Schallplatten aus den USA, eine 7"-Schneidemaschine besaß und damit in einem Jazzclub Bands aufnahm, um sie am nächsten Tag im Radio zu spielen. Das ist ganz unglaublich!

Gab es denn zu Zeit der Franco-Dikatur, die erst 1975 endete, eine Rockmusikszene?

Ja, klar, aber die wurde vom Staat kontrolliert. Es gab da also nichts, was wirklich aus der Reihe tanzte. Erst in den Siebzigern änderte sich das, in Sevilla und Barcelona, entwickelte sich eine Underground-Szene, es gab Einflüsse aus dem Krautrock, und es gab da ein paar interessante Bands. Mich interessiert das musikalisch nicht besonders, aber die Einstellung der Leute gefällt mir. Auch im Baskenland gab es eine Underground-Musikszene, aber weniger elektrisch verstärkt, eher Folk. Es gibt auch ein paar Bootlegs, aber die Musikszene war damals sehr, sehr klein. Es war damals sicher keine gute Idee, als Langhaariger durch eine spanische Stadt zu laufen, doch es gab so kleine Fluchtpunkte wie etwa Ibiza, wo sich viele englische Musiker aufhielten und ihre Hippie-Kultur pflegten.

Von der Vergangenheit zur Zukunft: Was sind eure nächsten Pläne?

Wir werden einfach unsere verschiedenen Projekte fortführen, neben Vampisoul etwa die DVD-Reihe. Wir haben vor einer Weile angefangen, regelmäßig Konzerte hier in Madrid mitzuschneiden, und so bringen wir regelmäßig Live-DVDs raus. Freunde von uns haben eine Produktionsfirma, und die filmen das für uns. Und dann steht bald der Release von WAU Y LOS ARRRGHS!!! aus Valencia an. Die waren bislang bei Voodoo Rhythm, doch das neue Album machen wir. Wichtig ist mir, dass wir uns nicht unter Druck setzen lassen, irgendwas zu machen. Wir bekommen viele Demos und viele Angebote, aber wenn ich nicht absolut begeistert bin, machen wir das nicht. Eine Weile hatte ich mal Angst, dass mir die Ideen ausgehen, aber das ist vorbei. Irgendwas ergibt sich immer, es geht immer weiter - keine Ahnung, wieso das so ist, aber es funktioniert, hahaha. Munster war noch nie ein ehrgeiziges Projekt, ich wollte nie irgendwen beeinflussen oder eine neue Mode aufbringen, sondern nur machen, worauf ich Lust habe.