SIRENS

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Movements are evil

Ähnlich wie die sagenumwobenen Sirenen in der griechischen Mythologie die Seefahrer durch ihren Gesang anlocken, ziehen auch SIRENS immer mehr Fans in ihren Bann. "In Circles", das Debüt des Quartetts aus dem Ruhrpott, ist eine aufregende Kombination aus traditionellem Oldschool Hardcore und dafür eher untypischen Passagen. Schon beim ersten Hören begeistern die herrlich klischeelosen und angenehm nostalgischen Klänge. Um so schöner, wenn die Menschen, die hinter der Musik stecken, dann auch noch ihre ganz eigene Meinung haben.


Die Mitglieder von SIRENS sind ja keine Unbekannten mehr in der HC-Bewegung. Wo seid ihr neben SIRENS sonst noch aktiv?

Torsten: Unser Bassist Micha spielt noch bei SEVENTH SEAL BROKEN und hat zusammen mit Daniel und Jörg noch ein Nebenprojekt namens ZAROMAN. Michael, Drums, spielt noch bei TEAMKILLER - und zusammen mit unserem zweiten Gitarristen Arne bei THE TARGET. Ansonsten bereitet mir der Begriff "Bewegung" eher Angst, da ich nicht weiß, und auch nie wirklich wusste, was HC im gesellschaftlichen, sprich: szene-externen, Bereich je zu "bewegen" vermochte. Außerdem, remember Mr Rollins: "Movements are evil".

Daniel: Um mal ein wenig Eigenwerbung zu machen und um Hardcore nicht nur auf Bands zu reduzieren: Ich habe zum Release der Vinylversion unserer ersten EP vor knapp zwei Jahren Cobra Records gegründet und passend dazu letztes Jahr noch meinen eigenen Vertrieb Widespread Distribution. Werbepause vorbei.

Hardcore sind in den letzten Jahren viele Inhalte wie Menschen- und Tierrechte, Veganismus und Politik verloren gegangen. Spielen diese Dinge inhaltlich eine Rolle für SIRENS?

Torsten: Dass diese Dinge für SIRENS als Band inhaltlich tatsächlich eine Rolle spielen, lässt sich wohl eher verneinen, da innerhalb der Band kein absoluter Konsens besteht, bestimmte Dinge als geformte Message konsequent nach außen zu tragen. Es fehlt hier einfach irgendwo die Notwendigkeit, was ich persönlich auch eher begrüße. Es mag zwar subjektiv richtig erscheinen, über Dinge zu singen, die bewegen, andererseits können erwachsene Menschen auch einfach Bücher zu bestimmten Themen lesen. Es ist ja nun nicht so, dass die von dir genannten Themen nicht schon oberflächlich von tausend lausigen Bands zuvor durchgekaut wurden. Wobei natürlich dennoch, von den Texten unabhängig, auch bei uns als Menschen eine gewisse politische "Basis" besteht.

Daniel: Da ich für den Großteil unserer Texte verantwortlich bin, noch eine kurze Ergänzung: Nur einzelne Songs von uns handeln von allgemeinen Themen, der Großteil ist persönlicher Kram, den ich irgendwie in Songtexten verarbeitet habe, teilweise vermutlich etwas kryptisch und unlogisch, aber ich kann dir zu jedem Song eine Geschichte erzählen, wenn du etwas Zeit mitbringst und keine Angst hast. Wenn mir ein allgemeines politisches Thema am Herzen liegt und ich wirklich öffentlich was dazu sagen will, mache ich das eher als Ansage auf einem Konzert oder so. Meistens spielt sich so etwas bei mir aber eher auf einem privaten Level ab, unter anderem aus dem Grund, den Torsten gerade schon genannt hat: Ich kann nur schwer für alle Mitglieder der Band sprechen und habe auch keine Lust, von der Bühne irgendwas zu predigen.

Eure Songs erinnern unheimlich an Bands der 80er wie SHELTER, BURN und JUDGE. Denkt ihr, dass die Kids von heute Zugang zu diesen älteren Gruppen finden werden?

Torsten: Ob irgendwer den Zugang zu bestimmten älteren Bands findet oder auch nicht, liegt wohl außerhalb unseres Einflussbereiches. Das Hauptaugenmerk liegt bei uns wahrscheinlich auch eher darauf, unsere eigene Musik nach außen zu tragen, zu den Menschen, die Bock darauf haben. Darüber, was irgendwer hören sollte, nur weil es uns musikalisch mal beeinflusst hat, habe ich mir ehrlich gesagt noch nie wirklich Gedanken gemacht, erscheint mir auch unwichtig.

Daniel: Ich finde es immer wieder interessant zu hören, mit welchen Bands wir verglichen werden, da ich selbst schwer finde, die eigene Musik zu bewerten. Wenn wir nach 80er- oder 90er-Bands klingen, mag das daran liegen, dass dort einfach unsere Wurzeln liegen. Mit aktuellen musikalischen Trends im Hardcore können wir alle recht wenig anfangen. Ich kann mir schon vorstellen, dass das bei jüngeren Kids so abläuft wie bei mir damals. Man hört und mag eine Band, liest dann in einem Review einen Vergleich mit einer anderen Band, die ähnlich sein soll und checkt die dann aus. Heute läuft das dann wohl eher über das Internet oder mp3-Downloads, aber das Prinzip ist vermutlich ähnlich. Als explizites Ziel unserer Band würde ich das Ganze aber nicht ansehen. Ich denke einfach, dass das irgendwie ein automatischer Vorgang ist, wenn man sich für Hardcore interessiert und das nicht als reines Entertainment ansieht. Spätestens beim dritten CHAIN OF STRENGTH-Coversong auf einer Youth Crew-Show fragt man sich doch, wer diese Band ist. Bei größeren Bands ziehen solche Dinge schon weitere Kreise. Wenn man sich den INTEGRITY-Boom durch aktuelle Bands mit Clevo-Sound ansieht, oder beobachtet, wie sich Leute plötzlich mit SUPERTOUCH beschäftigen, nachdem JUSTICE letztes oder vorletztes Jahr angefangen haben, die zu covern. Wir sind nicht cool und angesagt genug, um einen solchen Einfluss zu haben.

Alles spricht von der Unterschicht, und ihr kommt aus einer Gegend, in der viele gesellschaftliche Entwicklungen zuerst stattfinden. Wie sieht euer Alltag im Ruhrpott aus und beeinflusst das die Musik von SIRENS? Kommt nicht jemand von euch aus Bochum? Wie steht man da inzwischen zur Nokia-Geschichte?

Jörg: Ich denke mal, unser aller Alltag ist von viel Beton und Verkehr geprägt: Micha wohnt direkt an einer Bahnlinie, Daniel an einem Industriegebiet in Wanne-Eickel und ich an einer Schnellstraße in Bochum. Für Micha und mich kommt dann noch die betonverwöhnte Ruhr-Uni-Bochum als einer der Lebensmittelpunkte mit hinzu. Würden wir nicht in so rauhen Gegenden wohnen, würden wir wahrscheinlich nicht so einen Tough-Guy-Shit machen, haha! Und ja, das Nokia-Werksgelände ist fünf Gehminuten von meiner Wohnung entfernt. Ich sehe die Schließung natürlich mit Verärgerung. Davon abgesehen, dass das Werk hoch rentabel war, die Region hier die Arbeitsplätze braucht und auch ordentlich Subventionen geflossen sind, ist es ein absolutes Unding, ein Alternativwerk im Bau befindlich zu haben und die Leute ein halbes Jahr vor dem Rausschmiss vor vollendete Tatsachen zu stellen! Bei der Schließung war nicht nur der Umgang mit den eigenen Mitarbeitern, sondern auch die Kommunikation ein Totalausfall. So darf man nicht mit Menschen umgehen. Folglich die Produkte meiden und dem Vorstand mit den Verkaufszahlen die Quittung geben!

Daniel: Wobei man ja auch mal sagen muss, dass der ganze Nokia-Fall schon sehr viel Aufmerksamkeit in der Presse bekommen hat. Nach anderen Fabrikschließungen oder, um in der Branche zu bleiben, nach Handyfirmen, die gar nicht erst hier in Deutschland produzieren, kräht kein Hahn. Was jetzt in keinster Weise bedeuten soll, dass ich die Demonstrationen und Proteste für nicht gerechtfertigt halte.

Denkt ihr, dass so kontroverse Gruppen wie SHELTER, EARTH CRISIS oder WARZONE auch wichtig für den Austausch und die Meinungsbildung innerhalb der Szene waren?

Torsten: Eine Meinung kann ja ebenso auch negativ geformt werden, insofern ist nichts davon unwichtig. Das Sektentum hat viele unterschiedliche Gesichter, ob der Glauben nun Gott, Pro-Life-Konservatismus, dem Skinheadtum oder der HC-Szene als solcher gilt.

Daniel: Klar, kann man es teilweise positiv bewerten, wenn durch Bands gewisse Themen zur Diskussion stehen und Leute durch diese Diskussionen anfangen, sich eigene, reflektierte Meinungen zu einem Thema zu bilden. Allerdings sollte man da deutlich unterscheiden, ob eine Band aufgrund ihrer Einstellung kontrovers ist oder ob sie als Einstellung einfach kontrovers ist. Und da müsste man die Liste der Bands in der Hardcore Szene noch ein ganzes Stück weiterführen. Da du zum Glück aber nur diese drei Bands genannt hast, kann ich die Frage kurz und knapp mit einem Ja beantworten.

Von wem stammt das klasse Artwork des Albums und wie kam es zur Zusammenarbeit?

Daniel: Das Bild stammt von Jürgen Eckel, einem Tätowierer aus Essen. Er war bis letztes Jahr bei Glaube Liebe Hoffnung und hat nun zusammen mit Pete, ex-BLACK FRIDAY '29, ein eigenes Studio namens Times Of Grace. Da ich wusste, dass er auch sehr viel malt, hatte ich ihn schon vor längerer Zeit gefragt, ob er Interesse hätte, ein Plattencover für uns zu gestalten. Er hat es dann glücklicherweise tatsächlich gemacht. Ich bin auch immer noch begeistert, wenn ich das Cover sehe. Apropos, wer Lust hat, sich einen Elch tätowieren zu lassen und sei es nur ein Arschgeweih, soll sich bei Jürgen melden, er hat da wohl Blut geleckt.

Hardcore hat einen starken Konsumcharakter angenommen. Viele Bands und Labels wollen lediglich ein Produkt verkaufen, zeigen aber darüber hinaus wenig Engagement. Fehlen da ideologische Grundlagen oder ist das ein gesamtgesellschaftliches Phänomen?

Daniel: Ich denke schon, dass das ein Phänomen ist, dass die heutige Zeit einfach mit sich bringt. Seit dem Einzug von HC in Großraumdiskotheken wundert mich gar nichts mehr. Ganz deutlich zeigt sich das, wie gerade schon erwähnt, im Bereich des Merchandising. Manche Bands kann man heutzutage fast mit einer Klamottenmarke verwechseln. Und ja, ich trage auch Bandshirts und wir haben selbst auch schon ein paar verkauft, aber der Fokus liegt immer noch auf der Musik. Ich freue mich auch über jede verkaufte Platte doppelt so sehr wie über ein verkauftes Shirt.