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Interviews & Artikel

NO TURNING BACK

Jobs gekündigt, Schule geschmissen

Die Niederlande sind bekannt dafür, unglaublich gute Bands hervorzubringen. NO TURNING BACK zum Beispiel spielen inzwischen seit einer guten Dekade ehrlichen und extrem mitreißenden Hardcore. Da mich ihr aktuelles Album "Holding On" auf Reflections wirklich umgehauen hat und es auf vier Kontinenten durch verschiedene Labels veröffentlicht wird, wollte ich Sänger und Bandleader Martijn doch mal zur Gesamtlage befragen, und wie sich herausstellte, setzt das Quintett inzwischen alles auf eine Karte.



Unverfälschter Hardcore feiert momentan ein Comeback, woran liegt's?


Nun, erst mal müsste man "unverfälschten Hard-core" definieren. Da sich die Musikszene seit ihren Anfängen so verändert hat, versteht jeder etwas anderes unter dem Ausdruck. Ist es richtiger Hardcore, wenn die Musik von Herzen kommt, eine sinnvolle Botschaft hat und vielen Menschen etwas bedeutet? Für einige wird das HATEBREED sein, für andere SLAPSHOT, wieder andere hören BOLLDOZE oder LARM. Musik, die offensichtlich kein Hardcore ist, aber von Hardcore-Kids gespielt wird, ist kein Hardcore, aber das wurde in den vergangenen Jahren oft verwechselt.



Viele neue Gruppen fangen gerade an, ohne sich über die Abstriche klar zu werden, die man als Musiker machen muss. Was macht den "Beruf" so schwierig?

Das hängt wirklich ganz von den Gründen ab, aus denen man eine Band ins Leben ruft. Manche Leute wollen einfach nur Musik machen, ab und zu eine Show spielen, und das funktioniert auf dieser Basis auch ganz gut. Für uns war es etwas anders, wir wollten den Stil spielen, den wir persönlich hörten und damit Frust und Wut abbauen. In meinen Lyrics geht es immer noch um die Dinge, die mich umgeben und mich frustrieren. Wenn eine Band später viel auf Tour geht, kostet das natürlich eine Menge Zeit und man muss sich voll und ganz der Band widmen. Wir proben fast jeden Tag, und auf Tour ist man dann wochenlang von Zuhause weg. Dann müssen Prioritäten gesetzt werden, ist einem die Band wichtiger als die Schule, der Job, die Freundin, die Miete zahlen zu können und so weiter. Wenn es an solche Entscheidungen geht, sieht man, wer bereit ist den Preis zu zahlen. "Dedication" ist mehr als eine Floskel.



Ihr hattet Gigs mit SICK OF IT ALL, MADBALL, TERROR und anderen tollen Gruppen, aber bleibt heute überhaupt noch Zeit, sich persönlich kennen zu lernen?

Mit solchen Bands zu spielen ist klasse, wir haben generell Zeit, um abzuhängen, aber es hängt sehr vom jeweiligen Zeitplan der Show ab. Mit SOIA hatten wir eine Woche lang Shows zusammen auf der Resistance-Tour, da gab es viel Zeit für Gespräche. Wir haben viel von ihnen als Band gelernt. Mit TERROR sind wir seit Jahren befreundet, und wenn wir uns sehen, dann hängen wir ab, dazu brauchen wir gar keinen Gig. Für MADBALL gilt dasselbe.



Ihr versucht, von der Musik zu leben. Wie schwer ist das?

Wir haben alle unsere Jobs gekündigt und die Schule geschmissen, um so viel wie möglich auf Tour sein zu können. Seit Ende September ist die Band unser Fulltimejob. Davon haben wir alle geträumt, auch wenn wir noch nicht ganz wissen, ob wir unsere Rechnungen werden bezahlen können. Wochenend-Shows sind okay, wir haben ja auch so angefangen. Anfangs haben wir gehofft, dass eine Band abspringt, um überhaupt zum Zuge zu kommen. Später haben wir uns über jede Show gefreut, die möglich war. Egal, ob am Wochenende oder unter der Woche. Es ist schon schwer, drei europäische Bands zu nennen, die das gesamte Jahr unterwegs sind. Viele Leute sind einfach nicht so verrückt und wollen das Risiko nicht eingehen. Andere können es nicht leiden, am Ende des Monats kein Geld mehr zu haben. Das Schlimme sind Bands, die nichts investieren wollen und dann rumheulen, weil sie keine Shows bekommen. Das nervt, weil wir der lebende Beweis dafür sind, dass sich harte Arbeit auszahlt.



Denkst du, dass viele Bands, die ein MySpace-Profil haben, sich ihre Lorbeeren einfach noch nicht erarbeitet haben?

Wir haben 2007, scheinbar ist dies der Weg, auf dem Bands ihren Namen unter die Leute bringen. 1997, als wir anfingen, gab es kein MySpace. Lediglich eine kleine Internet-Community, das war es dann auch schon. Damals waren Fanzines das Sprachrohr für Bands und die Mund-zu-Mund-Propaganda der Kids ebenfalls. Diese Zeiten werden nicht wiederkommen und nur die älteren Leute in der Szene werden zu schätzen wissen, wie es damals ablief. Es war eher im Underground und eine richtige Gemeinschaft von Menschen, die diese Musik wirklich liebten. Das Internet macht es einfacher, Menschen zu erreichen und seine Musik weltweit zu verbreiten. Ohne MySpace hätten wir kein Label in Südafrika gefunden. Es ist ein gutes Werkzeug, wenn man es zu benutzen weiß. Der richtige Ansatz ist, zuerst gute Musik zu schreiben, aber viele Bands ignorieren diese Tatsache.



Ihr habt einige neue Mitglieder in der Band. Gab es da Termine zum Vorspielen, oder wie läuft das ab?

Termine zum Vorspielen gab es keine. Emiel kenne ich seit Jahren. Er war bei REACHING FORWARD und RAZOR CRUSADE und ist mit diesen Gruppen auch viel getourt. Da er nach RAZOR CRUSADE keine Band mehr hatte, habe ich ihn gefragt, ob er mitmachen möchte. Giel war bei einer Probe und da er jeden Song fehlerfrei spielen konnte, war er dabei. Robin hat früher bei ABUSIVE ACTION gespielt und ist ein toller Drummer. Bei Giel und Robin war ich mir nicht sicher, wie sie auf das wochenlange Touren reagieren würden, aber sie haben den Test bestanden und dies ist unsere bisher beste Besetzung. Jeder passt perfekt in die Band und hat seine Prioritäten gesetzt.



Früher waren deine Texte etwas gesellschaftskritischer, wieso sind sie jetzt eher persönlicher Natur?

Ich habe auch seit Beginn immer persönliche Sachen geschrieben. Jede Veröffentlichung deckt einen neuen Bereich meiner Entwicklung ab und manches verändert sich eben. Mit 17 habe ich angefangen, und da ich jetzt 27 bin, wäre es seltsam, wenn sich nicht etwas an der Art verändern würde, wie ich die reale Welt in den Lyrics wiedergebe.



Ihr seid in Amerika auf Tour gewesen, und Südamerika steht als Nächstes an. Was für Erwartungen habt ihr, und denkt ihr, dass die Menschen dort sich in euren Inhalten wieder finden?

Wir sind noch nie dort gewesen, also haben wir auch keine Erwartungen. TERROR und BORN FROM PAIN hatten aber nur Gutes zu erzählen. Unser Label No Mercy Records hat die Tour gebucht und wir sind froh, dass wir sie als Partner haben, weil sie wissen, worum es im Hardcore in ihrer Region geht. Unsere Musik und die Live-Shows werden die Kids in Bewegung bringen. Diese Reaktion erfahren wir weltweit, aber auch die Texte kommen an. Sie sind persönlich gehalten und handeln von Freundschaft, Wut und unserer kranken Gesellschaft. Man kann sich weltweit damit identifizieren.



Seid ihr eine positive Hardcore-Band, obwohl ihr schwierige Themen behandelt? Gebt ihr den Kids positive Impulse?

Wir sind nie eine positive Band gewesen, aber auch nie eine, die alles negativ sieht. Wir sind eine Hardcore-Gruppe, die persönliche Texte über beide Aspekte hat. Das Leben kann hart sein, aber wenn man sich auf die Dinge konzentriert, die man liebt, dann erlebt man einen Umschwung ins Positive. Für mich ist es positiv, wenn wir Kids motivieren können, stark zu sein und sie sich mit unseren Texten identifizieren können. Ob das Vehikel jetzt ein positiver Text wie "Never give up" oder ein negativer Song wie "Stay away" ist, finde ich dann nicht so wichtig.



Das Artwork zeigt eine Schlange, die mit einer Eule kämpft. Steckt eine tiefere Bedeutung dahinter?

Das Design ist von Ben Kahle und die Eule ist ein Symbol für Weisheit und das Gute an sich, die Schlange ist stellvertretend für das Böse und alles Schlechte. Das Gute gewinnt letzten Endes, ebenso wie wir versuchen, unsere Träume zu verwirklichen, egal, was kommt. Die Idee kam bei einem Brainstorming mit Johan Prenger von Reflections Records. Das Erscheinungsbild ist ähnlich wie das unserer Reflections-7", die wir Anfang 2006 veröffentlicht haben.



Ihr habt auch einige Gäste auf dem Album.

Wir haben mit einigen tollen Sängern gearbeitet: Pjotr von ENEMY GROUND, Pete von NO APOLOGIES, Saki von YOUR MISTAKE und Aram von BETRAYED. Alle sind gute Freunde von uns, und das macht es interessant. Saki kam zu uns nach Belgien ins Studio und half mir bei vielen Parts. Aram und Pete sangen ihre Passagen in Hengelo ein, als wir mit BETRAYED auf Tour waren, da sie die Tour manageten. Pjotr kam auch einen Tag lang vorbei und das war absolut klasse. Es ist super, Pete dabei zu haben, der ja aus Australien kommt, und Aram lebt ja jenseits des Atlantiks. Das war ein besonderes Erlebnis, das alles während der Tour zu machen.



Welche Veränderungen gab es bei den ehemaligen Mitgliedern und welche Pläne hast du für die Zukunft?

Generell kann man sagen, dass die ehemaligen Mitglieder mehr Zeit für sich und ein geregeltes Leben wollten. Man sollte aber nicht vergessen, dass wir sieben Jahre lang eine überaus stabile Besetzung hatten, in der wir hart gearbeitet haben. Sie hat das Fundament dafür gelegt, was NO TURNING BACK gerade tun. Es ist nichts Falsches daran, eine funktionierende Beziehung führen zu wollen oder eine abgeschlossene Schulbildung zu haben. Sie leben ihr Leben weiter und werden auch glücklich mit ihrer Entscheidung sein. Ich für meinen Teil werde älter, aber meine Prioritäten sind dieselben geblieben. Die jahrelange harte Arbeit zahlt sich nun aus, und es werden sich noch mehr Dinge mit harter Arbeit verwirklichen lassen. Ich hoffe einfach, dass ich weiterhin meine Ziele umsetzen kann.

Thomas Eberhardt

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #70 (Februar/März 2007)

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