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Interviews & Artikel

KEVIN DEVINE

Wie man bei Verstand bleibt

Der junge Rotschopf aus Brooklyn wirkt auf den ersten Blick unscheinbar, aber auf seinem vierten Album "Put Your Ghost To Rest" lässt er das seither so passende Label Singer/Songwriter ziemlich routiniert zurück und man ist doch etwas verwundert, wenn man hört, dass Kevin nebenbei noch Zeit hatte, ein Studium an der Universität erfolgreich abzuschließen, und kurzzeitig auch bei einem Major unter Vertrag war. Soviel zum unscheinbaren Äußeren. Devine spielt nun inzwischen mit einer Band und sein viertes Album profitiert sicherlich davon, dass er den schlichten Songs seiner Anfangstage ein opulentes Gewand umgelegt hat. Trotz einiger Elliott Smith-Zitate und BRIGHT EYES-Anleihen bleibt Devine ein großer Songwriter, der auch politische Themen anpackt.



Siehst du dich in der Tradition der Protest- und Folksänger?



Da bin ich mir nicht ganz sicher. Meist denke ich über solche Dinge auch gar nicht nach, sollen sich die anderen darüber den Kopf zerbrechen. Ich schreibe Songs über Leute und spiele sie dann wieder anderen Leuten vor. In diesem banalen Sinne bin ich wohl ein Folksänger, wie jeder andere auch einer ist. Was den Protestsänger angeht, ist mein momentanes Schaffen eher darauf konzentriert, meine eigenen Probleme in den Griff zu bekommen. Dabei akzeptiere ich auch vieles, was ich nicht verstehe und auch nicht in den Griff bekommen kann. Manchmal schreibe ich über die Welt insgesamt, die Einordnung dessen, was ich tue, überlasse ich anderen. Ich bin nur ein Journalist, und manchmal ein Tagebuchschreiber, manchmal auch beides.



Hast du ein politisches Programm? Dein letztes Album "Split The Country, Split The Streets" klang jedenfalls so. Was sollte der Titel transportieren?

Die Zeit, in der wir leben, ist ziemlich erschreckend und zugleich irgendwie berauschend. Das einzige politische Anliegen, welches ich habe, ist die faire Behandlung aller Menschen auf der Welt zu jeder Zeit. So gesehen ist dies auch kein politisches Programm, sondern eher ein humanitärer Ansatz. Jedenfalls definiere ich die Welt aufgrund dieser Ausdrücke und wenn die Dinge, die auf der Welt passieren, in diesem Kontext für mich keinen Sinn ergeben, dann singe ich darüber. Was nicht bedeutet, dass ich immer Recht habe, es ist nur eine Meinung, eine kreischende Stimme mehr im Chor. Dieses Album diente hauptsächlich dazu, eine Parallele zwischen meiner persönlichen Ruhelosigkeit und der politischen Unruhe aufzuzeigen, die ja weitreichender ist. Teils war das Album persönlich, teils ging es um soziale Themen. Der Titel verdeutlicht dies meiner Ansicht nach ziemlich gut. Zudem vereint der Titel zwei meiner Lieblingssätze aus den beiden wichtigsten Songs auf dem Longplayer, das war ein weiterer Grund für genau diesen Titel.



Die letzten zwölf Monate waren von diversen Labelwechseln gekennzeichnet. Ein Major hatte dich zuerst gesignt und dann wieder gedroppt. Wie genau war die Sachlage?

Fruitcake/Defiance/Cargo lizensieren gerade das aktuelle Album "Put Your Ghost To Rest" in einigen europäischen Ländern. Ich bin diesen Menschen auch sehr dankbar, dass alles so gut klappt. Sie haben ihre kleinen Motoren gebündelt und sorgen dafür, dass das Fahrzeug sich bewegt. Das Album wurde kurzfristig von Capitol Records/EMI im Oktober veröffentlicht, ohne dass es einen Business-Plan oder finanzielle Unterstützung gegeben hätte. Die anfängliche Auflage war extrem gering und dann auch schnell verkauft. Die Presse wurde nicht kontaktiert und außer meinem selbstentwickelten Tourplan gab es eigentlich keine Werbung. Ich wurde dann am Ende gedroppt, weil Capitol ein zu geringer Vermögenswert attestiert wurde und man die Company zu einer Fusion mit Virgin, ebenfalls Besitz von EMI, zwang. Für mich war es ein Glücksfall, denn dieses Jahr war voller neuer Energie, gab mir Bestätigung und verstärkte meinen Fokus auf die Musik. Meine Freunde von BRAND NEW haben ein Label namens Procrastinate! Record Traitors gegründet und das Album in Amerika neu veröffentlicht.



Für mich bist du das Chamäleon unter den Singer/Songwritern, die aus der Emocore-Szene hervorgegangen sind. Du änderst immer wieder deinen musikalischen Stil. Woher kommen all diese Ideen? Denkst du, dass Veränderung generell wichtig ist?

Freut mich, dass es so auf dich wirkt, aber es ist kein bewusstes Vorgehen meinerseits. Ich schreibe nur das, was mir in den Sinn kommt und daraus entsteht ein Lied. Die Ideen kommen von überall, sehr beständig und manchmal auch aus dem Irgendwo und überhaupt nicht, zum Beispiel, wenn es trocken ist und lange nicht geregnet hat. Ich nehme mir aber nie vor, einen bestimmten Song zu schreiben. Stilistisch bin ich frei, es gibt nicht die Zielsetzung einen Punk-, Rock-, Folk- oder Countrysong zu schreiben. Es beginnt mit einem Funken und diesen versuche ich dann bestmöglich fortzusetzen.

David Bazan von PEDRO THE LION hat mal gesagt, er würde mit vielen "hired guns", also angestellten Musikern arbeiten, die nicht langfristig zur Band gehören. Waren die Musiker auf "Put Your Ghost To Rest" Freunde oder Studiomusiker?

Bis auf zwei Ausnahmen, nämlich Rob Schnapf, der mal Gitarre gespielt hat, inzwischen ein guter Freund ist und das Album fantastisch produziert, und Greg Leisz, der Pedal Steel bei einem Song gespielt hat, sind es alles Leute, mit denen ich schon seit Jahren spiele. Mike Skinner war Drummer bei MIRACLE OF 86 und ist seit "Make The Clocks Move" immer mal wieder dabei. Amy und Chris Bracco und Carey Brandenburg haben seit jenem Album auch immer wieder mal mit mir aufgenommen. Russell Smith ist ebenfalls seit damals dabei, während Margaret White erst bei "Split The Country, Split The Street" zur Band kam. Meine Mitmusiker kursieren ja auch unter dem Bannner THE GODDAMN BAND und diese ist eher ein Kollektiv, als eine richtige Band. Die Musiker auf dem Album sind nicht immer identisch mit den Musikern, die live mit mir auftreten, sofern ich mir eine Band leisten kann. Dieses Line-up existierte eine Weile, aber es gab schon eine ziemliche Fluktuation an Musikern. Zu den bereits genannten kommen noch Mike Strandberg und Brian Bonz aus Brooklyn. Die zahllosen Optionen, was Musiker angeht, bieten einem Singer/Songwriter natürlich die Chance, so viele verschiedene Aspekte eines Songs auszuleuchten, wie nur möglich. Dies ist wohl das Ziel eines jeden Singer/Songwriters: eine extreme Vielfalt in den Songs zu entwickeln.



Du kommst eigentlich aus New York, aber das aktuelle Album klingt sehr ländlich. Hast du die Stadt verlassen? Wo wohnst du denn im Moment?

In Brooklyn. Ich reise aber sehr viel. In mancher Hinsicht ist das Album aber auch typisch für New York. Allerdings hängt dies natürlich immer ein wenig davon ab, welche Gegend New Yorks man vor Augen hat.



Die Wirtschaft in den USA steht vor großen Problemen. Menschen müssen ihre Häuser verlassen, da sie nicht mehr die Raten bezahlen können, Banken gehen bankrott und der Krieg im Irak verschlingt weiterhin täglich Unmengen an Geld und etliche Leben. Hast du als Musiker eine Meinung zu all diesen Themen, betreffen sie dich?

Der Börsenkrach, die Bear Stearns-Probleme und die Hypotheken-Krise betreffen mich sogar wesentlich mehr, als ich es manchmal wahrnehme. Oft bin ich ziemlich ignorant, was diese Dinge angeht, und versuche mich von den meisten Hamsterrädern fernzuhalten. Ich halte es aber für extrem abgefuckt, dass ehrliche, hart arbeitende Menschen ihre Häuser verlieren, weil sie eine schlechte Finanzberatung hatten, oder sich entgegen jeglicher Vernunft dem verführerischen Amerikanischen Traum hingaben. Es ist verrückt und es dreht sich einem der Magen um, wenn man eine Weile darüber nachdenkt. Der Krieg im Irak ist ebenfalls ein unheimlich dummer und sehr tragischer Fehler gewesen. Wir sind dort einmarschiert und haben willkürlich ein ganzes Land zerstört, seine Infrastruktur, das Bildungssystem, die sozialen Rahmenbedingungen, die Gesundheitsvorsorge, den Zugang zum Wasser. Wir haben das Land in ein totales Chaos versetzt, was die Bevölkerung angeht. Natürlich habe ich zu all diesen Dinge meine Meinung, aber sie ist wohl nicht immer die intelligenteste. Meine Reaktionen sind roh, reaktionär und wütend. Daher versuche ich mich auf die kleinen Dinge zu beschränken und mein eigenes Leben zu verändern und damit die Veränderung, die ich weltweit sehen möchte, persönlich einzuleiten. Nur so bleibt man bei Verstand.



Vor einigen Jahren bist du mit DASHBOARD CONFESSIONAL getourt, seitdem bist du mit vielen anderen Bands unterwegs gewesen. Hast du von den Tourpartnern etwas gelernt, oder denkst du, du konntest manchmal jemandem gute Tips geben?

Ich bin sicher, dass wir uns gegenseitig alle möglichen Dinge beibringen. Einige sind praktischer Natur, andere eher abstrakt, einiges gut, anderes weniger gut. Jeder, mit dem ich auf Tour war, hat mir etwas beigebracht. Jeder einzelne Mensch vermittelt einem was. Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, ist dies ganz die Natur der Tiere. Chris war damals so nett, mich auf die Tour mitzunehmen, und hat mich die ganze Zeit sehr warmherzig behandelt. Seine Band war ebenfalls freundlich.

Wo wir schon beim Thema sind, DASHBOARD CONFESSIONAL haben einen Song als Titelmusik zu einer deutschen Teenie-Serie beigetragen und Chris hat auch noch ein Duett mit der Sängerin von JULI gesungen. Denkst du, dass Musiker an Mitspracherecht verlieren, wenn es die Karriereleiter hochgeht?

Nun, ich kenne nicht die näheren Umstände dieser Entscheidungen und es geht mich auch nichts an ... Ich versuche mir soviel Unabhängigkeit wie möglich zu bewahren und treffe nur Entscheidungen, die mir sinnvoll erscheinen, diese sind aber manchmal schwerer durchzusetzen als andere. Davon abgesehen verkaufe ich aber gar nicht genügend Platten, um für ein Label oberste Priorität zu haben. Falls dies je eintreten sollte, halte ich es für eine schwierige Angelegenheit, den Erwartungen der Leute gerecht zu werden und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die Konten der Geschäftsmänner immer schön im Plus sind. Ich bin in der beneidenswerten Lage, dass ich mir darüber keine Gedanken machen muss. Ich kann mich auf die Musik konzentrieren, ohne dass dieser ganze geschäftliche Kram das überlagert, was wirklich wichtig ist.

Thomas Eberhardt

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #79 (August/September 2008)

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