Interviews & Artikel : IAN MACKAYE & DISCHORD RECORDS :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

IAN MACKAYE & DISCHORD RECORDS

„I care, but I don’t give a fuck.“

Worüber redet man mit Ian MacKaye? Über alles. „30 Minuten“ war meine naive Schätzung als Antwort auf seine Frage, wie viel seiner knappen Zeit ich in Anspruch nehmen wolle. Letztlich wurden es 70 Minuten, denn ich hatte viele Fragen und Ian viel zu sagen. Antworten bekam ich auf meine Fragen nach den Wurzeln von Straight Edge – ich nahm hier die Doku „Edge“ zum Anlass, den „Erfinder“ des Ganzen zu Wort kommen zu lassen –, zu Veganismus als ursprünglich nicht mit SxE verbundene Lebensweise, zu Ians musikalischen Aktivitäten der Gegenwart – ja, THE EVENS, das aus Ian und seine Partnerin Amy Farina bestehende Duo ist sehr lebendig – und zur Arbeit von Dischord Records, jenem legendären Label, das 2010 seinen 30. Geburtstag feiert. In der Tat, es war 1980, als Jeff Nelson und Ian MacKaye mit „Minor Disturbance“ von TEEN IDLES (Ian spielte hier Bass) die Katalog-Nr. 1 von Dischord veröffentlichten. Bald darauf kam dann mit Nr. 3 die erste MINOR THREAT-Platte, und seitdem unzählige andere. Dischord, das konsequent nur Bands aus der US-Bundeshauptstadt Washington veröffentlicht, ist bis heute auch das Modell eines Labels, das sich entgegen einer rein kommerziellen Ausrichtung auch für Inhalte einsetzt, das in seiner Hochphase bis Mitte der Neunziger auch den Gedanken der kollektiven Arbeitsweise pflegte und so neben SST Records zu einem der erfolgreichen, vorbildhaften Modelle der Selbstorganisation von Punks wurde.

Ian, in der „Edge“-Doku beschwerst du dich darüber, dass du bis heute gefragt wirst, ob du noch straight edge bist. Wann ist dir das zuletzt passiert?

Das ist eine Weile her – aber ich war ja auch nicht auf Tour, wo solche Fragen oft kommen. Vielleicht ist das aber ja auch endlich vorbei und keiner traut sich mehr, das zu fragen, weil ich schon so viel älter bin als alle anderen Anwesenden bei so einem Konzert. Außerdem hat das Interesse am Thema Straight Edge spürbar nachgelassen, zumindest hier in den USA. Aber ob heute oder damals, die Frage war für mich nie interessant, und ich selbst habe nie jemandem diese Frage gestellt. Es ist einfach nicht höflich, und die Frage ist nicht vereinbar mit meiner Einstellung zum Leben. Jeder soll sein Leben so leben, wie er will – und genau darum geht es auch in dem Song. Und letztlich ist der Unterton der Frage „Bist du straight edge?“ immer der von „Und was, wenn nicht?“. Das ist wie wenn dich jemand fragt „Sind deine Eltern verheiratet?“, oder „Bist du Christ?“. Dahinter verbirgt sich immer die drohende Frage „... und was, wenn nicht?“ „Was, wenn du kein Christ bist, wenn deine Eltern nicht verheiratet sind?“

Es ist also die Frage nach den Sanktionen, wenn die Antwort nicht die ist, die der Fragende erwartet.

Ja, du wirst überprüft. Das ist wie, wenn dich die Polizei anhält: „Haben Sie getrunken?“, „Wohnen Sie hier?“ Letzteres werde ich in meiner Wohngegend hier in D.C. immer wieder gefragt, und immer will ich antworten: „That’s none of your fucking business!“ Aber das sind Cops, es ist deren Job, sich in das Leben anderer Menschen einzumischen, auch wenn sie das nichts angeht. Ich bin aber kein Cop, ich rede nicht so mit Menschen und will auch nicht, dass Menschen so mit mir reden. Gerade in den Neunzigern passierte mir das oft, dass fremde Menschen versuchten, mich über mein Leben zu verhören.

Darf ich dir dennoch eine Frage über dein Leben stellen?

Klar.

Bei einem Menschen wie dir, der vor mittlerweile 30 Jahren wichtige Aussagen gemacht hat, die das Leben vieler anderer Menschen, aber auch dein eigenes stark beeinflusst haben, frage ich mich immer, ob diese Person jenseits dessen, was man öffentlich wahrnimmt, nicht ein Leben mit ganz anderen Interessen führt, die für sie selbst viel wichtiger sind als das, was die Öffentlichkeit kennt. Was also interessiert dich im Leben? Brieftaubenzucht? Gartenarbeit?

Hahaha, das Leben an sich interessiert mich! Ehrlich, ich wache morgens auf und freue mich. Ich rede mit vielen Menschen, ich höre viel Musik, ich lese sehr gern und viel, ich arbeite gerne an verschiedenen Projekten, ich helfe gerne anderen bei ihren Projekten, freue mich, wenn mein Rat gefragt ist. Und ich rede gerne mit Menschen, wenn jemand nicht weiter weiß in seinem Leben. Es interessiert mich, wie Menschen durchs Leben navigieren. Ich sehe das Leben als ein weites, leeres Feld mit ein paar Büschen und Gestrüpp hier und da. Auf diesem Feld bewegen sich die Menschen, und manche Menschen schaffen es immer wieder, sich genau in diesen Büschen zu verheddern. Und dann stehen sie da, schreien „Hey, ich hänge in diesem Busch hier fest!“, und ich bin derjenige, der daneben steht und ruft „Komm aus diesem verdammten Busch da raus!“ So sehe ich das Leben, als leeres Feld. Meine Musik in deinem Heft, was bedeutet das unterm Strich? Nichts! Aber weil ich das sagen kann und weil ich das schätze, hat es für mich eine Bedeutung. Der wirkliche Wert von etwas liegt immer nur darin, dass wir einer Sache diesen Wert zusprechen. Ich definiere das. Und wenn man etwas verliert, dann ändert sich die Welt dadurch nicht, das wirft die Erde nicht aus ihrer Bahn. Wenn während unseres Gesprächs das Dischord-Haus explodieren würde, alles restlos zerstört werden würde, was würde das für eine Auswirkung auf einen Baum in Äthiopien haben, ein Auto in Serbien, einen Hund in Australien? Keine! Ja, ein paar Leute wären traurig darüber, dass all die Platten vernichtet wurden, aber sonst würde es niemand kümmern. Wenn man also in seinem Leben einmal den „Who cares?“-Punkt erreicht hat, und bei mir war das recht früh, dann bist du frei. Oder lass es mich so ausdrücken: „I care, but I don’t give a fuck.“ Was das bedeutet? Dass ich es schon immer ernst gemeint habe: Ich stehe hinter jedem Text, den ich jemals geschrieben habe. Es gibt nichts aus der Vergangenheit, hinter dem ich nicht stehen kann oder wofür ich mich schämen würde. Andererseits: Wenn sich jemand meiner Texte bedient, um sie mit seiner fundamentalen Einstellung zu pervertieren, dann kann mich das nicht belasten. Denn das ist ja ein grundsätzliches Problem von jeder Art von Kunst: Wenn sie einmal „raus“ ist, lässt sich nicht kontrollieren, wie sie aufgenommen wird.

Und wie gehst du damit um?

Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, einfach durch Erfahrung, dass man es seinem Gegenüber nicht zu einfach machen darf. Oder um es mit einer Sport-Analogie zu sagen: Wenn man wie beim Football einen leichten Ball wirft, macht man es dem Gegenspieler leicht, den zurückzuspielen. Also lautete meine Lektion: Mach deine Texte etwas verwirrender. Meine Texte waren früher auch einfach extrem direkt: Ich wollte mich so klar und deutlich ausdrücken, wie nur möglich. Meine Idee war, dass es so am schwersten sein sollte, mich falsch zu verstehen. Ich bedachte aber nicht, dass damit auch die Gefahr der Fehlinterpretation gegeben war. Wenn man eine Idee hat und sie klar zum Ausdruck bringt, kann jemand anderes sie einfach nehmen und für seine eigenen Zwecke verwenden, ohne weiter darüber nachdenken zu müssen. Das habe ich gelernt, aber auch, mich nicht von der Fehladaption meiner Aussagen durch andere beirren zu lassen.

Inwiefern hat eine Weltsicht wie deine einen religiösen Aspekt?

Ich habe mich noch nie eingehend mit Religion oder Philosophie beschäftigt, ich hänge keinerlei Religion an und ich habe dazu auch nichts zu sagen, ermutige auch niemanden, an das eine oder andere zu glauben oder auch nicht. Und doch, ja, es gibt Übereinstimmungen zwischen meiner Weltsicht und christlichen oder buddhistischen Prinzipien. Aber das liegt daran, dass jeder in erster Linie Mensch ist und dann erst Christ oder Buddhist. Viele religiöse Prinzipien sind also in erster Linie grundlegende menschliche Prinzipien und Ideen, die von Religionen aufgegriffen und mit ihrem „Markenzeichen“ versehen wurden. Nimm so was wie den Grundsatz, dass man niemandem etwas antun soll, von dem man nicht will, dass es einem selbst zugefügt wird: das ist ein Grundsatz moralischen Handelns, keine explizit christliche Idee. Aber die Christen vereinnahmen so was immer gerne für ihre Sache, das ist wie die Verwendung eines Punk-Songs für einen Werbeclip.

Und wie stehst du zu organisierter Religion?

Ich habe kein grundsätzliches Problem mit organisierter Religion, aber ich habe eines mit Menschen, die Religion benutzen, um mit ihrer Hilfe Macht auszuüben, um andere Menschen zu verwunden, zu zerstören, zu töten. Das ist verwerflich. Und genauso empfinde ich angesichts von Nationalismus. Jeder von uns lebt zufällig in irgendeinem Land, und ich eben in den USA. Aber ich gebe darauf einen Scheiß, es ist doch kein heiliger Ort. Als Kind war das noch anders, da dankte ich Gott dafür, in den USA geboren worden zu sein, denn die Propaganda hatte mir das so beigebracht. Da hieß es, die USA seien „God’s country“, jeder auf der Welt würde sich wünschen, hier leben zu können, und es sei das tollste Land der Welt. Also hielt ich mich für unglaublich privilegiert, hier leben zu dürfen. Tja, und dann fing ich irgendwann an, mit meiner Band in anderen Ländern auf Tour zu gehen, und ich begann zu verstehen, was für eine surreale Idee das Konzept des Nationalismus doch ist angesichts der Zufälligkeit des Ortes unserer Geburt. Identifizieren kann ich mich hingegen mit meinem Stadtteil hier in Washington, Glover Park. Hier bin ich aufgewachsen, hier im Viertel kannte ich alle Kids, und so ist dieser Ort ein Teil von mir. Diesen Aspekt meiner Persönlichkeit erkenne ich an und respektiere ich, aber wenn jemand von mir verlangen würde, auf dieser Basis meiner Herkunft einen anderen umzubringen, dann lautete die Antwort: Fuck off! Die Regierung in diesem Land und die Großunternehmen, die sie manipulieren, sind allerdings abscheulich, denn sie wissen beide genau, wie man mit religiösen und nationalistischen Empfindungen Menschen beeinflussen kann. Gleichzeitig weigere ich mich aber auch, Religion grundsätzlich zu verdammen, denn Religion hat in den USA auch in maßgeblicher Weise zu positiven gesellschaftlichen Veränderungen beigetragen, denn die religiöse Linke hat sich in den Sechzigern stark für Bürgerrechte und gegen den Krieg in Vietnam engagiert. Und welche Kraft religiöse Bewegungen haben, kann man aktuell erkennen am verdammt starken Einfluss der christlichen Rechten. Die haben es geschafft, die Menschen in diesem Land so einzulullen, dass die sich nicht mehr darüber aufregen, dass Leute, die für die Regierung arbeiten, überall auf der Welt morden. So was zeigt mir ganz deutlich, welche Macht die Kirchen haben. So haben also die christlichen Linken Gutes getan, die Rechten machen das Gegenteil, doch unterm Strich berührt mich das dann doch wieder nicht so sehr – denn ich bin ja kein Christ.

Lass uns nach den Themen Straight Edge und Religion doch über was ganz Grundsätzliches reden: übers Essen. Wie ernährst du dich, wie stehst du heute zu Veganismus und Vegetarismus?

Ich spreche darüber normalerweise nicht, denn ich bin misstrauisch gegenüber dem kultischen Aspekt dieser Ernährungsweise. In den letzten Jahren allerdings habe ich aber festgestellt, dass es immer wichtiger ist, sich dafür zu engagieren, denn es macht mich wütend, wie es im Zuge dieses ganzen Slow Food- und Bio-Hypes plötzlich als okay angesehen wird, beispielsweise von Hand aufgezogene Kühe wegen ihres besonders guten Fleisches umzubringen. Diese Mode, besonders gutes Fleisch zu horrenden Preisen zu konsumieren, empfinde ich als ganz besonders anstößig und unmoralisch. Essen, das den Mord an einer anderen Kreatur voraussetzt, ist das eine, aber das andere ist der Preis: Essen für Reiche in der Preisklasse von Juwelen.

Du sprichst von diesen Kobe-Rindern ...

Ja, aber auch von den Bio-Bauern hier aus der Gegend. Ich verstehe ja, dass die Leute versuchen sich Gedanken über die Tierhaltung zu machen, aber ich bin seit 25 Jahren Veganer und denke darüber nur selten nach, denn es ist für mich verdammt einfach, vegan zu leben, und ich weiß genau, was ich essen will und was nicht. So simpel ist es. Bestimmte Dinge esse ich nicht, ich vermisse in meiner Ernährung nichts, und ich finde es gut, das Gefühl zu haben, mein Leben auch in dieser Hinsicht selbst unter Kontrolle zu haben. Wenn mir dann Leute sagen, sie wüssten nicht, ob Veganismus was für sie wäre, man müsse ja doch auf so viel verzichten, den Geschmack von Fleisch oder Käse würden sie ja doch vermissen, dann antworte ich immer, dass das noch niemand interessiere. Es sind nur wir selbst, die einer bestimmten Sache ihren Wert zuweisen. Und ja, ich vermisse manchmal etwas. Zum Beispiel auf der Straße vor dem Haus Football spielen, wie damals als Kind. Und vielleicht vermisse ich ja auch das Gefühl, sich in die Windeln zu scheißen. Aber ich mache das eben nicht mehr. An manchen Punkten unseres Lebens müssen wir eben bestimmte Entscheidungen fällen. Ich kritisiere aber ungern andere Menschen, weshalb ich mich nicht gerne über meine Einstellung äußere. Solche Entscheidungen muss jeder für sich selbst treffen, das ist eine persönliche Angelegenheit. Darüber hinaus empfinde ich allerdings die so genannte Fleischindustrie jenseits der Tatsache, dass Tiere sterben müssen, als so krank, pervertiert und umweltvergiftend, dass ich es nicht verstehen kann, wie jemand so etwas unterstützen kann.

Wie wurdest du zum Veganer, wie hat sich der Gedanke einer solchen Ernährung in die Straight-Edge-Idee „eingeschlichen“, die ja zu Beginn nur den Verzicht auf Drogen aller Art zum Inhalt hatte?

Ich kann dir gerne meine Sicht der Dinge darlegen. Als ich Punk wurde, haben wir nur Müll gegessen. Wir nahmen zwar keine Drogen und tranken keinen Alkohol, aber wir soffen Softdrinks, bis sie uns zu den Ohren rauskamen. Und dazu aßen wir Junkfood. Das war unsere Art „Fuck you!“ zu sagen. Als Jugendlicher hast du nur recht geringe Möglichkeiten zu rebellieren, und in der amerikanischen Gesellschaft ist angesichts der geringen Möglichkeiten, diesen Wunsch nach Rebellion auszuleben, einer die Selbstzerstörung. Und dabei helfen Drogen und das Trinken. Wogegen wird da rebelliert? Gegen die Eltern, gegen sich selbst, weniger gegen die Gesellschaft. Und letztlich zerstört man sich mit Alkohol und Drogen nur selbst, und wenn du dich als Feind der Gesellschaft fühlst, tust du der damit nur einen Gefallen. Und so war mir in Bezug darauf schon früh klar, dass ich mich nicht selbst zerstören sollte, wenn mein Problem doch die Gesellschaft ist. Junkfood zu essen geht in eine ähnliche Richtung: Junkfood ist eine mildere Form der Selbstzerstörung, ein langsamer Tod.

Und wie kam da nun Vegetarismus ins Spiel?

Ich kannte Vegetarier schon in den Siebzigern, meine ältere Schwester war eine. Unter meinen Freunden gab es zwar keine, aber wir hatten hier und da mal mit welchen zu tun. Vor allem erinnere ich mich an die Jungs vom MDC, die echte Hardcore-Vegetarier waren. Mit MINOR THREAT trafen wir mal in San Francisco auf die, und wir stritten uns vehement mit ihnen. Sie argumentierten, dass wir mit unserem Fleischkonsum die „Multi Death Corporations“ – daher der Bandname MDC – unterstützen, und rückblickend verstehe ich dieses Argument auch. Aber damals aßen MDC zwar kein Fleisch, aber sie tranken und nahmen Drogen, ja sie und ihre Freunde verkauften sogar Drogen. Und der Drogenhandel ist ja wohl auch eine „Multi Death Corporation“. Auf diesem Niveau also stritten wir uns, aber ich kann nicht bestreiten, dass die Argumente, die MDC gegen den Fleischkonsum anführten, letztlich Eindruck auf mich machten. Ich fand keine Argumente, die es rechtfertigten, mit meinem Fleischkonsum weiterhin die Fleischindustrie zu unterstützen – und vorher hatte ich da nie darüber nachgedacht. Ungefähr zu der Zeit unterhielt ich mich auch mit Tomas, dem Sänger von BEEFEATER, der Vegetarier war und 1983 ins Dischord-Haus einzog. Wir diskutierten viel, und mich beeindruckte besonders sein Song „Dog day“. Es geht darin um einen Hund, der durch die Straßen läuft und aus Neugier in ein Schlachthaus gerät. Er sieht da all die toten Kühe an den Haken, und plötzlich hängt er selbst da am Haken und wird getötet. Als die Angestellten das bemerken, haben sie Mitleid mit dem armen Hund, finden sein Schicksal schrecklich – aber nicht das der Kühe. Und diese Argumentation beeindruckte mich. Er fragte mich, warum ich dann nicht Vegetarier werde, worauf ich antwortete, das müsse ich selbst entscheiden. 1984 dann ging ich für ein paar Wochen nach England, um ein paar Leute zu besuchen, und ich beschloss, für diese Zeit mal probeweise auf das Essen von Fleisch zu verzichten. Und was soll ich sagen, meine Erfahrung gefiel mir, ich hatte Essen vorher noch nie als so genussvoll empfunden. Ich weiß auch noch genau, wann ich das letzte Mal bewusst Fleisch gegessen habe: Das war direkt nach der Rückkehr aus England, und meine Mutter hatte eine große Portion Brathähnchen für mich zubereitet. Ich traute mich nicht, ihr direkt zu sagen, dass ich das nicht essen kann, also aß ich das Hähnchen und gestand ihr danach, dass das das letzte Hähnchen war, das ich gegessen habe. Tomas erzählte ich übrigens auch nichts von meiner Entscheidung, der hat erst nach sechs Monaten gemerkt, dass ich kein Fleisch mehr esse.

Und wie passte das mit deiner Idee von Straight Edge zusammen?

Die Idee von Rebellion und der Verzicht auf Selbstzerstörung machten für mich im Zusammenhang mit dem Verzicht auf Fleisch absolut Sinn, das war ein logischer Schritt. Ich schrieb den Song „Straight edge“, um meiner Idee Ausdruck zu verleihen, dass man sich um sich selbst kümmern muss, dass man sich dem Müll verweigert, den die Gesellschaft in dich reinstopfen will, und in diesem Kontext machte es Sinn, auf Fleischkonsum zu verzichten. 1984/85 kam dann jemand vom Flipside-Fanzine aus Los Angeles nach Washington, D.C. und sie interviewten verschiedene Leute aus dem Dischord-Haus. Sie befragten auch mich, und ich sagte, Vegetarismus sei für mich im Kontext des Songs ein logischer Schritt.

Und ab da wurde Vegetarismus als essentieller Teil der Straight-Edge-Lebensweise wahrgenommen?

So schnell ging das nicht, es brauchte seine Zeit. Nun, Ray Cappo von YOUTH OF TODAY mag das anders sehen und behaupten, ich sei verrückt, aber ich erinnere mich an Folgendes: YOUTH OF TODAY spielten im 9:30 Club in Washington als Vorband von SHUDDER TO THINK, und so ging ich hin. Ich unterhielt mich mit Ray, und da kam von ihm der Satz: „Was soll das eigentlich mit dem Vegetarismus? Du kannst doch nicht einfach die Regeln ändern!“ Ich antwortete, dass es keine Regeln gäbe, sondern dass es für mich einfach Sinn mache, kein Fleisch zu essen. Ray selbst war damals nämlich noch kein Vegetarier, doch bald darauf wurde er einer und nahm eine noch strengere Position ein zu dem Thema, wurde ein Krishna-Jünger. Und ab diesem Zeitpunkt war Vegetarismus dann ein Teil von Straight Edge, entwickelte sich dann weiter zu noch fundamentalistischeren Versionen, mit Hardcore-Veganern, Animal-Rights-Position und sogar Abtreibungsgegnern.

Wir reden von Bands wie EARTH CRISIS, VEGAN REICH und Co.

Ja, wobei ich diese Leute gar nicht kannte, sondern nur auf deren Fans traf. Aber du wolltest hören, wie ich zum Vegetarismus und Veganismus fand, und ich kann da nur für mich sprechen, ich weiß nicht, wie andere das erlebt haben. Es war einfach, da wiederhole ich mich, eine logische Entwicklung. Wenn man darüber nachdenkt, wie wir so leben, können wir uns sicher auf Folgendes verständigen: Im Leben gibt es drei fundamentale Bedürfnisse, nämlich Luft, Wasser und Essen. Und man könnte ergänzen, es brauche auch Sex, zur Erhaltung der Menschheit. Um die Luft kümmern sich die Menschen ganz gut, das sieht jeder ein. Wasser? Manche bezahlen unglaublich viel Geld für eine Flasche Wasser. Also ist ihnen das auch wichtig. Und Sex, da wissen wir beide, wie viel Zeit die Menschen mit dem Gedanken daran zubringen. Und wie viel Geld sie dafür ausgeben, auf die eine oder andere Weise. Und was nun das Essen anbelangt, tja, da reicht es den meisten Menschen, sich irgendwelchen Scheiß in den Rachen zu stopfen. Diese Tatsache, also dass das Essen so einen geringen Stellenwert besitzt, obwohl es doch etwas „Heiliges“ ist – und mit „heilig“ meine ich nur den menschlichen Aspekt, keinen religiösen, denn ohne Essen kein Leben. Wenn du deinem Körper etwas zuführst, sollte das dann nicht vollwertig und echt sein und kein Müll? Das ist für mich logisch, aber andere Menschen finden das verstörend. Aber das kann mich nicht belasten, denn ich lebe mein Leben und denke darüber nach. Erinnerst du dich noch an EMBRACE? Für die schrieb ich den Song „If I never thought about it“, und der bringt meine Gefühle zu dem Thema immer noch perfekt zum Ausdruck: Ich denke darüber nach, was ich tue, was ich sage. Ich stresse mich deshalb nicht, ich mache mir deshalb nicht ständig Sorgen, aber ich denke über alles nach und handle entsprechend.

Denkst du auch darüber nach, was neben der Ernährung und Drogen schief läuft bei der Menschheit? Ich las eben einen langen Zeitungsartikel über die „normale“, quasi produktionsbedingte weltweite Ölverschmutzung jenseits der Katastrophe im Golf von Mexiko, und es ging da auch um die unglaublichen Mengen von Plastik, die weltweit produziert werden, wovon sehr viel irgendwann irgendwo in der Umwelt oder im Meer landet. Und als Plattenlabel produziert Dischord natürlich auch viel Plastik, ob nun in Form von CDs oder Vinyl.

Oh ja, ich mache mir darüber auch Gedanken. Und ich weiß, dass Labels Plastik verkaufen. Dazu stehe ich, und dazu habe ich auch eine klare Meinung, die ich mit einer kleinen Rätselfrage erläutern will: Wie nennt man eine Platte, die sich keiner anhört? Antwort: A piece of fuckin’ trash. Die hat keinerlei Wert, die ist nur Müll. Und mir ist es auch egal, wie viele Platten ich von einem Release verkaufe, ob 100 oder 1.000. Wichtig ist, dass man nicht 1.000 herstellt, wenn nur 100 verkauft werden, und andersherum. Du hast Recht, die Ölindustrie ist komplett versaut, aber ich denke auch, dass das nicht zwangsläufig so sein müsste. Deine Frage ist wirklich sehr berechtigt, und ich denke, man muss einfach sehen, dass wir zur Verbreitung unseres Anliegens einfach auf bestimmte Werkzeuge angewiesen sind, hinter denen auch schreckliche Firmen stecken können. Aber wo macht man da den Anfang? Über welche Firma telefonierst du, wer steckt hinter der Telekommunikationsinfrastruktur, die wir nutzen, wer produziert deinen Computer? Ja, du hast Recht, all solche Überlegungen bereiten auch mir Kopfschmerzen. Aber ich muss auch sagen, dass man sich zwar Gedanken über seine Art zu leben machen kann, dass man daraus bestimmte Entscheidungen ableiten kann, aber nur innerhalb des Rahmens, den man wirklich beeinflussen kann. Kannst du beeinflussen, dass das Zeitschriftengeschäft auf einem Produkt basiert, das die Verwendung von Bäumen zur Papierherstellung beinhaltet? Nein! Hast du den Computer oder Mobiltelefone erfunden, die Akkus brauchen, die Lithium enthalten? Würde es das Flugzeug nicht geben, hätten FUGAZI damals in den Achtzigern nicht in Europa gespielt, du würdest die Band nicht kennen und wir würden heute nicht telefonieren. Kannst du dich all dem entziehen? Solche Sachverhalte sind oft wie das Wetter, dem man sich in der Wahl seiner Kleidung einfach fügen muss. Man muss sich einfach an einem Punkt entscheiden, wie weit man sich seine Nase in den eigenen Arsch stecken will, um zu erkennen, ob es stinkt. Jenseits eines gewissen Punktes tut man sich selbst und der Welt einfach keinen Gefallen mehr.

Gab es für dich einen bestimmten Punkt in deinem Leben, an dem du dich für so eine pragmatische Sichtweise entschieden hast?

Es gab einen bestimmten Punkt, ja. Das war nach dem Ende von MINOR THREAT, während EMBRACE existierten. Da unterhielt ich mich mit einer Freundin, und die sagte, meine Songs folgten alle dem Muster „Mach dies nicht, tu das nicht!“ Sie empfand das nicht unbedingt als negativ, aber ich schaute mir daraufhin mal meine Texte an. Alle meine Songs sind im Grunde Liebeslieder, denn ich will Wohlbefinden. Und ich fragte mich dann, warum ich all diese Songs für TEEN IDLES und MINOR THREAT geschrieben habe, was mein Ziel war, was ich mit ihnen erreichen wollte. Mein Ziel war, für eine Welt einzutreten, in der alle glücklich und in Frieden leben können. Das war meine Idee. Und dann überlegte ich, wie meine Lieder mit dieser Vorstellung übereinstimmen, ob sie auf Menschen so wirken, wie ich mir das vorstelle, also dass sie sagen: „Ja, er hat Recht, das sind gute Ideen, lasst uns besser friedlich sein und uns nicht selbst zerstören, nicht wie Schafe in unser Schicksal fügen.“ Und ich fragte mich, warum ich nicht an dem Punkt stehe, an dem ich glücklich bin, warum ich selbst nicht das Leben lebe, über das ich singe. Also beschloss ich, meinen Frieden zu machen mit dem Leben, nicht immer zu kämpfen. Das heißt nicht, dass ich nicht mehr wütend bin, aber eben nicht immer und über alles. Du kennst doch auch irgendwelche total politischen Punks, die immer über irgendwas wütend sind und kritisch gegenüber allem. Aber warum? Was ist ihr Ziel, warum diese Wut? Weil sie eine bessere Welt wollen. Und dafür wollen sie wütend leben und sterben, das soll der Welt helfen? Deshalb also habe ich mich entschieden, ein gutes Leben zu haben, mein Leben zu genießen, an die guten Dinge zu denken und nicht wütend, verbittert oder zynisch zu sein. Das ist verdammte Zeitverschwendung, und so beschloss ich, die Welt mit all ihren Fehler zu akzeptieren. Menschen fügen sich nunmal gegenseitig unglaublich brutale Dinge zu, aber das war schon immer so, das muss ich akzeptieren. Wichtig ist nur, dass ich selbst so etwas nicht tue und solch ein Handeln nicht unterstütze. Wem würde es denn was nützen, wenn ich heute zu deprimiert wäre von der Situation in Afghanistan und Irak, um mit dir zu telefonieren? So zu leben ist sinnlos. Viel wichtiger ist es, wie ein Gyroskop zu sein, Energie zu haben, für das Gute zu arbeiten und anderen zu helfen, die das Gleiche wollen. Deshalb telefonieren wir. Meine zugrundeliegende Idee ist es, Menschen zu inspirieren, Neues zu schaffen. Das ist für mich Punk, nicht das Abfeiern von Altem. Und deshalb wird Punk nicht sterben.

Wenn du schon vom Schaffen von Neuem sprichst: Was treibst du gerade musikalisch?

Amy und ich haben heute morgen erst geprobt. Im Mai 2008 wurde unser Sohn geboren, so dass wir eine ganze Weile keine Konzerte gespielt haben, doch wir haben die letzten sechs Monate ständig geprobt und werden den Sommer über Konzerte spielen. Im Herbst wollen wir dann wieder auf Tour gehen, mit unserem Jungen. Und dann werden wir erneut versuchen, Live-Musik jenseits des klassischen Club-Systems zu spielen. In den USA funktioniert das schon recht gut, aber Europa ist in der Hinsicht recht konservativ, wie ich feststellen muss: Da kann sich kaum jemand vorstellen, ein Konzert mal nicht in einer Kneipe, einem Club oder einem Jugendzentrum zu veranstalten. Ich verstehe das, die bestehenden Strukturen sind ja auch sehr praktisch, aber Bequemlichkeit ist der Tod der Innovation. Wir spielen deshalb lieber in Büchereien, Galerien, Museen, Scheunen, Gärten und so weiter – wir können überall spielen! Unsere Idee ist es, die Musik aus den Klauen der bekannten und vorhersehbaren Form der Darbietung zu befreien. Und wenn ich mich bis heute immer wieder gegen den Konsum von Alkohol ausspreche, dann hat das nur zum Teil etwas mit moralischen Einwänden dagegen zu tun, sondern auch damit, dass das Live-Musikgeschäft heute komplett vom Verkauf von Alkohol abhängig ist. Und auch wenn wir mit FUGAZI in Deutschland darauf geachtet haben, in okayen Läden zu spielen, so bin ich doch sicher, dass es immer wieder auch ein besetztes Haus oder ein Jugendzentrum gab, in dem es den Verantwortlichen ganz egal war, wer da an dem Abend spielt, sondern wo sich jemand auf die hohen Getränkeumsätze freute. Als wir dann mit den EVENS versuchten, Konzerte ohne Alkoholverkauf zu buchen, hieß es, das sei nicht möglich. Ich finde das interessant, denn ersetze einfach „Bier“ durch „Crack“ oder „Kokain“: „Nein, Konzerte ohne Crack sind nicht möglich.“ Ja, das Bier „schmiert“ die Laune des Publikums bei einem Konzert, stellt eine Art Nebelwand dar, hinter der man sich verstecken kann, und ja, es garantiert ein Einkommen, von dem sich die Veranstalter abhängig gemacht haben, aber das sind nur Nebenaspekte: Die Musik kommt von den Musikern, und zu einem Konzert wird ein Auftritt erst durch die Besucher – das sind die beiden entscheidenden Faktoren, nur auf die kommt es an. Mit den EVENS versuchen wir nun, die Vorhersehbarkeit eines Konzertes aufzubrechen, und die wiederum hängt von der Art des Veranstaltungsortes ab. Unter den „normalen“ Konzertorten wiederum bevorzugen wir solche, die All-Ages-Veranstaltungen machen, unkommerziell arbeiten, ja irgendwie neuen Ideen aufgeschlossen sind, aber ehrlich gesagt, fand ich auch viele der „alternativen“ Konzertorte in Deutschland wenig inspirierend. Wirklich Spaß machen uns deshalb Konzerte, die an ungewöhnlichen Orten stattfinden, etwa in einem alten Kino. Wir fangen um acht an, keine Vorband, eine Stunde, und viel Zeit, sich mit den Leuten zu unterhalten. Das ist viel ansprechender als um 22 oder 23 Uhr erst auf die Bühne zu gehen, und hinterher sind alle müde und wollen nach Hause. Solche Routinen aufzubrechen ist für mich radikal – das ist Punk!

Das Touren wird dadurch aber nicht einfacher.

Das stimmt, dadurch sind wir für viele Leute vom Radarschirm verschwunden, die glauben, ich würde gar keine Musik mehr machen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Ich bin heute aktiver als in früheren Jahren. Aber es stimmt auch, dass wir mit FUGAZI so ein harsches Kontrastprogramm nie hätten durchziehen können, schon von der Menge der Leute her, die da zu den Konzerten kamen. Sollten die EVENS je bekannter werden, wäre ich sicher auch gezwungen zu überlegen, wie das Konzertkonzept dann aussehen müsste. Bei den EVENS ist derzeit alles schön klein und überschaubar, da kommen im Schnitt 200 Leute und wir haben alles unter Kontrolle, die Shows sind immer ein intensives Erlebnis. Und wenn jemand sagt, das sei ja kein Punk, so rein musikalisch, dann entgegne ich „What the fuck are you talking about?!?“ Ein Konzert ohne Security, ohne Distanz zum Publikum, ohne Bier, ohne Spotlights, das ist doch Punk, das ist die direkte Konfrontation: Keiner kann sich verstecken, weder das Publikum noch die Band. Das heißt übrigens nicht, dass ich jetzt komplett gegen Shows in normalen Clubs bin, aber neue Ideen entwickeln sich nur, wenn wir die Routine durchbrechen.

Reden wir über Dischord. In den letzten Jahren erschienen auf deinem Label kaum Alben aktiver oder gar neuere Bands, stattdessen gab es eine Konzentration auf die Neuauflage von Dischord-Klassikern, mit neu gemasterten Aufnahmen und auf Vinyl. Warum diese Beschäftigung mit der Vergangenheit, anstatt die Gegenwart in Form interessanter neuer Bands aus Washington zu dokumentieren?

Nun, deine Annahme setzt voraus, dass da interessante neue Bands sind. Aber derzeit ist hier eher wenig los, und ich wäre froh, wenn mich jemand auf spannende Bands hinweist. Aber leider sind keine neuen, radikalen Bands aufgetaucht. Klar gibt es hier coole Leute mit guten Ideen, aber im Vergleich zu früher ist Washington heute ziemlich ruhig. Ich sehe immer wieder interessante Bands, aber die sind meist jung und brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Früher war die Szene in D.C. anders. Da waren alle Bands super engagiert, legten extremen Wert auf ihre Bühnenperformance. Wir wollten alle übertrumpfen, denn wir standen immer im Schatten von New York City, also mussten wir uns besonders anstrengen. Der Maßstab waren immer die BAD BRAINS, das war das unausgesprochene Credo: Geh nicht auf die Bühne, wenn du nicht vorhast, nur rauchende Trümmer zu hinterlassen. Gib immer 100%! Und die Idee von Dischord war, nur solche Bands zu dokumentieren – und auch nur Bands, die über eine gewisse Anhängerschaft verfügen. Doch dann kamen Bands auf uns zu und erwarteten, dass wir ihre Platte rausbringen, damit sie eine Anhängerschaft gewinnen können. Das kehrte das Konzept um, denn dann hast du es nicht mit einer Band zu tun, die sich bereits bewiesen hat, sondern machst Platten in der Hoffnung, dass sie irgendwem gefallen. Dazu kommt, dass sich so ab dem Jahr 2000 der Immobilienmarkt in Washington extrem aufgeheizt hat. Die Mieten stiegen immer weiter, und die ganzen Künstler, die Leute aus dem Punk-Underground, zogen aus der Stadt weg, viele gingen nach Brooklyn, und das hatte eine starke Sogwirkung, so dass es auch immer weniger Bands hier in der Stadt gab. Ich könnte sicher fünfzig Leute aufzählen, die nach Brooklyn gezogen sind.

Deshalb also die Konzentration auf die Neuauflagen?

Nun ja, im Dezember 2010 wird Dischord 30 Jahre alt, und das bedeutet, dass wir über das Vermächtnis sehr vieler Veröffentlichungen verfügen. Du musst diese Zeitspanne mal in Relation setzen: Als wir das Label 1980 gründeten, war 1950 30 Jahre her. Welches Verhältnis hatten wir damals zu Bands und Platten aus diesem Jahr? Kam es dir nicht auch 1980 so vor, als liege 1950 eine halbe Ewigkeit zurück? Und jetzt versetze dich mal in jemand, der heute 18 oder 19 ist – für den war Dischord schon immer da, das Label ist viel älter als er selbst. Die Mitglieder der Bands, die früher regelmäßig auf Dischord veröffentlichten, sind heute alle über 40, von denen haben viele anderes im Sinn als Musik, was nicht heißen soll, dass die jetzt langweilige Spießer geworden sind, aber die stecken ihre Energie eben in andere Projekte. Meine besten Freunde sind heute immer noch die Leute, deren Namen du aus den frühen Tagen des Labels kennst. Das sind nette, interessante Menschen, nur haben die oft keine Lust mehr, in Rock-Clubs zu spielen. Und wenn Menschen nicht mehr so oft ausgehen, ist es auch schwer, eine Musik-Community am Leben zu halten. Die Musikszene in den USA ist eben sehr jugendfixiert, das ist im Vergleich zu Europa wirklich ein Problem. Ich bin in Europa, in Deutschland immer wieder überrascht, wie viele ältere Leute da noch in der alternativen Musikszene engagiert sind – in den USA sind das viel weniger. In den USA ist stark das Denken verwurzelt, dass man als junger Mensch ja sowieso verpeilt ist und nicht weiß, was abgeht, doch dann kapiert man das irgendwann, man wird „real“ – und entledigt sich aller „nutzlosen“ Aktivitäten. Ich sehe das anders, ich denke, dass jeder von Anfang an „real“ ist, und mich haben die älteren Leute in der Szene in Europa wirklich inspiriert, ich fand es cool, dass da Leute auf Konzerte gehen, die älter sind als ich. Das passiert mir in den USA sehr selten, da sind eigentlich alle im Publikum jünger als ich.

Und was ist die Konsequenz daraus, dass kaum noch veröffentlichenswerte Bands aus Washington kommen?

Nun ja, die letzte Welle interessanter Bands war mit Q AND NOT U, BLACK EYES und Co. Die waren alle großartig, die spielten fantastische Shows, doch dann löste sich das alles auf, weil die einen unbedingt größer werden wollten und die anderen auf keinen Fall. Das und das Brooklyn-Phänomen schwächten die Szene. Danach kamen ANTELOPE, die waren gut, aber sie lösten sich auf. Ebenso EDIE SEDGWICK – ich liebte die Platte. MEDICATIONS – auch sehr schön. Aber wenn die live spielen, kommen gerade mal hundert Leute. Auch das zeigt, wie sehr sich die Szene geändert hat: Früher, Ende der Achtziger und in den frühen Neunzigern, mussten tourende Bands in Washington immer für lokale Bands die Vorband machen, weil wegen der hiesigen Bands viel mehr Besucher kamen. Das hat sich alles geändert, und so ist es durchaus wahrscheinlich, dass es keine Szene mehr geben wird, die Dischord dokumentieren kann. Und so habe ich mich letztes Jahr dafür entschieden, meine Energie in das Aufarbeiten des Vermächtnisses zu investieren, das all die Bands auf Dischord uns vertrauensvoll überlassen haben. Wir haben die Tapes, wir haben das Artwork – und den Auftrag, uns um diese Musik zu kümmern. Und so lange es auf der ganzen Welt Menschen gibt, die sich für diese Musik interessieren, ist es unser Job dafür zu sorgen, dass sie weiterhin verfügbar ist. Zwei Bands betrifft das ganz besonders: Die eine ist MINOR THREAT, die andere FUGAZI. Ja, bitte entschuldige, ich war beziehungsweise bin Teil dieser Bands, aber ich spreche gerade als Labelbetreiber. Die Musik dieser Bands ist für viele Menschen wichtig, und als Label habe ich die Verantwortung, mich um die Platten zu kümmern, denn es wäre traurig, sie auf einem anderen Label zu sehen. Allerdings muss man da zwischen MINOR THREAT und FUGAZI unterscheiden: Bei MINOR THREAT hat 1983 doch keiner von uns daran gedacht, dass von dem, was wir machen und sagen, irgendwas 27 Jahre später noch von Belang ist. Bei FUGAZI wiederum ist das anders: Die Band hat eine Vielzahl sehr lukrativer Angebote von großen Labels abgewiesen und hat sich bewusst für Dischord entschieden. Das macht es aber zur allerobersten Priorität für das Label, die Platten weiterhin verfügbar zu machen. Und so gehen die Umsätze zwar zurück, aber das Geld, das vorhanden ist, wird ausgegeben, um FUGAZI-Platten nachzupressen. FUGAZI haben insgesamt über drei Millionen Platten verkauft, und logischerweise sind es die Verkäufe von MINOR THREAT und FUGAZI, die Dischord bis heute am Laufen halten, die es ermöglicht haben, all die anderen Platten zu veröffentlichen, die es ermöglichten, die Leute zu bezahlen, die schon seit vielen Jahren für Dischord arbeiten – inklusive Krankenversicherung. Entsprechend fühle ich mich der Musik dieser Bands sehr verpflichtet, bin ich in der Position des Konservators. Und es geht auch darum, dass das Label der lebende Beweis dafür ist, dass eine Band wie FUGAZI sich selbst um ihre Geschäfte kümmern kann.

Und wie geht es weiter?

Ich weiß es nicht. Vielleicht ist in einem Jahr auch alles vorbei, wer weiß? 30 Jahre sind doch eine gute Leistung. Aber das macht mir keine Sorgen. Und wenn ich das Flugzeug schon auf den Boden bringen muss, dann muss es eine sanfte, sichere Landung sein. So ist das Leben: Ein Ende ist ganz natürlich. Der Tod ist nach der Geburt die zweite große Wahrheit im Leben.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #91 (August/September 2010)

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