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Interviews & Artikel

RESIDENTS

Something old, something new, something borrowed, something blue

Die RESIDENTS wurden von mir jahrelang mit Missachtung gestraft. Zwar war mir der Bandname geläufig, aber das war’s dann auch schon. Erst durch Ty Scammel – einem mittlerweile verstorbenen Flohmarkt-Plattenhändler aus Vancouver – sollte sich an diesem Dämmerzustand schlagartig etwas ändern. Er drehte mir „The Third Reich ’n Roll“ an, und diese 1976 erschienene Platte haute mich wirklich um. Eine geniale Mischung aus rüdem Zynismus und satirischer Aufarbeitung von Popsongs der 1950er und 1960er Jahre, mit einem Cover, das den Fernsehmoderator Dick Clark, eine einflussreiche Figur in der Rock’n’Roll-Szene der späten 1950er Jahre, in Hitler-Pose und SS-Uniform zeigt. Für mehrere Jahre erfüllte diese Platte alle Ansprüche, die ich an die RESIDENTS stellte. Der Großteil ihrer anderen Veröffentlichungen war für meinen Geschmack dann doch etwas zu merkwürdig.

Zum RESIDENTS-Debüt „Meet The Residents“ von 1974 etwa konnte ich überhaupt keinen Zugang finden – die Aufnahmen klangen irgendwie plump und wenig ausgefeilt. Auf dem 1989 veröffentlichten Album „The King & Eye“ nahmen sich die RESIDENTS dann Elvis-Songs auf nahezu dämlich-banale und sicherlich auch respektlose Art vor. Einmal legte ich die Scheibe zur musikalischen Untermalung einer Partie Scrabble mit meinen Eltern auf. Mein Vater hasste es, denn seiner Meinung nach traten die RESIDENTS Elvis’ musikalisches Erbe mit Füßen. Mir hingegen wurde langsam klar, dass im umfangreichen RESIDENTS-Gesamtwerk noch jede Menge interessantes Material verborgen war. Zudem übte es auf mich eine gewisse Faszination aus, dass sich niemand wirklich sicher war, wer oder was wirklich hinter den immer in Verkleidung und Maske auftretenden RESIDENTS steckte. Spätestens als sie dann in meiner Stadt spielten, ließ ich mich endgültig auf diese Band ein. Und ja, es hatte sich wirklich gelohnt. Auf einmal waren sie die interessanteste Band der Welt. Ich machte mich daraufhin mit ihren Klassikern „Eskimo“ und „Not Available“ vertraut, kramte „Mark Of The Mole“ und „Meet The Residents“ wieder aus dem Plattenschrank, ließ die Compilation „Petting Zoo“ in Dauerrotation laufen und stockte meine Sammlung an RESIDENTS-DVDs auf. Zwischen dem deutlich hörbaren und allgegenwärtigen Einfluss des 1974 verstorbenen Komponisten Harry Partch, ihrem Interesse an Gamelan-Musik und der überraschend leidenschaftlichen Qualitäten ihrer späteren Alben entdeckte ich mit Begeisterung, auf was für eine anspruchsvolle Ebene die RESIDENTS sich mittlerweile begeben hatten. Mit der Zeit wurden sie immer ausgefeilter, ohne dabei diese einzigartige, düstere Aura ihrer selbsterklärten Andersartigkeit zu verlieren, die sie seit ihren Anfangstagen in den frühen Siebzigern umgeben hatte. Lässt man sich erst einmal vom RESIDENTS-Fieber anstecken, findet sich so schnell kein Gegenmittel. In den letzten zwei Monaten drehte sich bei mir kaum etwas anderes auf dem Plattenteller, und es ist nicht abzusehen, dass RESIDENTS diesen jemals wieder verlassen werden.

Interviews geben die RESIDENTS selbst leider nicht, aber mit Cryptic Corporation-Sprecher Hardy Fox kommt man einem Interview mit dieser geheimnisumwobenen, bizarren Avantgarde-Band am Nächsten. Fox könnte durchaus ein Mitglied der THE RESIDENTS sein – er behauptet, er sei es nicht –, zumal er am Telefon denselben leichten Südstaatenakzent wie der Sänger der RESIDENTS aufweist. Das andere Mitglied des bandeigenen, 1976 von vier Freunden der RESIDENTS gegründeten Management-Teams Cryptic Corporation, Homer Flynn, könnte ebenfalls ein Mitglied der RESIDENTS sein, oder auch nicht, und laut der offiziellen Bandhistorie zusammen mit einigen Highschool-Freunden irgendwann in den Sechzigern von Shreveport, Louisiana nach San Francisco, Kalifornien übergesiedelt sein, wo die RESIDENTS vor fast 40 Jahren geboren wurden. Allerdings blieb ihr Wagen dabei auf halbem Weg liegen und so waren die angehenden Musiker zuerst in San Mateo beheimatet. Von dort schickten sie ihre ersten Kassettenaufnahmen an Hal Halverstadt von Warner Brothers, der auch schon mit Captain Beefheart gearbeitet hatte – einem erklärten Idol der Band –, aber die Sache wenig überzeugend fand. Womit laut Legende auch der Name THE RESIDENTS geboren wurde, denn da im Absender kein Name vermerkt war, wurde die Kassette eben an „The Residents“ („Die Bewohner“) unter der bekannten Straßenadresse zurückgeschickt. 1972 entstand deshalb das bandeigene Label Ralph Records, nachdem die RESIDENTS dann doch noch in San Francisco angekommen waren. Sind die RESIDENTS, die es bis heute geschickt verstanden haben, ihre Identität zu verschleiern, also möglicherweise eine der seltsamsten Bands dieses Planeten? Sagte ich „dieses Planeten“ ...?

Hardy, wie soll man eigentlich genau deine Rolle bei den RESIDENTS beschreiben?

Als ich in den Siebzigern nach San Francisco kam, verfiel ich ihnen, es waren interessante Leute, und ich half ihnen, bis sich daraus eine Karriere entwickelte. Meine Rolle könnte man als die eines „Managers“ bezeichnen, weil das etwas ist, was die Leute kennen und verstehen.

Du bist also nicht musikalisch involviert?

Doch, ich habe auf Alben mitgespielt. Ich bin aber kein wirklicher Musiker, und ich weiß nicht mal, ob es die anderen überhaupt sind.

Eigentlich weiß ich nicht mal, ob Hardy Fox wirklich dein richtiger Name ist.

Es ist mein richtiger Name. Es war schon der Name meines Vaters.

Stimmt es, dass die anderen an den RESIDENTS beteiligten Leute kommen und gehen?

Ja, einige kümmern sich nur um die USA und es gibt andere Leute in Europa. Aber wir reden hier nicht über die Bühnen-Aktivitäten, sondern über das, was dahinter läuft.

Auf der Bühne gibt es also einen Kern von Mitgliedern, der seit den Siebzigern relativ unverändert ist.

Oh ja, definitiv.

Es gibt angeblich Leute, die versuchen, eine Dokumentation über die RESIDENTS zu machen. Ist das etwas, wozu die RESIDENTS einen ermutigen würden oder eher nicht?

Nein, das würden sie nicht, weil ihre ganze Welt als ein Stück Mythologie angelegt ist und Dokumentationen darin nichts zu suchen haben – außer einer Fake-Doku vielleicht. Aber ehrlich gesagt höre ich das das erste Mal.

Was siehst du als größte Leistung der RESIDENTS an?

Ich glaube, die größte Leistung der RESIDENTS ist es, zu existieren ohne zu existieren. Ich meine, sehr wenige Leute haben sowas bislang getan oder versucht.

Möglicherweise habe ich Unrecht, aber ich glaube, Captain Beefheart auf dem 1974 aufgenommenen Album „Not Available“ als Sänger heraushören zu können. Ist ein Funken Wahrheit an dem Gerücht, dass er der bayrische Avantgardist und Guru der Band N. Senada war? Würdest du es mir überhaupt sagen, wenn es wahr wäre?

Ich würde es dir sagen, aber nichts davon ist wahr! Wenn du ein bisschen über Captain Beefheart recherchierst, findest du Interviews, in denen er über die RESIDENTS bei verschiedenen Gelegenheiten herzieht. Die RESIDENTS waren Fans von ihm, aber er war kein Fan der RESIDENTS. Beefheart hätte niemals bei einer RESIDENTS-Platte mitgemacht. Aber die RESIDENTS haben viel mit Eric Drew Feldman gearbeitet, und der war einer von Beefhearts Mitmusikern.

Entschuldige, dass ich dir diese Identitätsfragen stelle, aber ich war verwundert wegen einer Diskussion zwischen Mitgliedern eines Fan-Clubs, die ich aufgeschnappt hatte: Es ging um die Theorie, dass die RESIDENTS Zimmerleute waren, die in den Siebzigern nach Kalifornien kamen, um Instrumente für den Komponisten und Instrumentenbauer Harry Partch zu machen. Es ist eine wunderbare Geschichte, obwohl sie wahrscheinlich nicht wahr ist.

Nein, ist sie nicht. Aber ich mag sie so sehr, dass wir behaupten könnten, sie wäre es! Ich hatte nie eine Verbindung zu ihm oder den Leuten, die mit ihm gearbeitet haben. Ich habe mal ein Konzert gesehen, das mit seinen Instrumenten gespielt wurde. Das war allerdings nach seinem Tod. Sie hatten sich seine Instrumente besorgt und seine Musiker, die einige seiner Kompositionen spielten. Das war sehr bemerkenswert. Das war hier in San Francisco. Ich frage mich, was wohl mit seinen Instrumenten passiert ist ...

Aber die RESIDENTS haben durchaus phasenweise ihre eigenen Instrumente gebaut.

Das haben sie. Aber sie sind sehr projektorientiert. Sie denken nicht längerfristig, etwa daran, bis ans Ende ihres Lebens Instrumente zu bauen. Du baust etwas, weil du einen speziellen Sound für dieses Projekt brauchst. Also ist es nie besonders ausgereift.

Etwa für „Eskimo“?

Ja, aber über „Eskimo“ kursieren sehr viele Gerüchte. So behauptete man, sie hätten darauf mit gefrorenem Fisch gespielt, aber das haben sie nicht. Aber es gab ein paar speziell gestimmte Instrumente, eine Art von Marimba, die sie für das Album gebaut und benutzt haben, nur weil sie diese Töne brauchten. Sie behaupteten zwar, auf Knochen gespielt zu haben, aber das haben sie nicht. Du weißt ja, wie das ist mit den Mythen, du musst etwas Interessantes erzählen, wenn die Realität zu langweilig ist.

Gab es irgendwelche Reaktionen der Inuit auf „Eskimo“?

Gab es – wir hatten sehr positive Reaktionen, obwohl natürlich eingeräumt wurde, dass der Begriff „Eskimo“ für indigene Volksgruppen beleidigend ist. Es gab sicherlich einige Leute, die das verletzend fanden, aber die Eskimos, von denen wir gehört haben, liebten es, weil sie verstanden haben, dass es total fiktional war. Es ist die Erfindung eines Fantasiekonzepts hinsichtlich der romantischen Vorstellungen darüber, wie es ist, ein Eskimo zu sein, nicht ein Inuit, weil das Leben der Inuit anders ist.

Gab es jemals Versuche, eine „Eskimo“-Show auf die Beine zu stellen?

Nein, es gab nie eine „Eskimo“-Show. Wir haben zwar an einer gearbeitet, aber die war für eine Opernbühne gedacht. Aber letztendlich konnte es nicht finanziert werden und so ist es nie dazu gekommen.

Gab es noch andere Projekte, bei denen die RESIDENTS ihre eigenen Instrumente benutzt haben?

Was sie mit selbstgebauten Instrumenten machten, passierte vor allem in den Siebzigern. Denn die RESIDENTS haben sehr früh angefangen, mit digitaler Technik zu arbeiten, ich glaube, das war um 1984 herum. Sie fingen da an, mit Samples zu arbeiten. Anstatt selber Instrumente zu bauen, sammelten sie Samples und konnten ihr Instrumentarium so digital erschaffen, was viel schneller ging.

Das aktuelle Tour-Projekt der RESIDENTS heißt „Talking Light“, eine Meditation über das Altern und den Tod. Was kannst zu der Entstehungsgeschichte erzählen?

Momentan ist es tatsächlich so, dass sich die RESIDENTS älter fühlen. Aber sie laufen nicht herum und verraten jedem ihr Alter. Und da ist die Beschäftigung mit dem Tod eine interessante Sache, es ist eine universelle Erfahrung. Jeder stirbt, und jeder, der lang genug lebt, erfährt, wie es ist, alt zu sein. Das ist ein interessantes Konzept, um darüber nachzudenken, weil unsere Kultur so besessen ist von der Jugend und sie so sehr propagiert. Besonders in Hinsicht auf Live-Shows, die für die Jugend gestaltet sind und von ihr am Laufen gehalten, wird – es dreht sich alles um die Jugend. Also dachten die RESIDENTS, es wäre eine interessante Idee, dem Ganzen zu widersprechen und die Leute mit dem Alter und den Verlust der Sinne und allem anderen durch den Tod zu konfrontieren. Es fing mit einigen Aufnahmen, einigen Stories und viel Musik an. Im Mai 2009 gab es das Release vom ersten Teil von „Talking Light“. Und dann, über den Sommer, entwickelte sich die Idee, dass es eine Halloween-Show werden könnte. Zu Halloween war es aber nicht fertig, und so wurde es auf Januar 2010 verschoben und kam dann endlich auf die Bühne. „Randy’s Ghost Stories“ kam, glaube ich, ungefähr ein Jahr, nachdem die Halloween-Show hätte stattfinden sollen, heraus. In Europa müsste die Platte im Oktober 2010 erschienen sein. Das sind alles Geschichten, die in die Show integriert sind, aber die ist nicht jede Nacht gleich.

„The unseen sister“, ein Song, in dem eine kettenrauchende Frau die Geschichte ihres bösartigen, unsichtbaren Zwillings und ihrer Mitschuld am grauenhaften und surrealen Tod ihrer Mutter erzählt, ist aber Teil jeder Show, ebenso wie „Talking light“, oder?

Ja, das sind die Stützen der Show, der Anfang und das Ende. Und „The unseen sister“ ist ein besonders wichtiger Teil. Er wird immer gespielt, und ich bin mir sicher, dass das auch auf der nächsten Tour so sein wird. Was zwischendurch passiert, ist allerdings wandelbar.

Gibt es schon irgendwelche Pläne für das 40. Jubiläum?

Es gibt bis jetzt noch keine Pläne dafür, über die man sprechen könnte, da erst mal die letzte Tour abgeschlossen werden musste, das hatte Vorrang, aber sie werden kommen! Letzten November kamen sie von der Tour zurück und haben im Anschluss die Aufnahmen zu „Lonely Teenager“ abgeschlossen. Inzwischen proben die RESIDENTS wieder. Aber die Entscheidung darüber liegt mehr in den Händen ihrer Agenten. Denn die RESIDENTS planen keine Touren, sie spielen sie nur. Das wird alles von Promotern, Agenten, Veranstaltern und so was organisiert. Das ist viel zu komplex für uns, um es zu begreifen.

Apropos „Lonely Teenager“: Waren die RESIDENTS einsame Teenager? Fühlen sie sich inzwischen weniger allein?

Ich weiß nicht – gehört es nicht dazu, sich als Teenager allein zu fühlen? Sie fühlen sich jetzt wahrscheinlich weniger wie Teenager. Und ich glaube auch nicht, dass sie jetzt einsam sind, wahrscheinlich weil sie viel zu beschäftigt sind. Sie haben so viele Ideen, die sie realisieren möchten. Und ich glaube, sie wissen, dass sie nicht lang genug leben werden, um all das zu beenden, was sie angefangen haben.

 


Das Eyeball-Museum

Wer dem Mythos RESIDENTS jenseits von Alben und Konzerten näher kommen will, kann das im (inoffiziellen) RESIDENTS-Museum in Bremerhaven tun. Andreas Mathews ist der Band im Zeichen des Augapfels seit über 30 Jahren schon verfallen, er hat über 10.000 Exponate zusammengetragen und öffnet sein (privates) Museum gerne interessierten Besuchern. Kontaktaufnahme und Voranmeldung unter mutleht@gmx.de

 

Allan MacInnis

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #97 (August/September 2011)

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