MOSES SCHNEIDER

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Pimp your Übungsraum

In den letzten Teilen von More Than Music ging es inhaltlich um die Proberaumsuche, den Aufbau und das Aufnehmen. Wie passend, dass kürzlich Produzent Moses Schneider ein Buch schrieb, das sich genau mit der professionellen Aufnahme im Proberaum beschäftigt. Besser könnten diese Themen wohl kaum beendet werden als durch ein Interview zu seinem Buch „Das etwas andere Handbuch oder How To Pimp My Übungsraum“, gespickt mit Tips. Viel Spaß dabei

Moses, was hat dich dazu angeregt, „Das etwas andere Handbuch“ zu schreiben?

Also der Titel ist natürlich geklaut von „Das Handbuch: Der schnelle Weg zum Nr. 1 Hit“, von THE KLF. Das ist in den Neunzigern erschienen und so eine Art Tagebuch, das beschreibt, wie man einen Hit herstellt. Das Buch habe ich schon immer genossen. Aber der eigentliche Grund war, dass ein Kumpel von mir meinte, ich solle mal ein Buch schreiben und nicht so viel reden. Und dann gibt’s sicherlich noch ein sehr wichtiges Buch in meinem Leben, von François Truffaut: „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ Da interviewt der eine Regisseuer den anderen, wie und warum er das alles gemacht hat, und aus diesem ersten Interview wurde eine Freundschaft. Die haben das dann über zehn Jahre fortgesetzt und daraus wurde ein schönes, dickes Buch. Das Buch hat zwar mit Film zu tun, es geht aber in erster Linie um Kreativität. Darum, sich irgendetwas, erst mal Abstraktes zu überlegen, und dann zu schauen, wie man das eigentlich in die Realität umsetzen kann, sprich: der „Vertigo-Effekt“ und solche Geschichten.

Normalerweise fragt man, an wen sich das Buch richtet, mich interessiert aber viel mehr, von wem du dir wünschen würdest, dass er oder sie das Buch liest?

Also ich komme oft in die Situation, dass ich mit Bands rede und merke, die haben immer dieselben Probleme, und für diese Leute ist das eigentlich auch. Für die Leute, die im Proberaum sitzen und vom großen Studio träumen, aber nicht genau wissen, was das bedeutet, und die eigentlich mehr aus ihrem Proberaum machen könnten. Im Buch ist dann quasi das gesammelte Wissen dazu. Ich habe vor zwei Jahren angefangen, Fakten zu sammeln. Dann hatte ich das riesengroße Glück, dass die BEATSTEAKS sich entschieden hatten, die „BoomBox“-Platte doch im Proberaum aufzunehmen. Dadurch konnte ich die Sachen alle ausprobieren, das heißt also, alles, was da drinsteht, ist tatsächlich ausprobiert worden. Als die Platte dann Ende November 2010 fertig war und rauskam, habe ich mich Weihnachten hingesetzt und das dann runtergeschrieben.

Das Ganze ist ja auch mit Bildern illustriert. Mit „Boombox“ ist ein aktuelles Beispiel im Buch vertreten, ein anderes ist „Hordes Of Chaos“ von KREATOR. So ein bisschen in dem Stil ist aber auch die aktuelle FOO FIGHTERS-Platte, die wohl in Dave Grohls Garage aufgenommen wurde. Ist das momentan so ein Trend?

Das mag sein. Ich weiß jetzt nicht, wie eine Garage von einem Multimillionär aussieht, ich glaube aber nicht, dass da nur ein Vierspur-Kassettenrekorder drin steht. Dave Grohl hat bestimmt eine richtig geile Garage mit richtig viel Zeug drin und dann ist der Unterschied zu einem Studio nicht mehr allzu groß. Ob das jetzt ein Trend ist, weiß ich nicht. Ich denke, der Trend ist, dass immer weniger Bands einen Plattenvertrag und damit immer weniger Budget haben, um überhaupt Aufnahmen zu machen. Der Proberaum ist aber meistens da, sonst würde man als Band ja nicht zusammen sein und Musik machen. Insofern geht es auch darum, dass es eigentlich ein völlig anderer Entstehungsprozess von Musik ist, wenn man im Übungsraum aufnimmt. Damit meine ich, dass Musik schreiben, arrangieren und aufnehmen zu einem Prozess wird. Normalerweise probe ich ja immer mit den Bands im Proberaum und gehe dann mit der Band ins Studio. Das heißt, man fängt da wieder von vorne an, macht den Sound und versucht dann, innerhalb von 14 Tagen alles irgendwie aufzunehmen. Im Proberaum hast du die Möglichkeit, jederzeit aufzunehmen, und gerade bei den BEATSTEAKS war es so, dass wir Songs manchmal über Monate aufgenommen haben. Wir haben natürlich zwischendurch noch andere Songs aufgenommen, aber die Jungs haben dann mit ihrem Smartphone ihr Setup fotografiert, also ihre Einstellungen am Amp und ihre Effekte, ihre Effektpedale, wenn es eine bestimmte Beckenwahl gab oder eine bestimmte Snare dran war. Die Mikrofonierung hat sich nicht geändert und so konnte man sich dann eben einen Monat später entscheiden – „ach komm, wir nehmen hier den letzten Teil des Songs noch mal auf und schneiden das dann einfach zusammen“. Dass du dir einen Monat später überlegst, „komm wir nehmen das Ende noch mal auf“, das geht im normalen Studio natürlich nicht.

Was so gar nicht im Buch vorkommt, ist das eigentliche Mixen. Es geht im Wesentlichen ja um den Aufbau und die Mikrofonierung, auch wenn die meisten Bands jetzt die Liste der verwendeten Mikros nicht mal so eben im Proberaum rumfliegen haben. Da ist man schon mal gerne mit mehreren tausend Euro dabei ...

Das ist schon möglich, aber die Erfahrung ist eigentlich die, dass die Leute meistens immer schon irgendwelche Mikros haben und dann borgt man sich zum Beispiel mal von einem guten Kumpel eines für eine Weile. Also besteht die Möglichkeit, an gutes Equipment ranzukommen, und gut ist für mich dieses semi-professionelle Zeug. Denn ein richtig schlechtes Mikrofon, ein richtig schlechter Wandler oder ein richtig schlechter Preamp sind mir noch nie begegnet. Dass es natürlich bessere Sachen gibt, ist keine Frage, aber das entscheidet dann letzten Endes nicht mehr darüber, ob der Song oder die Produktion geil ist.

Aber das Mixen ist ja schon außen vor. War das eine bewusste Entscheidung?

Das war eine bewusste Entscheidung, weil sonst das Buch zu dick geworden wäre. Mein Ziel war schon, dass manes in seiner Hosentasche hat und immer mal darin blättern kann – da steht ja auch „... to be continued“. Da gibt es dann die Overdubs und außerdem die ganzen Spezialtricks, und es geht auch ums Mischen.

Also wird es eine Fortsetzung geben, womöglich ein ganze Nachschlage-Reihe?

Na ja, nach dem Mischen kommt das Mastern und dann ist meistens auch schon Schluss.

An so ganz unerfahrene Bands richtet sich das Handbuch jetzt aber auch nicht. Du erklärst beispielsweise nicht noch mal die Grundlagen und die Funktionsweise von unterschiedlichen Mikros ...

Erklärt habe ich auch deswegen nichts, weil die Leute, die nicht wissen, um was es da geht, mit so einem Buch schlichtweg überfordert wären.

Du sagst immer: „Was gut aussieht, klingt auch gut“ und nennst als Beispiel etwa das Kabelverlegen. Man muss einfach sauber und ordentlich arbeiten, selbst wenn man die ranzigste Punkband weit und breit ist, oder?

Ja, das gibt dem Ganzen auch eine Wertigkeit. Man gibt sich die Mühe, sich den eigenen Raum so zu gestalten, dass man darin stressfrei und angenehm arbeiten kann. Dass man nicht genervt ist von den 80.000 Bierpullen, die da rumstehen und von umgefallenen Aschenbechern und so. Wie gesagt, eben eine andere Wertigkeit.

Deine Musikbeispiele sind ja schon sehr unterschiedlich. Aber der Aufbau, oder was schlussendlich beim Aufnehmen gefordert ist, bleibt eigentlich gleich, oder?

Ja, es gibt auch noch andere Beispiele, es gibt auch Dendemann, also HipHop, das haben wir genauso aufgenommen. Da gab es auch eine Symmetrie und das war sogar mit Live-Gesang, da steht der Sänger dann in der Mitte. Jede Band, die live auf die Bühne geht, oder jede Band, die tourt, ist auch in der Lage, im Studio eine Live-Aufnahme zu machen. Deswegen ist es auch total egal, welcher Bereich das ist, ob Jazz, Punkrock, Metal oder HipHop – das nimmt sich nichts.Und so etwas wie das Phänomen des Übersprechens, das ist ja auch nicht abhängig von der Musik, das sind einfach physikalische Phänomene, vor denen man normalerweise immer Angst hat, aber das eigentlich gar nicht muss.

Das versucht dein Buch ja auch ganz klar zu vermitteln: Leute, probiert’s einfach aus, habt nicht immer diesen Respekt davor, ihr könnt das auch selbst.

Auf jeden Fall. Das ist viel einfacher. Deswegen hab ich ja auch das Nachwort, da sagt ja glaube ich Thomas Götz: „Das kann jeder, das ist keine Hexerei, solange man ein Maßband hat“ – und es ist genau das. Ein besseres Nachwort wäre mir gar nicht eingefallen.

Gibt es denn etwas, was eigentlich total wichtig ist, aber im Buch jetzt leider fehlt?

Ja, es fehlt das nullte Kapitel, wie mein Kumpel Ben es nannte, das ist die psychologische Voraussetzung. Fünf Freunde muss man sein, Stehvermögen haben und man muss sich selbst auch mal ans Bein pinkeln können und begreifen, dass es in einer Band eigentlich keine demokratischen Entscheidungen gibt, wenn es um Musik geht. Das sind Sachen, die muss man lernen, und wenn dann jemand für einen Titel die Verantwortung übernimmt, dann muss das nicht immer der Band-Chef sein, das kann auch mal derjenige sein, der eigentlich immer am wenigsten sagt. Dem fällt vielleicht zu einem bestimmten Song das meiste ein und der sollte dann eben derjenige sein, der auch das letzte Wort hat, solange kein Produzent rumrennt. Und das wäre das nullte Kapitel, also eigentlich die Voraussetzung dafür, wie man miteinander umgeht, wenn man sich in den Übungsraum begibt. Und so was kann eben auch zu einer Selbstzerfleischung führen, weil die Leute 100% erreichen wollen und eigentlich noch mehr, damit sie ihre Grenzen erweitern können, und dabei gibt es manchmal auch Tränen. Das gehört aber zu einer guten Band dazu, da muss man durch.