FRANTIC FLINTSTONES

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Giving Psychobilly A Good Name Since 1986

Bei meinem ersten kleinen Psychobilly-Festival 1988 waren auch die FRANTIC FLINTSTONES dabei. Es war ihre erste Tour auf dem europäischem Festland und die Berichte über die super Stimmung bei ihrem Konzert am Vorabend waren ihnen vorausgeeilt, entsprechend gespannt waren wir. Und die FRANTIC FLINTSTONES um Sänger Chuck Harvey sollten uns nicht enttäuschen. Sie brachten das erwartet Neue: Psychobilly der lustigen Art, sich nie selbst ernstnehmend und doch mit dem nötigen Drive, um die Menge zum Wrecken zu bewegen. Wie so oft im Psychobilly ist der Frontmann die entscheidende Figur, die die Band über all die Jahre zusammengehalten hat. Aktuell sind sie wieder neu formiert, dadurch jetzt komplett professionell aufgestellt, haben ein Album eingespielt, ihren Sitz nach Berlin verlegt und viele Pläne. Mehr dazu diesmal nicht vom Frontmann, sondern der neuen treibenden Kraft, Puck Lensing.

Puck, wie ist dein Bezug zu den Flintstones und Chuck Harvey, wie bist du zu der Band gekommen?

Ich bin in der Szene schon lange sehr aktiv, unter anderem bei den BOOZEHOUNDS, BARNYARD BALLER, SEWER RATS und Jim Jeffries. Ich bin mit den FRANTIC FLINTSTONES aufgewachsen, die ersten Songs, die ich 1988 auf der Gitarre spielen konnte, waren Flintstones-Songs. Beim Kontrabass war es genauso. Das hatte dann Auswirkungen auf mein Songwriting und das merke ich jetzt auch. Ich kann jetzt endlich alle Songideen unterbringen, die bei den anderen Bands nicht funktioniert hätten. Chuck kenne ich schon ewig und es ist geil, dass wir erst befreundet waren und ich dann in die Band gekommen bin. Ich habe zeitweise immer mal wieder in der Band gespielt. Wir touren, proben und recorden derzeit so viel, dass es sich mit regulärem Job oder Familie nicht mehr vereinbaren ließe. Ich glaube, die Band hat noch nie so viel geprobt wie wir jetzt im Moment. Mit der letzten Besetzung haben wir nie geprobt. Es ist auch nicht leicht, es mit Chuck und mir auszuhalten. Man muss positiv bekloppt sein und mit wenig Schlaf auskommen, weil wir alle Zeit und viel Enthusiasmus in die Musik stecken. Es ist einfach geil, mit Chuck einen Partner in Crime und Wahnsinn gefunden zu haben.

Wie ist die neue Platte entstanden?

Die Songs wurden alle von Chuck, Dan und mir geschrieben und arrangiert. Entstanden sind die Songs auf unterschiedliche Art. Bei manchen Tracks haben Chuck und ich uns bei mir im Homestudio getroffen, einen anderen Teil des Songwritings haben wir draußen im Park gemacht. Wir nehmen einfach mit Akustikgitarre und Gesang Ideen auf, alte Texte oder Riffs werden aufgegriffen oder neue Ideen ausprobiert. Bei „Chasin’ da dragon“ ist der Text zum Beispiel von 1991. Chuck hat eine riesige Sammlung von Texten und ich hab eine Sammlung von Songs, die bei mir seit 1988 angewachsen ist. Wenn ich eine Idee habe, nehme ich die schnell auf, früher mit Kassettenrecorder, jetzt im Homestudio, und manchmal passen dann Musik und Text gut zusammen.

Wie habt ihr aufgenommen? Die Platte klingt rauher als die letzten.

Wir haben live im Wild at Heart Studio in Berlin aufgenommen. Normal nimmt man ja heutzutage alles als Overdubbing auf, was für mich dann oft zu einem viel zu glattgebügelten Ergebnis führt. Ein paar Overdubs gibt’s immer, Gesang, Leadgitarre, Zusatzinstrumente, aber das Gerüst ist live. Die Platte „Nightmare Continues“, an deren Sound wir uns weitgehend orientiert haben, wurde übrigens komplett an einem Tag aufgenommen.

Ihr lebt jetzt in Berlin. Nur wegen der Mieten oder gibt es weitere Gründe?

Es gibt keine Stadt, in der die Psychobilly/Rock’n’Roll- und Musikerszene größer ist als in Berlin. Außerdem ist es eine gute Stadt für Musiker: Es gibt bezahlbare Wohnungen, Proberäume und Studios. Und es ist eine Stadt, die niemals schläft und einem auch sonst alle Möglichkeiten bietet. Chuck, Brun und ich wohnen alle in einer Hood, in Kreuzberg/Neukölln um den Hasenheide-Park herum. Dan ist Teilzeitberliner. Wir verbringen auch die Freizeit miteinander, also zum Beispiel Konzerte oder Minigolf, was richtig gut für das Bandklima ist. Ich hab auch schon in Bands gespielt, wo man das Gefühl hatte, dass einige es gar nicht erwarten können, zurück zu ihrem Job oder Privatleben zu kommen. Alle Bandmitglieder verdienen jetzt ihren Lebensunterhalt mit Musik und das macht einen großen Unterschied aus.

Wie seht ihr den Trend, dass alte Bands sich jetzt wieder neu formieren, nachdem sie ihre letzte Platte vor über 20 Jahren aufgenommen haben?

Die FRANTIC FLINTSTONES gibt es seit 1986 und haben sich nie aufgelöst, es gab nur kurze Unterbrechungen wegen Knast- und Krankenhausaufenthalten. Reunion-Bands gehen uns auf den Sack, 25 Jahre nicht gespielt, im Büro gesessen, daheim Plätzchen gebacken und dann „established since 1986“ ins Bandinfo schreiben, das geht einfach nicht. Das ist für mich ein Witz und auch ein schlechter Trend in der Szene. Ich schaue mir tausendmal lieber eine Band an, bei der die Mitglieder alle 16 Jahre alt sind und ihre Instrumente noch nicht perfekt spielen können, das hat wenigstens Eier.

Zur 100. Ausgabe vom Ox. Wie wichtig sind für euch Fanzines?

Das Ox und andere Fanzines sind für mich – genauso wie Konzerte, Tonträger, Flyer – fester Bestandteil des subkulturellen Lebens. Nichts davon kann durch das Internet ersetzt werden. Vinylscheiben machen mehr Spaß als mp3s. In die Hand gedrückte Flyer sind schöner als jedes Bildchen auf Facebook. Ich kauf mir jeden Monat bis zu fünf Fanzines, weil ich viel unterwegs bin und im Tourbus, Zug, Hotel oder auf dem Klo was zu lesen brauche. Das Ox hat mir so manche Zugfahrt gerettet. Es gefällt mir, dass viele Plattenbesprechungen drin sind. Einige der Reviewschreiber kommen griesgrämig rüber, das gehört aber auch dazu. Klare Stellungnahme zu Politik und Religion finde ich auch wichtig: Kein Nazi- und Religionsscheiß in der Subkultur und Fanzines.

Wir machen jetzt die nächsten 100 Ausgaben. Wie geht es bei euch weiter?

Wir touren wie bekloppt und haben schon viele Termine für 2012 gesichert, schreiben weiter an neuen Songs und haben vor, ein paar Vinylsingles rauszubringen. Das nächste Album ist auch schon in Arbeit. Nebenbei arbeiten wir noch an einem FRANTIC FLINTSTONES-Restaurant- und Imbisstest und an einem Kochbuch. Chuck ist ein guter Koch, wir anderen ziemliche Nieten, also wird Chuck alle Rezepte beisteuern. 2012 schreibe ich ein Tourtagebuch, aber eins, das auch die Tage zwischen den Konzerten behandelt.