EMPTY GUNS

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Früher war mehr HipHop

Hinter EMPTY GUNS verbergen sich fünf junge Männer aus Tangermünde, einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt, die seit 2005 zusammen Musik machen und mit ihrem Bandnamen erst mal für Verwirrung sorgen. Denn wer hier an eine weitere Hardcore- oder Screamo-Band denkt, liegt meilenweit daneben.

EMPTY GUNS werden in erster Linie Menschen ansprechen, die alte BLUMFELD-Alben besitzen, die etwas angestaubte Hamburger Schule von TOCOTRONIC besucht haben oder aktuell Kollegen wie VIERKANTTRETLAGER euphorisch abfeiern. Nennen wir es ruhig intelligenten (Indie-)Pop mit deutschen Texten, der im immer mehr verstrickten und undurchsichtigen Netz an neuen, teilweise überflüssigen Bands, auf keinen Fall untergehen darf. Aber so wirklich leicht machen es sich EMPTY GUNS ja nun nicht.

Warum gibt sich eine Band, die ausschließlich auf Deutsch textet, ausgerechnet einen englischen, fehlzuinterpretierenden Namen? „Den Bandnamen haben wir uns vor knapp sieben Jahren ausgesucht. Angefangen haben wir mit einer Art ,Gitarren-HipHop‘. Kein Crossover, eher Emo-Frickelleien mit gesellschaftskritischem Rap. EMPTY GUNS verstehen sich also als Parodie auf die damals viel zu beliebten und leider inhaltsschwachen Rap-Texte. Und natürlich haben wir auch einfach keinen Bock auf Gewehre“, berichtet Sören, der in der Band singt und sich zudem um das Booking für die eigene sowie befreundete Bands kümmert. Dass sie keinen Bock auf Gewehre haben, macht die Band natürlich noch sympathischer und auch ihre stark ausgeprägte „D.I.Y.-Politik“ ist beachtenswert. Wie bereits erwähnt, bucht Sören als Bandmitglied alle Shows der Band im Alleingang, außerdem kümmern sie sich selbst um die gesamte Vermarktung der Band.

„Wir wissen nach nun sieben Jahren Bandzusammengehörigkeit ziemlich genau, was es bedeutet, mit vielen Leuten und wenig Geld an einem Strang zu ziehen, um Vorstellungen und Pläne zu verwirklichen. Wir haben ein recht dichtes Netzwerk aus Freunden und guten Bekannten, unter denen jeder irgendetwas verdammt gut kann. Sei es Fotografie, Regie, Web-/Design oder Recording/Mixing. Nahezu alles, das von uns draußen wahrgenommen wird, haben wir mit Menschen geschaffen, die für uns weitaus mehr als nur Dienstleister sind. Wir selbst versuchen, Themen wie Booking, Label, Promotion oder Management einfach neben unseren Jobs und Vorlesungen zu bewältigen. Das klappt auch. Jedoch wäre es schon wünschenswert, das langsam mal abzugeben, um einfach auch mehr Zeit im Proberaum verbringen zu können.“

Vielleicht wäre es EMPTY GUNS hierfür doch zu wünschen, dass sich bald ein externer Partner findet, der die Band ein Stück weiterbringt. Aber wie mir Sören erklärt, hat die Band bislang mit ihrem Eigenengagement eigentlich alles erreicht, was sie als Band erreichen wollten. Auf kleine Liebhabernotwendigkeiten, wie eine Vinylversion ihrer aktuellen EP „Niemand hat vor eine Mauer zu bauen“, wird dann eben aufgrund des hohen finanziellen Aufwands verzichtet, jedoch nicht auf die Werte in der Musik an sich. Denn die eingangs angesprochenen intelligenten Texte von EMPTY GUNS beschäftigen sich, wie schon der Titel des aktuellen Outputs vermuten lässt, auch mit politischen Themen aus der deutschen Vergangenheit. „Der Name unseres Titelsongs der EP ist eine Anspielung auf das bekannte Zitat von Walter Ulbricht, der 1952 sagte: ‚Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten‘. Wir haben aber ganz bewusst auf ein direktes Zitat und ein Originalsample auf der Platte verzichtet, da wir in diesem Song lediglich unsere eigene, also eine moderne Sicht auf die Geschichte Deutschlands besingen. Niemand von uns ist heute alt genug, um wirklich Zeitzeuge zu sein. Wir sind zwar, bis auf unseren Drummer Thomas, alle in der DDR geboren, aber dann doch noch zu klein gewesen, um heute einen greifbaren Eindruck vermitteln zu können. Die Geschichte der beiden Hauptdarsteller des Songs, für die Aurich als Metapher der uneingeschränkten ,westlichen‘ Freiheit unerreichbar scheint, ihre Kapitulation vor dem ,grauen Gespenst‘, all das beruht nur vielleicht auf einer wahren Geschichte.“

Was jedoch leider nach wie vor eine wahre Geschichte widerspiegelt, ist die Ignoranz und Dreistigkeit, die EMPTY GUNS teilweise auf Tour entgegengebracht wird. Denn nach 20 Jahren „vereintes Deutschland“ sind EMPTY GUNS an vielen Orten noch die „Ossis“: „Bei diversen Konzerten wurden wir teilweise wie Außerirdische behandelt, weil wir aus dem ,Osten‘ kommen. Denn meist werden wir von Kids, die in den Neunzigern geboren wurden, gebeten, mal so komisch zu sprechen, wie ,die das da im Osten so machen‘. Generell nervt es uns einfach, dass es oft interessanter ist, woher wir sind.“

Solange man aber selbst noch weiß, wer man ist, sollten einen die „Anderen“ doch einfach mal am Arsch lecken. Und auch wenn die Gewehre der Jungs leer sind, musikalisch bekommt man hier definitiv keine leere Kost geboten – für mich sind EMPTY GUNS eine der Entdeckungen 2012!