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Interviews

GALLON DRUNK

A truly analogue band for the digital century

Die Ende der Achtziger in London gegründeten GALLON DRUNK – damals aus James Johnston (vocals, guitar, organ), Mike Delanian (bass), Max Decharne (drums) und Joe Byfield (maracas) bestehend – gehören zweifelsohne mal wieder in die Kategorie „criminally overlooked bands of the nineties“. Auch wenn ihr dunkler, brodelnder und noisiger Swamprock zwischen Punk, R&B und Jazz, den die Band auf ihren ersten beiden Platten „You, The Night ... And The Music“ (1992) und „From The Heart Of The Town“ (1993, hierzulande auf City Slang veröffentlicht) exzessiv praktizierte, damals von nicht wenigen Menschen anerkennend in einem Atemzug mit Tom Waits oder Nick Cave genannt wurde, was ja leider nicht gleichbedeutend mit kommerziellem Erfolg sein muss. Wenn man so will, alternative Qualitätsmusik der Neunziger und dementsprechend auch mit der nötigen Zeitlosigkeit und stilistischen Klasse ausgestattet.

Nach „From The Heart Of The Town“ verließ Schlagzeuger Decharne die Band und gründete die THE FLAMING STARS, die sich mehr an den gepflegten Vintage-Klängen der TINDERSTICKS orientierten. Wobei auch Johnston auf der dritten Platte „In The Long Still Night“ (1996, City Slang) das Feedback deutlich zurückfuhr, was dann noch viel stärker für das erst sechs Jahre später entstandene nächste Studioalbum „Fire Music“ auf Sweet Nothing galt (das Soundtrack-Album „Black Milk“ von 1999 mal nicht mitgezählt). Spärlich gestreute Releases und ständige Line-up-Wechsel dürften insofern dazu beigetragen haben, dass GALLON DRUNK schnell in Vergessenheit gerieten. Zumal Johnston – letztendlich alleiniger Motor der Band – in den 2000er Jahren endgültig seine Erfüllung als Mitglied der BAD SEEDS gefunden hatte (bereits Mitte der Neunziger war er dort als Ersatzgitarrist dabei, etwa bei einem „Top of the Pops“-Auftritt von Cave und Kylie Minogue) und erst 2007 mit „The Rotten Mile“ wieder unter dem Namen GALLON DRUNK ein Lebenszeichen von sich gab, das allerdings komplett unterging. Dieser Tage erschien weitere fünf Jahre später mit „The Road Gets Darker From Here“ dennoch ein neues, wieder hervorragendes Album dieser Ausnahmeband, dem es hoffentlich diesmal besser ergehen wird. Deshalb an dieser Stelle ein ausführliches Gespräch mit diesem ungemein charismatischen Sänger/Gitarristen/Organisten, der inzwischen auch mit Lydia Lunch bei BIG SEXY NOISE spielt.

James, auf eurer Website ist in großen Letter zu lesen „GALLON DRUNK sind zurück“, die Frage dabei lautet für mich, sind GALLON DRUNK überhaupt jemals „weg“ gewesen?


Nun, seit der letzten Platte „The Rotten Mile“ sind fünf Jahre vergangen, was für manche Bands eine lange Zeit ist. Da wir mit der Platte viel auf Tour waren und mit den Aufnahmen für die neue Platte schon bereits seit dem letzten Jahr beschäftigt waren, erschien es uns nicht so lang. Aber es ist auch viel passiert seit „The Rotten Mile“. Wie ich finde, eine tolle Platte, aber ich weiß nicht, ob sie die Verbreitung gefunden hat, die sie verdient hätte.

Um ehrlich zu sein, war mir bis vor Kurzem gar nicht bewusst, dass diese Platte überhaupt existiert ...

Oh, tatsächlich? Mit dem neuen Album soll das aber diesmal anders laufen und das freut uns auch. Um auf deine Frage zurückzukommen, wir sind also nicht wirklich „weg“ gewesen, wir haben nur viel mit anderen Bands gespielt und haben das gemacht, was wir eigentlich immer tun. Und dann ergab sich die Gelegenheit, mit Clouds Hill und Johann Scheerer als Produzent zusammenzuarbeiten. Das war purer Zufall, aber so passieren ja oft die besten Dinge im Leben. Wir wussten sofort, dass es die richtige Mischung von Leuten war, bei der man sich wohl fühlen konnte. Im selben Studio in Hamburg hatte ich auch schon ein Album mit FAUST aufgenommen, vor drei Jahren war das, glaube ich. Ich kannte Johann also bereits und die Leute im Studio. Als er GALLON DRUNK dann das erste Mal live als Trio spielen sah, wollte er mit uns unbedingt eine Platte in seinem Studio aufnehmen, was ich für eine gute Idee hielt und auch unverzüglich umsetzen wollte.

Und wie ungewöhnlich ist es für eine Band aus London, ein Album in Hamburg aufzunehmen?

Zuerst einmal war es echter Luxus für uns, von dieser alltäglichen Routine wegzukommen, wo einem alles viel zu vertraut ist, und sich ganz auf eine Sache zu konzentrieren. Natürlich spiegelt so ein Album das tägliche Leben wider, aber wir konnten uns völlig darauf konzentrieren, es aufzunehmen und uns darin zu verlieren. Es war toll, in Hamburg zu sein, wir nahmen drei unterschiedliche Sessions auf und blieben die ganze Zeit im Studio. Mir hat das sehr gefallen.

Meinst du denn, die Platte würde anders klingen, wenn ihr sie in London aufgenommen hättet?

Ja, ich denke schon. Zum einen, weil wir sie sicher nicht in solch einem Studio aufgenommen hätten, einem perfekt ausgerüsteten Analogstudio, von denen es in London nur wenige gibt. Wir hätten auch nicht die ganze Zeit im Studio bleiben können, alles wäre viel hastiger passiert. Obwohl es sich bei den meisten der Songs der Platte um die Versionen der ersten Aufnahmen handelt – Overdubs gibt es dabei kaum. Und man muss sich wirklich wohl fühlen, um Musik so aufnehmen zu können, ohne das gehetzte Gefühl, um fünf Uhr fertig sein zu müssen und dann mitten in der Hauptverkehrszeit nach Hause zu fahren.

Dir war also vor allem das analoge Feeling beim Aufnehmen der Platte wichtig ...

Ja. Digital ist natürlich besser, um deine Musik nachträglich zu bearbeiten, aber Analogaufnahmen sind schon etwas Besonderes. Jemand muss aufpassen, wenn sich das Band dem Ende nähert und man nur noch eine Minute übrig hat. Es macht die Sache spezieller und wertvoller, wenn man die Chance hat, so einen Moment auf Band festzuhalten. Und wenn man diesen Moment verpasst, ist er weg. Anstatt hinterher nur tausend kleine Teilchen zusammenzukleben, das ist einfach etwas ganz anderes. Vor allem bezogen auf unsere Arbeitsweise, denn wir wollen eine Version eines Songs, die zu einem bestimmten Zeitpunkt passiert ist. Wenn wir die Platte woanders aufgenommen hätten, wären vielleicht ganz andere Songs dabei herausgekommen, da wir recht unvorbereitet mit den Aufnahmen begannen, wir hatten nur kleine Songideen, die auf meinem Diktiergerät waren. Einzelne Gitarrenriffs und Bruchstücke von Texten, die wir vor Ort zum Leben erwecken wollten, damit alles spontaner ist und wir nicht schon im Vorfeld zu viel an diesen Ideen arbeiteten. So haben wir aber auch schon auf alten Platten wie „From The Heart Of The Town“ gearbeitet, wo wir ebenfalls recht unvorbereitet ins Studio gingen.

Wenn man „The Road Gets Darker From Here“ allerdings mit euren alten Platten vergleicht, fällt auf jeden Fall auf, dass sie einen ausgeprägten Jam-Session-Charakter hat.

Das stimmt, die Platte ist sehr rauh. Dafür ist auch Johann verantwortlich, der „The Rotten Mile“ kannte und liebte. Er wollte den Sound noch trockener hinbekommen und das Schlagzeug mehr in den Vordergrund holen. Das war auch unser Gedanke, aber wir neigen dazu, viele Platten aus den Sechzigern zu hören, die weicher sind und viel Hall besitzen, und er ermutigte uns, den Sound wesentlich trockener aufzunehmen. Dadurch klingen die Gitarren und das Schlagzeug viel aggressiver und dreckiger.

Würdest du tatsächlich sagen, dass das neue Album wesentlich aggressiver ist als „The Rotten Mile“ ist, eine ebenfalls sehr „rohe“ Platte?

Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass Simon Wring, einer unseren besten Freunde und Bassist der Band, schon sehr lange sehr krank war und dadurch nicht mehr in der Lage war, mit der Band zu spielen und mit ins Studio zu kommen. Das kommt auf der Platte zum Ausdruck, nicht unbedingt auf traurige Weise, aber die Frustrationen des täglichen Lebens spielten dabei sicher eine Rolle. Und es wäre unehrlich gewesen, die Auseinandersetzung mit solchen Dingen nicht zu berücksichtigen. Und als wir zurück nach London kamen, mussten wir erfahren, dass Simon gestorben war, eine echte Tragödie. Das Brutale daran ist, dass das Leben einfach weitergeht. Wir haben die Platte in seinem Andenken aufgenommen und er hat auch starken Einfluss darauf gehabt, aber wir machen halt weiter. Wir haben jetzt einen neuen Bassisten namens Leo Kurunis und fuhren mit ihm vor einem Monat wieder ins Clouds Hill Studio und nahmen dort ein Live-Set auf, das als 10“ herauskommen wird. Wir haben da die Hälfte des neuen Albums als Live-Versionen aufgenommen, was richtig gut klingt.

Nachdem du ja bei FAUST gespielt hast, wundert es mich fast etwas, dass das neue Album recht kurz ausgefallen und diesbezüglich überhaupt nicht Krautrock-like ist.

Ja, bei FAUST haben wir 20-minütige Songs gespielt, das ist wirklich ekstatisch und fantastisch, ich liebe das. Aber wenn man dann zu seiner eigenen Musik zurückkehrt, will vielleicht nicht bewusst dem entgegenwirken, aber auf jeden Fall etwas anderes machen. Deshalb sind wohl eher kurze Songs auf der Platte.

Auf jeden Fall konnte man schon immer bei GALLON DRUNK eine gewisse Acidrock/Trance/Drone-Qualität heraushören. Hatte das auch etwas mit Krautrock zu tun?

Ich weiß nicht genau, wo das herkommt, aber es stimmt auf jeden Fall, was die ersten beiden Platten betrifft, und auch live. Aber es stammte definitiv nicht daher, dass ich damals Krautrock-Bands gehört habe. Die repetitive Struktur der Songs von Bo Diddley hat sicher mehr damit zu tun, wo wir dann jede Menge Feedback darüber legten, eine Kombination von Dingen, die wir mochten. FAUST haben in den Siebzigern auch so etwas gehört, ich weiß, dass sie Bo Diddley und VELVET UNDERGROUND mögen.

Und wie sieht das live aus, sind eure Song nicht dazu gemacht, auf einer Bühne weitaus epischer umgesetzt zu werden?

Ja, wir haben durchaus Gefallen an einem übertriebenen Abschluss von Songs, das zieht sich durch unsere gesamte Karriere. Die Songs werden ja ständig neu interpretiert, zum Beispiel seit wir mit Leo spielen, haben sie sich unweigerlich verändert. Es macht ja auch keinen Sinn, sie genauso zu spielen wie auf Platte, zumal wir auch nicht immer alle Instrumente zur Verfügung haben. Wir spielen auch immer noch Songs von „From The Heart Of The Town“. Wir spielen sie jetzt schon so lange, und wenn du dir anhörst, wie wir sie jetzt spielen, klingen sie vollkommen anders. Man bemerkt das gar nicht, aber sie verändern sich mit der Zeit. Es wäre auch langweilig, sie genauso zu spielen, ich glaube, wir könnten das auch nicht. Ich weiß auch gar nicht mehr, wie sie auf den alten Platten überhaupt geklungen haben, haha.

Hast du ein für dich herausragendes Beispiel für eine Band, die immer anders geklungen hat, wenn du sie live gesehen hast?

Jedes Mal, wenn ich SUICIDE live gesehen habe, waren sie fantastisch. Ich habe sie das erste Mal in den Achtzigern gesehen. Manchmal fing ein Song an und ich fragte mich, was das sein könnte, und dann entwickelte sich etwas komplett anderes daraus. Ich habe sie mir immer gerne angeschaut, ich glaube, ich habe sie fünf- oder sechsmal in London gesehen. Ansonsten fällt mir spontan keine andere Band ein. Als ich bei den BAD SEEDS gespielt habe, haben sich die Songs auch immer sehr verändert. Es war eine bewusste Entscheidung von Nick, mit den Songs zu spielen, damit sie jedes Mal anders klingen, und auf jeder Tour gab es eigentlich andere Versionen der Songs.

Wie kam es damals dazu, dass du bei den BAD SEEDS gespielt hast?

Das erste Mal spielte ich 1994 bei den BAD SEEDS als Ersatz für Blixa Bargeld, der wegen eines Theaterstücks verhindert war. Zu der Zeit waren die BAD SEEDS mit Lollapalooza in den Staaten unterwegs, diesem riesigen Tour-Festival. Wir haben da über 40 Gigs gespielt in zweieinhalb Monaten, wo ich Gitarrist war. Ich habe sie zuerst durch meinen Bruder Ian Johnston kennen gelernt, der ein Buch über Nick Cave geschrieben hat. Festes Mitglied wurde ich dann, als Blixa die Band verließ, das muss 2002 oder 2003 gewesen sein. Ich war dann mit ihnen bis 2007 oder 2008 zusammen auf Tour und habe mit ihnen im Studio aufgenommen. Die BAD SEEDS sind auf jeden Fall ein gutes Beispiel für eine tolle Live-Band.

Wie einflussreich war die Zeit bei den BAD SEEDS auf deine eigene Musik?

Zum Teil hat das GALLON DRUNK sicher beeinflusst, aber wir haben ja für eine Weile nicht wirklich viel mit der Band gemacht, bis wir dann „The Rotten Mile“ aufgenommen haben. Wenn ich mir die Platte jetzt anhöre, klingen GALLON DRUNK für mich eigentlich, wie wir immer geklungen habe, ich kann da keine speziellen Einflüsse feststellen.

Jemand schrieb mal über euch: „One thing that can’t be said about GALLON DRUNK is that they’re easy to listen to.“ Was hältst du von dieser Einschätzung?

Haha! Hat meine Mutter das geschrieben? Na ja, es hat einfach Spaß gemacht, es so zu machen. Es hängt natürlich auch davon ab, wer sich das anhört, und manche Leute werden es sicherlich ziemlich schrecklich finden. Aber wenn ich an die neue Platte denke, glaube ich nicht, dass es schmerzhaft ist, sich das anzuhören. Es ist groovy, man kann dazu auch tanzen. Sicherlich handelt es sich um intensive Musik, aber das ist einfach die Musik, die wir machen wollen.

Interessant ist bei GALLON DRUNK eigentlich immer gewesen, dass zwar in der Regel Vergleiche mit Leuten wie Tom Waits und eben Nick Cave herangezogen wurden, die Band aber dennoch von Anfang an ungemein charakteristisch klang. In was für einem musikalischen Umfeld wurde die Band damals eigentlich gegründet?

Das war 1988. Wir haben damals noch nicht live gespielt. Ich und der damalige Bassist Mike gingen seinerzeit in ein Studio und nahmen zwei Songs auf, packten die auf eine Single, wussten aber nicht, was wir damit machen sollten. Ich weiß auch gar nicht mehr, warum wir das überhaupt gemacht haben, haha. Wir hatten, glaube ich, auch nie vor, tatsächlich live aufzutreten. Ich lebte damals mit dem früheren Schlagzeuger und Marakas-Spieler zusammen in einem Haus und wir begannen zu proben. Und direkt von Anfang hatte es etwas Einzigartiges an sich, wegen der Instrumentierung, wir hatten ja keinen Gitarristen. Ich war der Sänger und konnte nicht beides gleichzeitig tun. Der Schlagzeuger Nick hatte nur ein Tom Tom und so hatte unsere Musik gleich dieses Bo Diddley-Feeling. Der grundsätzliche Sound der Band entwickelte sich so sehr schnell, auch wenn unsere Songs vielleicht noch nicht so toll waren, aber das war uns auch egal, wir wollten einfach ein bisschen Krach machen. Es gab da auch keinen Karriereplan oder so was. Wir kannten auch keine anderen Bands zu diese Zeit oder fühlten uns mit einer speziell verbunden. Wir haben damals zwar viel mit STEREOLAB gespielt, die toll waren, aber zwischen uns und ihnen gab es keine großen Gemeinsamkeiten.

Was war 1988 ansonsten musikalisch in London los, was hat die Presse damals abgefeiert?

So genau kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es waren Bands wie THE WONDER STUFF, so grungy Kram eben, aber nichts, woran einer von uns wirklich interessiert war. Es ist erstaunlich, wie abgeschnitten man von solchen Sachen sein kann, besonders damals, wenn man kein Radio gehört hat und es sich nicht leisten konnte, viel auf Konzerte zu gehen. Man arbeitete sich stattdessen durch Secondhand-Plattenläden und kaufte sich Platten von Lee Hazlewood. Das muss vielen Leuten heute wie das finsterste Mittelalter erscheinen, aber es hatte auch seine guten Seiten, haha.

Hast du denn zu dieser Zeit viel John Peel gehört?

Eigentlich nicht, aber bevor ich nach London zog, war das noch der Fall, weil es der einzige Kontakt zur Außenwelt für mich war. Ich wohnte 30 oder 40 Meilen von London entfernt und habe damals jede Nacht seine Sendung gehört. Du hast da nicht nur THE BIRTHDAY PARTY oder THE GUN CLUB gehört, er spielte auch Bo Diddley, Howlin’ Wolf oder THE POP GROUP ... Ich habe auch das erste Mal EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN im Radio gehört, was einem heute sicher nicht mehr passieren wird. Das war natürlich toll, weil man so in sehr gebündelter Form Musikgeschichte vermittelt bekam.

Man kann immer lesen, dass GALLON DRUNK direkt zu Beginn recht populär waren in England. Wie siehst du das rückblickend?

Schwer zu sagen, denn das Geld, was durch die Platten reinkam, ging dann gleich wieder für Touren in den Staaten, etwa mit Morrissey, drauf, da blieb nicht viel hängen. Wir waren auch auf dem Cover des Melody Maker, was toll war, das brachte uns viel Aufmerksamkeit und wir waren bei großen Touren als Vorband dabei.

Ihr habt ja ebenfalls sehr früh Erfahrungen mit Majorlabels sammeln können, hat sich dadurch damals etwas für euch positiv verändert?

„From The Heart Of The Town“ kam damals in den USA auf Warner raus. Das war zu der Zeit, als wir dort die Tour mit Morrissey gemacht haben. Aber eigentlich hatten wir dadurch nur noch weniger Unterstützung. Unter Vertrag nahm uns damals übrigens Seymour Stein, der auch die RAMONES entdeckt hatte. Zu dieser Zeit hat man ihn allerdings gerade aus dem System hinausbefördert, weil er als rückschrittlicher alter Irrer angesehen wurde, der so was wie Richard Hell unter Vertrag nahm. Aber er hat all diese fantastischen Sachen ausgegraben. Doch wenig später verschwand er aus der Firma und wir waren nur noch eine der unzähligen anderen Bands, die bei Warner unter Vertrag waren.

Was bei GALLON DRUNK immer gut herauszuhören war, ist die Affinität zu Soundtracks, vor allem bezogen auf ein Genre wie Film Noir. Und tatsächlich habt ihr ja 1999 für einen obskuren griechischen Thriller namens „Black Milk“ die Musik aufgenommen, und neben dir findet man da auch Blaine L. Reininger von TUXEDOMOON in der Besetzungsliste.

Das stimmt, aber wir haben auch schon Musik fürs Fernsehen und für andere Filme aufgenommen. Das kommt natürlich daher, dass ich mir auch viele Soundtracks anhöre, Lalo Schifrin, John Barry und Ennio Morricone. Was den Film angeht ... Blaine lebt ja schon länger in Athen und kannte den Regisseur. Und als wir damals in Athen auftraten, spielten wir den letzten Gig zusammen mit Blaine, eine recht ungewöhnliche Kombination, aber dadurch ergab sich die Sache mit dem Film.

Neben „Clean“ von Olivier Assayas gehört zu deinen anderen Filmcredits auch die Hauptrolle in Ken Russells skurrilem Spätwerk „The Fall of the Louse of Usher“ von 2001. Welche Erinnerungen hast du an diesen letzten wahren Regie-Exzentriker, der Ende 2011 leider verstarb?

Er war ein ganz bemerkenswerter Mensch, auch wenn ich nicht weiß, wie berühmt seine Filme wie etwa der großartige „Die Teufel“ außerhalb Englands waren ... Es handelte sich wieder um einen dieser seltsamen Zufälle, da damals jemand, mit dem ich zusammenarbeitete, mich ihm vorstellte und er wollte, dass ich in einem Film von ihm mitspielte. Aber die Finanzierung des Projekts stand plötzlich auf der Kippe, er wollte den Film aber trotzdem drehen und tat das dann auf eigene Faust in seinem Garten. Einer der anderen Darsteller war sein Gärtner. Es war alles ziemlich merkwürdig und lustig, wie bei einem frühen John Waters-Film. Russell entpuppte sich jedenfalls als unglaublich charmant, auch wenn er einen seltsamen Ruf besitzt, was aber vor allem mit seinen Filmen zu tun hat, oder mit manchen seiner Darsteller wie Oliver Reed. Als ich das erste Mal in seinem Haus war, schauten wir uns alte expressionistische deutsche Stummfilme an. Und sein Haus war voller Klassikplatten, die er mir dann in einer Lautstärke vorspielte, die ich sonst nur von irgendwelchen Gigs gewohnt war. Wir betranken uns dann, bis ich irgendwann völlig weggetreten war. Am nächsten Tag um sechs Uhr weckte er mich dann mit einigen Sexpuppen im Arm und meinte: Wir müssen die noch vor sieben aufgeblasen haben, bevor der Postbote kommt. Er kettete mich dann für eine Szene an einem Bett in seiner Garage an, direkt unter einem großen Steakmesser, was eine Billigversion von „Die Grube und das Pendel“ werden sollte. Das war im Januar und es war wirklich arschkalt. Mittendrin entkam dann ein Schaf aus einem Stall, das er wieder einfangen musste, während ich an dieses Bett gefesselt war. Er war zwar wirklich äußerst exzentrisch, aber auch völlig begeistert von Musik und Film. Er vergötterte etwa Filme wie „Eraserhead“. Und es war wirklich lustig, mit ihm dazusitzen und ein GALLON DRUNK-Album anzuhören.

Thomas Kerpen

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #103 (August/September 2012)

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