JOHN LYDON / PUBLIC IMAGE LTD.

John Lydon vs. die Sieben Todsünden

Vor zwei Jahren fand sich im Ox ein Interview mit John Lydon, Jahrgang 1956, denn der hatte PUBLIC IMAGE LIMITED alias PiL wiederbelebt, jene Band, mit der er 1978 unmittelbar nach dem Ende der SEX PISTOLS der Öffentlichkeit klar machte, dass er zwar ein eigenwilliger Typ ist, aber alles andere als nur ein Freak und vor allem keine Marionette des Impresarios Malcolm McLaren. Jenseits des Schockrocks der Pistols etablierte Lydon, der hier auch so hieß und nicht Johnny Rotten, sich als Frontmann einer komplexen, musikalisch wandlungsfreudigen Post-Punk-Band, die zudem Mitte der Achtziger mit „This is not a love song“ und „Rise“ veritable Hits landen konnten, die allerdings durchaus von der prägnanten Stimme Lydons und seinem markanten Rotschopf nebst stechendem Blick geprägt wurden. 1992 waren PiL Geschichte, Lydon arbeitete an seiner Autobiografie, es folgten die SEX PISTOLS-Reunion, Butterwerbeclips und Dschungel-Camp. 2009 dann erste Konzerte einer neuen PiL-Besetzung, Andeutungen Lydons bezüglich eines neuen Albums, Rückschläge wie die Vernichtung von Aufnahmen durch den Brand in seiner Londoner Wohnung und den Tod seiner Stieftochter Ari Up (THE SLITS) – und im Frühjahr 2012 doch endlich der Release von „This Is PiL“ auf dem bandeigenen Label PiL Official Limited. Ich konnte John Lydon telefonisch in seinem Haus in Los Angeles sprechen, ließ mich ein auf einen schwierigen Gesprächspartner, der zwar gerne und viel redet und das auch noch recht blumig, aber nicht zwingend über das, was man gefragt hat ... Stattdessen folgte eine interessante musiktheoretische Erörterung zur wahren Essenz von Musik und über den Sinn des Lebens mit einem Philantrophen, für den PiL das Mittel ist, sich künstlerisch zu artikulieren.

John, kürzlich erschien die Doku „Punk in Myanmar“, und man stellt fest, dass selbst in einem Land wie dem ehemaligen Burma scheinbar die erste Band, die man als Punk entdeckt, die SEX PISTOLS sind. Fragst du dich nie, was du damals eigentlich losgetreten hast?

Nein! Und das ist wohl die allerbeste Punk-Einstellung, haha. Ich bin nicht eingebildet genug, um zurückzublicken und mich in leuchtenden Farben darzustellen. Ich will mich nicht in der Vergangenheit verlieren. Ich bin die gleiche Person wie damals, ich mache mehr oder weniger das Gleiche, nur dass ich bedingt durch all die Zeit, die ich auf diesem Planeten verbracht habe, eine ganze Menge Wissen erworben habe und meine Ziele nun viel genauer spezifiziert sind. Ich hatte einen guten Start ins Leben, in musikalischer Hinsicht. Meine Kindheit hingegen war voller Schmerz und Tragödien, und ähnlich war die Erfahrung, in einer Pop-Band zu sein, denn das ist der mehr oder weniger passende Ausdruck. Ich konnte ganz gut Texte schreiben damals, sie hatten eine Bedeutung, sie bedeuteten auch mir etwas, und sie sprachen andere Menschen an. Warum das damals alles funktionierte? Weil wir den Mut hatten, ehrlich zu sein. Nach heutigen Standards mag das wie ein simpler Trick erscheinen, aber das war es nicht. Ich war einfach nicht an Eingebildetheit interessiert, und auch nicht an sieben Todsünden, und gleichzeitig hatte es was damit zu tun, sich lustig zu machen über Durchschnittlichkeit und Gier. Und die Fähigkeit zu Ironie war ebenfalls wichtig.

Wer hat dir diese Fähigkeiten vermittelt?

Ich habe immer schon gerne gute Bücher gelesen und mich für Filme interessiert. Und ich wollte immer schon die richtige Antwort auf alle meine Fragen kennen. Und ich bin kein leichtgläubiger Idiot, habe einen ehrlichen Working-Class-Background, wo man mit einem guten Humor ausgestattet ist. Mir wurde schon früh klar, dass die Gesellschaft Menschen wie mich höchstens sehen, aber nicht hören will, wie es sich für Dienende gehört. Ich habe das Gegenteil daraus gemacht und dafür gesorgt, dass mich so viele Menschen wie nur möglich hören auf diesem Planeten. Und dieser Lärm hat dann sogar noch ein Echo hervorgebracht, aus verschiedenen Gründen in verschiedenen Kulturen. Letzten Endes sind aber alle Menschen gleich, überall auf der Welt. Wenn du wahrhaftig bist, wird das überall verstanden.

Auch in Burma.

Und weißt du warum? Weil ich nicht aus einer Generation stamme, die vom Fernsehen verblödet wurde. Ich bin nicht so aufgewachsen, dass ich Menschen aus einem fremden Land für Außerirdische gehalten hätte. Die Deutschen haben das natürlich vor einer Weile mal anders gesehen, hahaha. „Don’t mention the war!“, fällt mir dazu nur ein.

Das war von John Cleese aus „Fawlty Towers“, ich weiß. Die Szene, als die Deutschen zu Besuch sind ...

Exakt! Wir waren damals zu SEX PISTOLS-Zeiten also einfach nicht „über-gebildet“, wir waren einfache Typen, und solche Menschen kommen miteinander überall gut klar. Mich erinnert das an alte Folk Music, ganz losgelöst von der Kultur, aus der sie stammt. Die verbindet einfach die Menschen, und deshalb mag ich sie. In diesem Kontext sehe ich PiL und die Pistols als Folk Music. Es ist unschuldige, ganz simple, aber auch gut gemachte Musik, die sich nicht verkleiden muss. Musik hat vor allem etwas mit Emotionen zu tun. Musik versucht Gefühle zu erklären, die Stimme des Sängers bringt diese Gedanken zum Ausdruck, während die Instrumente die Natur imitieren. Diese Kombination ergibt eine Botschaft von großer Tiefe. Manches lässt sich nicht in Worte fassen, aber mit einem Instrument lässt sich das Gefühl wiedergeben. Und das ist für mich die Essenz von Musik.

Macht das Musik zur universellen Sprache?

Menschlichkeit ist die universelle Sprache, und Mitgefühl. Leider herrscht oft das Gefühl vor „Oh, die sind anders, bring sie um!“. Das ist die Botschaft, die hier in den USA propagiert wird, im Land der Schwarzeneggers.

Was macht nun die Musik, den Charakter von PiL aus?

Charakterliche Tiefe. Wenn man jung ist, hat man zwar alle Optionen und gibt sein Bestes, kennt aber noch nicht alle Antworten und beherrscht sein Handwerk auch noch nicht so perfekt. Je länger man aber auf diesem Planeten ist, desto mehr weiß man und kann sich selbst mehr und mehr die richtigen Fragen stellen. Man kann sich so weiterentwickeln, weg von der bloßen Attacke auf Institutionen, hin zur Erkundung eigener Irrtümer. Und daraus ergibt sich eine Weiterentwicklung, man kann zu einem besseren Menschen werden – und hat die Chance, das, was man tun will, auch richtig zu machen.

Wie weit bist du auf diesem Weg gekommen?

Ich bin ja erst 50 Jahre jung und habe noch einen weiten Weg vor mir. Nein, Quatsch, ich will hier doch keine Altersdiskriminierung betreiben. Wobei ich sagen muss, dass ich alte Narren nicht leiden kann. Menschen, die alt und dumm sind, die ertrage ich nicht. Wie kann man alt und dumm sein? Man hatte doch genug Zeit dazuzulernen! Aber Moment, ich bin gleich wieder da, ich muss eben dafür sorgen, dass dieser Handwerker aufhört, mit seinem Bohrhammer so einen Lärm zu veranstalten, ich verstehe kaum mein eigenes Wort. (...) So, jetzt geht es wieder. Wie du weißt. kommt meine Frau ja aus Deutschland und beherrscht also den entsprechenden Tonfall, den Handwerkern klarzumachen, dass sie ruhig zu sein haben. Es gibt Situationen, da ist elaborierte Höflichkeit unangemessen.

Wie genau verfolgt deine Gattin deine Arbeit, gibt sie dir Feedback?

Nora sagt immer, PiL seien live zu laut. Aber an der Lautstärke wird sich nichts ändern. Das hat sich in den letzten zwei Jahren gezeigt, in denen wir fast ständig auf Tour waren. Durch diese ständigen Konzerte waren wir sehr gut eingespielt und so fiel es uns leicht, neue Lieder zu schreiben. Es war wie eine Erleichterung, diese neuen Lieder aufnehmen zu können.

Du hattest PiL also vermisst in den Jahren zwischen 1992 und 2009?

Ja, und diese Pause war auch nicht meine Schuld, ich wollte nicht inaktiv sein. Das Problem waren die Verträge, an die ich gebunden war, und so musste ich mich in Geduld üben. Jetzt ist zum Glück alles anders, wir finanzieren alles selbst, sind komplett unabhängig und es ist gut so. Finanziell ist man natürlich etwas eingeschränkter, aber erstaunlicherweise hat das der Musik enorm gut getan. Was bedeutet ein Plattenvertrag heute denn schon? Statt viel Geld bringt er doch letztlich nur große Schulden. Und da fängt dann das Problem an. Und wie immer eine Plattenfirma solche Verträge strukturiert, wir als Bandmitglieder haben nie die Chance, sie zu verstehen – dazu muss man Buchhalter sein. Es ist ein Spiel, ein übles Spiel, denn ich kenne viele Musiker, die sich aus dem Geschäft komplett zurückgezogen haben, weil sie den Druck nicht mehr aushalten konnten, der von den großen Labels auf die Künstler ausgeübt wird. So gesehen ist es gut, zu sehen, dass dieser Teil des Musikbusiness, in dem Kontrollfreaks das Sagen haben, im Niedergang begriffen ist. Deshalb lautet mein Rat an alle Musiker: Verschulde dich nicht bei einem Label, kämpf dich auf eigene Faust durch, es ist es wert. Und sei geduldig.

Das Album, die Interviews, die ich gelesen habe, vermitteln den Eindruck, dass du die Arbeit mit PiL sehr genießt.

Oh ja! Wir sprechen intern von der „PiL zone“. Der Austausch zwischen Band und Publikum bei den Konzerten ist erstaunlich, auf den Konzerten herrscht eine sehr freundliche Atmosphäre – das ist etwas, für das es sich wirklich zu leben lohnt. PiL-Konzerte sind weniger etwas zum Zuschauen als zum Zuhören, die Menschen sollen sich wohlfühlen. Wir beschäftigen uns mit den grundlegenden Themen der menschlichen Existenz, wir propagieren keinesfalls irgendein Pop-Ikonentum.

Dabei sehen viele in dir aber genau das.

Was soll ich dagegen tun? Ich kann nichts dagegen tun, wenn Menschen in solchen Kategorien denken wollen. Ich weiß nur, dass viel mehr hinter unserem Tun steckt. Zum Beispiel die Texte. Weshalb ich sehr deutlich rede und singe, so dass man die auch versteht. Ich lege großen Wert auf saubere, korrekte Aussprache. Andererseits ist es aber auch gar nicht so wichtig, jedes einzelne Wort zu verstehen, das ich singe, stattdessen sollte man sich auf die Musik einlassen, auf die Gefühle, die ein Song vermittelt.

Gibt es ein gemeinsames Thema, das die Lieder des Albums verbindet?

Zufälligerweise ja. Da seit dem letzten Album so viel Zeit vergangen ist, fühlten wir als Band das Bedürfnis zu erklären, wo wir herkommen. Damit meine ich nicht primär Punkrock, denn wir als Menschen haben schon vor dieser Zeit existiert. Und so fingen wir bei der Kindheit an, so dass die Emotionen, die hinter unseren Liedern stecken, klarer werden. Letztlich lautet das Thema „PiL vs. die Sieben Todsünden“ – in zwölf Lieder verpackt. In „The room I’m in“ geht es um das deprimierende Leben im sozialen Wohnungsbau. Ich bin in so einer Siedlung aufgewachsen, ich weiß von der Drogenabhängigkeit, die ein Aufwachsen in so einer deprimierenden Umgebung mit sich bringt, und ich erzähle davon, wie man all dem zu entkommen versucht. Wie man die Erfahrung macht, dass man bei dem Versuch, all dem zu entkommen, komplett auf sich alleine gestellt ist. Wenn man mal von einer Droge abhängig ist, kommt man von der nur wieder los, wenn man sich selbst dafür entscheidet – und ich weiß, wovon ich rede, ich hatte damit in jungen Jahren zu tun. Im Leben bist du immer genau dann auf dich allein gestellt, wenn es am wenigsten passt: negative Gedanken, Abhängigkeiten, Tod. Wenn du ganz auf dich alleine gestellt bist, kannst du aber herausfinden, wer du wirklich bist, was deine wahren Werte sind. Du kannst dann davor davonlaufen und so negativ weitermachen wie zuvor, oder du analysierst dich selbst und kommst du zu einer glücklicheren Folgerung.

Wann war für dich dieser Punkt gekommen?

Als ich anfing, Lieder zu schreiben. Man hat nur einmal im Leben die Chance, etwas komplett richtig zu machen, zumindest habe ich diese Feststellung gemacht. Für mich war es das Songwriting. Und ich habe mir geschworen, nie wieder nicht die Wahrheit zu sagen. Ich will, dass meine Worte meine echten Erfahrungen reflektieren, das mit anderen Menschen teilen und hoffe, dass es dem einen oder anderen hilft. Dabei geht es mir nicht darum, dass mir jemand auf die Schulter klopft, sondern es ist mir Belohnung genug, wenn auch andere Menschen die Erfahrung machen, sich selbst besser zu verstehen und zu lernen, nicht andere mit ihrem Tun zu beeinträchtigen. Das ist für mich Freiheit in ihrer reinsten Form. Lerne deine Feinde zu lieben und stelle fest, dass sie gar nicht deine Feinde sind! Stattdessen sind es nur Menschen, die eine andere Meinung haben. Die meisten meiner besten Freunde ticken völlig anders als ich, und das macht es unglaublich spannend, sich mit ihnen zu treffen. Nein, das bedeutet nicht Faustkämpfe und den Versuch, die Weltherrschaft anzustreben. Nein, wir diskutieren, stimmen in manchem überein und in manchem nicht, und das ist angenehm.

Nun gibt es aber auch Dinge, über die man offensichtlich nicht in Ruhe diskutieren kann, etwa das Thema Israel. Du musstest 2010 Kritik einstecken, weil du dazu bereit warst, mit PiL ein Konzert in Israel zu spielen, trotz einer internationalen Boykott-Initiative gegen Israel wegen des Umgangs mit den Palästinensern.

Ich verstehe das ganzer Theater nicht! Sind Juden nicht auch Menschen, haben die nicht auch das Recht, PiL live zu sehen? Ja! Unterstütze ich die israelische Regierung? Nein! Ich habe noch nie irgendeine Regierung oder irgendeinen Politiker unterstützt, ich vertraue denen allen nicht, das ist nicht meine Welt. Für US-Präsident Obama allerdings verspüre ich Bewunderung. Er hat massive Probleme geerbt, aber er zeigt in seinem Umgang etwa mit seiner Familie, dass er Mensch geblieben ist. Das finde ich beeindruckend. Aber das „Shit System“ drängt ihn in die Ecke, das „Shit System“ will sich nicht verändern. Und dafür unterstütze ich ihn. Mein größter politischer Held ist allerdings Gandhi. Von ihm stammt das wundervolle Konzept des gewaltfreien Widerstands – es ist wohl das beste philosophische Konzept, eine Lektion, die die Menschheit lernen sollte. Es gibt keinen Grund, sich gegenseitig umzubringen – wenn dir das politische System nicht passt, dann hilf ihm nicht auch noch. Ja, ich verstehe, dass es Situationen gibt, in denen man sich verteidigen muss gegen eine übermächtige Kraft, aber das ist dann ein Akt der Verteidigung und nicht der Aggression.

Wie sieht es mit dir aus, hast du in letzter Zeit mal irgendwo gegen irgendwas protestiert?

In den letzten Jahrzehnten eher weniger. Die Occupy Wallstreet-Bewegung hat mich aber beeindruckt, denn sie scheint ohne Führer und ohne eigennützige politische Motive auszukommen. Es ist eine sehr vielfältige Bewegung sehr verschiedener Menschen, die sich hinter dem Banner des Protestes gegen die Wall Street gewaltfrei vereinen und dabei ihre Meinungsunterschiede hintenanstellen. Institutionen wie die Wall Street sind ein Symbol dafür, was in der Welt schiefläuft. Die Occupy-Proteste sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung – Steine auf McDonald’s zu werfen, das bringt doch nichts. Das ist hirnloser Vandalismus, das stellvertretende Einprügeln auf einen Sündenbock. Das tun nur Menschen, die nicht in der Lage sind, das wirkliche Problem zu erfassen. Wenn Gewalt deine Lösung ist, bist du Teil des Problems. Ich bin der Meinung, dass man im Bereich von Musik und Literatur viel zu diesem Thema beitragen kann. Sich Gedanken zu machen befreit deinen Geist und deinen Körper – lass deinen Geist und deinen Körper tanzen! Genau diese Funktion erfüllt PiL für mich. Es ist dann immer ein schönes Gefühl, wenn einem das Publikum bei einem Konzert darin folgt. Ich beobachte immer genau, was das Publikum bei unseren Konzerten tut, es ist mein Antrieb. Wenn die Menschen Spaß haben, haben auch wir Spaß, das Ganze wird eine „glorious PiL zone“! Mich erstaunt immer, wie unterschiedlich unser Publikum ist, es besteht aus so ganz verschiedenen Menschen, das ist für mich einer der erstaunlichsten, überwältigendsten Aspekte von PiL. Wir schaffen es, sowohl Teenager-Girls wie Uni-Professoren zu begeistern, Menschen verschiedenster Herkunft und Religion.

Was ist der Trick?

Kein Trick, es ist einfach so. Man muss ehrlich sein, dann kommt das von allein. Was man tut, muss von Herzen kommen. Es geht bei unseren Konzerten nicht um so was wie „Wow, da kommt Johnny, was hat der denn heute an?“ Was nicht heißt, dass ich nicht auch großen Spaß an schöner Kleidung habe. Was man trägt, kann zum Charakter einer Situation beitragen, aber es kann nicht die bestimmende Kraft sein. Kleidung ist ein Accessoire, kein zentrales Element. Ich trage auf der Bühne das, worin ich mich wohlfühle, und das kann von einem Stück aus dem Secondhand-Laden bis zu einem Designerstück reichen. Grundsätzlich mag ich Modedesigner, ich schätze den künstlerischen Aspekt von wirklich originellem Design. Das ist nicht anders als bei einem Autor: Ich mag es, wenn sich ein Schriftsteller dem Leser wirklich öffnet. Man mag im Detail anderer Ansicht sein, aber der Aspekt totaler Ehrlichkeit verdient Respekt. Das finde ich wundervoll, das ist wieder so eine Situation, in der das Gehirn zu tanzen beginnt. Auch mit einem Film ist das möglich, er kann dich in eine andere Welt entführen, eine Erfahrung jenseits deines Körpers.

Fällt dir spontan ein Künstler ein, der dich wirklich begeistert?

Aus einem deutschen Blickwinkel heraus möchte ich Hundertwasser erwähnen. Er hat fantastische Architektur und Bilder geschaffen. Und ich schätze auch Kandinsky. Von Musik müssen wir gar nicht erst anfangen zu reden, da sind es so viele, die ich liebe. Und das beinhaltet ganz triviale Popmusik, die ich für ihre klaren Signale, ihre direkte Wirkung und ihre Überschwänglichkeit schätze. Im Gegensatz dazu hatte ich schon immer auch eine Vorliebe für extrem experimentelle Musik. Ich habe ein waches Auge für Dinge, die meinen Intellekt ansprechen, und das beinhaltet auch Dinge, die mich schocken, wo ich mich frage, wie der Künstler das geschafft hat, wo das herkommt, was Sinn und Zweck sind. Vor diesem Hintergrund habe ich die Absurdität von RAMMSTEIN genossen. Die haben eine bekloppte Science-Fiction-Optik mit Heavy-Metal-Elementen kombiniert und damit wundervoll unterhalten.

Damit hatten RAMMSTEIN im Ausland noch mehr Erfolg als in Deutschland, wo man oft etwas erschrocken war über deren Symbolik, etwa ihr Spiel mit Nazi-Ästhetik.

Es kommt immer wieder vor, dass Kulturen sich von ihren eigenen seltsamen Auswüchsen abwenden. Die Fortschrittlichkeit darin erschreckt. Bei RAMMSTEIN kam ein seltsames Bild von Sexualität noch mit dazu, es war immer die Rede von überhöhter Männlichkeit und so. Aber was für eine Männlichkeit ist das denn, wo Männer Frauenkleider tragen? Mir gefiel auch immer die Absurdität von Captain Beefheart. Der Humor, der in seiner Musik zum Ausdruck kam, war überwältigend. Ich habe ihn nie persönlich getroffen, aber oft ist es auch gut, wenn man nur das Werk eines Menschen genießt und ihn nicht auch noch persönlich kennen lernt. Oft genug führt das dazu einer Konfrontation ...

Auch zu Enttäuschung?

Ja. Man hat große Erwartungen an eine Person, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zutreffend sind, wenn man sich dann persönlich kennen lernt. Man wertet und urteilt dann, und das ist nicht gut. Ich bin deshalb ein eher schüchterner, zurückgezogen lebender Mensch, versuche es zu vermeiden, meine musikalischen und literarischen Helden zu treffen. Das verwirrt einen nur.

Du erwähntest eben zwei Maler, die dich inspiriert haben. Das Artwork des neuen PiL-Albums hast du selbst gemalt.

Ja, ich habe das PiL-Album-Artwork schon immer selbst gemalt. Als ich noch klein war, wollte ich immer Künstler werden – aber auch Schriftsteller, und Meeresbiologe. Vor dem Hintergrund der Musik stellte sich dann heraus, dass ich dadurch meine Interessen auf verschiedenster Ebene ausleben kann. In künstlerischer Hinsicht bin ich also ein sehr glücklicher Mensch. Ich habe eine sehr pragmatische Herangehensweise etwa ans Malen, ich denke nicht viel nach, sondern lege einfach los. Ich mache, was ich mache, und versuche meine Fähigkeiten zu verbessern, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie das vielleicht den Mythos um meine Person nähren könnte. Ich freue mich, wenn das dann jemandem gefällt, der Rest, etwa irgendwelche Preise, ist mir egal. Ich habe noch nie etwas gemacht, um mit anderen zu konkurrieren. Ich mag es einfach nicht, zu anderen in Wettbewerb zu treten. Ich verstehe nicht, wie etwas, das meinen Gedanken entspringt, mit den Gedanken oder Werken eines anderen Menschen in Wettstreit treten sollte. Es sind doch alles nur verschiedene Aspekte einer ganz grundlegenden menschlichen Erfahrung. Wie absurd, sich vorzustellen, die Weltsicht von einem Menschen könnte besser sein als die eines anderen. Absurd! Das ist der Grund, weshalb ich mich Preisverleihungen fast immer widersetze, weshalb mir Chart-Positionen nichts bedeuten.

Und wenn du eine Anfrage für eine Preisverleihung bekommst, wie reagierst du?

„Die Antwort lautet: Nein!“ So einfach. Ich brauche niemanden aus der Musikindustrie, der mir sagt, ich sei besser als irgendwer anderes. Die einzige Ausnahme ist die Verleihung von so was wie einem „Lifetime Achievement Award“, als die Würdigung des Lebenswerks, weil das nicht auf der Konkurrenz zu jemand anderem beruht. Bei so einer Gelegenheit bringe ich dann auch schon mal meine Trauer über den Tod eines anderen Menschen zum Ausdruck. Ich habe unlängst erst meine Stieftochter verloren.

Du sprichst von Ari Up von den SLITS.

Ja, Ariane war die Tochter meiner Frau Nora. Ich war bald danach bei den NME Awards in London und ging da deshalb hin, um von ihr zu erzählen, um sicherzustellen, dass die Musikwelt sich an sie erinnert.

Ein Unglück kommt, wie man so sagt, selten allein, und ungefähr zur gleichen Zeit hast du auch erste Aufnahmen zum Album bei einem Feuer in deiner Londoner Wohnung verloren.

Ich hatte schon einige Songs als Vorproduktionen, und die sind verbrannt, ja. Nenn’ das wegen mir „göttliche Vorhersehung“, ich bin tatsächlich froh, dass das passierte. So musste ich noch mal ganz von vorne anfangen, ich konnte nicht in das Projekt reingehen mit irgendwas Altem. Faulheit brachte mich nicht weiter, jetzt war 100% Einsatz gefragt. Wobei da zuerst schon auch ein Gefühl von Angst hochkam: Verflucht, ich habe ja rein gar nichts! Das war wie Schwimmen zu lernen, indem man an der tiefen Seite des Beckens ins Wasser springt. Man lernt dann sehr schnell, wie man sich über Wasser halten kann.

Dazu muss man aber eine furchtlose Person sein. Hat dir schon mal etwas Angst gemacht?

Ich habe Angst davor, mein Publikum zu enttäuschen. Man spricht da immer von Lampenfieber, und ich leide sehr darunter. Ich kann vor einem Auftritt, egal wie groß oder klein der ist, nichts essen. Da ist immer diese Angst, jemanden zu enttäuschen. Wenn ich dann aber auf der Bühne stehe, ist das alles vergessen und ich genieße diesen Moment. Wahrscheinlich ist das die beste Methode, die Spreu vom Weizen zu trennen, haha. Entweder man traut seinen Instinkten – oder nicht.

Kürzlich ist der Film „Sons of Norway“ angelaufen, eine kleine norwegische Indie-Produktion, in der es um eine Vater-Sohn-Beziehung in den späten Siebzigern geht – und um Punkrock. Du hast da eine kleine Nebenrolle.

Das ist ein fantastischer Film! Ich hatte zuerst meine Bedenken, aber es stellte sich heraus, dass die Macher sehr nett waren. Es geht da um die Geschichte eines 14-Jährigen, es ist eine schöne Komödie, die aber auch etwas Pathos mitbringt. Das Drehbuch ist wirklich gut, die schauspielerischen Leistungen – von meiner mal abgesehen, haha ... – sind gut.

Das war jetzt „fishing for compliments“!

Hahaha, nein, aber Norwegen ist verdammt kalt im Winter, und wenn du da im T-Shirt draußen im Schnee stehst, ist das schon ein kleines Handicap. Da schrumpft dir alles zusammen ... zuerst das Hirn. Ich konnte mich echt in den Jungen, den Hauptdarsteller hineinversetzen: mit zerbrochenen Familien kenne ich mich aus. Ich hatte im Vorfeld einen Clip mit ihm zu sehen bekommen – und dann direkt zugesagt. Der Film ist wirklich herzerwärmend, er hat meine volle Unterstützung.

Bekommst du denn des Öfteren Filmangebote?

Das Schauspielern interessiert mich nicht wirklich. Ich respektiere gute Schauspieler, aber ich selbst bin darin nicht gut.

1983 hast du in dem italienischen Psychothriller „Copkiller“ mitgespielt, an der Seite von Harvey Keitel. Und ursprünglich sollten PiL auch den Soundtrack einspielen. Was ist dir davon in Erinnerung geblieben?

Harvey! Der ist echt ein komplett Verrückter! Seitdem habe ich ihn immer wieder mal getroffen und wir verstehen uns echt gut. Damals kannte er meinen echten Hintergrund nicht, er hatte nur das über mich mitbekommen, was in der Presse stand. Als wir diese Hürde überwunden hatten, war es einfach. Wir drehten ja in Italien, und das war für uns beide echt hart. Da trafen drei Kulturen aufeinander. Was den Soundtrack betrifft, so verwundert es mich etwas, dass wir mit PiL eigentlich nie Anfragen für Soundtracks bekommen haben, denn ich finde, unsere Musik eignet sich gut dafür.

Warum?

Weil wir schöne Bilder schaffen mit unserer Musik, Landschaften – im Kopf des Zuhörers. Eigentlich ideal also.

Du wohnst in Los Angeles, du bist nah dran an diesen Leuten.

Nein, ich gebe mich mit denen nicht ab. Ich umschmeichle die nicht. Außerdem ist es ja okay, wie es für uns läuft, wir sind zufrieden. Warum sollte man das verkomplizieren, für Projekte anderer Leute arbeiten, sich anheuern lassen, anstatt selbst das Projekt zu leiten. Das ist nicht meine Art. Ich bin nicht gerne von anderen abhängig, schon gar nicht finanziell. Ich schulde niemandem auch nur einen Penny, ich bin nicht daran interessiert, etwas nur des Geldes wegen zu tun. Ich mache ungern Schulden. Das hat mein Leben über die Jahre durchaus verkompliziert, aber ich fühle mich so besser, wenn ich morgens aufstehe.

Vor zwei Jahren waren Konzerte in Deutschland angesetzt, die dann doch nicht stattfanden. Was war los – und wann spielt ihr hier mal wieder?

Ich weiß auch nicht, was genau da schief lief. Letztlich spielten wir dann woanders in Europa. So schwer kann es aber ja eigentlich nicht sein, eine Tour mit uns zu veranstalten. Ich weiß aber auch, dass man mir manchmal nicht so recht traut, was etwas mit meiner Vergangenheit zu tun hat. Viele im Musikgeschäft denken, ich sei schwierig und würde ihnen nur Probleme bereiten. Das war nie der Fall, aber das ist eben ein Mythos, der über mich verbreitet wird. Ich habe noch nie leichtfertig ein Konzert abgesagt, da müsste ich mir schon beide Arme und Beine brechen – und wäre trotzdem da. Ich bin da wie der schwarze Ritter in Monthy Pythons „The Holy Grail“: keine Arme und Beine mehr, aber trotzdem gebe ich nicht auf – so fühle ich mich manchmal. Das ist eine fantastische Szene, die gefiel mir schon, als ich sie das erste Mal sah. Der britische Humor geht sehr tief, und britische Comedians haben schon viele gesellschaftliche Probleme auf ihre spezielle Art angesprochen und auch zu ihrer Lösung beigetragen. Durch Comedy kann man die Idiotie vieler politischer Denkweisen erkennen. Politik ist heute von Kompromissen geprägt, das ist das Problem. Es geht viel mehr darum zu erkennen, was das Richtige ist, und das dann auch durchzuziehen. Wenn das aber deinen politischen Grundsätzen widerspricht – dann ändere sie, denn sie sind dann offensichtlich falsch. Ich versuche deshalb, in meinem Leben nach diesem Grundsatz zu handeln.

Warst du schon mal versucht, selbst in der Politik aktiv zu werden?

Was? Nein! Warum? Ich bin ein Radikaler, ich habe keine Lust auf diese Spiele, auf dieses Showbusiness. Davon halte ich mich fern.

John, ich danke dir für deine Zeit.

Joachim Hiller

 


PiL – die Alben

Im Dezember 1978, gerade einmal sechs Monate nach ihrer Gründung, veröffentlichen PiL ihr Debüt „Public Image – First Issue“, dem bereits die erfolgreiche Single „Public Image“ vorausgegangen war. Das Line-up besteht zu dieser Zeit aus John Lydon, dem Gitarristen Keith Levene, Jah Wobble am Bass und Drummer Jim Walker. Diese Konstellation soll aber nicht lange bestehen, denn bereits bevor 1979 das zweite Album erscheint, verlässt Jim Walker die Band und wird in Folge von einer Reihe neuer Schlagzeuger ersetzt, die sich jedoch selten länger als ein paar Wochen in der Band halten können.

„Metal Box“ wird schließlich 1979 auf drei 12“s in einer Metallbox veröffentlicht. Ein Jahr später verlässt Jah Wobble die Band, die die nächsten zwei Jahre ohne Bassist arbeitet. Das erste Live-Album, „Paris Au Printemps“, das im Januar 1980 aufgenommen wurde, erscheint Ende 1980. „Metal Box“ wird außerdem unter dem Namen „Second Edition“ als Doppel-LP noch einmal veröffentlicht. 1981 folgt das dritte Studioalbum „Flowers Of Romance“. Kurz darauf stoßen Drummer Martin Atkins und Bassist Pete Jones wieder zur Band. Letzterer bleibt aber nur ein Jahr lang und verlässt PiL 1983 zeitgleich mit dem letzten Gründungsmitglied neben Johny Lydon, Keith Levene. Zusammen mit einigen Session-Musikern, die extra für Shows angeheuert werden, gehen Lydon und Atkins auf Japantour, in deren Folge das zweite Live-Album „Live In Tokyo“ erscheint. Im gleichen Jahr veröffentlichen PiL mit „This is not a love song“ ihren größten Chart-Erfolg.

1984 erscheint das nächste Album „This Is What You Want ... This Is What You Get“, das bereits seit 1982 unter dem Namen „Commercial Zone“ geplant war, jedoch in dieser Form wegen der ständigen Mitgliederwechsel nie fertiggestellt wurde. John Lydon veröffentlicht seine erste Solo-Single „World Destruction“ mit der Band TIME ZONE. Während den Aufnahmen zum 1986 erschienenen Album „Album“ (je nach Format auch „Compact Disc“ oder „Cassette“) arbeitet Lydon lediglich mit Session-Musikern zusammen und ist somit das einzige feste Mitglied von PiL. Für die anstehende Tour stellt er allerdings wieder ein festes Line-up auf, bestehend aus John McGeoch (ex-MAGAZINE) an der Gitarre, Allan Dias am Bass, Keyboarder und Gitarrist Lu Edmonds und Bruce Smith am Schlagzeug. In dieser Konstellation wird auch das 1987 veröffentlichte sechste Studioalbum „Happy?“ aufgenommen. Ein Jahr später muss Lu Edmonds die Band aus gesundheitlichen Gründen verlassen.

1989 folgt mit „9“ das neunte Album von PiL, die beiden Live-Alben mitgerechnet. Kurz darauf verlässt Bruce Smith die Band. Das Best-Of-Album „The Greatest Hits So Far“ erscheint 1990. Neben den Remixes von alten Songs enthält es auch die neue Single „Don’t ask me“, die wie „Rise“ von „Album“ ein kommerzieller Erfolg wird. PiL, mittlerweile nur noch aus John Lydon, John McGeoch und Allan Dias bestehend, nehmen 1992 zusammen mit Session-Musikern „That What Is Not“ auf, das für die nächsten 20 Jahre das letzte Studioalbum der Band bleiben soll. Lydon will sich nach der Veröffentlichung mehr auf seine Solokarriere konzentrieren, 1997 erscheint sein Album „Psycho’s Path“. Nach einigen Rereleases und Best-Ofs finden PiL 2009 in der Besetzung John Lydon, Lu Edmonds, Bruce Smith und Scott Firth wieder zusammen und veröffentlichen im Mai 2012 ihr neuntes Studioalbum „This Is PiL“.

Christina Wenig