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Interviews

VORKRIEGSJUGEND

Weil die Welt uns nicht gefällt

Die Berliner Hardcore-Punk Band VORKRIEGSJUGEND existierte gerade mal zwei Jahre (1982-1984), spielte in dieser Zeit knapp über 30 Gigs, veröffentlichte eine 7“ sowie ein Album. Insgesamt sind das gerade mal 20 Songs. Das ist nicht viel, aber reichte aus, um Kultstatus zu erreichen. Als stolzer Besitzer der auf 900 Stück limitierten Doppel-7“ „Heute Spaß, morgen Tod“ aus dem Jahr 1983, gekauft bei Vinyl Boogie in der Gleditschstraße, sitze ich nun, 29 Jahre später und fast auf den Tag genau, an dem ich VKJ (zusammen mit STROMSPERRE) zum ersten Mal live im SO36 gesehen habe, zusammen mit dem Gründungsmitglied und VKJ-Schlagzeuger Jürgen Heiland einen Steinwurf vom „Esso“ entfernt in einer typischen Kreuzberger Kneipe. Umringt von In-Läden und Latte-Macchiato-Stuben ist hier drinnen die Zeit scheinbar stehen geblieben. Ein durchaus passender Ort, zumal Jürgen nicht über die Gegenwart sprechen möchte. Also begeben wir uns auf Spurensuche.

Der Bandname VKJ stammt noch aus alten Frankfurter Startbahn-West-Zeiten und wurde von Jürgen mit nach Berlin genommen: „Ich bin ein sogenannter Wehrdienstverweigerer, der 1980 nach Berlin gekommen ist, um damit die Bundeswehr zu umgehen.“ In Westberlin, wie eine Insel in der DDR gelegen, galten wegen des durch den Zweiten Weltkrieg bedingten Vier-Mächte-Status die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland nicht in vollem Umfang, so etwa mussten dort mit Erstwohnsitz gemeldete junge Männer nicht den Pflichtwehrdienst (und auch keinen Zivildienst) ableisten. Wer konnte, setzte sich also nach Berlin ab, statt Ärsche oder Waffen zu putzen. Auch die späteren Bandmitglieder Klaus Hicker und Michael Weindl waren BW-Flüchtlinge aus Westdeutschland und kamen 1982 nach Berlin-Kreuzberg. Die beiden machten bereits zuvor in Freising zusammen mit dem späteren zweiten VKJ-Gitarristen Sepp Musik. In einem besetzten Kreuzberger Haus trafen sie auf Jürgen, und es wurde nicht nur eine Band begründet, sondern man lebte oder besser gesagt: vegetierte gemeinsam in besetzten Häusern. Ohne Strom, aber mit fließend Wasser (von den Wänden), solange bis geräumt wurde. Dann ging es in das nächste Haus, wieder Müll, Ruinen, Mauer, Stacheldraht und DDR-Grenzwachtürme in Sichtweite.

Der erste VKJ-Bassist wurde durch Bomber ersetzt und 1983 entstand so etwas wie ein festes Line-up und eben auch die „Heute Spaß, morgen Tod“-Single, heute ein gesuchtes Sammlerobjekt. „Ja, Vinyl Boogie, dieser Andreas ... Diese Doppelsingle, die hat er verkauft ohne Ende. Das lief dann so ab: Wir wurden alle paar Wochen von ihm angerufen, dann konnten wir in den Laden gehen und uns dort 50 D-Mark abholen.“ Songs wie „Vaterland“, „Rache“ oder „Wir sind die Ratten“ wurden Klassiker und bildeten nicht nur den passenden Soundtrack zum Straßenkampf, sondern wurden in der Folgezeit gerne gecovert, so auch von RAWSIDE, welche VKJ gleich ein ganzes Tributalbum widmeten. Das Coverfoto der 7“ zeigt die damalige Bandunterkunft in der Görlitzer Straße 37, hier waren auch Mitglieder der DEUTSCHEN TRINKERJUGEND sowie die „Görlitzer Flugstaffel“ beheimatet. Das waren kaputte Junkies, die – in dem Glauben, sie könnten fliegen – aus dem Fenster gesprungen sind.

Mit der Single im Rücken ging es für VKJ plötzlich nach oben und die Band fand sich im Vorprogramm von britischen Bands wie ADICTS oder ONE WAY SYSTEM wieder, in einer komplett anderen Welt: „Wir kannten damals den für die Europatournee zuständigen Manager. Der hat dann gemeint, er zahlt das aus eigener Tasche und wir können als Vorgruppe mitfahren. Als Vorgruppe mitfahren musst du dir so vorstellen: du fährst mit einem kaputten VW-Bus los, alles stinkt nach Pisse, alles ist kaputt und die ... na egal, wir haben es geschafft.“

Was Jürgen nicht ausspricht: Hier trafen Welten aufeinander, Hausbesetzerpunks und Straßenkämpfer auf der einen Seite und Bands, die sich im abgetrennten Backstagebereich vor dem Gig mit Haarspray und Schminke aufstylen auf der anderen. Aber hier liegt vielleicht auch der Grund für die große Wertschätzung, die der Band noch immer entgegenschlägt: VKJ haben ihre Texte mehr oder weniger wirklich gelebt. „Na ja, je nachdem. Vielleicht auch nicht. Da sollte man nicht zu viel reininterpretieren, Songs wie ,Rache‘ waren ziemlich billig, fand ich. Bei allem Respekt, wir waren nur fertig.“

Nach der Doppel-7“ folgte mit dem selbstbetitelten VKJ-Debütalbum 1984 ein weiterer Meilenstein. Doch zuvor wurde der Bass von Markus „Bomber“ Noack an Thomas „Heschel“ Rickert weitergereicht und mit Sepp „Fuchs“ Ehrensberger (später JINGO DE LUNCH) als zusätzlichem Leadgitarristen entwickelte die Band ihren typischen Sound weiter. Neben Hardcore-Punk-Klassikern wie „Aufstand im Ghetto“, „Der Sarg“ oder „Tilt“ zeigten Songs wie „Die letzte Schlacht“ oder „The end“ sehr eindrucksvoll die musikalischen Möglichkeiten der Band auf. Hier begannen aber auch die ersten Schwierigkeiten. Da ein Album für Vinyl Boogie eine Nummer zu groß war, meldete sich ein gewisser Rocky, der später mit „Kein Dank an Rocky“ auf dem VKJ-Album erwähnt wird. „Das war wegen den rechtlichen Querelen, die damals so abliefen. Da kommt ein super Kumpel von dir und sagt: ,Komm, ich habe Geld, ich bringe eine Platte raus.‘ Dann hatten wir plötzlich eine Platte, was eigentlich niemand wollte. Die wurde viel gekauft, und plötzlich denkst du, was ist denn jetzt los?“

Und auch innerhalb der Band brodelt es immer heftiger, da Sepp und Jürgen unter dem Namen ZERSTÖRTE JUGEND zusammen mit dem ehemaligen VKJ-Bassisten Bomber ein weiteres Bandprojekt am Laufen hatten (VKJ mit Doom-Einschlag und teilweise englischsprachigen Texten, Anspieltip: „Tanz aus dem Ghetto“). Die Band war gespalten, ein Teil wollte noch etwas anderes machen und ein anderer wollte die gesamte Energie in die VORKRIEGSJUGEND stecken. Als die ZJ dann auch noch quasi in flagranti von Sänger Klaus im Proberaum erwischt wurde, war endgültig Schluss.

Jürgen denkt ohne Wehmut zurück: „Also meine Meinung ist, wenn man seine Sache gut macht, sollte man sie gut machen und aufhören, bevor man Scheiße baut.“ Dies ist wohl ein weiterer Grund für den unglaublichen Kultstatus, den VKJ auch heute noch besitzen, sie haben rechtzeitig das Handtuch geworfen. Im Internet taucht der Name VKJ als Referenztreffer bei zahlreichen Deutschpunk-Internetauktionen auf. Informationen über die Band findet man hingegen kaum und selbst die spärlichen Einträge sind Jürgen ein Dorn im Auge: „Du siehst dich auf diesem Bildschirm und hast es gar nicht erlaubt. Du möchtest nicht, dass so etwas von dir dargestellt wird. Klar kannst du dagegen angehen und Wikipedia schneidet das wieder raus. Aber wie kann es sein, dass so etwas passiert?“

Zustimmung findet lediglich die sehr lesenswerte Bandbiografie im Booklet der „Wir sind die Ratten“ VKJ-Zusammenstellung. Diese Compilation enthält alle Songs der Doppel-7“ und des Debütalbums, ist auf Vinyl (Weird System) und als CD (Destiny) erhältlich. Die CD kommt zusätzlich mit 13 Minuten unveröffentlichtem Filmmaterial, Interview und Proberaumclips. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt: 1998 gab es mit der EP „Widerstand dem Teutonenland“ ein kurzzeitiges Lebenszeichen unter dem Namen VKJ mit Jürgen Heiland als einzigem Originalmitglied. Aktuell ist Jürgen als Gastsänger auf dem Album „Der Luxus unter wilden Tieren“ von KUMPELBASIS zu hören.

Kay Werner

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #103 (August/September 2012)

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