DISAPPEARS

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Verschwindibus

Nach „Lux“ (2010) und „Guider“ (2011) veröffentlichten die 2008 gegründeten DISAPPEARS aus Chicago im Frühjahr 2012 ihr drittes Album „Pre Language“, erneut auf Kranky Records, jenem Label aus der gleichen Stadt, das sonst auf exaltierte, elektronische Musik spezialisiert ist. DISAPPEARS aber speisen sich aus Quellen wie Krautrock, WIPERS, THE FALL, VELVET UNDERGROUND, MY BLOODY VALENTINE, SONIC YOUTH, SUICIDE, CLINIC oder BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB, düsterer Post-Punk ist also angesagt, und sie stechen damit aus dem Labelprogramm hervor. Ich unterhielt mich mit Sänger und Gitarrist Brian Case unter anderem über die Labelwahl und ihren Schlagzeuger Lee Ranaldo, der hier nach dem Ende von SONIC YOUTH eine neue Bandheimat fand.

Brian, ihr seid mit Lee Ranaldo und seiner Band unterwegs, Steve Shelley spielt auf Tour bei beiden Bands. Wie kam es zu diesem Package?


Wir hatten schon ein paar Anläufe für so eine Tour gestartet, aber immer wieder kam was dazwischen. Nun hat es endlich geklappt und es ist großartig.

Wie kam es dazu, dass der Schlagzeuger jener Band, deren Fan du schon lange warst, plötzlich in deiner Band spielte?

Es gibt da einen gemeinsamen Freund namens Jeremy, der für SONIC YOUTH arbeitet, und der brachte Steve mal mit nach Chicago, um sich ein Konzert von uns anzuschauen. Steve gefiel das, und am nächsten Tag ging ich mit meiner Frau und meinem Kind frühstücken – und im Café saßen Jeremy und Steve. Wir unterhielten uns, irgendwie kam die Idee auf, dass Steve mit uns zusammen ein paar Songs aufnehmen könnte. Kurz vor einer SONIC YOUTH-Tour kam dann Steve nach Chicago, wir gingen zwei Tage ins Studio – mit zwei Schlagzeugern – und wir probierten ein paar Sachen aus. Diese Aufnahmen erscheinen übrigens Ende des Jahres. Ab da blieben wir in Kontakt, wir schickten uns Musik und Mails hin und her, freundeten uns an. Dann aber entschloss sich unser Drummer, nach Portland zu ziehen, und wir sagten uns, wir könnten doch einfach Steve fragen. Eine dumme Idee, aber noch dümmer wäre es gewesen, ihn nicht zu fragen. Doch Steve sagte ja, also haben wir ausprobiert, ob das klappt.

Woran liegt es, dass ihr zusammenpasst?

Wir mögen die Musik, wir hatten im Studio erste Erfahrung zusammen gesammelt, und dann war da ein Jahr des Kennenlernens. Nachdem ich Steve gefragt hatte, fingen wir an zu proben, spielten ein paar alte Songs, probierten neue aus, und es fühlte sich alles gut an, wir fanden uns alle sympathisch. Und ich wusste ja sowieso, wie Steve spielt, ich verfolge seit 20 Jahren alle Platten, die er macht.

Bei eurem ersten Album schrieb euer Label noch, DISAPPEARS wären auf Kranky wohl die einzige Band, die man als Rockband bezeichnen könne. In der Tat schätze ich Kranky-Releases, doch von dem ganzen Rest unterscheidet ihr euch massiv. Wie kam es zu dieser Verbindung?

Kranky hat seinen Sitz auch in Chicago, und mit Joel, einem der beiden Labelmacher, habe ich mal zusammen in einem Plattenladen gearbeitet. Als wir unser erstes Album fertig stellten, machte das Label, auf dem es erscheinen sollte, aber zu, und so standen wir ohne Label da. Mein früherer Bandkollege Rob von den 90 DAY MEN ist aktuell mit LICHENS bei Kranky und empfahl mir, Joel anzusprechen. Ich war mir unsicher, ob wir zum Labelprogramm passen, aber ich versuchte es trotzdem, und Joel antwortete, kaum dass er die Aufnahmen gehört hatte, er die wolle Platte rausbringen. Er fragte, ob ich auch andere Label angefragt hätte, nannte ein paar, und ich sagte, die hätten sich alle nicht gemeldet. Konzeptionell finde ich ja, dass wir gut auf Kranky passen, denn unsere Musik ist sehr repetititv, hinter unseren Songs stecken Ideen und Konzepte. Die Songs sind zuerst in unseren Köpfen, bevor wir sie spielen. Und ich glaube, Joel hat das erkannt, und auch, wo wir herkommen.

Woher denn?

Da, wo auch seine anderen Bands herkommen, nur dass wir mit einem eher typischen Rock-Setup an das Musikmachen herangehen: zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug statt Keyboard, Sampler und Computer. Und es geht uns mehr um den Gesamtsound als um individuelle Aspekte. Joel ist übrigens der Meinung, er habe auf Kranky schon viele Rockplatten veröffentlicht, obwohl ihm da sicher kaum jemand zustimmen würde. Letztlich ist es sein Label und er veröffentlicht, worauf er Lust hat.

Ich habe deine Band mit CLINIC, mit WIPERS, mit JOY DIVISION verglichen ...

Die mag ich alle, ebenso Joel, so was legt der ständig auf, wenn er als DJ unterwegs ist. Joel ist mit solcher Musik aufgewachsen, aber auch mit NAKED RAYGUN und all den anderen Chicago-Punkbands.

Kommst du auch aus Chicago? Bands werden ja oft mit einer Stadt und einem dafür als typisch empfundenen Sound in Verbindung gebracht. Im Falle von Chicago ist das Noise- und Post-Rock.

Ich lebe seit 16 Jahren in Chicago, und ich denke, wir passen schon irgendwie zu Chicago. Aber wir standen zu Beginn auch noch mit dem einen Fuß im Garage-Rock-Lager, was mit meiner früheren Band THE PONYS zu tun hatte. Ich spielte ab 2004 bei denen, ab dem zweiten Album, fünf Jahre lang.

Eine wundervolle Band – was ist aus der geworden?

2007 kam das dritte Album auf Matador, wir tourten dann ein Jahr lang, und dann nahmen wir uns ein paar Monate frei, um ein neues Album zu schreiben. Während dieser Zeit heiratete der eine, von jemand anderem starb die Mutter, er musste sich um deren Angelegenheiten kümmern, und irgendwie dauerte und dauerte es, bis wieder was passieren sollte, und so gründete ich 2008 dann DISAPPEARS, ich wollte die anderen nicht drängeln. Ich dachte, die werden sich schon melden, wenn sie bereit sind weiterzumachen. Das ist aber irgendwie nie passiert, bis auf eine EP 2010 kam nichts mehr. Wir sind aber immer noch befreundet. Es war alles etwas frustrierend, wir waren ziemlich weit, standen kurz vor dem Durchbruch, was immer das heißen mag. Und so saß ich in meiner Wohnung und schrieb weiter Songs, und weil die PONYS eben diesen garagerockigen Sound hatten, prägte das auch den Sound der neuen Band DISAPPEARS, wobei sich das mittlerweile etwas gelegt hat. Die neueren Sachen sind eher konzeptionell, ganz bewusst, denn das konnte ich mit den PONYS nicht machen, also wie THE FALL zwei Akkorde fünf Minuten lang wiederholen. In Chicago war und ist Krautrock ziemlich beliebt, wobei das eher so ein unterschwelliger Einfluss vieler Bands ist, kein vordergründiger. Und wir kombinierten Garage mit Krautrock, spielten einen Akkord sechs Minuten lang, aber garagig und nicht wie NEU!. Ich behaupte nicht, dass wir dabei super innovativ waren, aber es war wohl so interessant, dass es anderen Leuten auffiel.

Bringst du Krautrock konkret mit Deutschland in Verbindung oder siehst du das eher als etwas Abstraktes?

Es ist für mich eher wie eine Wolke, losgelöst von dem Ort, von dem es ausging. CAN, NEU!, LA DÜSSELDORF oder CLUSTER sind mir aber natürlich ein Begriff, aber schon Brian Eno hatte das von den Ursprüngen losgelöst. Und es geht mir auch gar nicht mal so um das Stilmittel der Wiederholung, als eher um die künstlerische Freiheit. Aber für mich ist nicht jede Krautrock-Platte eine Offenbarung, nicht mal jede CAN-Platte ist wirklich gut, und nur ... anderthalb der FAUST-Platten. Ich habe mich früher gezwungen, bestimmte Alben zur Gänze zu mögen, weil man die mögen „muss“, und habe erst später verstanden, dass es okay ist, da wählerisch zu sein. Man sollte sich überall die besten Teile raussuchen und versuchen, eine Verbindung herzustellen.

Und was bedeutet das für die Musik von DISAPPEARS?

Wir sagten uns, dass nicht der ganze Song im Vordergrund steht, sondern wir, wenn sich beispielsweise der Bass-Teil und ein Akkord als die besten herausstellen, die einfach endlos wiederholen. Warum über den nächsten Teil nachdenken, wenn das Stück eigentlich schon fertig ist?

Klingt das nur jetzt im Interview durchaus theoretisch?

Wir haben uns nicht mit Musiktheorie beschäftigt, sondern uns einfach auf kurze Stücke und jene Ideen beschränkt, die wir für die besten hielten. Wir wollen alles so einfach wie möglich halten. Manchmal sind die ersten Ideen auch die besten, weil sie spontan sind. Man könnte natürlich sagen, durch immer weitere Beschäftigung werde ein Song besser, aber ich bin eher dafür, immer mehr wegzunehmen, bis der Song ganz nackt ist.

Die ersten beiden Alben sind sich recht ähnlich, mit dem dritten habt ihr euch etwas verändert.

Das zweite Album wurde in dem Monat aufgenommen, als das erste erschien. Das Debüt lag ein Jahr lang herum, wegen des inaktiven Labels, das es veröffentlichen wollte. Anstatt zu faulenzen, schrieben wir neue Songs, und so kam das zweite Album auch schon ein halbes Jahr nach dem ersten. „Guider“ ist experimenteller als das Debüt, die zweite Seite besteht aus einem nie vorher geprobten Stück, das wir im Studio erstmals spielten. Demgegenüber ist „Lux“ beinahe schon poppig und ziemlich zugänglich, es sind die ersten zehn Songs, die wie in den ersten neun Monaten als Band zusammen geschrieben haben. Das zweite Album ist düsterer, die Stücke entstanden unter dem Eindruck, dass unser Plattendeal sich in Wohlgefallen aufgelöst hatte. Als das Album erschien, war unser Drummer schon nicht mehr in der Band, wir hatten aber Steve kennen gelernt und er hatte schon ein paar Mal mit uns geprobt. Wir schrieben neue Stücke, wir wollten ihn ins Songwriting einbeziehen, wir fanden es doof, ihm aufzutragen, er solle all die alten Stücke lernen. Und so ist das dritte Album mit Steve noch einmal anders geworden, aber uns geht es ja darum, uns zu bewegen und sich nicht zu wiederholen. Wichtig ist, dass ich, dass wir mit unserer Musik glücklich sind. Wenn man das als Band anders sieht, verdient man mit ihr wahrscheinlich sehr viel mehr Geld als wir, hahaha.

Vor ein paar Monaten habt ihr im „King George“ gespielt, ein sehr kleiner Club, und ihr wart rocknrolliger, als ich erwartete.

Ich liebe solche „Garagenkonzerte“, wo du mit dem Mikro im Publikum stehst, das ist sehr direkt und rauh, ganz anders als heute Abend, wo wir eine große Bühne mit Lichtshow haben. Wir kommen mit beidem klar, aber ich liebe diese kleinen Konzerte. Ich habe einst THE MAKE-UP sechsmal in einem Keller gesehen, erst dann auf einer großen Bühne. Ich lebte früher in St. Louis, Missouri, da war nicht viel los, aber wir lagen auf der Tourroute von Chicago nach Süden, und so kamen da in den frühen Neunzigern die ganzen Dischord-Bands durch. So habe ich die WARMERS gesehen, SLANT 6, CIRCUS LUPUS, LUNGFISH ... Was immer Dischord veröffentlichte, ich kaufte die Platte, und ich liebe diese Bands bis heute. Diese Bands machten mir klar, dass ich auch selbst Musik machen will.