TEUTONEN THRASH

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Thrash Metal made in Germany

Vor gut dreißig Jahren begründeten vier deutsche Bands die Teutonen-Thrash-Bewegung: DESTRUCTION, SODOM, TANKARD, KREATOR. Anfang der Achtziger formierte sich im stählernen Herzen des Ruhrgebiets und im postindustriellen Süden zeitgleich, aber unabhängig voneinander, die beinharte Viererkette des Teutonen Thrash: Wütende junge Männer, technisch (noch) limitiert, aber wild entschlossen, immer schneller, lauter und vor allem härter zu spielen. Kurz, dem Rest der Welt eine Lektion in Heftigkeit zu erteilen. So kreierten sie eine der durchschlagendsten Varianten extremer Rockmusik. Heute, drei Jahrzehnte später, haben allein KREATOR weltweit drei Millionen Tonträger verkauft, SODOM nähern sich der Anderthalb-Millionen-Marke. Wortführer angesagter Subgenres wie Black oder Death Metal nennen diese deutschen Bands stilbildend. Wie begann der Aufstieg des Thrash Metal made in Germany zum international anerkannten Qualitätsprodukt? Wir fragten DESTRUCTION-Frontmann Marcel „Schmier“ Schirmer, SODOM-Mainman Tom Angelripper, Schreihals Andreas „Gerre“ Geremia und Basser Frank Thorwarth von TANKARD sowie Miland „Mille“ Petrozza von KREATOR, wie es so weit kommen konnte.

Welche Bands haben euch geprägt? Ich schätze, anfangs ließ euer Musikgeschmack noch nichts von eurer späteren Bestimmung erahnen.

Gerre:
In der Schule waren wir Die-Hard-SMOKIE-Fans. Wir haben mit dem Tennisschläger vor dem Spiegel geposet und „In the arms of someone“ nachgesungen. In der Schule spielten sich zwischen uns und den ABBA-Anhängern in unserer Klasse kriegsähnliche Szenarien ab.

Frank: Und dann sind wir in so eine Jugendfreizeit gefahren und du hattest ein Tape mit verschiedenen Songs aus dem Radio mit. Da war ein Song dabei, den wir total geil fanden, aber nicht wussten, was und wer das war. Das war ziemlich hart, mit einem Gitarrensolo. Das war für uns ziemlich neu und geil. Da waren wir vielleicht zehn oder elf Jahre alt. Vielleicht ein halbes Jahr später bin ich mit der Mama durch den Plattenladen gelaufen und habe diese Platte gesehen, auf der dieser Typ sich eine Gitarre in den Wanst gerammt hat. Ich dachte: „Boah, das ist ein geiles Cover.“ und habe die Platte gekauft. Zu Hause habe ich sie aufgelegt und da war genau der Song von Gerres Tape drauf. Es war die Live-Platte von AC/DC, „If You Want Blood You’ve Got It“. Ich habe dann sofort Gerre angerufen: „Gerre, Gerre, ich weiß, welcher Song es ist.“ So ging es los, dass wir uns mit dieser Musik beschäftigt haben.

Mille: Ich war anfänglich totaler Disco-Fan und mochte die BEE GEES und Rod Stewart. Dann kam ich über den Disco-Hit „I was made for loving you“ zu KISS. Ich fand das super, wie die aussahen und so. Als ich dann Maiden 1980 in Düsseldorf gesehen habe, dachte ich: „Boah, die sind ja noch cooler als KISS.“ Und IRON MAIDEN hatten ein noch schöneres Monster und die Musik war noch aggressiver und noch brutaler.

Gerre: Zu Anfang der Metal-Zeit haben wir viele Platten nur nach Cover gekauft. „See You In Hell“ von CROSSFIRE zum Beispiel. Oder „Heavy Metal Maniac“ von EXCITER, mit dem Typ, der mit dem Messer die Marshall-Box aufschlitzt.

Gerre: Das ist eine größten Platten, die es gibt!

Frank: Da waren dann aber auch richtiger Mist dabei, wie BAY CITY ROLLERS oder so was, haha. Das hast du zu Hause aufgelegt und dachtest: „Was ist das für eine Scheiße?“

Wie kam es zur Bandgründung?

Mille:
Der nächste Schritt war der in den Gitarrenladen. Unser Schlagzeuger Ventor, – damals hieß er noch Jürgen, haha – hat sich zur Konfirmation ein Schlagzeug gewünscht. Das war 1982 und wenn man so will die Geburtsstunde von KREATOR. Das war der Kern der Band, wie er heute noch existiert. Allerdings hießen wir damals noch nicht KREATOR sondern TORMENTOR und hatten auch keine Ahnung, wie man überhaupt Musik macht. Wir haben uns dann in den Proberaum eingeschlossen und stundenlang JUDAS PRIEST-Songs nachgespielt – so gut es eben ging.

Tom: Wir waren anfangs mehr ein Bund junger Männer als eine Band. Wir wollten dem Metal frönen und Bier trinken. Ab und zu haben wir die Instrumente zur Hand genommen.

Schmier: In der Dorf-Disse in Weil am Rhein haben mich nach der obligatorischen Metal-Runde mit „Smoke on the water“ und „I was made for loving you“ ein paar Leute angesprochen: „Hey, du hast lange Haare, du siehst cool aus. Du bist unser neuer Bassist.“ Ich sagte: „Ich habe zwar keinen Bass, aber ich bin dabei!“ Ich wurde sozusagen ins Musikerdasein hineingezwungen. Es gab keinen Geeigneteren außer mir, also musste ich ran.

Frank: Gerre und ich waren 1981 zusammen auf einem SAXON-Konzert in der Offenbacher Stadthalle. Danach hatten wir jedenfalls die Idee, auch Musik machen zu wollen. Das müssen wir mal probieren, das wäre geil. So ging das los. Wir waren ja alle in einer Schulklasse. Axel Katzmann, der lange TANKARD-Gitarrist war, Bernhard, der aber nur kurz in den Band war, und ich hatten die Idee, auf dem Dachboden rumzulärmen. Die beiden hatten gerade mit Gitarrenunterricht angefangen und haben auf ihren Instrumenten rumgefuhrwerkt wie die Bekloppten. Der eine Gitarrist durfte dann nicht mehr, weil seine Eltern meinten, er solle lieber Oboe spielen, statt sich mit diesen Asozialen zu treffen – das Wort haben die wirklich gebraucht. Ich habe gesungen – oder es zumindest versucht. Wir haben dann ein paar Tapes aufgenommen und sie Axels Vater vorgespielt. Der meinte, der Gesang höre sich sehr „maurisch“ an, haha. In der großen Pause haben wir darüber gesprochen, dass wir einen Schlagzeuger brauchen. Da hat dann einer gesagt, der zwar in unserer Klasse, aber nicht direkt mit uns befreundet war, er nehme seit Neuestem Schlagzeugunterricht. Das war Oliver Werner, der bis 1989 dann TANKARD-Schlagzeuger war.

Gab es neben den für damalige Verhältnisse ultra-brachialen MOTÖRHEAD und den im Hardrock verwurzelten klassischen Heavy-Bands wie IRON MAIDEN, SAXON und JUDAS PRIEST noch weitere Leitbilder für euch? Welche Rolle hat Punk für euch gespielt?

Tom:
Ich fand Punk geil! DISCHARGE, EXPLOITED, die waren noch viel unverblümter und teilweise auch härter als die Metal-Bands. VENOM waren am Anfang auch recht punkig.

Mille: Das hört sich jetzt vielleicht bescheuert an, aber Punks, das waren für uns die älteren Leute, die bei uns im Jugendzentrum rumhiengen. Für die meisten echten Punks war Punk ja 1977 schon wieder vorbei. Das, was 1982 noch da war, waren New Romantics und diese ganzen Auswüchse. Da ging es viel um Style und bestimmte Moderichtungen, und wir haben da was entgegengesetzt. Damals war Metal das Neue.

Schmier: Als wir unser Demo zu Noise Records geschickt haben, gab es für uns eine Absage, weil wir keine Punkband seien. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als ich meinem besten Kumpel, der so einen Punk-Vibe hatte, „Total desaster“ von unserem ersten Demo vorgespielt habe, meinte er: „Ihr spielt ja Punkrock mit Heavy Metal-Soli.“ Da habe ich gesagt: „Nein, bist du wahnsinnig?“ Das war für uns eine totale Beleidigung, haha. Wir wollten keine Punkband sein und hatten den Einfluss überhaupt nicht realisiert. Wir wollten Metal sein und lange Haare haben.

Mille: Aber es war schon so, dass wir uns vieler Mode-Accessoires der Punks bedient haben: Unsere Nietengürtel und Patronengurte haben wir in den Punk-Läden gekauft. Dann hatte ich natürlich die SEX PISTOLS-Platte. Die fand ich aber nie so super wie alle gesagt haben. Die waren für mich nicht so wichtig. Als ich 1984 oder ’85 das erste Mal SLIME gehört habe, da habe ich erst verstanden, was an Punk so aufregend war. Vorher war das für mich die Musik von älteren Leuten. Dann kam US-Hardcore: BAD BRAINS, D.R.I., SUICIDAL TENDENCIES, das hat mich inspiriert.

SLIME waren schon eine neue Eskalationsstufe, was radikale Texte angeht.

Mille:
Die waren unglaublich brutal, haha. Ich wollte sie immer mal live sehen, aber dann hatten sie sich schon aufgelöst. Das war für uns eine ganz gefährliche Band. Die Ansage vom Live-Album „Passt auf ihr Scheißer“ ist legendär.

Schmier: Bei uns, denke ich, war der Punk-Einfluss eher unbewusst, aber er war da. Unsere ganzen Kumpels waren Punks. Es gab damals ja keine Metal-Szene, die ist erst entstanden. Meine Freunde haben alle GBH oder EXPLOITED gehört, aber auch SLIME oder US-Bands wie DEAD KENNEDYS. Das hat mich mitgeprägt, aber wir wollten schon Metal sein. Wir haben den ganzen NWOBHM-Kram gehört. Den wollten wir extremer machen. Wir wollten härter sein, schneller sein. Uns ging es damals um die Räudigkeit, um die Auflehnung gegen des Establishment und das Ausbrechen aus dem jugendlichen Käfig. Bei den US-Bands war das im Grunde ähnlich. Die Punk-Roots waren bei denen auch vorhanden. METALLICA, SLAYER: Die haben damals auch alle Punk gehört.

Tom: Das war eine komplett andere Zeit. Die Musik und das Lebensgefühl, das war eine Revolution. Meine Eltern und die Kumpels, die haben gesagt: „Mensch, bleib’ doch auffe Zeche, hör’ auf mit dem Krach.“ Ich wollte aber raus aus dem Alltag, ich wollte morgens liegen bleiben – das war für mich nicht unwichtig, haha. Da hatten wir auch eine gewisse Punk-Attitude. Ich habe zwar nicht so plakativ gesagt: „Fick dich!“, aber von der Einstellung her sind wir schon mit dem erhobenen Zeigefinger rumgelaufen. Wir wollten eben machen, worauf wir Bock hatten.

Das infernalische Geknüppel von VENOM aus Newcastle ließ 1981 die Metal-Welt erbeben. Das Debüt „Welcome To Hell“ enthielt zwar mehr oder weniger traditionellen Rock’n’Roll, der lediglich schneller gespielt war, sprengte aber alle damaligen Grenzen musikalischer Rohheit und Barbarei. Das hat auch die US-Bands wie EXODUS, METALLICA und SLAYER auf den Plan gerufen. Wie und wann habt ihr erfahren, dass sich auf der anderen Seite des Atlantiks was zusammenbraut?

Schmier:
Damals musste man ja noch Briefe schreiben. Am Anfang gab es ja noch gar keine Magazine, nur ein paar Fanzines. Wenn man zurückblickt, ist es daher schon interessant, dass auf zwei verschiedenen Kontinenten gleichzeitig so etwas gewachsen ist, ohne dass man sich gegenseitig beeinflusst hat. Die ersten Demos sind praktisch gleichzeitig im Underground entstanden, ohne dass der eine vom anderen wirklich was wusste.

Tom: Fanzines waren damals handkopierte Blättchen, aber wir haben das verschlungen.

Gerre: Eine Zeitschrift wie das 1980 gegründete Aardschock aus Holland, nur mit Metal-Bands, das war für uns ein Weltwunder!

Mille: Durch Tape-Trading mit anderen Bands bekamen wir allerdings auch schnell Kontakt ins Ausland.

Was hat euch veranlasst, die Pfade des traditionellen Metal zu verlassen und das Ganze weiterzutreiben?

Schmier:
Damals hatte jede Metal-Platte einen schnellen Song. Wir wollten eben eine Platte machen, auf der alle schnell sind!

Tom: Die Initialzündung für mich war die erste VENOM-LP. Später haben wir natürlich auch die US-Thrash-Bands vergöttert. Zwar hatten wir auch bisschen Angst, wie gut die sind, aber irgendwann hatten wir mit Frank Blackfire auch einen Gitarristen, der das SLAYER-Zeug spielen konnte. Als „Show No Mercy“ rauskam, war das für uns ein Fest. Die Platte werde ich nie vergessen, die lief bei mir und rauf und runter. Dieser große Sound und die geilen Riffs. Die erste METALLICA-Platte, die war auch Wahnsinn.

Frank: Ursprünglich wollten wir ja klingen wie eine Mischung aus SAXON und MOTÖRHEAD, nur nicht so hart. Letztendlich hat es sich dann ein wenig anders entwickelt. Meine Initialzündung für Thrash Metal war, als mir Matthias Prill von den VENOM Legions eine noch nicht finale Fassung von EXODUS’ „Bonded By Blood“ auf seinem Ghettoblaster vorgespielt hat.

Die Legions waren der VENOM-Fanclub und Prill der damalige Leiter?

Gerre:
Genau, und wir waren Mitglieder.

Frank: Die Platte hat so geil geballert! In dem Moment wusste ich, dass das meine Musik ist.

Schmier: Die Platte war extrem beeindruckend, weil sie so gut klang und die Band spielen konnte.

Von den Attacken aus Übersee habt ihr euch aber nicht einschüchtern lassen. Im Gegenteil, euer Weg zum Erfolg war recht geradlinig – jedenfalls für die meisten.

Schmier:
Die allererste DESTRUCTION-Show war 1984 zusammen mit SODOM, auf dem VENOM-Fan-Club-Treffen in Frankfurt. Wir sind dort eigentlich nur als Gäste hingegangen und waren total überrascht, dass uns alle kannten. SODOM haben uns dann auf die Bühne geholt und wir haben zwei Songs gespielt.

Frank: Das war ein legendäres Event, alle waren da. Jülle, der Schlagzeuger von KREATOR, kam da einfach so hin.

Mille: Ventor war als „Roadie“ von SODOM mit dabei, haha. Ich bin nicht mitgefahren. Ich glaube es war kein Platz mehr im Auto. Außerdem habe ich nicht daran geglaubt, dass VENOM wirklich da sind. Ich habe gedacht: „Mensch VENOM, die kommen doch nicht nach Frankfurt.“ Haha. Anscheinend waren sie aber dort. Von TANKARD hatte ich noch nie gehört. Als Tom und Ventor von diesem Ding in Frankfurt zurückgekommen sind, haben sie mir dann wilde Geschichten von TANKARD und „Alcoholic Metal“ erzählt, haha.

Frank: Die VENOM-Autogrammstunde war, glaube ich, unser zweiter Gig ...

Gerre: Nee, nee, wir hatten schon ein paar Gigs.

Wo war euer erster Auftritt?

Frank:
Das war auf unserem Schulfest. Wir haben im Klassenzimmer gespielt. Da wir damals erst 15 Jahre alt waren, durften wir natürlich keinen Alkohol trinken. Da haben wir Milchtüten gekauft, die Milch weggeschüttet und in die Tetrapaks Bier gefüllt, damit die Lehrer nichts merken. Auf der Hauptbühne, wo wir ja nicht auftreten durften, haben übrigens die RODGAU MONOTONES gespielt. Jedenfalls hat unser Gitarrist die DESTRUCTION-Jungs für den VENOM-Gig vom Bahnhof abgeholt. Die kamen an wie eine komplette Eisenwarenhandlung, voller Nieten- und Patronengurte. Darüber haben wir uns total amüsiert.

Schmier: Wir haben ein bisschen von MOTÖRHEAD abgekupfert, die für das „Ace Of Spades“-Cover mit Patronengurten posiert haben, wollten es aber noch extremer machen. SODOM haben sich dann auch die „Patronen-Kante“ gegeben. Aber wir waren die ersten, die voll benietet waren. Die erste Platte „Sentence Of Death“ kam ’84 raus und auf dem Cover waren wir in voller Montur abgebildet. Wir waren sozusagen die Wegbereiter der „Extrem-Patronengurt-Liga“.

Aufgrund ihres verwegenen Images bekamen SODOM, trotz einer, dem Vernehmen nach, eher bescheidenen Performance, noch am selben Abend einen Plattenvertrag bei SPV. TANKARD dagegen gingen leer aus.

Gerre:
Von der Plattenfirma, in Gestalt von SPV-Gründer Manfred Schütz, hieß es, unser Outfit sei unvorteilhaft. Unser Gitarrist hatte einen blauen Wollpulli mit einem Hirschgeweih darauf an, haha.

Dank der Gitarrenarbeit von Michael „Mike“ Sifringer kam die 1984er Debüt-EP „Sentence Of Death“ von DESTRUCTION den verhältnismäßig melodisch und aufgeräumt klingenden US-Thrash-Bands am nächsten. Entsprechend wurde sie von der Fachpresse gewürdigt. Das wüste musikalische Ungestüm, mit dem sich SODOM im selben Jahr polternd durch die fünf Songs auf „In The Sign Of Evil“ holzten, erntete bei den Kritikern hingegen Stirnrunzeln, KREATOR im Folgejahr mit „Endless Pain“ ebenso.

Mille:
SODOM waren für mich Ultra-Black Metal. Anfangs waren die auch mehr eine Geheim-Band. Ein Freund von mir ging mit Chris Witchhunter, dem SODOM-Schlagzeuger, zur Berufsschule. Der hat ihm immer erzählt, er habe einen Kumpel, der habe eine Band und die hieße SODOM. Dabei war er das selbst. Er hat dann immer Promo für die gemacht, indem er erzählt hat, wie super die sind, und uns das „Witching-Metal“-Demo vorgespielt. Das fanden wir ziemlich gut.

Tom: Bei uns in Gelsenkirchen war alles grau in grau. Ich glaube, je unglücklicher du bist, desto härter wird die Musik. Hör dir doch mal die New Yorker Thrash-Bands im Vergleich zu den Bay-Area-Bands an. Die klingen einfach anders.

Mille: Wir hatten ständig Angst vor einem Atomkrieg. Man wachte nachts auf und dachte, jetzt geht die Bombe hoch.

Die Fans der nun explodierenden Thrash-Szene gingen allerdings in Scharen auf den Endzeit-schwangeren Ruhrpott-Sound ab. Heute gelten beide Scheiben als Meilensteine des Death- und Black-Metal-Bereichs.

Tom:
Daran kannst du sehen, dass es völlig egal ist, was die Presse schreibt. Du machst ja auch nicht für die Presse Musik, sondern für dich selbst und natürlich für die Fans.

Statt um Krieg und Massenvernichtung, ging es bei TANKARD eher um die massenhafte Vernichtung alkoholischer Getränke.

Gerre:
Als das zweite Demo 1985 kam, gab es diese ganzen inflationären Genre-Bezeichnungen, Poser und Thrash und Speed und Black und tausend verschiedene Metals. Da haben wir uns einen Spaß gemacht und das Demo „Alcoholic Metal“ genannt. Das erste hatte noch ganz klischeemäßig „Heavy Metal Vanguard“ geheißen.

Frank: Das war doch, weil SODOM „Witching Metal“ gemacht haben. Das fanden wir total geil und echt witzig. Dann haben wir gesagt: „Okay, dann machen wir jetzt ,Alcoholic Metal‘.“ Das wurde also aus einem Joke heraus geboren, aber so was wird dann ganz schnell zum Selbstläufer.

Seine Hochphase erlebte der urwüchsige deutsche Thrash Metal von Mitte bis Ende der Achtziger. Mit „Agent Orange“ gelang SODOM das Kunststück, als erste Thrash-Band in die deutschen Charts einzusteigen. Haben sich mit dem Erfolg auch die üblichen Rock’n’Roll-Exzesse eingeschlichen?

Tom:
Na ja, auf Tour haben wir auch mal ein Hotelzimmer zerlegt, aber das schnell wieder aufgegeben, weil wir das bezahlen mussten. Im Studio hat Frank Bornemann, der Besitzer, morgens immer einen Kuchen hingestellt. Das hat er nach uns nie wieder gemacht, weil wir den komplett in der Bude verteilt haben. Wir hatten zeitweise einen so schlechten Ruf, dass wir Probleme hatten, einen Tourbusfahrer zu finden. Manchmal hatte ich echt Angst vor mir selbst und hab mich gefragt: Was machst du da eigentlich? Ab und zu habe ich sogar heute noch Angst, wenn ich an damals zurückdenke, haha. Die Leute fragen mich auch immer nach Groupies. Es gab keine, wir waren Asis! Mit so einem wollte sich kein Mädchen abgeben.

Frank: Mit KREATOR haben wir zum ersten Mal 1986 in Pforzheim im Kupferdächle gespielt. Da haben wir alle Mann zusammen den Backstageraum verwüstet.

Anfang der Neunziger war dann alles vorbei, Thrash Metal wurde von der Grunge-Welle hinweggefegt. DESTRUCTION zerbrachen 1989, rauften sich ein paar Jahre später aber wieder zusammen. KREATOR blieben trotz stilistischer Experimente während der Neunziger stets die Nummer eins der europäischen Szene. TANKARD entschieden sich gegen eine Profikarriere, sind aber bis heute aktiv. Alle drei Bands veröffentlichten im Teutonen Thrash-Jubiläumsjahr 2012 von Kritik und Fans bejubelte Alben. Die neue SODOM-Scheibe „Epitome Of Torture“ erschien im April. Was ist von den deutschen „Big Four“ noch zu erwarten?

Schmier:
Also ich will die SODOMisten und die TANKARDs und die KREATORs auffordern, dieses Jahr mal wieder was gemeinsam zu unternehmen. 2013 hat auch der letzte das Dreißigährige hinter sich, da sollten wir eine Heavy-Metal-Klassenfahrt machen, uns gegenseitig abfeiern und unsere Fans treffen. Allerdings wird es wohl keine komplette Tour geben, das ist unmöglich. Der eine spielt gern viele Shows, der andere weniger, aber für ein paar ausgesuchte Konzerte sollten wir uns schon zusammenraufen.

Wie bei der legendären Hell Comes To Your Town-Tour.

Schmier:
Die ist leider auch schon wieder elf Jahre her. Die ganzen Thrasher da draußen, die jetzt 15 oder 25 sind, haben das nicht miterlebt. Die würden dafür sterben, diese Bands noch einmal gemeinsam auf der Bühne zu sehen.

Mille: Klar, Schmier und ich würden gerne was zusammen machen, aber Tom hat keine Lust. Wir wollten ja gerne eine SODOM-KREATOR-DESTRUCTION-US-Tour machen. Aber es wird nicht passieren, weil Tom nicht so lange touren will. Ich glaube, bei SODOM ist es so, dass es länger als drei Wochen nicht geht, schade.