NERVEN

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We’re gonna have a good time!

Vieles war Absicht, doch das meiste Zufall. So könnte man den bisherigen Werdegang des Stuttgarter Trios DIE NERVEN kurz und knapp zusammenfassen. das mit seiner Debüt-LP „Fluidum“ eine Landmarke in der deutschen Noiserock-Szene setzte und sich seitdem vor Liebeserklärungen kaum retten kann. Mit „Fun“ ist nun auf This Charming Man das zweite Album erschienen.

Hendrik Otremba von MESSER hatte seinerzeit die Verbindung zu This Charming Man hergestellt und Labelchef Chris rieb sich wohl verwundert die Augen, als die erste Auflage innerhalb weniger Tage ausverkauft war. Was folgte, war ein ungeahnter Höhenflug der „Pop-Newcomer 2013“ (Die Zeit), der bis heute anhält. In einer Mischung aus Kollaborationsfreude und der Möglichkeit, neue Ideen schnell umsetzen und endlich auch physisch veröffentlichen zu können, bringen es DIE NERVEN noch 2013 auf zwei Split-EPs – mit FREIBURG und CANDELILLA –, mehrere Beiträge für befreundete Musiker, unter anderem den „Gassenhauer“-Remix auf der „Neonlicht“-Single von MESSER, sowie eine Sonderedition auf dem Noiserock-Kultlabel Amphetamine Reptile. Hinzu kommen noch Seitenprojekte der einzelnen Musiker wie zum Beispiel KARIES und natürlich das durchweg gute mediale Feedback, das die Musiker sich im Laufe des Jahres bei Fans und Journalisten erspielt haben. Einen hohen Output hatten sie seit jeher, allerdings veröffentlichten sie bis 2012 alle bis dahin fünf (!) Alben ausschließlich online beziehungsweise als limitierte CD-R, auch das elf Lieder starke „Asoziale Medien“, welches in diesen Tagen nachträglich auch auf Vinyl erscheint.

Über vierzig Konzerte haben Max Rieger (Gitarre, Gesang), Julian Knoth (Bass, Gesang) und Kevin Kuhn (Schlagzeug) 2013 runtergerissen und bereits im Sommer, ziemlich genau ein Jahr nach den Aufnahmen zum Debüt, die Aufnahmen zu ihrer zweiten Platte abgeschlossen. Natürlich ist der Titel „Fun“ ein ironischer Seitenhieb auf die Erwartungshaltung der audiophilen Gemeinde, die sich seit dem Debüt um das Trio schart. DIE NERVEN wissen, was das Jäger-und-Sammler-Herz begehrt: die limitierten Versionen der „Nichts Neues“-EP wurden von nicht wenigen direkt mehrfach gekauft, quasi als Kapitalanlage und für spätere Auktionen – und das nicht nur wegen des Siebdruckcovers ... Und natürlich zitiert die Hamburger-Schule-Gedächtnis-Schrammelgitarre im Opener „Alptraum“ nicht nur um des Zitats willen, sondern zielt, genau wie die TOCOTRONIC-Teilnahme am aktuellen Video, ironisch auf biografische Einflüsse. Ich sprach mit Schlagzeuger Kevin und Bassist Julian über die Produktion des neuen Albums.

Könnt ihr euch noch daran erinnern, wie ihr euch vor etwas über einem Jahr, zum Release eures ersten Albums gefühlt habt?

Julian:
Es ist ziemlich verrückt! Im Dezember 2012 waren wir zum allerersten Mal auf Tour, damals für drei Tage, in Berlin, Hamburg, Köln und beim Green Hell-Yardsale in Münster. Das war meine erste Begegnung mit Chris von This Charming Man, und keiner von uns wusste, was es bedeutet, mal für ein paar Tage am Stück auf Tour zu sein, das war erst mal ein ganz schöner Stress, aber inzwischen sind wir da total routiniert.

Kevin: Es war total seltsam damals, weil wir ja fast alle Konzerte geheadlinet haben, obwohl wir vorher eigentlich nie aus Stuttgart rausgekommen sind. Max und ich hatten noch einen Monat vor dem „Fluidum“-Release vermutet, dass wir jetzt jahrelang auf den 500 LPs sitzen bleiben.

Julian: Niemand wusste, was passiert. Es gab ja zum Beispiel auch kein Vorab-Interview, so wie jetzt. Aber ich kann mich erinnern, dass uns die Leute nach dem Berlin-Konzert zum Beispiel unser Merchandise und die Platte weggekauft haben und wir nur so dachten: Fuck! Was geht denn hier?!

Kevin: Hinzu kommt die musikalische Entwicklung als Band. Noch im Sommer 2012 haben wir wirklich katastrophale Konzerte gespielt, die wahrscheinlich nur wir selber geil fanden, hehe ... Das hat sich deutlich verbessert.

Julian: In der Tat, wir sind mit jedem Konzert besser geworden und haben inzwischen auch auf der Bühne eine gewisse Routine im Zusammenspiel. Gelegentlich ist es dann sogar so, dass wir eins der älteren Stücke auch mal in einer Acht-Minuten-Version spielen, so was macht uns Spaß und führt aber natürlich manchmal auch zu Missverständnissen und Chaos auf der Bühne, aber okay: Jedes Konzert und vor allen Dingen auch die aktuelle Erfahrung, mit einem Produzenten im Studio etwas aufgenommen zu haben, macht uns als Band stärker: Wir proben ja nie!

Ihr probt nie? Ich dachte, bei euch sei alles sehr konzipiert? Ich habe diesen Gesamtsound, diese Brachialität als Gesamtaussage verstanden, als Statement, das klang so absichtlich! Und irgendwie auch mit Arbeit verbunden, gar nicht so intuitiv.

Kevin:
Zum Zeitpunkt der „Fluidum“-Aufnahmen gab es DIE NERVEN gerade mal vier Wochen! Max wohnte seinerzeit in Esslingen, hat uns im Esslinger Komma ein Studio eingerichtet und das Recording und Mastering komplett alleine gemacht. Am ersten Tag haben wir die sieben Lieder eingespielt, die wir schon fertig hatten und am zweiten Tag noch drei improvisierte Stücke.

Julian: Es gibt immer ein Konzept bei uns. Wir drei unterhalten uns sehr viel über unsere musikalischen Ideen, den Sound, den wir haben wollen, wie das Artwork sein soll, welche Atmosphäre wir erzeugen wollen und so weiter. Wir quatschen eben mehr als zu proben! Das Intuitive, das du meintest, ist dann diese Magie, die entsteht, wenn wir drei zusammen mit unseren Instrumenten in einem Raum stehen. Wir können uns das selber kaum erklären. Max und ich teilen uns das Texteschreiben, auch darüber tauschen wir uns ständig aus. Aber wenn wir dann zu dritt sind, ist es eher eine Frage des Timings, zu welchem Zeitpunkt der Entstehung eines Liedes die weitere Arbeit daran abgebrochen wird, wann ein Stück also fertig ist. Wir wollen diese Energie des ersten Mals dann möglichst effizient aufs Band bringen. Und zur Brachialität kann ich nur sagen: Ja, wir wollten es krachig, aber eigentlich fühlten sich die Aufnahmen zu „Fluidum“ für uns schon sehr, sehr gemäßigt an. Weil wir haben ja in den Jahren davor, noch ohne Kevin, aber mit Max’ Bruder am Schlagzeug, wirklich unhörbaren Noise gemacht. Das hatte dann fast schon so einen Performance-Charakter, wo wir dann auch gerne das Publikum beschimpft haben und so. Dazu kam, dass wir in dieser Phase zwar vier Alben veröffentlicht haben, aber lediglich als Download, was uns sogar lieber war, da wir so wirklich sehr schnell immer was Neues veröffentlichen konnten. Das ist inzwischen in enger Absprache mit This Charming Man deutlich sortierter und kontrollierter geworden.

Wie passt es da zusammen, dass ihr euch letzten Sommer für Ralf Milberg als Produzenten entschieden habt? Der war in Noise- und Punk-Kreisen bislang ein unbeschriebenes Blatt, oder?

Kevin:
Weil sonst niemand Interesse angemeldet hat! Ralf allerdings hatte uns im Februar 2013 beim Konzert in Esslingen wahnsinnig gut abgemischt und dieser Abend wird uns immer in guter Erinnerung bleiben. Das war ein super Konzert, eins der besten bisher.

Julian: Max wollte ursprünglich erneut alles alleine aufnehmen, ließ sich dann aber durch die Schlagzeugaufnahmen von Ralfs Studio zu seinem Soloprojekt überzeugen. Und uns gefiel der Gedanke auch.

Kevin: Ich hatte zwar zuerst Bedenken, die Atmosphäre könnte uns flöten gehen, wenn da jemand von außen auf einmal mitredet. Aber das hat sich nicht bestätigt, im Gegenteil.

Julian: Ralf hat sich einerseits rausgehalten, aber andererseits war er auch der, der immer mehr aus uns rausgeholt hat, nicht mit dem erstbesten Take zufrieden war, sondern konkrete Verbesserungsvorschläge hatte. So eine Mischung aus Trainer, Psychologe und Produzent quasi. Wir wollten dieses Organische, dieses Live-Gefühl. Wir standen bei den Instrumentalaufnahmen im Dreieck zueinander, wie bei den Konzerten, ziemlich nah beisammen, hinter uns eine Wand voller Boxen und Verstärker: Es war einfach ultralaut!

Kevin: Und es war megaheiß an diesen Tagen: Wir haben die Platte in Unterwäsche eingespielt, haha ... Aber wir wollten unsere musikalische Entwicklung und unsere Soundfortschritte seit dem Debüt auch deutlich machen. Da hat sich dann ja doch schon einiges getan.

Julian: Genau! Nicht nur wir, sondern auch unser Equipment hat sich im Laufe des letzten Jahres enorm weiterentwickelt und verändert, zum Positiven, hehe ... Pogo von MESSER hat mir geholfen, mein Equipment deutlicher an unsere Soundbedürfnisse anzupassen. Und auch ein paar Songs von „Fluidum“ haben über die Konzerterfahrungen noch mal eine Entwicklung erlebt, die uns alle begeistert.

In „Girlanden“ singst du „Ich bin noch nicht gescheitert, ich verändere mich“, das passt ja eins zu eins auf die Situation der Band, oder?

Julian:
Ja, das ist uns dann auch irgendwann aufgefallen ... Ich hatte „Girlanden“ letzten Winter geschrieben, in einer Phase, in der ich mich aus der Bahn geworfen fühlte, weil es plötzlich mit der Band so abging, was auch in anderen sozialen Rollen Veränderungen mit sich brachte, irgendwie. Jedenfalls habe ich das Stück in der Küche aufgenommen, deswegen hat es einen so ganz anderen Sound als der Rest der Platte, wo es ja aus den Bruchstücken des vorherigen Liedes entsteht. Aber die Jungs waren begeistert von dem Stück und wollten das genauso nehmen, weil es in dem Lied um uns geht, um unsere Entwicklung.

Was bedeutet das Motiv der Blindheit, „Eine Welt aus Cellophan“, in „Nie wieder Scheitern“?

Kevin:
Den Text hat Max geschrieben, da müsste man ihn fragen. Aber ich glaube, der Text hat was zu tun mit Leuten, die nicht über den Tellerrand schauen, obwohl es so viele Möglichkeiten gäbe. Aber letztlich ist es nicht festzulegen, wovon der Song handelt.

Julian: Es bleibt im Interpretationsspielraum des Hörers, da gibt es immer mehrere Möglichkeiten, auch für uns. Ich finde ja „Der ganze Himmel nur für uns und sonst schaut keiner nach oben“ ist ein starkes Bild in dem Song, bei dem ich nicht weiß, geht es jetzt vielleicht um Christentum oder ist es eine Naturbeschreibung. Wie gesagt, da müsste man Max mal fragen ...

Ihr hattet seit 2012 drei Touren, drei EPs und feuilletonübergreifend gute Referenzen. Dennoch seid ihr bei TCM geblieben.

Kevin:
Alles, was seit 2012 passiert ist, hat sich so ergeben respektive wir wurden konkret von den Machern gefragt. Das gilt für die Aufnahmen, wie für die Videos und die mediale Berichterstattung. Stell dir das vor: Am 27. und 28. August 2012 haben wir „Fluidum“ aufgenommen und drei Wochen später hatten wir einen Plattenvertrag: So schnell ging das!

Julian: Andere Labels haben sich übrigens überhaupt nicht gemeldet und außerdem hatte Chris eine Option auf die zweite Platte. Und natürlich sind wir einfach superglücklich, bei This Charming Man zu sein: Chris hat immer an uns geglaubt!

Außerdem wurdet ihr geadelt: AmpRep haben 2013 die „Nichts Neues“-Single veröffentlicht!

Julian:
Tom Hazelmyer hatte irgendwann was über DIE NERVEN bei Facebook gepostet: „Dig this now!“ Ich hab ihm dann spaßeshalber geschrieben, ob wir nicht mal über eine Single sprechen sollen. Ich wusste gar nicht, dass das Label gar nicht mehr aktiv ist und nur noch gelegentlich kleine Editionen veröffentlicht.

Kevin: Tom ist ja als Galerist in der OX-OP-Kunstgalerie in Minneapolis aktiv und ist dann wegen einer einzigen Ausstellung mal kurz nach Düsseldorf geflogen, wo wir dann abends die Release-Party zur Single gespielt haben: Wahnsinn! Und das Konzert hat ihm dann auch gut gefallen, und wir haben anschließend noch einen unterhaltsamen Abend mit ihm gehabt, haha ...

Julian: Tom ist einfach ein supernetter Kerl: Den Schädel, den er am nächsten Morgen gehabt haben muss, hat er sich allerdings nicht anmerken lassen, hehe ... Jedenfalls hat er noch geäußert, dass „Nichts Neues“ auf seiner Beerdigung laufen wird!

Und dann wurde euch auch noch die Ehre zuteil, als Support für KOMMANDO SONNE-NMILCH in Köln zu spielen. Wie war das?

Kevin:
Einfach nur klasse!

Julian: Das sind richtig tolle Typen. Jens Rachut kommt erst mal so eigenbrötlerisch rüber, taut dann aber mit der Zeit auf und ist einfach supernett. Aber genauso haben wir zum Beispiel auch die Erfahrung mit TURBOSTAAT gemacht, die sich als DIE NERVEN-Fans outen und dann selber im Publikum stehen und das geil finden. Oder auch der Kontakt zu TOCOTRONIC, das waren alles sehr, sehr herzliche Begegnungen.

Mit eurer Zusammenarbeit mit TOCOTRONIC werdet ihr dem Feuilleton wieder reichlich Futter geben.

Julian:
TOCOTRONIC spielen die Hauptrolle in unserem „Angst“-Video. Die fanden die Idee genauso lustig wie wir und sind große DIE NERVEN-Fans.

Mir ist aufgefallen, dass ihr euch immer wieder auf einen Kunstbegriff bezieht. Wo kommt das her?

Julian:
Obwohl wir sogar auf die gleiche Schule gegangen sind, kennen Max und ich uns jetzt erst vier Jahre. Aber wir hatten sofort eine gemeinsame Ebene, vor allem was Konzepte aus Theater, Kunst und Musik angeht, da haben wir ähnliche Interessen. In diesem Zimmer, in dem wir gerade sitzen, haben Max und ich 2010 gestanden und erste Song-Ideen für DIE NERVEN entwickelt und über die ganzen Gespräche, die wir geführt haben, haben wir dann auch unser eigenes Kunstkonzept entworfen.

Woher kommt eigentlich euer Achtziger-Jahre-Einfluss? Also, ich meine, das passt doch altersmäßig gar nicht, wer hat euch da inspiriert?

Julian:
Bei mir war es ganz klar das Elternhaus, mein Vater, durch den ich zum Beispiel die DEAD KENNEDYS kennen und lieben lernte. Und so Achtziger-Hardcore ist mir dann auch nach wie vor eins der liebsten Dinge, auch Post-Hardcore wie FUGAZI. Deutschsprachige Musik habe ich dann allerdings selber entdeckt.

Kevin: Ich höre auch gerne so was wie HÜSKER DÜ oder auch DINOSAUR JR. Deutschpunk mag ich eigentlich überhaupt nicht. Die erste deutschsprachige Band, die ich gut fand, waren TOCOTRONIC, die ja letztendlich von oben genannten Bands beeinflusst sind. Aber im Kern bin ich THE BEATLES-Fan! Ach, ich hab letzten Sommer viel RUSH gehört, fällt mir da ein, wegen des Schlagzeugs.

Gutes Stichwort. Wie ist es euch gelungen, so einen grandiosen Schlagzeugsound aufzunehmen? Man fühlt das Standtomfell ja quasi ausschwingen!

Julian:
Oh, das Kompliment geht an Ralf und Max. Kevin und ich sind da LoFi-mäßig unterwegs und interessieren uns eher für den Live-Sound, nicht so sehr für die Mikrofonierung im Studio.

Kevin: Also, wir beteiligen uns schon an der Herangehensweise und Durchführung der gesamten Produktion, aber uns fehlt da einfach ein Stück weit das technische Know-how, um uns da einzumischen. Aber ich gebe dir Recht: Die Standtom kann einiges.

Man konnte lesen, dass ihr die Gesangsaufnahmen in einer Mofa-Werkstatt aufgenommen habt. Woher kommt überhaupt euer Faible für diese räumlichen Aufnahmen und die halligen Sounds?

Kevin:
Das ist ebenfalls Max’ Ding. Max legt im Vergleich zu uns viel mehr Wert auf Sound, und vor allem hat er die Begabung, sich dann darin zu verlieren und gute Ergebnisse zu erzielen. Er interessiert sich von uns dreien auch am meisten für Equipmentfragen ...