RALF BRENDGENS(HITSVILLE RECORDS)

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Wenn der Spaß am Sammeln aufhört

Es geht weiter, unser Vinyl-Special: Nachdem wir in der vergangenen Ausgabe schon mit dem Platten verkaufenden, Platten vertreibenden und Cover für Platten entwerfenden Team von Slowboy in Düsseldorf über das „schwarze Gold“ gesprochen haben, ist nun deren Kollege Ralf Brendgens an der Reihe. Der 46-Jährige ist seit 1994 Besitzer des legendären Plattenladens Hitsville in der Düsseldorfer Altstadt, hat mit Musikern von DIE TOTEN HOSEN, BROILERS und Co. viele prominente Kunden – und sammelt seit Beginn der Achtziger Jahre natürlich selber LPs und Singles. Was für welche, das verriet er uns im Interview – ebenso wie den Punkt, an dem für ihn der Spaß am Sammeln aufhört.

Ralf, du bist nicht nur Plattenladenbesitzer. Du bist auch Plattensammler. Welche Platten sammelst du?


Ich habe alles Mögliche zu Hause stehen: Endsechziger-Musik, Psychedelic-Zeugs, frühe Elektronik – da muss ich auch nicht unbedingt Originale und Erstpressungen haben. Bei Punk, vor allem englischem, zwischen 1977 und 1986 ist das schon was anderes. Denn das ist mein Schwerpunkt. Das, was ich am meisten und liebsten sammle.

Sammelst du auch CDs?

Nein. Damit habe ich gar nichts zu tun. Ich besitze vereinzelt CDs, auf denen irgendwelche elektronische Musik oder so drauf ist, die man sonst nicht bekommt. Oder ein paar gebrannte CDs. Aber sonst: nur Vinyl. Ich kann mit CDs einfach nichts anfangen. Vinyl – das ist einfach eine ganz andere Wertschätzung.

Das ist natürlich so ein Spruch, den man derzeit überall hört. Kannst du diesen sehr generellen Begriff „Wertschätzung“ genauer beschreiben?

Mit einer LP hast du einfach etwas in der Hand. Stell dir mal die Situation vor: Du hast vier Leute bei dir zu Hause sitzen und spielst denen Musik vor. Einer fragt: „Was ist das, was wir da gerade hören?“ Und jetzt stell dir vor, die Musik ist wahlweise auf deinem PC, auf einer CD oder auf einer LP. Wenn du die Musik auf dem PC hast, dann zeigst du auf den Bildschirm, die Leute schauen kurz mal hin und sagen: „Soso. Aha. Alles klar.“ Wenn du eine CD hast, reichst du sie dem Gast, der sie vielleicht mal in die Hand nimmt, einmal umdreht – und sie dir wiedergibt. Hast du aber eine Platte, dann schaut sie jeder konzentriert von vorne an, dreht sie um, guckt von hinten drauf, streicht noch mal drüber und steckt vielleicht sogar mal die Nase rein. Das ist also etwas ganz anderes. Wie ein gebundenes Buch. Davor haben die Leute Ehrfurcht.

Bist du ein Komplettist?

Nein. Das kann man so nicht sagen. Ich muss in erster Linie schon einen Bezug zu einer Platte haben, damit ich sie kaufe. Ich mache vielleicht hier und da mal ein kleines Label in Bezug auf dessen Veröffentlichungen voll – oder habe großen Spaß daran, eben diese frühen Punk-Sachen zu sammeln. Da ging es für mich ja irgendwie los mit der musikalischen Sozialisation. Aber Sachen, mit denen ich gar nichts anfangen kann, die habe ich auch nicht zu Hause stehen, nur um irgendeine Serie oder was auch immer komplett zu besitzen.

Seit wann sammelst du?

Seit 1981. Vorher habe ich mir – wie viele andere auch – hier und da so die normalen Pop- und Rock-Scheiben gekauft. Also: Chartsingles, das Album „Live Killers“ von QUEEN und so.

Und welche Platte war für dich der Auslöser, der magische Moment, der das Sammeln und die Musikleidenschaft ins Rollen brachte?

Das war auf gewisse Weise Gary Numan. Seinen Song „Are friends electric?“ hatte ich 1979 bei „Top of the Pops“ gesehen. Den wollte ich unbedingt haben. Ich ging dann in den Tagen nach der Sendung in die Stadt und habe einen Sampler gefunden, wo dieses Stück drauf war. Der hieß „Best Of New Wave“ oder in der Art. Da waren aber auch die UK SUBS drauf – und plötzlich war Gary Numan beinahe uninteressant. Ich legte zu Hause die Platte auf, saß da und dachte nur: UK SUBS? Wow, was ist das denn? Das ist ja ein eineinhalb-Minuten-Song, der viel geiler ist als Numan! Und dann ging es los: Ich bin wieder rein in den Plattenladen, Rock On, hier in Düsseldorf, habe nach weiteren englischen Punkbands gesucht und die erste DISCHARGE-Single gekauft. Und die hat mich dann endgültig weggeblasen. Das war der Startschuss.

Wie viele Platten stehen derzeit bei dir in der Wohnung?

Ich schätze so an die 12.000. Also 6.000 Singles und 6.000 LPs, grob gesagt. Und das sind alles Sachen, die ich wirklich gerne höre. Ich gebe aber auch regelmäßig Platten ab. Weißt du, weniger ist manchmal mehr. Ich verkaufe lieber zehn Platten, die ich nicht mehr höre – und kaufe mir für das Geld eine wichtige andere Platte. Ich will nicht ohne Ende horten. So schafft man Platz und kommt an die wichtigen Sachen besser ran, haha. Außerdem gibt es noch so viel zu entdecken. Musik, die ich noch gar nicht kenne. Dafür muss ich ja auch Raum freihalten.

Wie wird man deiner Meinung nach vom Musikliebhaber zum manischen Sammler?

Das kam bei mir so nach und nach. Erst hatte ich hundert Platten. Dann merkte ich: Oh, es sind schon tausend – und es ging weiter. Ich hatte aber auch Phasen, in denen ich definitiv keinen Bock aufs Plattensammeln mehr hatte. Immer wieder.

Wie bitte?

Ja. Da ging es mir schlecht. Oder ich hatte gerade andere Hobbys. Und manchmal war es mir einfach zuviel. Das ist manchmal heute noch so. Deshalb gehe ich beispielsweise auch nicht mehr auf Plattenbörsen.

Du gehst als Plattenladenbesitzer nicht auf Plattenbörsen?

Nein, haha. Ich kann diese Gegeiere nicht ab. Diese Ellbogenmentalität: Früh morgens schon da stehen, damit man auch ja der Erste ist, der reinkommt. Platten viel zu teuer verkaufen. Ehrlich, da habe ich überhaupt keinen Bock mehr drauf. Da will ich nichts mehr mit zu tun haben. Das liegt sicherlich auch an meinem Beruf: Ich habe so viel mit Platten zu tun, dass mir so was dann einfach zuviel wird. Da habe ich manchmal echt die Schnauze voll.

Nun gab es damals, in den Achtzigern, noch kein Internet. Schwierige Zeiten für Sammler wie dich. Wie bist du an dein Vinyl gekommen?

Ich musste richtig auf die Suche gehen. Klar, heutzutage hast du das Netz und siehst mit zwei Klicks sofort Platten, für die du dich damals monatelang nass gemacht hast. Und das ist Fluch und Segen zugleich: Fluch, weil dieser Sammlertrieb aufgrund der beinahe unbeschränkten Verfügbarkeit von Platten und Informationen etwas verloren gegangen ist. Segen, weil man heute eben viel leichter an die Sachen rankommt, die man sucht. Ich musste mir früher noch Fanzines aus aller Welt bestellen, was ja an sich schon nicht so einfach war, da viele kaum zu beziehen waren. Anhand der Artikel, Interviews und Rezensionen habe ich mir dann Platten rausgesucht, die interessant sein könnten oder die einfach toll aussahen – und bin losgezogen und habe in den Plattenläden in der ganzen Region nachgeschaut, welche davon ich wo auftreiben konnte. Außerdem waren da natürlich auch die ersten London-Besuche. Das war ja ein Paradies. Da hast du Platten ja noch zu ganz anderen, viel günstigeren Kursen bekommen als heutzutage. Und ich war mehrfach in den USA und kam jedes Mal mit Koffern voller Platten nach Hause. Da habe ich dann eben auch mal bei besonderen, teuren Platten zugegriffen.

Heute nicht mehr?

Doch, klar. Wenn ich etwas sehe, was ich wirklich will und lange gesucht habe, dann schlage ich schon zu.

Ohne mit der Wimper zu zucken wahrscheinlich.

Na ja, ohne mit der Wimper zu zucken nicht. Im Gegenteil: Die zuckt da mitunter schon ganz schön heftig, haha.

Bist du als Plattenladenbesitzer auch so ein Typ der Art „Er ist sein bester Kunde“?

Da muss man schon aufpassen. Das kann durchaus passieren. Deshalb halte ich es ja mit manchen Musikgenres und Musikbereichen so, dass ich bei denen grundsätzlich nicht auf teure Originale aus bin. Da reicht mir dann auch die soundsovielte Nachpressung. Wenn man das anders handhabt und einmal anfängt, dann wird das ganz schnell zur Sucht und zum Fass ohne Boden. Wenn du alles sammeln willst, dann kannst du – salopp gesagt – deinen Hintern ans Laternchen schieben, um Geld für die Platten reinzuholen, haha. Und wer will das schon.

Kannst du dir Situationen vorstellen, in denen du deine Platten verkaufen würdest?

Na ja, schwer und ungern. Wobei ... ich habe mir schon mal überlegt, ob nicht vielleicht irgendwann im Alter mal ein Punkt kommt, an dem ich das auf einen groben Kern reduzieren würde mit den Platten. Ausschließen will ich das nicht.

Was war das meiste Geld, das du bislang für eine Platte ausgegeben hast?

Puh ... So 300 bis 400 Euro etwa. Es gibt aber auch Sachen, für die würde ich 600 Euro oder mehr ausgeben. Das sind dann aber allerdings auch Sachen, die für mich schon mit 16, 17 Jahren wichtig waren. Da habe ich dann diesen erwähnten Bezug zu. Die suche ich seit Jahren. Das sind Platten mit Songs, die mir damals schon ein Kribbeln beschert haben und die das heute noch tun.

Spielst du diese Platten auch ab?

Na klar!

Du hast also nicht von jeder wichtigen LP oder Single zwei Stück – ein Sammlerexemplar und eines zum Abspielen?

Nein, niemals! Das finde ich ein Unding! Natürlich, ich würde wertvolle Platten nicht unbedingt mitnehmen, wenn ich irgendwo auflege. Ich schmeiße auch nicht mit ihnen in der Gegend rum. Aber ganz ehrlich: Die Platte kommt auf den Plattenteller und gut ist. Wenn ein Kratzer drankommt, dann ist das eben so. Dann ärgere ich mich zwar kurz – aber das war es dann auch.

Kannst du eine Quote benennen, wie viel Prozent deiner Kunden im Laden „normale“ Käufer beziehungsweise Die-hard-Sammler wie du sind?

Schwer, viele erkennt man nicht. Aber ich würde schätzen: 20% meiner Kunden sind Sammler.

Und mitunter verrücktere als du?

Ja, durchaus, haha. Ich kenne zum Beispiel einen Kunden, der im großen Stile BEATLES-LPs sammelt. Und zwar alle. In allen möglichen Pressungen. Der kam hier auch schon mal rein, zog eine Platte raus, steckte das Cover ein, gab mir das Vinyl zurück und sagte: „Die Scheibe kannst du behalten. Ich brauche nur die Hülle. Was bekommst du dafür?“ Extrem wird es auch bei großen Konzerten in der Gegend. Dann sind plötzlich Platten der jeweils auftretenden Bands schwer gefragt und deren Sammler kommen hier rein. Das war zuletzt so, als die ROLLING STONES in Düsseldorf gespielt haben. Das war unfassbar schrecklich und schlimm. Da hatte ich auf einmal den Laden voll mit Leuten, die sich über ROLLING STONES-Platten unterhalten haben und sich unglaublich wichtig damit getan haben, was sie zu Hause so stehen haben: Der eine hat diese oder jene Platte 15-mal, der andere 20-mal. Und das alles lief in einer extrem nervigen Lautstärke ab, damit es auch ja jeder mitbekommt. In solchen Situationen würde ich den Leuten am liebsten einen Sack über den Kopf stülpen. Da kann ich ja gar nicht drauf. Weißt du, das ist die Sorte Sammler, die unfassbar staubtrocken und spießig ist. Nicht dass sich mal einer von denen richtig besaufen und feiern würde. Nein, denen geht dann einer ab, wenn sie den anderen vorhalten können, was sie alles haben – und was die anderen nicht haben. An so einem Punkt bin ich als Sammler raus.

Auch beim heute ja verbreiteten Vinyl in zig Farbe und Editionen? Immerhin lebst du ja auch von dessen Verkauf.

Richtig. Trotzdem geht mir auch das unheimlich auf den Keks. Das ist nichts als Verarsche und Geldmacherei. Da geht mir der Spaß verloren. Platten in Farbe und mit Schleifchen drumherum brauche ich nicht. Ich sage es insgesamt mal so: Ich bin als Sammler spätestens an dem Punkt raus, an dem die Wichtigtuerei anfängt.

Das heißt, du bist wohl auch keiner jener Sammler, die ab und an im Netz mal nachschauen, wie viel ihre Platten so wert sind?

Nein. Das weiß ich erstens ja auch meist so. Zweitens spielt das für mich keine Rolle.

Was spielt dann eine Rolle?

Die Geschichten zu den einzelnen Platten. Ich kann quasi zu jeder Single, zu jeder LP, die ich besitze, etwas erzählen: wann ich sie gekauft habe, wo ich sie gekauft habe, welche Freundin ich damals hatte – und so weiter. Wenn ich wichtige Platten rausziehe, dann ist da bei mir sofort ein Gefühl im Stile von „Beam me up, Scotty!“ Da stellen sich mir die Haare auf. Da läuft bei mir sofort ein Film ab. Genau deshalb haben diese Platten einen ideellen Wert, der mit Geld nicht aufzuwiegen ist. Bis heute. Solche Platten – wie etwa die eingangs erwähnte erste DISCHARGE-Single – wären genau jene Dinge, die ich auf diese viel beschworene einsame Insel mitnehmen würde. Selbst wenn sie nur noch ein paar Cent wert sein sollten. Da würde ich jede andere 200-Euro-Pressung für stehen lassen.

Was hältst du vom derzeitigen angeblichen Vinyl-Revival?

Ach, ob das ein richtiges Revival ist, weiß ich noch nichtmal. Platten hat es doch die ganze Zeit schon gegeben. Nur lassen die Majorlabels jetzt vielleicht wieder ein bisschen mehr pressen – darunter auch Sachen, die vor 10, 15 Jahren nicht als Vinyl veröffentlicht wurden. Letztlich ist es immer noch eine Frage von guter oder schlechter Qualität.

Qualität versprechen die Labels heutzutage vor allem mit dem 180-Gramm-Vinyl.

Und genau das ist so eine Sache: Das ist eben nicht immer hervorragend und bedeutet nicht automatisch, dass du eine gute Platte bekommst. Manche 180-Gramm-Platten sind eine Katastrophe. Diese sind teilweise für die Veröffentlichung auf CD produziert worden und nur schnell auch mal auf Vinyl gepresst. Das ist eine Wall of Sound, die keinen Spaß macht. Man darf ja nicht vergessen: Früher wurde Musik in den Studios explizit für Vinyl aufgenommen. Entsprechend super klingt das auch, im Gegensatz zu heute. Manchmal mache ich mir aus Neugier die Mühe und switche zwischen Vinyl und CD hin und her. Das ist mitunter erschreckend. Das passiert gerade bei Platten von modernen Indie-Bands recht häufig. Die Sachen von früher hören sich da viel, viel geiler an. Und da muss ich gerade nochmals auf etwas ganz anderes zu sprechen kommen, das mich als Sammler betrifft ...

Nur zu!

Ich habe neulich etwas sehr Wichtiges und sehr Richtiges erfahren. Und zwar, was eine gute Anlage so ausmachen kann. Da hatte ich mir noch nie so richtig ernsthaft Gedanken drüber gemacht. Ich sprach also mit einem Kunden, der mir erzählte, was für einmalige und hervorragende Verstärker Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger Jahre gebaut wurden. Die seien mit den heutigen Elektroprodukten gar nicht vergleichbar, weil viel besser und auf Vinyl-Sound ausgelegt. Daraufhin habe ich mich kundig gemacht, für knapp 150 Euro einen gebrauchten Verstärker und ein paar Boxen gekauft – und als ich zu Hause erstmals eine Platte darüber hörte, saß ich nur da und dachte: Verdammt! Was ist das? Wieso hast du dich so lange mit so viel weniger zufrieden gegeben? Eine echte Erleuchtung im späten Sammleralter war das, haha.