FRIEDEMANN

Foto

Cooler Hund!

Zu Besuch bei COR-Sänger Friedemann und seinem Hund Vitus. Ersterer hat begonnen hat, die Lieder seiner Soloplatte „Uhr vs. Zeit“, die vor kurzem bei Exile On Mainstream erschienen ist, live zu präsentieren. Letzterer benötigt meine Hilfe.

Melodien, die durch den Tag begleiten, Textpassagen, die sich ins Bewusstsein einbrennen, auch die leisen Töne liegen ihm: Friedemanns Country-Folk-Blues-Songs gehören in gewisser Hinsicht zum Aufregendsten, was in letzter Zeit so an Musik veröffentlicht wurde, eröffnen einem seine biografisch angelegten Lieder doch immer auch Türchen zu sich selbst und stecken voller Leben und Wahrheit. Endlich mal wieder Musik, die tatsächlich zu berühren und zu bewegen in der Lage ist! Wer sich mit ihr und ihrem Macher auseinandersetzt, stellt schnell fest: Seine Lieder sind so aufrichtig und wahrhaftig wie er selbst. Auch auf der Bühne des Grünen Jägers in Hamburg. Dort erlebt man, unterstützt von COR-Bassist Matze und Produzent Janko, Friedemann hautnah dessen Ausstrahlung und Lieder das Publikum in seinen/ihren Bann ziehen. Neben den „Hits“ der Platte wie „Nichts können“, „Was“ oder „Nackenbrecher Blues“ werden auch COR-Stücke wie „Segeln“, der großartige „Lampedusa Blues“ und mehr gespielt. Dabei keine Spur von „Alt-Punk entdeckt die Lagerfeuerklampfe“ oder so was, sondern die Erkenntnis, dass dort jemand eine neue musikalische Ausdrucksform gefunden hat, die viel herausfordernder ist als das Punkrock-Geschäft. Hinter all dem Krach kann man sich gut verstecken, im akustischen Kontext ist man quasi nackt, da zeigt sich, was man wirklich drauf hat, wie Friedemann später selber sinngemäß zusammenfasst. Ich würde sagen: Alles richtig gemacht!

Doch wisst ihr, eigentlich bin ich ja inzwischen mehr Hundemensch denn Musikmensch, vielleicht, weil Hunde bei mir die Sache mit dem Berühren und Bewegen irgendwann wesentlich verlässlicher erfüllten als die Musik,. Drum würde ich euch gerne von Friedemanns Hund erzählen, Vitus, der ist nämlich von ganz besonderem Naturell und mindestens genau so nachhaltig beeindruckend wie sein Mensch.Was Hund und Mensch eint, ist ihr ausgeprägter Sinn für die Verbindung von Würde und Freiheit. Deswegen schweigen oder zögern sie auch nicht, wenn sie Unrecht oder Bedrohung wittern, sondern machen’s Maul auf und finden dabei eine deutliche, klare Sprache, um sich unmissverständlich auszudrücken. Dafür ist nicht nur Friedemann in der Szene, sondern auch Vitus, zumindest in der Nachbarschaft, bekannt wie, äh ... ein bunter Hund, wobei Vitus, besonders bei Artgenossen, denen er im Allgemeinen auf nicht gerade zimperliche Weise Respektsbekundungen abringt, wohl eher „berühmt-berüchtigt“, wenn nicht gar „gefürchtet“ ist. Ein für Vitus Unfreiheit generierender Zustand, der auch Friedemann beschäftigt, zumal er sich in diesem Punkt von seinem Hund deutlich unterscheidet: Solange man ihm nicht dumm kommt, ist er den Mitmenschen eher zugewandt, also ein ziemlich netter, kommunikativer Typ. Obwohl ja jeder wirklich denkende Mensch ein netter sein muss, ansonsten hätte er nicht wirklich (zu Ende) gedacht. Ein denkender Mensch ist Friedemann definitiv, und zwar einer, der auch Taten folgen lässt. Das bedeutet auch (behaupte ich jetzt mal so, da hier ja keiner widersprechen kann und weil es einfach nur schlüssig ist), dass man zusieht, die Dinge richtig zu machen, heißt: Das, was sich „richtig anfühlt“, auch zu verwirklichen beziehungsweise umzusetzen. Nich’ nur schnacken, topacken!

Und so finde ich mich eines schönen Morgens Im August mit dem Auftrag „St. Vitus Anger Management“ auf einer Wiese auf Rügen wieder, um mich herum eine Handvoll Menschen und Hunde, um an Vitus’ Sozialverträglichkeit zu arbeiten. Unsere Interpretationen und Projektionen von und auf Musik oder Hundeverhalten entfernen sich mitunter deutlich vom Objekt. Das liegt daran, dass nichts und niemand uns so emotional und entsprechend individuell und subjektiv reagieren lässt wie Hunde und Musik. Ein kulturelles Artefakt wie ein Stück Musik bleibt davon erst einmal unangetastet, bei den Hunden aber sieht das etwas anders aus. Hundeschicksal: Die Deutungshoheit über sie und ihr Verhalten liegt immer beim Menschen. Daraus folgt, konsequent zu Ende gedacht, dass sie werden/sind, was wir in ihnen sehen. Wir Menschen sind es, die sie, innerhalb ihrer jeweiligen genetischen „Programme“, formen und bewirken. In dieser Hinsicht machen ihnen besonders unsere Ängste und Befürchtungen zu schaffen, die sich mitunter wie ein Bannspruch über alles legen. Das ist gar nicht mal metaphysisch gemeint, sondern täglich in Hundeland zu beobachten: Wer vermutet, dass sein Hund gefährlich ist, kann sich mit diesem nicht mehr frei bewegen, vermeidet, schränkt ein, verliert die Lust und das Vertrauen, für den von unserer Zugewandtheit abhängigen Hund – ein worst case scenario. Von daher: Nie den Glauben an den eigenen Hund verlieren, denn das ist alles, was er hat!

Vitus entpuppt sich dann als ein wacher Geist, der gefordert werden will, mit Eigentümlichkeiten, von denen man wissen und die man respektieren muss. Stolze, sich ihrer Würde und Wirkung bewusste Hunde wie Vitus brauchen, neben der üblichen Erziehung und Teilhabe am sozialen Leben ihres Verbundes, den Raum, sich entfalten zu können. Sie wollen und müssen innerhalb ihrer Gemeinschaft gesehen werden und brauchen eine entsprechende Ansprache, ansonsten verkümmert ihre Seele. Die schlichte, dafür umso schönere Wahrheit „Nur wenn wir tanzen sind wir frei“, die COR-Hymne auf die Möglichkeit, Notwendigkeit und das Recht, die eigene vitale Lebensfreude und Kreativität ungeniert entfalten und (mit)teilen zu können, gilt also nicht nur für den Menschen, sondern, man ahnt es bereits, leicht modifiziert auch für den Hund. Womit soweit eigentlich erst mal alles gesagt ist. Vielleicht noch so viel: Wenn es dir vielleicht gerade nicht gut geht: Hol dir einen Hund. Oder Friedemanns Platte. Beide machen, wenn du dich wirklich drauf einlässt, dein Leben reichhaltiger, intensiver und bewusster, versprochen!