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50 Jahre Mod, 35 Jahre Revival

Das Mod-Revival ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Es liegt ja nahe, zu vermuten, der 79er-Mod-Sound hätte auch nur ein kleines bisschen Ähnlichkeit mit der Musik, die die Original-Mods 1964 zu hören pflegten. Falsch, 1979 gab es unter dem Etikett „Mod“ ganz selten etwas anderes zu hören als munteren Powerpop, poppigen Punk, keine Spur von Beat, Soul oder Rhythm’n’Blues. So gesehen kochten die Revivalisten wenig mehr als die strengen Dresscodes und die aufmüpfige, aber nie zu rebellische Grundhaltung der damaligen Jugendbewegung auf. Das britische Label Cherry Red hat nun ein CD-Boxset zum Thema Mod-Revival aufgelegt. Ein willkommener Anlass, den Kult um die grünen Jacken und Motorroller noch mal gründlich unter die Lupe zu nehmen.

Wie kann ich verf***er Revivalist sein, wenn ich gerade erst 18 Jahre alt bin?“, motzte der bereits damals chronisch muffelige Paul Weller einen Sounds-Journalisten an, und lag damit nicht ganz falsch. Denn in jungen Jahren hatte Weller schon sein persönliches Mod-Revival hinter sich, spielte er doch bereits seit 1974 Stax- und Motown-Songs nach und schrieb allerhand Soul-beeinflusstes Material. Zu hören auf den frühen Demos vor dem Polydor-Deal von THE JAM, der die Band als Galionsfigur der Neo-Mods ins Spiel brachte. Vom Feuer und der Energie der noch jungen Punk-Welle beeindruckt, änderte sich allerdings Wellers Sound völlig, er wurde härter, zorniger, verbissener, ohne allerdings das Gitarrenspiel eines Pete Townshend oder Wilko Johnson aus den Augen zu verlieren. Mit dieser Mixtur aus hochenergetischem Punk, gepaart mit Reminiszenzen an den Beat-Sound der Sixties, führte Weller die britische Popmusik aus der Sackgasse, in die sich die nihilistische Richtungslosigkeit der Punk-Welle zu verirren drohte.

Dass THE JAM damit so unglaublich viel Erfolg hatten, ließ die berüchtigte Musikpresse Londons aufhorchen, flugs heftete man dem Spät-Teenager Weller das Etikett „Jugendheld“ ans Dreiknopf-Sakko, und in der Tat, die Vorbildwirkung seines Powertrios kann nicht unterschätzt werden. Es dauerte keine zwei Jahre, bis das Revival in voller Blüte stand. Und nun das eigentlich Irritierende: Die zeitgenössischen Mod-Bands spielten nahezu ausnahmslos den Sound, den Weller bereits seit 1977 als den zeitgenössischen Neo-Mod-Sound zelebrierte. Dass der so genannte „Mod“-Sound sich wenig vom allgegenwärtigen Punk/New Wave und sogar Pubrock unterschied, störte die Neo-Mods nicht im Geringsten. Einzig die Attitüde der Bands verbreitete ein etwas optimistischeres Flair. Als „Punk with a smile“ beschrieb der Feuilletonist Peter York deshalb seinerzeit die Bewegung. Zudem funktionierten die Neo-Mod-Combos bestens als Identitätsstifter. Mit den strikten Dresscodes und dem in den Texten vermittelten Gefühl von Zugehörigkeit zu einer ganz speziellen Gruppe konnten sich die Teenager in idealer Weise abgrenzen, ihr „Wir-Gefühl“ ausleben und sich als Teil einer Szene verstehen. Es kommt deshalb auch nicht von ungefähr, dass gleich drei verschiedene Bands namens THE SCENE auf dem aktuellen Mod-Sampler vertreten sind.

Die CD-Box enthält vier CDs und beleuchtet mit 100 Songs die Jahre von 1977 bis 1989, und dabei ist eine ansehnliche Menge von Mini-Hits zusammengekommen – nicht wenige der Songs landeten damals in den Charts. Die Songs sind chronologisch angeordnet und CD Nummer eins widmet sich dabei komplett dem 79er-Jahrgang. Ein Indiz für die schiere Masse an guten Bands, denn nicht eine einzige schwache Nummer ist darunter. Ein Who’s Who der produktiven Szene mit THE CHORDS, SECRET AFFAIR, PURPLE HEARTS, LAMBRETTAS, MERTON PARKAS (mit Mick Talbot, Wellers späterer Partner bei STYLE COUNCIL), die NIPS (vormals NIPPLE ERECTORS, die erste Band des feuchten Traums aller Zahnärzte, Shane MacGowan), die immer noch aktiven LANG TALL SHORTY, TEENBEATS, THE JOLT oder KILLERMETERS. Zum allerersten Mal auf CD veröffentlicht wurde „I can’t resist“ von REACTION, bei denen Mark Hollis singt und Gitarre spielt, der später mit TALK TALK weltweit erfolgreich war.

Das Strohfeuer der neuen Mod-Welle war allerdings bald verloschen, denn außer THE JAM hatte keine der Bands danach auch nur ansatzweise wieder einen kleinen Hit und die eigentliche Szene begann sich zu verändern. Wie bereits in den Sechzigern spalteten sich die Scooter Boys vom Mod-Manistream ab. Ein stylisches Auftreten war ihnen weniger wichtig, der Roller stand stets im Vordergrund, und musikalisch ging bei ihnen auch mehr als bei der Szenepolizei. Sie waren offen für Einflüsse aus anderen Subkulturen, und so konnten sich Skins, Psychobillys, Punks und langhaarige Bikertypen bei einem Scooter-Run gemeinsam bei Northern Soul-, Ska-, Rock’n’Roll- und Punk-Sounds ordentlich die Kante geben. Zu solcher Art der „Völkerverständigung“ wäre ein traditionsbewusster Mod niemals bereit gewesen.

Musikalisch erweiterten die Mods, die nach dem Hype ihre Nischenkultur weiter pflegten, in den Jahren ab 1982 das Spektrum beträchtlich. Mehr und mehr ging es musikalisch wieder zurück in die Sechziger, Bands wie DIRECT HITS, THE TIMES oder JETSET entdeckten den Popart-Freakbeat der Jahre 1965 bis 1967 für sich, janglige Gitarren bestimmten den Sound, Paisley-Pop im Geiste der CREATION mit leicht psychedelischem Unterton war en vogue. Andere Bands besannen sich auf die schwarzen Wurzeln der originalen Mod-Musik und spielten Soul und Rhythm’n’Blues-Nummern (die UNTOUCHABLES aus L.A. etwa, die mit „I spy fort he FBI“ doch noch mal eine kleine Chartsnotierung erzielen konnten).

In der Summe sind die Songs der Jahre 1982 bis 1989 deutlich abwechslungsreicher, als der oft sehr stereotype 79er-Powerpop-Sound. Die erweiterte Bandbreite beruhte sicherlich auch darauf, dass die Musiker, anders als zu den Hochzeiten der „Mod-Mania“, auch intellektuell den Zugang zu „ihrer“ Musik suchten. Die vertiefte Auseinandersetzung mit den alten Sixties-Sounds, fernab der Oldie-Parade, konnte nicht zuletzt besser gelingen dank umfangreichen Reissue-Tätigkeit seit den frühen Achtzigern, als kistenweise Sixties-Compilations wie „Pebbles“, „Rubble“ oder die ungezählten Kent-Sampler unter die Leute gebracht wurden. Zudem machten Labels wie See For Miles oder Edsel mit wiederaufgelegten Raritäten den Markt für Musik-Connaisseure abseits der ausgetretenen Pfade wieder interessant.

Die Tendenz, tanzbodenkompatible Klänge einzuspielen, nahm ab Mitte der Achtziger zu, die PRISONERS etwa mit ihrem Hammondbeat, bewegten sich zwischen Psychedelia, straightem Beat und groovender Jazz/Soul-Rhythmik. Deren Organist James Taylor griff mit seinem Quartett später auf die funkigeren Momente der späten Sixties zurück und spielte eine Handvoll feinster Acid-Jazz-Alben ein. Der Begriff Acid Jazz war allerdings in diesen Tagen noch nicht erfunden. Eddie Piller, umtriebiger DJ, Booker und Labelmanager, gründete zusammen mit Giles Peterson erst 1988 das gleichnamige Label und gab somit einem Bastard aus Funk, Jazz und Electronica einen neuen Namen. Das Mod-Revival stand auch Pate für manche der Manchester-Rave-Combos. Die CHARLATANS etwa mit ihrem orgellastigen Acidpop griffen auf Sixties-Zutaten zurück. Ihr Bassist Martin Blunt spielte mit Fay Hallam seinerzeit das hervorragende „Rhythm’n’Soul“-Album der MAKIN’ TIME ein, und das daraus entnommene „Here is my number“ ist ein Highlight der Box. Mit dem letzten Stück auf der letzten CD ist dann sogar ein deutsches Label vertreten, „Arthur C. Clarke“ von den AARDVARKS, eine Produktion von den Ex-MILKSHAKES Bruce Brand und Billy Childish. Das erschien auf dem Kölner Screaming Apple-Label und schließt den epischen Überblick über zwölf Jahre Neo-Mod-Sounds gelungen ab.

Die Auswirkungen des Mod-Phänomens jedoch reichen noch weiter, die Britpop-Bands der mittleren Neunziger wedelten stets heftig mit ihren Union Jacks, Target-T-Shirts gab’s bei H&M, Mod hat sich einen Teil des Mainstreams, auch hierzulande, zurückerobert. Und die heutige Szene? Regelmäßige Weekender bestimmen die Terminkalender der Modernisten, ob in Rimini, Linz oder Brighton, wie eh und je rollen die Vespa-Corsos durch die Städtchen, jedoch ist die Szene alles in allem doch deutlich gealtert. Dennoch kommt immer noch Nachwuchs dazu, und mehrere Generationen tanzen gemeinsam den Boogaloo. So macht alt werden Spaß.