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Interviews & Artikel

LOVE A

Deutschpunk aus artgerechter Haltung

Ox-Praktikant. Schreiber. Freund. ULTRAFAIR. LOVE A. Seit über 15 Jahren verfolgt mich dieser Jörkk Mechenbier. Ist oft da, wo ich auch bin. Kann kein Instrument spielen, hat aber eine große Klappe. Und wurde so irgendwann Vorstand einer Band. Muss man alles gut finden, was ein Freund macht? Muss man nicht, hab ich auch nicht getan. Früher. Irgendwann dann die Erkenntnis, dass das, was LOVE A machen, doch irgendwie gut ist. Und deshalb bat ich den charmanten Chaoten zur Audienz in die Ox-Zentrale. Wir mussten reden ... über „Jagd und Hund“, das neue Album. Und Mädchen.

Ist eure Kriegskasse gut gefüllt? „Jagd & Hund“ ist der Titel der führenden Jagd- und Angelmesse, die immer im Februar in Dortmund stattfindet.


Klar, das haben wir anwaltlich prüfen lassen, da sind wir safe. Vor allem aber sind wir safe, was die weibliche Zielgruppe betrifft: Eine Freundin sagte, ihre erste Assoziation sei der Titel der Zeitschrift gewesen, für die Hugh Grant in „Notting Hill“ schreibt – die heißt „Horse & Hound“. Und Anne von unserem Label ging es genauso. Bei Damen ab dreißig scheint der Titel zu funktionieren. Nun, man muss eben in seiner Altersklasse bleiben.

Jammern kannst du auch wie ein Mädchen – unter dreißig. Also was deine Texte betrifft.

Es ist schon wichtig, dass die Herren das bekommen, was sie sich nicht trauen auszusprechen, und die Damen sich verstanden fühlen.

Frauenversteher Jörkk M.?

Ich glaube nicht ... Ich bin halt irgendwie ein Mädchen, entsprechen sind meine Ansichten recht ähnlich, hahaha.

Andererseits: so ein großer Frauenversteher kannst du gar nicht sein, sonst müsstest du der Welt nicht so viel Leid klagen.

Vielleicht will es ja deshalb oft nicht funktionieren, weil ich selbst so ein Mädchen bin, aber auf heterosexuelle Damen stehe. Um auf den Plattentitel zurückzukommen: das sind zwei urdeutsche Laster, das kann man als Deutschpunk-Band gut verwerten.

„Deutschpunk“, aha. Heute behauptet ja jeder, er würde Deutschpunk machen. Und macht doch lahmen Indierock. Machen deutsche Texte und Punk-Wurzeln schon Deutschpunk?

Nee, für mich nicht. Ich unterscheide auch zwischen Deutschpunk und deutschem Punkrock. Deutschpunk ist einfach griffig, und weil es mal so negativ behaftet war, macht es Spaß, damit zu spielen. PASCOW etwa haben vor zehn Jahren schon den Begriff benutzt und versucht, ihn „reinzuwaschen“, weil sie dazu standen und er für sie nie negativ behaftet war, obwohl er im Zusammenhang mit ihnen eher negativ verwendet wurde. Bei „Deutschpunk“ denkt jeder an die „Schlachtrufe BRD“-Sampler, Pflastersteinwerfen und Lederjacken mit „Schieß doch, Bulle“-Slogan. Was uns betrifft: deutscher Punkrock, würde ich sagen, weil das die Wurzeln sind. Musikalisch haben wir uns davon sicher weg entwickelt, aber bei genauer Betrachtung kann man die Wurzeln ausmachen, glauben wir.

Was Punk ist oder sein darf, war wahrscheinlich nie weniger scharf definiert als heute. Das Spektrum, das musikalisch aufgeschlossene Menschen interessiert, ist denkbar weit gefasst, man „darf“ fast alles hören.

Als der Begriff geprägt wurde, war die Musiklandschaft noch nicht so divers wie heute. Das mit den „Schubladen“ ist über die Jahre immer schlimmer geworden, das merkt man ja gerade auch im Musikjournalismus, wo man sich eben irgendwie einordnen muss. Mit einem Begriff wie Deutschpunk versucht man eine genaue Definition zu verhindern, man schlägt einen Pflock ein und um den herum kann alles passieren. Außerdem finde ich es charmant, sich angesichts einer drohenden Vereinnahmung durch den Mainstream auf jene kleine Elite zu beziehen, aus der man hervorgegangen ist.

Punk hat in der Tat oft etwas Elitäres: Sobald viele etwas gutfinden, ist es scheiße.

Das geht mir oft so, bis heute. Wenn das dritte Album kommt und die Band sich wenig bis gar nicht verändert hat, ist das für manche das, was sie erhofft haben – und andere, Typen wie ich, die sich über Veränderung und Weiterentwicklung freuen, ziehen weiter, zur nächsten, spannenderen Band. Von den Klassikern mal abgesehen wird es immer schwerer, sich von irgendwas begeistern zu lassen.

Apropos Weiterentwicklung: In den fünf Jahren, die es LOVE A gibt, ist in der Hinsicht einiges passiert. Wie reflektiert seht ihr eure eigene Band?

Wir hatten uns für die neue Platte nur ein paar Parameter vorgegeben: sie sollte düsterer und kälter klingen als bisher. Wir arbeiten an sich recht einfach beim Songwriting: Während PASCOW oder KOETER sehr wenig mit Refrains arbeiten, sind wir da eher wie BON JOVI, dreimal muss er kommen, am besten zum Schluss noch ein viertes Mal, damit es auch der Letzte rafft. Ein einfach gestrickter Rocksong funktioniert eben so. Wenn wir uns zum Songschreiben treffen, ist das erst mal wie Klassenfahrt, die Jungs sind alle zusammen, die Stimmung gut, und dann fangen wir an. Da ist wenig vorbereitet, der Entstehungsprozess ist eher chaotisch, und ich glaube, das merkt man unseren „Trademarks“ auch an. Ich mache sowieso immer das Gleiche, weil ich zu mehr nicht in der Lage bin. Im Studio ist das anders: Wenn der Sound eines Albums anders ist, liegt das oft nicht an einer bewussten Entscheidung der Band, sondern an den Rahmenbedingungen. Wenn man doppelt so viel Geld zur Verfügung hat, klingt ein Album einfach anders. Man probiert mittlerweile irgendwelche Spielereien aus, die live dann gar nicht unbedingt aufgegriffen werden. Im Studio macht das Spaß, man hat einfach Bock, an Details und Effekten zu arbeiten. Früher waren wir puristischer, man hat sich weniger zugetraut, weniger ausprobiert. Ich war neulich selbst überrascht, im positiven Sinne, wie spröde unsere frühen Aufnahmen klingen. Ich finde ja, so was sollte man sich bewahren, aber nur wenige Bands schaffen es, im Laufe ihrer Karriere Dinge wegzulassen, die ihrer Meinung nach die Qualität verbessern.

Wie weit wollt ihr gehen? Man kann als deutschsprachige Band mit Punk-Wurzeln dieser Tage ja weit kommen – und endet dann wie JUPITER JONES als einfältige Schlager-Rockband.

Wir haben einen klaren D.I.Y.-Punk-Background mit entsprechenden Scheuklappen. Andere Bands haben diesen Background nicht, die wurden eine Weile lang von der Punk-Szene aufgenommen, ohne da angeklopft zu haben, und bekommen jetzt gesagt, dass sie keine mehr von „uns“ seien. Dabei waren sie das vielleicht ja nie. Man kann in jedem Genre über Sonnenschein und Liebe singen, aber wenn man als Punkrock-Band alles andere weglässt, ist man eben keine Punkband mehr. Ich wäre gar nicht in der Lage, meinen Punk-Bezug völlig auszublenden. Die Musik selbst wird ja schnell als „nicht mehr Punkrock“ wahrgenommen. Es ist auf gar keinen Fall unser Ziel, belanglose Rockmusik frei von Inhalten und kritischem Hinterfragen zu machen. Abgesehen davon machen wir uns selbst immer wieder darüber lustig, wie weit wir Stümper mit unseren beschränkten Fähigkeiten schon gekommen sind, hahaha. Und der Traum, irgendwann mal von seiner Musik leben zu können, ist zwar vorhanden, aber mit bald vierzig belächelt man sich ja selbst für solche Gedanken.

Die vorhin bereits erwähnten PASCOW hast du von Anfang an als Freund begleitet.

Ohne die, ohne Alex und Ollo, wäre es sicher anders gekommen. Die Jungs haben schon bei meiner früheren Band ULTRAFAIR an den Scheiß geglaubt, den ich mache, und dafür bin ich sehr dankbar. Dieses Selbermachen, das habe ich von denen gelernt, und heute sind wir gegenseitig stolz auf das, was wir erreicht haben. Als Band ist es schon gut, wenn man eine andere Band als „großen Bruder“ hat. DIE TOTEN HOSEN waren das für die BEATSTEAKS, die BEATSTEAKS für TURBOSTAAT, TURBOSTAAT mit uns ... Das gegenseitige Pushen, dass man gegenseitig seinen Freunden erzählt, was und wer cool ist, das gehört dazu. So funktioniert D.I.Y., das ist Vetternwirtschaft unter den Guten. Eine karrieristische Herangehensweise, wie sie manche Bands an den Tag legen, ist uns zuwider.

Dieser ganzen Popakademie-Scheiß, wo man Bands beibringt, wie man an seiner Karriere arbeitet ...

Meiner Erfahrung nach merkt die Community – ich sage ganz bewusst nicht „Szene“ – so was. Die Leute erkennen, ob eine Band „gesund“ gewachsen ist oder etwas Geklontes, die riechen das. Wenn man Glück hat, kann man die Stufen mal etwas schneller nehmen, aber es gibt keine Abkürzung.

Ihr seid eurem Label Rookie mit eurem neuen Album treu geblieben, gehört zum gleichen Stall wie PASCOW und KOETER. Ein angenehmes Nest?

Auf jeden Fall, und wir reden nicht ohne Grund von unserem Labelboss als „Papa Jürgen“. Das Label basiert ja auf Jürgens „Familie“, seinen Bands WALTER ELF und KICK JONESES, auf seiner Verbindung zu den SPERMBIRDS. Rookie Records ist eben Familie, Jürgen und Anne kümmern sich um uns, wir haben einen sehr vertrauensvollen Umgang und offen über andere Angebote gesprochen – es gab ja sogar eine Anfrage von einem Major. Letztlich gibt es nichts, was man über diese Rookie-Connection nicht selbst auf die Beine stellen kann – der Unterschied zu einem Majorlabel ist rein die zur Verfügung stehende Summe. Aber mit Geld allein kann man eben auch nichts erzwingen, und das, womit wir Leute ansprechen können, das bekommen wir auch selbst hin.

Deine Texte bieten viel „Identifikationspotenzial“. Du hast es drauf, Texte zu schreiben, von denen sich Menschen angesprochen fühlen. Wie viel von dir steckt da drin?

Die Menschen, die mich kennen, die erkennen sicher immer die Stellen, an denen ich von mir selber rede. Ich stelle mir mein ganzes Leben lang schon vor, mal einen Roman zu schreiben. Ich habe schon viele Geschichten, die da reinkommen würden, aber ich kann die nicht aufschreiben, weil dann viele Menschen aus meinem Leben mit mir brechen würden. Wenn einen etwas geärgert hat beispielsweise, spricht man das ja nicht immer aus, spricht nicht mit den Betroffenen darüber, und es wäre unfair, das dann auf dem Wege eines Romans diesen Leuten mitzuteilen. Man will einerseits seine Gefühle zum Ausdruck bringen, andererseits aber auch niemandem auf die Füße treten. Wobei es sicher auch Leute gibt, die darauf warten, sich wiederzufinden. Mir geht das ja nicht anders, ich höre jedes PASCOW-Album in dieser Hinsicht durch. Auch wenn ich mit den Jungs heute nicht mehr so viel rumhänge wie früher, gibt es doch immer wieder Momente, wo es mir vorkommt, als hätten die Zugriff auf meine Helmkamera gehabt. Meine Schwester rief mich neulich an, der hatte ich das neue Album vorab geschickt, und die sprach mich auf „Windmühlen“ an. Sie sagte, sie habe sich da angesprochen gefühlt, sich etwas geschämt. Sie dachte, dieser Mensch, über den ich mich da ja doch negativ auslasse, könnte sie sein. Ich sagte ihr dann, dass ich meine Texte sehr oft über meine eigenen Unzulänglichkeiten schreibe. Ich gehe mit mir selbst hart ins Gericht. Schreibe ich „Du bist ein Arschloch, weil ...“, fühlen sich erstaunlicherweise viele Leute angesprochen. Dabei rede ich, wenn ich Arschloch schreibe, immer von mir! Und konkret zu „Windmühlen“ bekomme ich von Menschen gesagt, ich hätte da genau ihre Gefühle wiedergegeben.

Der große Trick des Textens ist ja, dass man es schafft, so zu schreiben, dass andere das Geschriebene exakt auf sich beziehen können.

Hahaha, wie bei einem Horoskop. Ich denke, es gibt schon eine gewisse Formel, was die Massentauglichkeit betrifft, aber das heißt ja nicht, dass man da gleich wie Helene Fischer oder sonst jemand aus dem Schlagerbereich „Sonnenschein“ auf „nie allein“ reimt. Es gibt da so eine Schwelle, ab der läuft man Gefahr, in Richtung Beliebigkeit zu driften, wenn man als Band größer wird und alle ansprechen will.

Wie kamst du eigentlich zum Schreiben? Als Azubi und Angestellter eines Farbengroßhandels war dir das ja nicht in die Wiege gelegt. Fing das damit an, dass du im Jahr 2000 beim Ox auf der Matte standest, um ein Praktikum zu machen? Was hat dich motiviert, deine Gedanken in Worte zu kleiden?

Auch wenn ich mir oft gewünscht habe, es als Schreiber zu höheren Weihen zu bringen, fehlt es mir dafür an Struktur, glaube ich. Straight bei einem Gedankengang zu bleiben, das liegt mir nicht. Ich bin eher jemand, der gut und gerne redet, als jemand, der gut schreibt. Über die Distanz eines Songtextes funktioniert das dann auch noch schriftlich, aber bei mehr als einer A4-Seite entgleiten mir die Gedanken, da müsste ich gleich mehrere Kapitel gleichzeitig anfangen. Eine Plattenbesprechung, eine Kolumne, das geht auch noch, aber das bietet sich als Format ja auch an für jemanden, der gerne kommuniziert. Das sind so Soft-Skills, die man hat, oder auch nicht. Mein Wunsch war immer, mich mitzuteilen, meine Meinung kundzutun, der angeborenen Großmäuligkeit frönen zu können. Schon in meinem ersten Zeugnis der Grundschule stand: „Durch seine spontanen Zwischenrufe stört er öfter den Unterricht.“ Irgendwie war wohl schon immer der Wunsch vorhanden, ein Publikum zu haben. Ich glaube, der Wunsch nach Bestätigung vereint alle Frontmänner. Gleichzeitig habe ich auch einen Unterhaltungsanspruch, und wenn ich dann mal wieder erkenne, dass ich viel labere und mich dafür entschuldige, bekomme ich oft zu hören, bei mir sei das ja was anderes, da höre man gerne zu. Ich bin gerne der, der spricht, dabei ist es mir aber wichtig, dass alle anderen auch Freude daran haben, dass ich spreche. Ich habe ein großes Mitteilungsbedürfnis, hahaha. Was ich da mache mit der Band, entspricht meinem Naturell, das ist artgerechte Haltung. Als Sänger darf man rumzappeln, Grimassen schneiden und hat das Wort. Das ist mir sehr wichtig.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #119 (April/Mai 2015)

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Der Trierer JAWKNEE MUSIC schreibt unermüdlich abwechslungsreiche und mitreißende Songs zwischen Rock, Punk, Folk und Indie, die auf seinen Veröffentlichungen mal als Solostücke und mal als Fullband-Songs erscheinen. Seine unverwechselbare Stimme ... mehr

 
 

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