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Interviews & Artikel

NEUROSIS

Punk, Hardcore, Metal

Mein erstes NEUROSIS-Konzert? 1990 in San Francisco, eine Benefizshow für ein Frauenhaus. CHUMBWAMBA spielten auch, und eine neue Band aus L.A. namens THE OFFSPRING. In den Folgejahren wurde die Band aus der Bay Area zu einem ständigen Begleiter des Ox. Auf Platten wie „Souls At Zero“ (1992) und „Enemy Of The Sun“ (1993) entwickelten NEUROSIS eine völlig eigenständigen, damals von keiner anderen Band gespielten, monumentalen Post-Hardcore-Sound. Zu dieser Zeit waren sie (gefühlt) dauerpräsent auf hiesigen Bühnen und ihre Shows überwältigende Erlebnisse. Nach der Jahrtausendwende fing die Band an, auf ihrem eigenen Label Neurot nicht nur die eigenen Platten zu veröffentlichen, sondern auch die befreundeter Bands, und wo andere Formationen ihre Ups und Downs hatten, gelang NEUROSIS die Transformation zu einer zeitlosen Kultband mit treuer Anhängerschaft. Ich nahm das neue Album „Fire Within Fires“ zum Anlass, mit Steve Von Till über Vergangenheit und Gegenwart zu sprechen.

Steve, es ist bei dir kurz nach fünf morgens. Bist du Frühaufsteher?

Ich stehe eigentlich immer so früh auf, um rechtzeitig bei der Arbeit zu sein. Wenn ich Interviews mit Europa mache, stehe ich einfach noch ein klein bisschen früher auf.

Wie sieht denn dein Alltag aus, wenn du nicht als „Rockstar“ durch die Welt reist?

Ich führe ein ganz normales Leben, bin Lehrer. Ich stehe morgens früh auf und erledige meine E-Mails im Zusammenhang mit NEUROSIS und Neurot Recordings. Und dann mache ich mich auf zur Arbeit und versuche der Jugend etwas Wissen, Verständnis und Zuwendung zukommen zu lassen. Ich unterrichte Kinder im Alter von neun und zehn Jahren. Nach der Arbeit kümmere ich mich dann auch wieder um die Band und das Label – und Vater und Ehemann bin ich ja auch noch.

Welche Fächer unterrichtest du?

In den unteren Klassen unterrichtet man bei uns als Lehrer alles: Lesen, Schreiben, Mathematik, Geschichte, Naturwissenschaft. Mein pädagogischer Ansatz ist, die Kinder zu inspirieren, Wissenshunger zu entwickeln und offen für die Welt zu sein. Ich lebe hier in Iowa in einer sehr ländlichen Gegend, wirklich „in the middle of nowhere“, und viele der Leute hier waren noch nie im Leben irgendwo anders, sind nie verreist. Viele Menschen hier sind sehr konservativ, und das hat meiner Meinung nach mit mangelnder Erfahrung mit der Welt „da draußen“ zu tun. Bei mir ist das ja was anderes, ich bin freiwillig hierher gezogen, wegen der Natur, um aus der Großstadt rauszukommen. Aber viele hier leben sei Generationen in der Gegend, und ich versuche ihren Kindern jenseits des Lehrplans zu vermitteln, dass die Welt da draußen interessant und inspirierend ist, wert, erkundet zu werden. Und dass man kreativ sein sollte, damit man herausfindet, wer man ist.

Bist du also so was wie ein „Botschafter“ aus einer anderen Welt?

Gut möglich, dass ich so wahrgenommen werde, auch wenn ich mich selbst nicht so sehe.

Ist denn deinem Umfeld bekannt, was du jenseits deines Lehrerdaseins noch so treibst? Und ist das ein Thema, etwa im Umgang mit den Eltern deiner Schüler?

Also die wissen, dass ich Musik mache und immer wieder mal deshalb auf Reisen bin, aber ich glaube, sie sehen den Zusammenhang nicht, in dem all das stattfindet, was NEUROSIS ist. Okay, ein paar Leute hier stehen auf Heavy-Musik, die wissen, was ich mache, aber das ist eine Minderheit. Alle anderen respektieren mich als Lehrer und Teil der Gemeinschaft. Um in einer Gemeinschaft zu leben, muss man immer Kompromisse eingehen, ob nun in einer Großstadt oder auf dem Land. In beiden Lebenswelten ist es ja so, dass man nicht mit jedem in seinem unmittelbaren Umfeld eine intensive Freundschaft pflegt. Natürlich ist das Leben hier ein ganz anderes als in der Großstadt, und jede Region hat auch noch mal ihre Eigenheiten, das ist in den USA nicht anders als in Deutschland. Der Süden und der Norden etwa unterscheiden sich hier in den USA recht deutlich, und die Menschen im ländlichen Raum haben da schon unterschiedliche Mentalitäten und Verhaltensweisen. Hier etwa sind die Menschen generell freundlich. Ein Beispiel: Wenn du in der Großstadt eine Autopanne hast, fahren alle an dir vorbei, keiner hält an. Hier hingegen hält jeder an, um zu helfen. Nachbarschaftshilfe und Gastfreundschaft werden sehr gepflegt, das sind echte Tugenden. Und im Gegensatz zum Leben in der Großstadt spielt sich der Kontakt mit anderen Menschen nicht innerhalb von Szenegrenzen ab, also ob man auf die gleichen Konzerte geht, die gleiche Musik mag oder was sonst die Parameter sind, anhand derer du dein Leben in kleine Schubladen unterteilst. Wobei auch mein altes Leben nicht so war, ich hatte ja nicht die ganze Zeit nur mit Menschen aus der Musikszene zu tun, sondern mit Ladenbesitzern, Tankwarten, Kindergärtnerinnen und so weiter. Man versucht doch immer das Verbindende zu finden bei anderen Menschen, um Teil der Gemeinschaft zu sein.

Du erwähntest eben, dass die Menschen in deinem Lebensumfeld eher konservativ sind, und im Wahlkampf von Clinton und Trump sind die Gräben zwischen eher liberal denkenden Menschen und Konservativen noch größer geworden. Wie wirkt sich das im Alltag aus?

Ja, die Gegend hier ist alles andere als liberal eingestellt. Aber in der Schule redet eigentlich keiner über Politik, und ich versuche Gespräche mit entsprechendem Inhalt zu vermeiden. Nein, ich will mit all dem gar nicht erst anfangen ... Als Lehrer muss ich Zurückhaltung üben, und wenn jemand damit anfängt, bleibt mir nichts anderes übrig als zuzuhören. Die Gegend ist sehr republikanisch, und ich will eigentlich gar nicht wissen, wie viele der Menschen hier den Wahnsinn gutheißen, der sich da gerade abspielt. Es ist ein schreckliches Schauspiel, das sich da bietet, und keine Seite macht eine gute Figur. Nicht dass ich überhaupt Vertrauen in Politiker hätte, aber speziell wenn man auf einem Level wie dem des Präsidentschaftswahlkampfs Politik macht, ist eigentlich von Anfang an klar, dass Korruption mit im Spiel ist. Sie ist einfach Teil des Systems. Und beide Kandidaten sind Angehörige der gleichen Elite. Diesmal kommt noch dazu, dass sich das alles zu einem Medienspektakel entwickelt hat, das auch international wahrgenommen wird, was mir insofern auffällt, da meine Frau Deutsche ist und diesbezüglich eine andere Wahrnehmung hat, und ich regelmäßig in Europa bin. Es ist einfach erbärmlich, was sich da abspielt. Und das sage ich wohlwissend, dass die Präsidentschaftswahlkämpfe in den USA schon immer korrupt und ein großer Schwindel waren. Neu ist nur, dass das Ganze zu diesem unglaublichen Medienzirkus aufgeblasen wurde. Hätte man diese Story für eine TV-Serie erfunden, jeder hätte sie für übertrieben und unrealistisch gehalten.

Steve, 1989 erschien die erste Ausgabe des Ox – und 1989 bist du bei NEUROSIS eingestiegen. Hätte man uns prophezeit, dass wir das, was wir damals machten, auch 2016 noch tun, hätten wir das sicher für Quatsch gehalten. Muss man besonders dickköpfig sein, um so was solange durchzuziehen?

Haha, so kann man das wohl sehen. Man ist mit etwas aufgewachsen und unter keinen Umständen dazu bereit, davon abzulassen. Ich kann mir nicht vorstellen, mein Leben ohne irgendeine Form des kreativen Ausdrucks zu gestalten. Klar, ich hätte auch mit anderen Leuten Musik machen können, aber ich hatte das Glück, dass wir uns als Menschen fanden und sich daraus diese Freundschaft, diese Bruderschaft entwickelte. Das würde ich für nichts auf der Welt eintauschen. Wir hatten das Glück, Teil dieses einzigartigen, emotionalen, schweren, kathartischen Sounds zu werden, der uns bis heute immer wieder aufs Neue anspricht und der von irgendwo außerhalb unserer mentalen Welt kommen muss, denn so was Gutes, das kann man sich ja gar nicht ausdenken. Womit ich nicht prahlen will, dass unsere Musik gut sei, sondern ich will nur zum Ausdruck bringen, dass sie für uns etwas ganz Besonderes ist. Unsere Musik rettet unser Leben, immer wieder. Wenn diese Energie, die in unsere Musik fließt, in unseren Körpern und Köpfen bleiben würde, hätte das sicher keine positive Konsequenzen.

Die Musik hat für dich als eine kathartische, eine reinigende Funktion?

Absolut. Wir als Individuen würden ohne die Möglichkeit, uns in unserer Musik auszuleben, nicht existieren und funktionieren können. Ich schätze, das würde sich in Form psychischer Erkrankungen äußern.

Was muss da raus, was macht die Musik mit euch?

Wenn ich das so einfach in Worte fassen könnte, wäre ich wohl Autor geworden und nicht Musiker. Die Welt der Worte ist nicht meine. Meine Antwort auf deine Frage offenbart sich mir in Form von Klängen. Und so ist die Antwort all das, was du in unserer Musik hörst. Es ist die gesamte Bandbreite an menschlichen Emotionen, und davon zu viel. Grundsätzlich erfahren wir Leben nicht anders als andere Menschen, nicht schwerer. Wir machen die Erfahrung von Geburt und Tod und Verlust und Schmerz und Schönem, um die Extreme zu nennen. Wir haben Wünsche und Sehnsüchte. Wir kennen Enttäuschung und Versagen. Wir erleben innere und äußere Konflikte. Und wir stellen uns die existenziellen Fragen: Warum sind wir Menschen überhaupt hier? Was ist unser Platz auf der Erde und im Universum? Warum zerstören wir die Natur, unsere Umwelt? Wohin entwickeln wir uns, wie geht die Evolution weiter? Wir beantworten diese Fragen, indem wir versuchen, etwas Echtes, etwas mit Bedeutung zu schaffen, in einer Welt voller blödsinniger Ablenkungen, die im Kontext des Großen, Ganzen so absolut bedeutungslos erscheinen. Es sind dann immer erst tragische Ereignisse, welche die Menschen auf den Boden der Realität zurückholen, sie zwingen zu erkennen, was echt und was wichtig ist. Über all so was nachzudenken, während man sich auch noch Gedanken macht über sein eigenes Leben und all die Probleme, das entfacht einen ziemlichen Wirbelwind, wenn man sich solchen Fragen stellt. Und der Grund, weshalb wir uns all dem öffnen, ist eben unsere Musik. Wir sind keine Philosophen, wir sind keine Schriftsteller, keine Schamanen, aber unsere Musik bewegt sich durchaus im Bereich von Schamanismus. Und das ist etwas, das wir rein zufällig entdeckt haben, indem wir uns einfach dieser ekstatischen Energie hingegeben, die direkt aus der Natur zu kommen scheint. Die Musik scheint für uns ein Weg zu sein, uns von Negativem zu reinigen. Mit dem Ergebnis, dass wir uns danach besser fühlen. Und das schaffen wir, indem wir unserer Muse, unserer Inspiration treu bleiben. Ja, es geht sogar soweit, dass auch andere Menschen, die unsere Musik erleben, die gleichen Erfahrungen machen wie wir. Ich empfinde das als großes Glück, und wenn mir Menschen mitteilen, dass ihnen unsere Musik in schweren Zeiten geholfen hat, dann bin ich dafür sehr dankbar. Denn wir wissen ja, dass unsere Musik sehr eigenwillig und alles andere als zugänglich ist. Es ist bizarr, ja ein Wunder, dass sie überhaupt jemandem gefällt. Dass auch andere Menschen von ihr angesprochen werden, bestätigt wiederum unsere Gefühle in Bezug auf unsere Musik. Ich weiß nicht, was an unserer Musik die Menschen anspricht, aber scheinbar hat sie eine Kraft, die über uns als Personen hinausgeht. Wenn es nach 30 Jahren ein Wort gibt, das alles zusammenfasst, dann ist es Dankbarkeit.

Du hast zwei Kinder ...

Ja, die sind 18 und 14.

Wie erklärst du denen, was du da machst? Oder haben die nie Fragen gestellt?

Nein, nie. Die haben ihre Popmusik. Meine Musik interessiert die nicht wirklich – das ist eben das, was Dad macht. Und das hat er schon immer gemacht. Die haben einen gewissen Respekt davor, denke ich, aber ich habe ihnen meine Musik nie aufgezwungen, ich habe sie nie als Punkrocker erzogen, wie ich selbst einer bin. Ich lasse sie einfach sie selbst werden, die sollen selbst entscheiden, was ihnen gefällt. Und obwohl sie von meiner Musik umgeben sind, ist das nicht der Weg, den sie gewählt haben. Mein Ältester war letzten Sommer aber mit auf Tour in Europa, damit er mal sieht, wieviel Arbeit so eine Tour ist. Er fand es spannend und hat eine Menge dabei gelernt.

Ich sah euch das erste Mal 1990 in San Francisco zusammen mit CHUMBAWAMBA und THE OFFSPRING ...

Interessant, dass du das erwähnst, denn in einem anderen Interview habe ich mich kürzlich über den Einfluss von britischem Anarchopunk auf NEUROSIS unterhalten. Da erzählte ich, wie stolz wir damals waren, ein paar Shows mit CHUMBAWAMBA spielen zu können und ihnen unser Equipment leihen zu dürfen.

Wer eure Band erst in den Neunzigern oder später kennengelernt hat, der hat wohl ein Problem damit zu erkennen, wo die Verbindung zwischen musikalisch so unterschiedlichen Bands bestehen soll. Als ihr so richtig bekannt wurdet, waren CHUMBAWAMBA, die aus dem Kontext von CRASS stammen, schon fast zu einer Pop-Band geworden.

Es ist eigentlich unmöglich, das jemandem zu erklären, der damals nicht dabei war. Und ich finde das etwas frustrierend, denn was anderen in dieser Verbindung seltsam erscheint, ist eben nicht seltsam. So war Punkrock damals eben: „Fuck you, we do what we want!“ Entsprechend waren die Shows, die wir spielten, musikalisch sehr bunt, jede Band machte ihren eigenen Sound, da gab es keine Trennung zwischen Goth-Bands und Warped-Tour-Pop-Punk und düsterer, schwerer Musik. Da folgte auf eine Underground-Filmvorführung eine Hardcore-Band und dann Rockabilly und dann 77er-Punk. Das war normal, das machte die Sache interessant. In der Bay Area kam damals dann auch noch Thrash mit dazu, und so trafen da metalbeeinflusste Bands auf punkbeeinflusste und zig anderes. Wir haben oft mit GREEN DAY gespielt, und wenn ich das heute erzähle, finden das viele seltsam. Nein, es war nicht seltsam! Neulich hatte ich mich in England mit Fans unterhalten, richtige Musiknerds, total informiert und begeistert, und denen erzählte ich, wie sehr ich CHUMBAWAMBA mag, also die aus den Achtzigern, bevor sie groß wurden. Und die schauten mich völlig entgeistert an ... Ich ging davon aus, die kennen die Musikgeschichte, die wichtigen Platten, aber nein. Ich hab ihnen dann erst mal die Songs der „Revolution“-7“ vorgespielt und die haben nur noch gestaunt. Denn die waren so aggressiv, treibend, mitreißend, in your face! Und dazu diese tiefgehenden, revolutionären Texte.

In den frühen Neunzigern begründeten NEUROSIS ihre Beliebtheit in Europa. Gefühlt habt ihr alle paar Monate irgendwo gespielt, und ihr wart damals noch Teil der Hardcore-Szene – eure Wahrnehmung und Akzeptanz in der Metalszene kam erst später. Und es sprach damals auch noch keiner von „Post-Metal“ oder so was, ihr standet mit dieser Art ziemlich allein auf weiter Flur, während ihr heute von unzähligen ähnlich klingenden Bands umgeben seid.

Hm ... ich glaube, mit Bands, die wie NEUROSIS klingen, spielen wir eigentlich nie zusammen. Ich habe uns schon immer als Außenseiter gesehen. Selbst damals, als wir noch Hardcore waren, waren wir schon etwas ... seltsam. CHRIST ON PARADE und wir kamen wie so viele andere aus der Bay Area, und wir haben mit all den anderen Hardcore-Bands von der Westcoast gespielt, aber irgendwie war bei uns beiden immer so eine gewisse psychedelische Komponente vorhanden, die uns eher mit europäischen Hardcore-Bands wie AMEBIX verband, mit Bands, die einen gewissen Goth-Touch hatten. Ich hasse es ja, Begriffe wie Goth zu verwenden, denn deren Bedeutung verändert sich ständig, aber ich denke, du weißt, was ich meine. Womit wir eigentlich genau beim Thema sind. Punk hat so eine konkrete Bedeutung heutzutage, und damals war das nicht der Fall. Wir wuchsen im Maximumrocknroll-Land auf, in der Welt des meinungsprägenden Fanzines aus San Francisco, und irgendwann weigerten sich die, unsere neuen Platten zu besprechen und eine Anzeige von unserem Label Alternative Tentacles abzudrucken – mit der Begründung, wir würden jetzt Progressive Rock spielen, weil wir ja Keyboards hätten, haha. Ja, zunächst hatte der Einsatz von Keyboards negative Konsequenzen für uns, aber uns waren diese Reaktionen egal, denn what the fuck, JOY DIVISION hatten Keyboards, THE STRANGLERS – was soll an Keyboards nicht Punk sein? Das war ein lächerlicher Vorwurf, und wir sagten uns, wir machen einfach nur, was wir wollen. Wir haben das Recht auf freien künstlerischen Ausdruck. Nimm ein Instrument und spiel, was du willst – ich dachte, darum geht’s bei Punk. Come on everybody make some noise! Was ich damit sagen will: Wir haben immer schon gemacht, was wir wollten, immer wieder die Richtung gewechselt, und das hat uns an viele verschiedene Orte geführt. Un auf diesem Weg mussten wir feststellen, dass manche im Punkrock ziemlich engstirnig sind.

Metal-Fans können auch ziemlich konservativ sein.

Ja, diese Erfahrung machten wir in unserer Anfangszeit auch. Aber auch da hat sich vieles verändert. Begriffe wie Post-Metal oder Post-Punk muss man eben verwenden, um beim Schreiben über Musik Bezugspunkte zu haben, aber die sind in vielerlei Hinsicht völlig lächerlich. Unsere Musik war schon immer das, was sich ergibt, wenn man BLACK SABBATH, BLACK FLAG, JOY DIVISION und PINK FLOYD in einen Mixer wirft und extrem wütend in den Achtzigern und Neunzigern aufwachsen lässt. Und unsere Attitüde war schon immer von der D.I.Y-Ethik des Punk geprägt. Andererseits sind wir heute schon eher Teil der Metalszene – man muss sich nur anschauen, welche Printmagazine über uns berichten. Aber in zehn Jahren kann das schon wieder ganz anders aussehen. Wenn man als Band dreißig Jahre dabei ist, beobachtet man so viele Veränderungen. Wir waren einfach immer da, wo es sich „richtig“ anfühlte. Und wenn ich überlege, welche Band ich als vergleichbar ansehen würde, dann fallen mir als erstes SLEEP ein – bei denen unser Drummer Jason parallel Schlagzeug spielt. Die werden immer als Stoner Rock „beschuldigt“, weil sonst keinem was einfällt. Und YOB, unsere Labelmates, sind ebenfalls Geistesverwandte, auch wenn die sicher durch uns beeinflusst wurden in ihrer Frühzeit. Aber heute machen die ihren ganz eigenen, eigenwilligen Sound. Wir haben im Laufe der Jahre die Wege der verschiedensten Szenen gekreuzt. Zu Beginn die der Punkszene, dann die der Amphetamine Reptile-Noiserock-Szene mit Bands wie UNSANE, mit denen wir damals oft spielten und die weder als Punk noch als Metal bezeichnet wurden – die waren noch mal was ganz anderes. Wir fühlten uns in dieser Gesellschaft recht wohl, und auch in der der MELVINS, mit denen uns seit frühesten Bandtagen etwas verbindet. Die machen ihr ganz eigenes seltsames Ding, die haben einen ganz speziellen Humor und sind unglaublich produktiv. Die kann keiner irgendwo keiner einordnen.

Euer Einfluss darf nicht unterschätzt werden: Es erscheinen heute reichlich Platten, denen man anhört, dass die Musiker viel NEUROSIS gehört haben.

Mag sein, aber ich denke nicht, dass uns irgendeine Art von Anerkennung zusteht dafür, einen bestimmten Sound erfunden zu haben. Da gibt es andere, deren Verdienst größer ist: MELVINS, GODFLESH, UNSANE ... Die haben alle den Klang von Heavy-Musik auf ihre Weise verändert, und daraus wiederum hat sich Neues entwickelt.

Was hat sich mit eurem neuen Album „Fire Within Fires“ geändert? Oder anders gefragt: Diskutiert ihr innerhalb der Band Musikalisches?

Wir sind offen dafür dorthin mitzugehen, wohin die Musik uns führt. Wir haben keine Angst vor Veränderungen. Und wir führen keine intellektuellen Diskussionen innerhalb der Band über unsere Musik. Wir sprechen nicht über unsere Songs, bevor wir sie schreiben. Und wir reden auch nicht über die musikalische Richtung. Wir haben im Laufe der Jahre gelernt, uns kopfmäßig rauszuziehen und auf unser Herz und unsere Seele zu hören, denn so bekommt die Musik einen natürlicheren Flow. Unser grundsätzliches musikalisches Timbre hat sich über die Jahre nicht verändert: zwei Typen spielen sehr ähnlich Gitarre. Aber die Feinheiten verändern sich, die Art und Weise, wie wir unsere Instrumente spielen. Du kannst Scott und mir jede beliebige Gitarre und Verstärker geben und wir werden immer klingen, wie wir eben klingen. Das liegt an der Art, wie wir spielen. Wir haben nie andere Musik gespielt als unsere eigene, wir haben uns das Spielen selbst beigebracht, und so machst du eben, was sich für dich okay anhört. Und wir versuchen hin und wieder, an unseren Schwächen zu arbeiten, Gesang in höheren Tonlagen etwa. Da haben wir uns bei „Fire Within Fires“ selbst etwas gefordert, und wenn es sich gut anfühlt und das Ergebnis stimmt, dann machen wir das. Unsere Evolution verläuft spiralförmig, so kann man das beschreiben, immer um die ursprüngliche Idee von NEUROSIS herum. Den Kern, die eigentliche Idee, werden wir wohl nie erreichen, alles, was wir tun, ist eine Annäherung daran. Und mit jeder weiteren Runde um diese Idee verfeinern wir unseren Sound in subtilen Details, versuchen noch bessere Wege zu finden, heavy zu klingen, ohne dabei immer wieder auf die gleichen Akkorde zurückzugreifen. Oder wir suchen nach neuen Wegen, Harmonien und Dissonanzen zu verbinden, arbeiten an der Dynamik zwischen laut und leise. Solche Subtilitäten haben uns die letzten Platten über beschäftigt. Wir haben uns also mit dem Bestehenden auseinandergesetzt und versucht, dieses weiterzuentwickeln, um die beste Version von uns selbst zu schaffen. Um also auf deine Frage zurückzukommen: Nein, wir diskutieren das nicht, das ergibt sich alles von selbst. Und speziell dieses Album haben wir wirklich in ein paar Tagen, besser gesagt in ein paar Stunden geschrieben.

Wie kam das?

Wir leben alle weit voneinander entfernt und trafen uns für ein gemeinsames Wochenende – wir sehen uns sonst eigentlich nur, wenn wir Konzerte spielen. Und wir proben fast nie, außer wir haben sehr lange nicht mehr gespielt. Jeder von uns probt für sich selbst, hört sich die Platten noch mal an, und dann treffen wir uns und spielen das Konzert. Im Februar 2015 nahmen wir uns also mal zwei Wochenenden Zeit. Und anstatt einen Auftritt zu machen, jammten wir zusammen, um Ansatzpunkte zu finden, ein paar Riffs und Rhythmen. Freitagabend trafen wir uns, Samstag spielten wir, Sonntagabend flogen wir wieder nach Hause. Und Sonntagabend, als wir Richtung Flughafen aufbrachen, stand das Skelett von „Fire Within Fires“: Die Riffs, die Arrangements, es waren nur noch ein paar Detailarbeiten nötig. Das Album fiel uns quasi aus dem Himmel in den Schoß, wie ein Geschenk des Universums zum 30. Geburtstag der Band.

Wofür brauchtet ihr bei all dem Steve Albini?

Er ist der Toningenieur, er nahm alles auf. Die Leute haben immer die seltsamsten Vorstellungen von Steve, und von Toningenieuren ganz allgemein. Jemand, der eine eigene Meinung zur Musik einer Band hat, den bezeichnet man als Produzent. Einen Produzenten hatten wir aber noch nie. Kann sein, dass wir in der Vergangenheit mal irrtümlich jemanden als Produzent ausgewiesen haben, aber das lag daran, dass uns damals selbst nicht so recht klar war, was der Begriff Produzent bedeutet.

Dann definiere das bitte mal.

Ein Produzent ist einer, der im Studio dabei ist und sich einmischt, mit Anmerkungen wie „Spielt diese Stelle doch noch mal“, oder „Nein, das gefällt mir nicht, probiert doch mal was anderes aus“. Das gibt es bei uns aber nicht, wir akzeptieren unsere Musik betreffend die Meinung von niemand außerhalb der Band. Wie zur Hölle kämen wir dazu, jemand anderen darüber entscheiden zu lassen, wie NEUROSIS zu klingen haben? Das wäre krank. Ja, es gibt Situationen, wo so eine Einmischung aus künstlerischer Sicht hilfreich ist, und deshalb akzeptiere ich bei meinen Solo-Aufnahmen auch die Anmerkungen eines Toningenieurs – zwei Hirne sind klüger als ein Hirn. Aber NEUROSIS sind was anderes, wir wissen, was wir wollen. Und deshalb arbeiten wir mit Steve Albini, der ein Toningenieur im klassischen Sinne ist. Sein Job ist es, den Sound von der Band im Studio vor sich zu hören und zu erkennen, was es rein technisch braucht, um diesen so festzuhalten, dass wir daraus den Mix erstellen können. Und er muss dabei helfen, dass das, was auf der Platte zu hören ist, genau dem entspricht, was in unserem Proberaum aus den Boxen kommt. Wir bauen unser Equipment selbst auf, wir spielen live, alle zusammen, alle zur gleichen Zeit, nur den Gesang nehmen wir separat auf, denn dann können wir besser Gitarre spielen und besser singen. Ansonsten werden Drums, Bass, Gitarre, Keyboards, Samples live eingespielt – so, wie jede Rockband das machen sollte.

Aber irgendetwas muss Steve Albini doch besonders gut können, weshalb ihr mit ihm arbeitet.

Er ist ein integraler Teil des Aufnahmeprozesses. Und er leistet einen kleinen kreativen Beitrag. Aber das würde er selbst nie so zugeben. Er hat ganz einfach keine Meinung zu deiner Musik, sie ist ihm egal. Gleichzeitig glaube ich aber schon, dass sie ihm Spaß macht, und dass er unsere Gesellschaft genießt. Er sieht sich als Dienstleister: du zahlst, er nimmt auf, das ist alles. Jeder kann bei ihm Studiozeit buchen. Und er sieht sich als Techniker mit viel Erfahrung, der nichts verbockt. Weil er tausende Stunden und Alben Erfahrung hat und genau weiß, welches Mikrofon in genau welcher Entfernung platziert werden muss, damit die Aufnahme nachher so klingt, wie man es erwartet. Das weiß er einfach, er muss nicht nachdenken. Wir bauen auf, er nimmt eine Kiste mit Mikrofonen, stellt sie auf, und wir spielen. Manchmal tauschen wir ein Mikro oder verrücken es etwas, aber mehr ist da nicht zu tun. Das sieht er als technische Dienstleistung an und nicht als kreatives Unterfangen. Ja, klar, das hat schon auch etwas mit Kreativität zu tun, aber seine Antwort in der Hinsicht wird immer Nein lauten. Wir haben nie viel Zeit, wenn wir ins Studio kommen, und da ist es angenehm, mit jemandem zu arbeiten, der exakt weiß, was er tut, also beide Seiten keine Zeit verschwenden müssen, und bei dem wir als Band uns darauf verlassen können, dass wir so klingen, wie wir uns das vorstellen. Deshalb arbeiten wir immer wieder mit ihm – abgesehen davon, dass es immer angenehm und entspannt ist, mit ihm zu arbeiten. So schaffen wir es, Platten in sechs, sieben Tagen aufzunehmen. Früher sahen wir das anders, und ich beobachte heute bei jungen Bands, wie sie unter diesem Denken leiden müssen, dass man jeden Musiker einzeln aufnehmen müsse und all solcher Bullshit. Nein, baut euer Zeug auf und spielt! So wurden die am besten klingenden Rockalben der Siebziger gemacht. THE CLASH haben auch nicht einer nach dem anderen aufgenommen.

 

Diskografie

„Pain Of Mind“ (LP/MC, Alchemy, 1987) // „Aberration EP“ (7“, Lookout!, 1989) // „The Word As Law“ (LP/MC, Lookout!, 1990) // „Empty – Live Seven Inch“ (7“, Allied, 1990) // „Souls At Zero“ (LP/CD/MC, Alternative Tentacles, 1992) // „Enemy Of The Sun“ (LP/CD/MC, Alternative Tentacles, 1993) // „Through Silver In Blood“ (2LP/CD/MC, Relapse/Iron City, 1996) // „Times Of Grace“ (2LP/CD, Relapse, 1999) // „Short Wave Warfare“ (LP, 2000) // „Sovereign“ (12“/CD, Neurot, 2000) // „A Sun That Never Sets“ (2LP/CD, Relapse, 2001) // „Official Bootleg.01.Lyon.France.11.02.99“ (CD, Neurot, 2002) // „Enemy Live NYC ’94“ (CD, Neurot, 2002) // „The Eye Of Every Storm“ (2LP/CD, Neurot/Relapse, 2004) // „Given To The Rising“ (2LP/CD, Neurot, 2007) // „Live At Roadburn 2007“ (2LP/CD, Neurot/Roadburn, 2010) // „Honor Found In Decay“ (2LP/CD, Neurot/Relapse, 2012) // „Strength And Vision“ (18LP/11CD, Neurot, 2016) // „Fires Within Fires“ (LP/CD, Neurot, 2016)

 

Timeline

1985
Scott Kelly, Dave Edwardson und Jason Roeder, ehemalige Mitglieder von VIOLENT COERCION, gründen in Oakland, Kalifornien die Hardcore-Punk-Band NEUROSIS.

1986
Simon McIllroy übernimmt den Synthesizer/Sampler und Chad Salter kommt als zweiter Gitarrist hinzu.

1987
Das erste Album „Pain Of Mind“ wird auf Alchemy Records veröffentlicht.

1989
Salter wird durch Steve Von Till ersetzt. Die „Aberration“-EP erscheint auf Lookout! Records.

1990
Das zweite Album „The Word As Law“ wird veröffentlicht, ebenfalls auf Lookout!. Der Sound der Band wird experimenteller. Adam Kendall wird als Visual Artist engagiert, auch für Konzerte.

1992
Das Album „Souls At Zero“ erscheint, die Band kann nun dem Post-Metal zugeordnet werden.

1993
„Enemy of the Sun“ wird veröffentlicht, die Band zeigt auf dem Album ihren bis heute charakteristischen Sound. Pete Inc. übernimmt den Job von Adam Kendall auf Touren, Kendall bleibt der Band aber noch bis 1997 erhalten.

1995
Noah Landis ersetzt Simon McIllroy. Die Ambient-Nebenprojekt TRIBES OF NEUROT wird ins Leben gerufen.

1996
NEUROSIS debütieren mit dem Album „Through Silver in Blood“ auf Relapse Records und touren mit PANTERA – der Mainstream wird auf NEUROSIS aufmerksam.

1999
Das Album „Times Of Grace“ wird veröffentlicht. Das Konzept des Albums sieht vor, dass man es synchron zum Album „Grace“ von TRIBES OF NEUROT abspielt. Josh Graham ersetzt Pete Inc.

2001
Das Album „A Sun That Never Sets“ erscheint. Die Band beginnt, cleanen Gesang und akustische Instrumente zu verwenden.

2002
Das erste Live-Album „Live In Lyon“ wird veröffentlicht. Eine DVD-Fassung von „A Sun That Never Sets“ mit Videos zu allen Album-Songs erscheint.

2003
Auf dem seit Anfang der 2000er Jahre existierenden bandeigenen Label Neurot Recordings erscheint mit der Katalognummer NR 028 eine Kollaboration von NEUROSIS und der ehemaligen SWANS-Sängerin Jarboe.

2004
Das Album „The Eye Of Every Storm“ erscheint. Die Songs enthalten zunehmend langsame Passagen und Ambient-Elemente.

2007
Das Album „Given To The Rising“ wird veröffentlicht. Der Stil der Band wird wieder aggressiver.

2012
Das Album „Honor Found In Decay“ erscheint. Graham und NEUROSIS trennen sich freundschaftlich, die Band verzichtet fortan auf visuelle Effekte bei den Konzerten.

2016
Das dreißigjährige Bestehen der Band wird mit einigen speziellen Konzerten gefeiert. Das neue Album „Fire Within Fires“ wird Ende September 2016 auf Neurot Recordings veröffentlicht.

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #129 (Dezember16/Januar17 2016)

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