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Interviews & Artikel

HOT WATER MUSIC

Home sweet home

Die vier Mitglieder von HOT WATER MUSIC führen eine Art On-Off-Beziehung mit ihrer Band. Es gab einige Trennungen und Reunions, Nebenprojekte, Solo-Ausflüge und am Ende haben sie sich doch wieder zusammengerauft. Nur etwas langsamer sind sie geworden. Im September erscheint ihr neues Album „Light It Up“, für das HOT WATER MUSIC immerhin fünf Jahre gebraucht haben. Ich habe mit Gitarrist und Sänger Chris Wollard und Bassist Jason Black telefoniert und mit ihnen über Zäune ums Privatleben, Instagram und Lektionen aus mehr als zwanzig Jahren Bandgeschichte geplaudert.

Zwischen eurer ersten Platte und dem aktuellen Album„Light It Up“ liegen gut zwanzig Jahre. Wenn ihr die Situation von heute mit der damals vergleicht, was hat sich verändert?

Jason: Wir haben mittlerweile eine ungefähre Ahnung davon, was wir tun müssen, wenn wir ein neues Album aufnehmen wollen.

Chris: Ja ... ein bisschen zumindest. Früher hatten wir wirklich gar keinen Plan. Wir haben in Wohnzimmern und Garagen aufgenommen, zu Hause und bei Freunden. Das machen wir heute ab und an immer noch ...

Jason: ... aber die Technik ist dann doch ein bisschen besser geworden.

Chris: Damals dachten wir: Die Gitarre sollte in etwa wie auf der Platte da klingen, das Schlagzeug vielleicht wie auf dem Album da. Aber wir wussten nicht so recht, wie wir das hinbekommen sollten. Das kam dann mit den Jahren, jedes Mal, wenn du ins Studio gehst, wirst du hoffentlich ein bisschen klüger. „Light It Up“ ist außerdem das erste Album, das wir selber produziert haben.

Jason: Früher haben wir den Produzenten angeguckt und gehofft, dass er uns hilft. Wir haben diesmal Ryan Williams mit ins Studio genommen, der auch auf Tour immer dabei ist und sich um den Ton kümmert. Er hat uns geholfen, dass der Sound in die richtige Richtung geht, aber das war dann ein gemeinschaftliches Projekt.

Dass sich auf der technischen Seite viel getan hat seit den Neunzigern, ist ja offensichtlich, mir geht es aber auch um das Gefühl. Ist man nach so vielen Jahren vor der Veröffentlichung noch nervös?

Jason: Ich glaube, ein Album aufzunehmen, ist heute noch viel aufregender. Es macht einfach mehr Spaß, weil wir nicht mehr so planlos sind.

Chris: Früher war ich vielleicht etwas begeisterter über die Tatsache, dass wir überhaupt die Möglichkeit hatten, ein Album aufzunehmen. Das erschien uns damals wie ein Traum, wir hätten anfangs nicht gedacht, dass das mal möglich sein würde. Jetzt können wir es kaum erwarten, neue Ideen auszuprobieren und neue Wege zu finden, Sounds zu erschaffen. Wir haben ein besseres Verständnis von unserer Arbeit, wir sind insgesamt entspannter und kommunizieren auch besser. Damals waren wir Anfänger und haben uns ständig gestritten und herumdiskutiert.

Aber irgendwie hat’s ja trotzdem funktioniert, oder nicht?

Chris: Ja, zum Glück!

Gibt es noch andere Dinge außer der naiven Herangehensweise an Aufnahmen, über die ihr heute lachen müsst?

Jason: Irgendwie war alles, was wir früher angestellt haben, ziemlich dumm. Na gut, vielleicht nicht dumm, aber es gibt schon einige Sachen, die wir heute so nicht wieder machen würden. Aber wenn wir sie nicht gemacht hätten, wüssten wir es ja heute nicht besser.

Chris: Es sind Babyschritte, die man als Band gehen muss. Wir mussten einfach mal hinfallen und über unsere Fehler stolpern. Das reicht von ganz einfachen Dingen, die wir falsch angegangen sind, bis zu Sachen, die komplizierter sind. Wir haben zum Beispiel wirklich miese Gitarrenverstärker benutzt, haha.

Jason: Ja, die waren übel!

Chris: Und das zu ändern ist eigentlich eher simpel, ich wusste das damals nur nicht. Also beginnst du mit schlechten Zutaten, eine Platte aufzunehmen. Das würde ich heute natürlich nicht mehr machen. Was vielleicht schwieriger ist und wofür man Erfahrung braucht, ist die Tourplanung. Wir haben eine Platte aufgenommen und bevor sie veröffentlicht wurde, waren wir zwei Monate lang auf Tour. Als das Album dann erschienen ist, hatten wir längst überall gespielt. Das führt dazu, dass man die doppelte Arbeit machen muss. Wir mussten lernen, all das zu koordinieren. Als wir zum Beispiel das erste Mal nach Europa gefahren sind, war das ein Alptraum. Wir hatten wirklich absolut gar keinen Plan von nichts.

Hattet ihr niemanden, der euch in den Anfangstagen beraten hat?

Chris: Das kommt ja auch erst mit der Zeit. Vieles haben wir durch die Arbeit mit Labels und dem Management gelernt, oder weil andere, erfahrenere Bands vor uns Fehler gemacht haben.

Und in Europa? Was ist bei der ersten Tour schiefgelaufen?

Chris: Es war irre und verflucht schwierig.

Jason: Das ist jetzt zwanzig Jahre her. Zu jeder Show kamen ungefähr drei Leute. Wenn du 19 bist und zum ersten Mal nach Europa reist, ist das vielleicht noch toll. Da denkst du noch: „Oh mein Gott, wir sind in Europa und da sind drei Leute gekommen! Super!“ Aber wenn du in den Vierzigern bist und so weit fliegst und dann kommen so wenige Leute, mag es sein, dass du dich auch irgendwie über die paar Leute freust – aber du würdest diesen Weg nicht wieder auf dich nehmen. Effizienz ist mit den Jahren sehr wichtig geworden. Für keinen von uns ist HOT WATER MUSIC heute ein Vollzeitjob. Entscheidungen, die wir treffen würden, wären wir eine Vollzeitband, kommen für uns gar nicht erst in Frage. Es gibt wenige Bands, die schon so lange schon unterwegs sind wie wir, oder deren Mitglieder in unserem Alter sind, die das heute noch Vollzeit machen. Dazu kommt, dass die Menschen immer weniger Platten kaufen.

Chris: Bei dieser ersten Europatour waren wir sechs Wochen unterwegs und diese Tour war zwischen andere Tourneen gequetscht und wir haben uns danach getrennt, weil wir so erschöpft waren. Dir geht die Energie aus und du machst dich selber kaputt. Überleg mal: Die Band hat sich aufgelöst, weil wir zu hart gearbeitet haben! Dann haben wir uns wieder zusammengetan und uns geschworen, solchen Unsinn wie mit der Tour nie wieder zu machen. Und was ist passiert? Wir haben genau das Gleiche wieder gemacht und uns danach wieder getrennt, haha.

Aber wie löst ihr das heute? Ihr sagt ja selber, Plattenverkäufe bringen nicht mehr viel, und wenn man sich andere Bands anguckt, touren die ja auch wie bekloppt.

Chris: Wir sind alt genug und vielleicht auch mit uns selbst im Reinen, so dass wir sagen können: Ich kann das nicht machen. Ich kann nicht wieder 200 Tage im Jahr auf Tour sein, sonst raste ich aus. Das hat dafür gesorgt, dass wir als Band überhaupt weitermachen konnten. Wir erlauben uns, ein Tempo vorzulegen, bei dem der Spaß bei den Shows nicht auf der Strecke bleibt. Ehrlich, es macht ganz einfach keinen Spaß, wenn du das dreißigste Konzert in Folge spielst und an deinem ersten und einzigen freien Tag nur daran denken kannst, wie gerne du nach Hause fahren möchtest. Jetzt ist es so, dass wir uns bei jeder Show freuen, da zu sein. Das ist eine große Sache, die man erst mal lernen muss. Viele Bands gibt es gar nicht lange genug, als dass sie die Chance hätten, das zu erkennen. Oft brennen sie aus und kommen dann nie wieder zusammen. Wir setzen uns nicht mehr so sehr unter Druck wie früher.

Wenn wir über Fehler von früher sprechen: Seid ihr immer noch glücklich mit dem Namen, den ihr euch damals ausgesucht habt? Würdet ihr euch heute wieder nach einem Buch von Charles Bukowski benennen?

Jason: Darüber habe ich mir schon sehr lange keine Gedanken mehr gemacht.

Chris: Wenn du unseren Namen irgendwo liest, denkst du überhaupt noch an das Buch von Charles Bukowski?

Jason: Ich jedenfalls nicht.

Chris: Wir denken nicht mehr an Bukowski, wenn wir ihn hören. Nicht, weil wir ihn nicht mögen, sondern weil HOT WATER MUSIC nach all den Jahren einfach unser Name ist.

Jason: Ich bin noch immer glücklich damit. Denn wenn du noch nie etwas von uns gehört hast, offenbart der Name nicht, was für Musik wir machen.

Chris: Das war von Anfang an der Punkt!

Jason: Es gibt einige Bandnamen, die ich sehr mag. Ich finde, SOUNDGARDEN ist einer der besten Namen, der jemandem jemals für eine Band einfallen konnte. Erst recht, seitdem ich weiß, dass sie sich nach dem Skulpturengarten in Seattle benannt haben. Aber wenn du nur hörst, dass sie SOUNDGARDEN heißen, könnte ihre Musikrichtung erst mal jede sein.

Chris: Wir wollten einfach keinen Namen, bei dem man sofort weiß, „Oh, das ist eine Hardcore-Band“ oder „Oh, das ist eine Punkband“. Wir wollten etwas, das alles Mögliche sein könnte, nicht zuletzt, weil unsere Einflüsse auch breitgefächert sind.

Ich überlege gerade, bei welcher Band weiß man sofort, was die für Musik machen? RANCID vielleicht? Mit so einem Namen kann man ja wirklich keine andere Musik machen als Punk.

Jason: Ich liebe RANCID und ich kann mir gut vorstellen, dass man eine gute Vorstellung davon bekommt, wie die klingen, wenn man nur den Namen hört.

Chris: Bei YOUTH OF TODAY zum Beispiel weiß man ja auch sofort, dass das eine Hardcore-Band ist.

Ihr habt eure vielen Einflüsse angesprochen, aber umgekehrt ist es ja nicht anders. HOT WATER MUSIC haben viele andere Bands stark inspiriert, und wenn ihr heute live spielt, passiert das wohl nicht nur vor drei Leuten. Der Laden wird voll sein und all die Leute werden jedes einzelne Wort mitsingen können. Wie fühlt sich das an?

Jason: Surreal und seltsam.

Chris: Es schmeichelt uns, es ist überwältigend. Du bist einfach glücklich, Teil dieser ganzen großen Sache zu sein. Alles, was wir wollten, war einfach Musik zu machen. Wenn du dann live spielst und Menschen singen mit, haut dich das um.

Jason: Es gibt etwas, das für mich persönlich immer ein wenig merkwürdig ist. Versteh mich nicht falsch, wir sind nicht so berühmt, wie manche Menschen denken, das passiert also nicht so oft, aber es passiert. Denn es gibt Leute, die wollen uns als Personen kennen lernen, nicht als Mitglieder der Band, nicht als Musiker. Es gab eine Zeit, da war dieses Verschwimmen der Grenzen in Ordnung für mich. Aber umso älter ich werde, desto mehr denke ich, dass es eigentlich niemanden etwas angeht, was ich mache, wenn ich nicht auf Tour bin. Ich meine das wirklich nicht böse, im Gegenteil, ich meine das auf die freundlichste Art, die du dir vorstellen kannst. Wir alle haben unsere Familien und machen zu Hause unserem Kram. Es ist nicht so, als würden wir das verstecken, aber das gehört nicht zur Band. HOT WATER MUSIC, das sind wir vier, die Musik machen.

Chris: Wenn wir auf Tour sind, sind wir in einer Art Blase. Die ist dann für die Zeit deine ganze Welt. Die ist sehr einfach gestrickt, denn dein Tag besteht aus Fragen wie: Wie teile ich mein Energie am besten ein, damit ich nachher eine Show spielen kann? Wo bekomme ich jetzt ein Sandwich her? Das ist so einfach und gleichzeitig verpasst man so viel. Dein Herz, deine Seele und dein Kopf sagen dir, dass es da draußen ein anderes Leben gibt, aber du bekommst es gerade nicht mit. Dann gehst du nach Hause und möchtest am liebsten einen großen Zaun drumherum stellen. In solchen Momenten denkst du nur noch: Bitte erlaubt mir, einfach mal zu Hause zu sein. Über die Jahre haben wir angefangen, besser auf uns aufzupassen und vor allem zu Hause einen Schutzraum zu schaffen.

Aber erwarten nicht alle von euch, dass man weiß, wie eure Hunde, Vorgärten und Küchen aussehen, einfach weil viele andere Musiker ihr Leben auf Instagram breittreten? Das machen ja nicht nur Popstars, sondern auch Punkrock-Bands.

Jason: Wie gesagt, wir sind ja gar nicht so wahnsinnig berühmt. Aber klar, mit Social Media erwarten Fans eine persönliche Verbindung zu ihren Lieblingsbands. Ich mag nicht urteilen, ob das richtig oder falsch ist. Aber wir interessieren uns einfach nicht so sehr dafür. Wieso sollte jemand wissen wollen oder wissen müssen, was ich gefrühstückt habe, nur weil er oder sie HOT WATER MUSIC mag? Das ist vielleicht ein schlechtes Beispiel, ich kenne aber viele, die genau das machen. Das ist nicht per se falsch, ich verstehe ja, dass Bands so viel teilen, für sie ist das vielleicht super, sich zu öffnen. Aber wir öffnen uns über die Shows. Wenn die Show vorbei ist, dann ist sie vorbei. Das ist noch mal was anderes, wenn wir etwas über unseren Band-Account posten. Dann zeigen wir vielleicht mal, dass wir alle zusammen essen, das gehört dann aber klar zur Band und zur Tour.

Chris: Man muss einfach diesen schmalen Grat bewahren zwischen Band- und Privatleben. Das wird immer mehr verwischt. Ich bezweifle, dass wir mit HOT WATER MUSIC in diese Richtung gehen, auch wenn es Labels gibt, die sich das natürlich wünschen, dass man „zugänglicher“ wird. Ich denke dann aber ganz einfach: Alter, ich mache hier gerade meine Wäsche! Haha, was wollen die denn? Ein Foto, auf dem man sieht, wie ich meine Socken wasche?

Aber Chuck zum Beispiel sieht das offenbar anders. Wer ihm auf Instagram folgt, weiß, wie seine Frau und sein Kind aussehen und welchen fetten Fisch er neulich gefangen hat. Diskutiert ihr das in der Band?

Jason: Das ist Chucks Instagram-Account und wenn es das ist, was er da machen möchte, dann soll er das tun. Er lebt ein anderes Privatleben als Chris, George oder ich. Ich persönlich würde mich damit nicht wohlfühlen, der Welt zu zeigen: Hier bin ich mit meiner Familie und wir machen heute das und das. Das ist nicht meins, aber ich unterstütze ihn und wenn ich das sehe, melde ich mich auch mal bei ihm und sage: „Hey, du hattest offenbar einen erfolgreichen Angeltrip!“ Haha! Ich verstehe das ja, aber wir sind eben unterschiedliche Persönlichkeiten und leben 99% der Zeit unsere eigenen Leben.

Chris: Das ist wahr, unsere Leben sehen wirklich unterschiedlich aus.

Jason: Deshalb seht ihr auf den Band-Accounts bei Instagram und Twitter nur Dinge, die sich wirklich konkret um HOT WATER MUSIC und die Musik, die wir machen, drehen. Es geht niemals darum, zu sagen: „George hatte heute einen wirklich miesen Tag, schaut mal hier auf dem Foto, wie verkatert er ist.“ Haha! Das wollen wir nicht machen. Damit gerät man auch schnell in diese Welt aus Klatsch und Tratsch.

Chris: Ich setze mich lieber hin, schreibe einen Song, spiele Gitarre und mache mir keine Gedanken darüber, was alle anderen denken. Aber das bin einfach ich und es gibt eben ganz unterschiedliche Menschen.

Jason: Für uns war es schon schwierig genug, fünf Fotos aus dem Studio von den Aufnahmen zu posten. Wir haben uns mehr dafür interessiert, diese Platte zu machen, als der Welt zu erzählen, wie wir gerade diese Platte machen.

Ihr habt ja schon angesprochen, dass ihr alle sehr unterschiedliche Charaktere seid, die unterschiedliche Leben an unterschiedlichen Orten führen. Wie ist das, wenn ihr alle zusammenkommt und probt?

Chris: Das hat sich über die letzten zwanzig Jahre wenig geändert. Wir schreiben alle Songs, wir treffen uns, spielen ein bisschen und in der Regel macht das Spaß. Wenn wir dann einen Song finden, der irgendwie passt, dann werden wir alle sehr aufgeregt und bekommen ein Art Tunnelblick. Dann geht’s los und wir feilen daran. Bei uns gibt es keine Ego-Diskussionen, so sind wir nicht gestrickt. Beim aktuellen Album haben wir ungefähr 90% der Songs gemeinsam geschrieben.

Jason: Es war aber sehr merkwürdig, es zu schreiben, weil wir überall verstreut wohnen und wenig Zeit haben, etwas gemeinsam zu machen.

Chris: Wir lassen Chuck nach Florida fliegen oder treffen uns woanders, um zu proben, oder ich fahre nach Kalifornien und schreibe mit ihm zusammen, dann schicken wir uns Ideen per Mail. Aber wenn wir dann alle beisammen sind, konzentrieren wir uns auf die Parts, die uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Wir gestalten das sehr locker, auch wenn wir das Schreiben selbst sehr ernst nehmen. Aber am Ende bleiben wir vier Typen, die gerne zusammen Musik machen.

Und wie genau organisiert ihr das?

Jason: Es ist verflixt hart. Um dir einen kleinen Einblick zu geben: Jetzt gerade planen wir neue Tourtermine für den April 2018. George hat viel zu tun, wir alle haben viel zu tun und, das ist das Wichtigste, für uns alle stehen unsere Familien an allererster Stelle. Wir haben alle ein Zuhause und eine Familie, von der wir jetzt nicht unbedingt getrennt sein wollen. Wir müssen viele Kompromisse machen und genau planen, wie lange wir alle unterwegs sein können, ohne unglücklich zu werden. Da kommen viele Dinge zusammen. Wir legen ein Datum fest und hoffen dann, dass es dabei bleiben kann.

Chris: Nach dem letzten Album sind wir auf eine sehr große Tour gegangen. Danach haben aber alle gesagt: War super Jungs, aber jetzt geht’s nach Hause. Wir bleiben uns nahe und sprechen einmal die Woche miteinander, aber Zuhause ist Zuhause und da macht jeder sein Ding. Es ist ganz sicher, dass wir eine neue Platte machen werden, und alle wissen das, aber wir reden erst mal nicht darüber, denn nach der Tour stehen andere Dinge wieder im Vordergrund. Wir verbringen Zeit mit der Familie und führen einfach unser Leben. Nach einem Jahr vielleicht schickt einer von uns einen Song oder eine Idee an die anderen und dann beginnt sich ganz, ganz langsam etwas zu bewegen. Bis wir uns dann treffen, dauert es noch mal, weil George im September nicht kann, Chuck im Oktober keine Zeit hat und dann im November und Dezember die ganzen Feiertage anstehen. Bis wir alle vier zusammen in einem Raum sind, die Verstärker anschmeißen und Demos aufnehmen, können zig Monate ins Land gehen.

Das klingt nach gesundem Erwachsenendasein. Hättet ihr je gedacht, dass die Band mal so funktionieren würde?

Jason: Vor zwanzig Jahren waren wir alle ungefähr zwanzig Jahre alt. Aus heutiger Sicht war mein zwanzigjähriges Ich ein ganz schöner Idiot. Woohoo, ich bin auf Tour, wen kümmert’s, das könnte ewig so laufen! Aber wie Chris schon sagte, so kann das ja nicht ewig gehen. Du machst dich selber und die Band kaputt ...

Chris: ... und deine Familie ...

Jason: ... und auch die Fans. Das vergisst man gerne mal, aber die sind in der Regel etwa in unserem Alter. Sie sind mit uns gewachsen und denken nicht mehr: Oh, HOT WATER MUSIC kommen in die Stadt, klar gehen wir da hin. Die müssen einen Babysitter organisieren, vielleicht müssen sie sich auch Gedanken darüber machen, ob sie sich die Tickets leisten können. So wie wir als Band irgendwann nach Hause wollen, haben die auch nur ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit, das sie uns schenken können. Vor zwanzig Jahren hätten wir wohl nicht gedacht, dass es okay ist, nur acht Shows im Jahr zu spielen.

Chris: Damals dachten wir, wir würden diese eine Platte machen und das wär’s dann. Aber jetzt ist einfach alles anders. Wir kennen den Prozess und alle wissen, was damit auf uns zukommt. Das dauert ein bis zwei Jahre, bevor wir überhaupt anfangen, der Vorlauf ist schon verrückt. Damals haben wir nie irgendetwas geplant.

Wie sah das aus? Es muss ja trotzdem irgendwie funktioniert haben.

Chris: Damals sind wir auf Tour gegangen und hatten noch nicht mal alle Shows gebucht. Wir haben dann Leute angerufen und gefragt, wo wir spielen könnten. Da hieß es dann: „Klar Leute, wir haben hier eine Pizzeria!“ Und statt abzulehnen, haben wir gesagt: „Großartig, wir sind in sieben Stunden da.“ Und dann haben wir da vor sieben Leuten gespielt. Das würde uns heute natürlich nicht mehr passieren. Jason sagte ja schon, wir buchen jetzt schon Shows für den Sommer 2018.

Jason: Super war auch, wie wir damals an so was wie die Veröffentlichung einer Platte herangetreten sind.

Chris: Wir dachten uns, dass man eben bis zur Deadline alles fertig hat, es abschickt und wenn das Label dann die Platte zurückschickt, ist man fertig, haha.

Ihr habt ja nun auch ein neues Album gemacht. Seid ihr mit dem Ergebnis zufrieden?

Chris: Man bekommt so eine Art natürliches High, wenn man so lange an etwas gearbeitet hat, sich so sehr konzentriert und fokussiert hat, und dann ist es da und es wird gemastert und all die Fragen sind beantwortet und irgendwann ist es fertig. Es wäre doch echt merkwürdig, wenn du ein Album machst und es ist nicht dein neuer Liebling, oder?

Jason: So von wegen: Ach, ich weiß nicht, das letzte Album war besser ... Das sagt doch keiner.

Chris: Wir freuen uns gerade einfach. Wobei man rückblickend schon kritischer wird. Wenn ich alte Platten von uns höre, frage ich mich manchmal schon, ob ich das wirklich mal gemocht habe.

Jason: Ja, ich habe das auch. Bei manchen Sachen denke ich wirklich, das ist doch grauenhaft, was war denn da los mit mir?

Chris: Aber früher haben wir das natürlich anders gesehen. Das ist aber mit Konzerten auch so. Du bist am Ende auch immer zufriedener als währenddessen.

Gibt es wirklich Songs oder gar ganze Platten, die ihr heute hasst und die ihr vielleicht noch immer spielen müsst, weil alle sie so lieben?

Chris: Ja, es heißt „Finding The Rhythms“, es ist elf oder zwölf Songs lang und es hätte besser nie passieren dürfen. Das ganze Album ist totaler Mist, haha.

Jason: Ja!

Chris: Das ist aber nicht fair. Das ist ja auch nur ein Schwung Demos, die wir zusammengepackt und dann als Album bezeichnet haben.

Jason: Vielleicht ist das größte Problem, dass es nie als Album gedacht war. Wenn du es zum Beispiel mit „Fuel For The Hate Game“ vergleichst, auf dem der Sound oft nicht gut ist, merkt man den Unterschied trotzdem deutlich. Denn das funktioniert als Album und ich halte es für eines der besten, die wir je gemacht haben.

Chris: Der Sound ist schrecklich, ehrlich gesagt.

Jason: Aber ich finde, es ist ein cooles Album! Das meinte ich vorhin, als ich die Verstärker angesprochen habe. Ein anderes Beispiel: Ich weiß zum Beispiel, dass ein neues QUICKSAND-Album heute besser klingt als die alten Platten. Aber ich bezweifle, dass ich es lieber mögen würde. Da schwingt auch immer viel Nostalgie mit, man hört die Musik ganz anders. Mit unseren Alben geht es mir da genauso. Bei „Fuel For The Hate Game“ sagen mir so viele Leute, dass sie HOT WATER MUSIC darüber kennen gelernt haben und es ihnen ans Herz gewachsen ist. Deshalb ist es auch für mich ein cooles Album, bis heute.

Chris: Na ja, ich denke aber trotzdem oft, dass ich mir selber einfach mal hätte bessere Parts schreiben sollen. Die Texte sind manchmal einfach mies und ich wünschte, ich hätte das besser hinbekommen. Wir geben uns heute mehr Mühe, ein rundes Ding zu machen, ein Album, das für uns Sinn ergibt und auf dem die Songs nicht nur für sich allein stehen.

Glaubt ihr, dass ihr das mit „Light It Up“ gut hinbekommen habt?

Jason: Wir haben einige Dinge erreicht, die wir uns vorgenommen haben. Wir wollten ein Album machen, das nicht so glatt ist. Es ist schwierig, dafür ein richtiges Wort zu finden, aber wir wollten einfach die Songs aufnehmen, die wir geschrieben haben, und das Album veröffentlichen, statt eine riesige Produktion zu haben, ewig viel Zeit im Studio zu verbringen, durch die Gegend zu fliegen und all das.

Chris: Damit sind wir ein wenig dahin zurückgekehrt, wo wir angefangen haben. Nur dass wir jetzt wissen, wie es geht. Wir sind selbstbewusster geworden. Wir wissen, dass es schon ein großes Projekt ist, aber wir wissen auch, wie man damit umgeht. Trotzdem bleibt die Herausforderung und die große Frage, ob wir vier es wieder schaffen, zusammen ins Studio zu gehen, aufzunehmen und das alle ohne große Diskussionen hinzubekommen. Noch dazu ohne jemanden dabeizuhaben, der schlichten könnte. Manchmal, wenn du Gitarre spielst und einen kleinen Fehler machst, kann das auch ein Glückstreffer sein. Vielleicht war das nicht das, was du erwartet hast, aber du lässt es so, weil du es magst. Manchmal aber, wenn du mit Produzenten arbeitest, musst du diskutieren. Der sagt dann: „Deine Gitarre ist verstimmt!“. Und du antwortest: „Ja, aber es klingt cool!“ Und dann musst du ewig rumquatschen. Wenn du uns live siehst, sind wir ja auch nicht perfekt, haha. Es ist aggressiv und roh und wir verspielen uns. Wir wollten, dass die Platte nach uns klingt. Zum Glück hat Ryan uns das machen lassen. Das war eine wirklich angenehme Umgebung, keine Fremden waren dabei. Wir haben schon alle zusammen in einer fahrbaren Blechdose gehaust, wir kennen und vertrauen uns.

Nicht nur der Sound, auch das Songwriting sprechen dafür, dass die Stücke live gut funktionieren sollten. Ihr habt sehr viel Raum für Chöre, Breaks und Mitklatsch-Momente gelassen. War das Absicht?

Jason: Ja, das Album ist recht eingängig geworden. Aber frag mich bitte nicht, wie das passieren konnte. Vielleicht kann man Chris und Chuck auf die Schulter klopfen für gute Hooks, aber eigentlich weiß ich es nicht. Ich bin trotzdem ganz bei dir, im Vergleich zu dem, was wir in der letzten Zeit so gemacht haben, ist es sehr catchy geworden. Absicht war das aber sicher nicht.

Was, glaubt ihr, ist die wichtigste Botschaft auf „Light It Up“?

Chris: Fuck, was weiß ich. Ich glaube, so haben wir einfach nie gearbeitet. Wenn wir Texte schreiben, läuft das nicht so. Chuck und ich treffen uns und arbeiten sehr eng zusammen. Das ist auch notwendig, weil wir ja sehr oft beide gemeinsam singen. Ich habe einen ersten Entwurf, er ergänzt ihn dann ... Wir wissen wirklich nicht so richtig, worauf alles hinausläuft, bis wir fertig sind. Natürlich haben wir Themen, die uns beschäftigen, aber es ist nicht wirklich so, dass wir eine Botschaft haben, die wir unbedingt verbreiten wollen. Na ja, bis auf: Sei du selbst und lass andere nicht dein Leben kontrollieren. Darüber hinaus sind es einfach Chuck und ich und Jason und George, die ein Bild von unserem Leben zeichnen. Das ist, was wir sehen, was wir tun, so sieht das aus.

 


Timeline

1994


Chuck Ragan, Chris Wollard, Jason Black und George Rebelo gründen HOT WATER MUSIC in Gainesville, Florida. Der Name stammt von einer Kurzgeschichtensammlung von Charles Bukowski. In manchen Quellen heißt es, sie seien schon seit 1993 zusammen, im ersten Interview mit dem Ox (#37, 1999) spricht Chuck Ragan allerdings von Oktober 1994.

1995

Mit „Finding The Rhythms“ erscheint das erste Album. Eigentlich ist es eher eine Sammlung von Singles und EPs, die die Band bis dahin aufgenommen hat. Entsprechend beliebt ist es bei HOT WATER MUSIC bis heute. Siehe Interview.

1997

„Fuel For The Hate Game“ kommt auf Toybox/No Idea raus und ist das erste richtige Studioalbum von HOT WATER MUSIC.

HOT WATER MUSIC gehen das erste Mal auf Europatour und spielen auch in Deutschland. Lief wohl nicht so toll.

„Forever And Counting“ erscheint.

1998

Nach drei Alben ist erst mal Feierabend. HOT WATER MUSIC trennen sich, aber nicht für lange. Die Band kommt wieder zusammen und nimmt die nächste Platte auf.

1999

„No Division“ kommt raus.

2001

HWM veröffentlichen „A Flight And A Crash“ auf Epitaph. Mit dem Wechsel zum „Major-Indie“ machen sie sich nicht nur Freundinnen und Freunde.

2002

„Caution“ erscheint

auf Epitaph/No Idea.

2003

Gemeinsam mit MUFF POTTER veröffentlichen HOT WATER MUSIC eine Splitsingle. Die Bands sind befreundet, Chuck Ragan geht später solo mit MUFF POTTER auf Tour und veröffentlicht mit Nagel eine weitere gemeinsame EP.

2004

„The New What Next“ erscheint bei Epitaph/No Idea.

2005

Chuck Ragan verlässt HWM, weil er sich um seine Familie kümmern will. Erst heißt es, die Band mache nur eine Pause, dann wird daraus aber schnell eine offizielle Trennung.

2006

George, Chris und Jason machen als THE DRAFT weiter und veröffentlichen mit „In A Million Pieces“ ihr erstes und einzige Album.

2007

Chuck Ragan veröffentlicht mit „The Blueprint Sessions“ sein erstes Solo-Album auf No Idea. Im gleichen Jahr erscheint „Feast Or Famine“, ebenfalls auf No Idea. Chuck Ragans Solo-Projekte sind reduzierter und Folk-lastiger.

2008

HOT WATER MUSIC gehen wieder zusammen auf Tour. Sie spielen zunächst beim Common Grounds in Gainesville und danach weitere Shows in den USA und beim Groezrock Festival in Belgien.

2009-2010

George Rebelo wird Schlagzeuger bei AGAINST ME!.

2012

„Exister“ ist das erste Album seit der Trennung und erscheint bei Rise Records.

2017

Im Mai kündigen HOT WATER MUSIC ein neues Album an, „Light It Up“ kommt im September. Tourdaten für Deutschland gibt es bislang noch nicht.

Julia Brummert

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #133 (August/September 2017)

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