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Interviews & Artikel

ITCHY

Persönlichkeiten aus der Provinz

Mit ITCHY mussten wir reden. Ging gar nicht anders. Schließlich entfernten sie kürzlich das seltsame „Poopzkid“ aus ihrem Namen, den sie 15 Jahre lang trugen. Jetzt also nur noch ITCHY. Und obendrauf gibt es nun auch noch ein neues Album, „All We Know“. Panzer, Sänger, Bassist und Texter der Band, erklärte uns all diese Neuerungen und plauderte aus dem Nähkästchen.

Panzer, vor einiger Zeit warst du noch Bassist von ITCHY POOPZKID. Jetzt bist du plötzlich Bassist von ITCHY. Was ist mit dem zweiten Teil des Bandnamens passiert?

Du wirst lachen, aber auf diese Frage war ich vorbereitet. Sie kommt in jedem Interview. Und das völlig zu Recht. Der Name ITCHY POOPZKID stammt aus einer Zeit, als wir alle so zwischen 13 und 17 Jahre jung waren und in der wie kurz dachten, das sei tatsächlich ein guter Name für eine Band. Ich kann dir auch gar nicht mehr sagen, wie wir damals auf diesen Namen kamen. Fakt ist aber: Wir stellten relativ schnell fest, dass er eben doch keine so gute Lösung ist, und haben in all den Jahren danach ja auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir diesen Namen nicht so passend finden. Und als wir im vergangenen Jahr dann das Konzert zum 15-jährigen Bandbestehen hatten, setzten wir uns hinterher zusammen und fragten uns, wie lange wir noch Musik machen wollen. Wir kamen alle zu dem Schluss, dass wir noch richtig, richtig Bock haben und das noch wirklich lange machen wollen. Und die nächste, logische Frage war dann eben: Wollen wir denn wirklich, wenn wir in fünf Jahren alle um die vierzig sind, noch ITCHY POOPZKID heißen? Und da war die einhellige Meinung: Nein! Hinzukam, dass wir ja schon immer auch ernste Themen in unseren Songs ansprechen. Und dazu passt eben kein Name, der nach Kasperletheater klingt. Wir haben also den Klamaukteil rausgekürzt – und fühlen uns damit sehr wohl.

Nun, jetzt kann ich es ja zugeben: Der Name klang in der Tat bescheuert.

Du sagst es, haha. Es war auch so, dass viele Leute sich von vornherein gar nicht mit unserer Band befassen wollten, weil der Name so kindisch war. Und er wurde sehr oft falsch geschrieben auf Plakaten. Das kann jetzt alles nicht mehr passieren.

Ernste Themen sind auch auf eurer neuen Platte vertreten. In „Black“ beispielsweise zitiert ihr die ROLLING STONES mit „Paint it black“ beziehungsweise SOCIAL DISTORTION, in deren Song „Don’t drag me down“ Mike Ness die Zeile singt: „Wanna go to the White House and paint it black“. Gehört alles Schlechte auf der Welt schwarz angemalt?

Fast. Denn es ist eigentlich umgekehrt. In „Black“ geht es vielmehr darum, dass wir Menschen alles schwarz anmalen, was eigentlich gut sein könnte. Geschätzte 90% der Katastrophen, die weltweit passieren, sind hausgemacht. Von den Menschen verursacht. Ich bin jedes Mal geschockt, wenn ich in die Zeitung schaue und lese, was überall passiert. Warum ist Profit, ist Geld so viel wichtiger als alles andere? Wieso verschwenden wir so viel Energie darauf, Hass zu schüren? „Black“ hinterfragt den täglichen Umgang miteinander und steht dafür, dass alle gleich sind – egal, ob sie Porsche fahren oder Klos putzen.

Mehr Weiß als Schwarz wäre also schöner?

Genau. Und dafür müssen wir uns alle viel mehr hinterfragen. Leider passiert gerade so viel Mist. Nimm die Rassismuswelle, diese Welle der Stimmungsmache gegen Flüchtlinge, die gerade durch unser Land und durch andere Länder schwappt: Dagegen müssen wir angehen. Jeder muss das Maul aufmachen. Ein Satz wie „Das ist halt so“ ist da der schlimmste überhaupt.

Interessant ist vor diesem Hintergrund die Geschichte eurer Heimatstadt Eislingen: Sie ist ab den Fünfziger Jahren erst durch die Zuwanderung von Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten zur Stadt herangewachsen. Seid ihr euch dessen bewusst, spielt dieses Thema für euch deshalb vielleicht eine besondere Rolle?

Genauso ist es! Eislingen ist eine kleine Stadt mit 20.000 Einwohnern zwischen Stuttgart und Ulm. Und es geht dort tatsächlich seit jeher sehr multikulturell zu. Das fand ich als Kind und Jugendlicher immer sehr angenehm. Meine besten Schulfreunde kamen damals aus der Türkei, aus Rumänien und aus Armenien – und waren alles Supertypen. Für mich hat es dadurch nie einen Unterschied gemacht, welche Nationalität oder Hautfarbe jemand hat. Ich habe damals lange in einem Fußballverein gespielt, in dem zeitweise elf Spieler mit elf verschiedenen Nationalitäten auf dem Platz standen. Das hat mich, das hat uns alle geprägt. Natürlich gibt es auch in Baden-Württemberg, und da gerade in den ländlichen Gegenden, rechtes Gedankengut und Rassismus, gibt es Idioten. Aber es gibt eben auch viele Leute, die das nicht zulassen und etwas tun. Und gerade Eislingen ist in der Tat ein Beispiel dafür, wie in einer Stadt Integration funktionieren kann. Man muss keine Angst vor anderen haben und AfD und Co. hinterherrennen. Aber ich habe ohnehin den Eindruck, dass gerade die Jugend sich langsam, aber sicher besinnt. Gerade im HipHop haben Bands wie die ANTILOPEN GANG mit eindeutigen Texten gegen Rechts großen Erfolg. Ich bin guter Dinge, dass es trotz allem aufwärts geht.

„Guter Dinge sein“ ist ein gutes Stichwort: Ich mag an euch seit jeher, dass ihr Kritik nie in Form aggressiver Wut äußert, sondern eher mit ironischen, subtilen Texten.

Wir stehen nicht so darauf, nur den Zeigefinger zu heben und zu sagen: Ihr macht alles falsch und das ist alles schlecht. Und wir nehmen uns von dieser Kritik, die wir üben und die da mitschwingt, auch gar nicht aus. Viele Probleme, die wir beispielsweise im neuen Song „Fall apart“ ansprechen, sind ja klassische First-World-Probleme. Sprich: Auch wir ärgern uns darüber, wenn der WiFi-Empfang mal fünf Minuten schlecht ist. Wir sind manchmal selber die Trottel. Letztlich wollen wir zum Nachdenken anregen und nicht als Oberlehrer rüberkommen. Und das geht eben nur, wenn du die Texte auch ein wenig ironisch hältst. So etwas hat mir als Jugendlichen schließlich auch extrem geholfen in meiner Entwicklung. Ich habe immer schon Punkbands gemocht, die eine Botschaft rüberbrachten. Seit damals weiß ich, dass Texte, wenn sie richtig und ohne drohenden Finger rübergebracht werden, ein Leben verändern können.

Und hast dein Leben dementsprechend nach und nach umgekrempelt?

Ja. Durch Punkrock wurde ich beispielsweise vor 13 Jahren zum Vegetarier. Das wäre ohne Punkrock nicht passiert. Zumal in so einem ländlichen Gebiet wie dem, wo ich aufwuchs. Da warst du früher als Vegetarier ein echter Exot. Da hat jeder Fleisch gegessen.

Ist „All We Know“ ein klassisches Zeitgeist-Album?

Schon. Es sind sehr viele Songs mit politischen oder sozialkritischen Themen darauf. Die Trump-Wahl, der Rechtsruck, die Flüchtlingskrise – übrigens ein Wort, das ich beschissen finde und das ich eigentlich nicht mehr hören kann. All das ist in dem Zeitraum passiert, in dem die Songs für „All We Know“ entstanden sind, und hatte natürlich einen großen Einfluss auf das Album. Auch wenn es ja den einen oder anderen Liebessong auf der Platte gibt, was wiederum zeigt: Wir sind jetzt nicht nur eine politische und total ernsthafte Band. Gerade auf der Bühne kann man das sehen: Da machen wir uns auch gern über uns selber lustig.

Auf dem Cover des neuen Albums zeigt ihr eine Person, deren Gesicht von einer brennenden Zeitung verdeckt ist. Das könnte manch einer auch als Symbol für den Begriff „Lügenpresse“ missverstehen ...

Ein guter Punkt! Uns geht es nämlich nicht um eine Medienschelte. Überhaupt nicht! Das macht ja eher die rechte Seite, die dann immer dieses „Lügenpresse!“ skandiert. Was wir damit vielmehr zeigen wollen: Wir finden es wichtig, dass sich die Leute informieren. Gezielt und umfassend informieren. Gerade jetzt. Ich meine, 2017 ist ein Wahljahr! Und Parteien wie die AfD machen Stimmung und Wahlkampf mit Halbwahrheiten und dem Schüren von Panik. Um dem zu entgehen, muss man sich informieren. Und zwar nicht nur auf Facebook, sondern überall. In den Medien. Im Bekanntenkreis. Überall. Sonst wird es gefährlich.

In „Keep it real“ singst du: „My greatest fear: trapped in a cage“. Wann hast du dich zuletzt in einem Käfig gefangen gefühlt?

Als Jugendlicher. Das ist somit auch ein sehr persönlicher Song über meine Zeit als Jugendlicher, ehe ich Punk wurde. Ich war damals mit mir selber nicht im Reinen. Ich wusste nicht, wer ich sein will und woran ich glauben soll. Und dann kam eines Tages der Punk. Ich wusste sofort: Das ist mein Ding!

Gab es einen Moment, in dem es bei dir Klick! machte?

Kann man schon sagen. Das waren ein paar Tage hintereinander, in denen ich bei mehreren Konzerten war. Eines davon war von BAD RELIGION. Und es war großartig – weil ich eben sah, dass es ein Leben neben dem Mainstream und der Radiomusik gibt.

Auf der Wikipedia-Seite Eislingens werdet ihr als „Persönlichkeiten“ der Stadt geführt. Wusstest du das?

Nein, haha. Eine Ehre. Wobei ... Diese Ehre ist ja irgendwie auch zweifelhaft, denn es wird so sein, dass aus Eislingen sonst niemand kommt, der interessant ist, haha. Ich würde es also mal gesund einordnen unter: Ja, nehme ich mit. Hänge ich aber auch nicht so hoch.

Gibt es ehemalige Nachbarn, Bekannte, Lehrer, die euch damals nicht für voll nahmen und die heute darum betteln, auf die Gästeliste zu kommen?

So viele gibt es da nicht, haha. Eigentlich nur einen. Unser ehemaliger Sportlehrer, der uns damals – wie viele andere auch, die dachten, dass das nur eine vorübergehende Lebensphase von ein paar Teenies sei – belächelte für unsere Musik. Er ist mittlerweile bei jedem Konzert in der Nähe dabei, nimmt seinen Sohn mit und erzählt uns stets ganz begeistert, wie unglaublich er unseren Werdegang findet. Gerade weil wir damals so chaotisch gewesen seien und er uns das nicht zugetraut hätte.

Wart ihr die Vorzeigepunks an der Schule?

Ja, irgendwie schon. Denn eine Punk-Szene gibt es in Eislingen nicht. Das ist diesbezüglich totales Brachland. Aber das war für uns auf gewisse Weise auch gut, denn es war für uns ein Motor, schon frühzeitig rauszugehen und Konzerte in weiter entfernten Städten zu spielen. Schon ein paar Monate nach der Bandgründung ging das los. Da sind wir mit der ganzen Ausrüstung im Zug per Wochenendticket nach Düren zwischen Köln und Aachen gefahren, um bei einem Antifa-Fest zu spielen. Die Gage waren das Ticket und ein paar Bier, sonst nichts. Aber wir haben uns damals im Zug gefühlt, als seien wir so richtig auf Tour. Und dann dreißig Leute zu sehen, die weit entfernt von Eislingen vor uns völlig abgehen, war ein tolles, wichtiges Erlebnis. Es zeigte uns, dass die Sache mit dem Punk klappt.

Alles andere als Punk, könnte man meinen, war es, als ihr einen eurer Songs für einen Werbefilm des Autoherstellers Suzuki hergabt, oder?

Haha, diese Frage ist berechtigt. Wir wurden gefragt, ob wir ihn für die Kampagne zur Verfügung stellen würden. Und weil das alles wirklich nette Leute waren, sagten wir zu. Aber sei versichert: Wir diskutieren gerade bei solchen Dingen wirklich lange und ausgiebig, ob wir mitmachen oder nicht. Und wir wurden schon sehr häufig für wirklich viel, viel Geld angefragt, ob wir nicht hier und da, bei einer Show oder etwas Ähnlichem, mitmachen wollten. Und wir haben das dann abgelehnt, weil wir wussten: Hey, das passt nicht zu uns. Wir müssen am nächsten Morgen immer noch in den Spiegel gucken können.

Lass mich raten: Auch der VfB Stuttgart hat schon angefragt, ob ihr mal im Stadion vor einem Bundesligaspiel auftreten wollt.

Haha, nein. Der VfB hat uns noch nie angefragt. Aber sollte er das tun, würden wir das sicherlich machen, weil zwei Drittel von uns relativ große Fans des Vereins sind.

Ihr habt schon mit zahlreichen international bekannten Bands des Genres auf der Bühne gestanden. Gab es da auch das auch Aha-Erlebnisse der Art „Die sind gar nicht so Punkrock, wie sie immer tun“?

Ja, die gab es. Es ist zwar so, dass wirklich 90% von den großen Bands, mit denen wir mal gespielt haben, sehr nett waren. Aber ein negatives Erlebnis hatte ich mal mit SOCIAL DISTORTION. Mit denen haben wir mal in der Schweiz zusammen gespielt. Da hatte ich mich tierisch drauf gefreut, weil ich die seit Jugendtagen verehre. Und dann wurde Mike Ness fünf Minuten vor Konzertbeginn in einer schwarzen Limousine direkt an die Bühnenseite gefahren, spielte eineinhalb Stunden, ging von der Bühne – und wurde sofort wieder abgeholt. Da dachte ich mir schon: Okay, Mike. So sehr Punkrock war das jetzt nicht gerade, haha. Aber so ist das eben, ein paar Helden aus Jugendtagen bleiben im Laufe der Jahre auf der Strecke.

Frank Weiffen

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #133 (August/September 2017)

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