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Interviews & Artikel

DRITTE WAHL

Sich einfach mal wegbeamen lassen

2018 steht bei DRITTE WAHL das dreißigjährige Bandjubiläum an. Das muss gefeiert werden – aber erst nächstes Jahr. 2017 starten die Rostocker noch voll motiviert und ohne Geburtstagsstress mit ihrer neuen Platte „10“ durch. Für Gefühlsduselei oder einen Rückblick auf die letzten zehn Alben sind Krel, Gunnar Stefan und Holger gerade nicht in der Stimmung. Jetzt wird nach vorne geschaut und das neue Album gefeiert und auf Tour präsentiert. Wir trafen auf einen gut erholten Gunnar, schließlich ist er gerade zurück von einem halbjährigen Aufenthalt auf den Lofoten. Noch während er mit Umzugskartons jonglierte, konnten wir über das neue Album, Pöbelei im Internet, den Rapper Marteria, die Steuererklärung des Nachbarn und einen Anflug von Altersmilde sprechen. Und die Melancholie? Die gibt’s dann zum dreißigsten Geburtstag.

Gunnar, auf „10“ knüpft ihr mit einem Motiv an euer Vorgängeralbum „Geblitzdingst“ an: Nach „Men in Black“ bedient ihr euch jetzt bei „Raumschiff Enterprise“ – zumindest in dem, wie ich finde, eingängigsten Song „Scotty“, den ihr auch als Single veröffentlicht habt. Zeigt sich da jetzt ein neuer Schwerpunkt im Schema DRITTE WAHL?

Nein, um ehrlich zu sein: Das war Zufall. Aber jeder kennt diesen Spruch „Beam me up, Scotty!“ Und diese Idee hat mir einfach super gefallen: Sich einfach mal wegbeamen zu lassen. Klar, ich schaue schon gerne mal einen Film, aber ich bin absolut kein Nerd, der sich auf irgendwelche SchauspielerInnen oder RegisseurInnen spezialisiert. Ein guter Science-Fiction-Film ist aber ein schöne Auszeit vom Alltag.

Der Rapper Marteria kam nahezu gleichzeitig mit der Idee eines gleichnamigen Songs an.

Tatsächlich. Er ist ja auch ein Rostocker und einfach ein guter Typ, von daher sind weder wir ihm böse noch denken wir, dass negative Vibes von ihm ausgehen, warum sollten wir auch? Und nein, auch wenn er durch seine Zusammenarbeit unter anderem mit DIE TOTEN HOSEN für „unsere“ Art von Musik offen zu sein scheint, sind wir uns nie wirklich über den Weg gelaufen. Die gleichnamigen Songs sind also nur zufällig gleichzeitig erschienen. Aber: Wer mit den Hosen auftritt und zusammen mit Campino und FEINE SAHNE FISCHFILET im Rahmen der „Noch nicht komplett im Arsch“-Tour einen Überraschungsgig in einem Nazidorf spielt, kann nicht verkehrt sein. Bei ihm schlägt das Herz am linken, also am rechten Platz. Außerdem supportet er Hansa Rostock, was kann da schon schlecht sein, haha!

Der Titel lässt es erahnen: In „Scotty“ wünscht du dir, von diesem „irdischen Geschehen“ weggebeamt zu werden. Beim Hören hatte ich einen kleinen Flashback zum Vorgängeralbum „Geblitzdingst“. Im Song beschreibst du es schon, aber gib doch für unsere LeserInnen noch mal durch, wovor du dich gerne wegbeamen würdest.

„Geblitzdingst“ war mehr privater Natur. „Scotty“ kommt viel politischer daher. Aber damals wie auch heute sind einfach schwierige Zeiten der Auslöser für diese Wünsche. Man ballt so oft die Faust in der Tasche und würde gerne so vieles verändern, aber manchmal denkt man sich auch: Ach komm, leckt mich doch mal alle am Arsch und beamt mich hier weg!

Ist dieser Eskapismus nicht eine armselige Vorstellung?

Natürlich ist das ein Ausdruck des Wegduckens und der Hilflosigkeit. Den darf man aber auch gerne mal mit einem Augenzwinkern verstehen. Inwiefern man sich in welchen Bereichen einsetzen, engagieren und aktiv werden will, das muss jeder für sich selbst wissen.

Früher wart ihr aber offensiver ...

Einen Song wie „Auge um Auge“ würde ich so heute sicherlich nicht mehr schreiben. Da kommt vielleicht eine gewisse Altersmilde durch. Wir stehen aber noch immer dahinter und spielen diesen Song auch nach wie vor live. Ich sage mal so: Heute sprechen wir mehr in Metaphern. Das heißt nicht, dass wir jetzt die ruhigen Rentner sind, haha!

Direkter geht es da in „Das Bessere“ zu. Der Refrain lautet: „Das Bessere ist der Feind des Guten.“

Verdamme mich für diese Aussage, aber Deutschland ist im internationalen Vergleich eines der besten Länder, in denen man leben kann. Und doch stinkt die Scheiße auch hier zum Himmel. Sie stinkt zwar nicht so sehr wie in Syrien, der Türkei oder vielen anderen Ländern, die ich jetzt aufzählen könnte, aber sie stinkt auf ihre Art und Weise. Und daher sollte man nicht den Vergleich anstellen, wenn hier Demonstranten beim G20-Gipfel niedergeschlagen werden, dass das in Russland doch viel rabiater passiert wäre . Das ist beides die gleiche Scheiße, eben nur in verschiedenem Ausmaß. Aber man sollte nicht deswegen schweigen oder hiesige Missstände durch den Vergleich von Äpfeln mit Birnen relativieren.

Mit „Der Himmel über uns“ gibt es aber auch die Gute-Laune-Hymne.

Klar, die darf auch nicht fehlen! Ich möchte ja nicht, dass die Leute deprimiert von unseren Konzerten schleichen. Ich meine: Spaß und Zufriedenheit sind doch unser aller Ideal! Und dafür lohnt es sich einzustehen. Mich würde freuen, wenn die Leute motiviert von unseren Konzerten nach Hause oder besser noch weiter feiern gehen.

Ein roter Faden, der sich durch „10“ zieht, sind Themen und Ausdrücke, wie sie sich immer wieder in den Kommentarspalten von Social-Media-Kanälen finden. Eine fast schon exhibitionistische Präsenz auf Facebook, Instagram und Co. ist bei vielen Künstlern schon selbstverständlich und überstrahlt oft schon die eigentlichen kreativen Leistungen. Das stelle ich bei euch jetzt nicht fest.

Ach, das gehört als Informationskanal heute einfach dazu und dafür nutzen wir das gerne. Stefan und Krel zum Beispiel haben gar keinen Facebook-Account und kommen damit prima klar.

War diese inhaltliche Ausrichtung Absicht oder hat das alles tatsächlich Einfluss auf euer Songwriting? Seht ihr auch eher die Chancen im Online-Austausch mit anderen UserInnen? Sogar in dem Wohlfühlsong „Der Himmel über uns“ kommt Digitalistan vor.

Das digitale Leben hat uns doch überall längst gepackt, haha! Und wenn wir nette Reaktionen auf Facebook bekommen, dann freuen wir uns. Und wenn wir weniger nette bekommen, dann ist uns das wegen der anonymen Distanz egal.

In „Wenn ihr wüsstet“ nehmt ihr den Wahrheitsgehalt der im Netz kursierenden Meldungen aufs Korn. Gib’s zu, du hast doch bei einem Schnupfen bestimmt auch schon mal gegoogelt, haha. Oder nervt dich die Faktenfinderei?

Das ist so ein Schwachsinn! Es kann doch nicht sein, dass von dem Präsidenten der USA ein Begriff wie „Alternative Fakten“ salonfähig gemacht wird! Das ist doch an sich schon ein Oxymoron. Und wenn Menschen echt glauben, dass russische Hacker die US-Wahlen manipuliert hätten, dann packe ich mir nur noch an den Kopf – das ist wieder so ein Punkt, an dem ich mich gerne wegbeamen würde. Nervig ist aber, wenn durch die Omnipräsenz von Fakten an jeder, auch einer guten Meldung eine Schwachstelle gefunden wird – auch innerhalb der Punkszene.

In „25 Cent“ greift ihr auch eins dieser Narrative auf, die viele Pöbler im Netz verbreiten: „Die Flüchtlinge haben die neuesten Smartphones und unsere Rentner müssen Pfandflaschen sammeln.“

Das ist die never ending Neiddebatte. Irgendeinen Sündenbock für sein eigenes Fehlverhalten oder Unwohlsein wird die Menschheit immer finden: Eine Zeit lang waren es die Arbeitslosen, jetzt sind es die Flüchtlinge und schon bald wird man wieder wen anders finden, da bin ich mir sicher. Neid ist nicht erst seit gestern die Triebfeder des Menschen. Und ich befürchte, dass wir uns wundern werden, wie es mit uns in ein paar Jahren tatsächlich aussieht. Und dabei glaube ich nicht, dass jemand freiwillig in Mülltonnen nach 8 oder 25 Cent sucht. Den Song hat übrigens unser neuer kreativer Kopf Holger beigesteuert.

Zu jedem DRITTE WAHL-Album gehört auch ein Song zum Thema Tod. Auf „10“ finden sich mit „So lange her“ und „Vor dem Aufprall“ gleich zwei. Danach musste ich sofort eine Freundin anrufen, von der ich lange nichts mehr gehört hatte.

Oh, wir werden alt! Jetzt sind es schon zwei Titel, haha. „Vor dem Aufprall“ ist so ein Gedanke, den doch sicherlich jeder schon mal hatte: Da steigt man nichts Böses ahnend ins Auto, ist eine halbe Sekunde nicht wach und schon kann es vorbei sein. Beim Gedanken daran, was ich in dem Moment tun würde, kamen mir so banale Ideen wie den nächsten Termin abzusagen und die Überlegung, mit der nächsten Frisur endlich abzuschließen. Bei „So lange her“ trug es sich tatsächlich so zu, wie im Song beschrieben, dass ich vom Tod einer alten Bekannten erfuhr. Mit fortschreitendem Alter kommen solche Situationen häufiger vor. Besonders spannend daran finde ich, dass sicherlich jeder schon einmal etwas in der Art erlebt hat und sich daher mit dem Song identifizieren kann: Die Zeitung aufzuschlagen und vom Dahinscheiden eines Jemand zu erfahren, kurz in Gedanken zu versinken und sobald die Zeitung wieder unterm Tisch liegt, sein Leben weiterzuleben.

„10“ trägt den Titel, weil es euer zehntes Album ist – von Selbstbeweihräucherung, Sentimentalität oder einem Blick zurück auf eure Geschichte ist darauf aber nichts zu hören – warum dann der Titel?

Zehn Alben, das sind dreißig Jahre DRITTE WAHL! Und stell dir mal vor: Wenn ich damals jemanden totgeschlagen hätte, wäre ich seit fünf Jahren schon wieder aus dem Knast aus, haha! Das ist nur schwer zu fassen und kommt mir selbst höchstens vor wie zehn Jahre. Vielleicht auch daher der Titel.

Fühlst du dich bei dem Gedanken etwa alt?

Ja schon, aber solange wir noch Konzerte spielen können und Leute mit langen, kurzen, bunten, grauen oder auch gar keinen Haaren mehr kommen, weiß ich, dass wir noch das Richtige tun.

Ihr leitet euer großes dreißigjähriges Jubiläum 2018 ein. Gibt’s schon Pläne, wie ihr das feiern werdet?

Ich bin froh, dass das Album so weit vor dem Geburtstag fertig geworden ist. Somit haben wir jetzt erst mal Power für die Tour, auf die wir alle tierisch Bock haben. Und was dann kommt, steht noch in den Sternen.

Du kommst gerade von den Lofoten. Was hast du da gemacht?

Ich hatte schon immer eine Affinität zu den skandinavischen Ländern. Und deswegen war ich das letzte halbe Jahr dort. Mein Sohn war für einen Schüleraustausch in Norwegen und hat sich ebenfalls in das Land verliebt und wollte unbedingt wieder dahin. Und weil wir untereinander ein eher kumpelhaftes Verhältnis haben, hat der Rest der Familie gesagt: Wir kommen mit. Knapp nördlich des Polarkreises war es natürlich schweinekalt und die Sonne ging anfangs gar nicht auf. Von der Landschaft her ist es eine echt beeindruckende Gegend. Natürlich haben wir viele Wanderungen gemacht und das Land erkundet. Ich habe im tiefsten Schnee den Sommer-Song „Der Himmel über uns“ geschrieben. Ansonsten haben wir dort richtig gelebt: Meine Frau ist selbstständig und hat von dort aus gearbeitet und die Kids sind in Norwegen zur Schule gegangen.

Wie hast du die Leute dort erlebt?

Wir haben gerade von der Neidkultur gesprochen. Die gibt es dort nur kaum. Du kannst dir im Internet die Steuererklärung deines Nachbarn ansehen und kennst sein Vermögen. Das interessiert die Menschen dort aber weniger – natürlich achten sie auch auf ihren materiellen Wohlstand, im Umgang miteinander ist der aber nicht so wichtig wie die emotionale Prosperität. Es gibt auch einen unglaublich starken Zusammenhalt: Wenn ein Kind Geburtstag hat, werden alle eingeladen und nicht nur eine Auswahl. Und wenn die Bushaltestelle repariert werden muss, dann trifft man sich und das ganze Dorf kümmert sich an einem „Bautag“ darum.

Wie sieht es dort mit Punkrock aus?

Natürlich gibt es dort eine Menge großartiger Bands und Künstler, aber da ist es schon sinnvoll, in einer etwas größeren Stadt zu wohnen: Der ehemalige TURBONEGRO-Sänger lebte zum Beispiel in meinem Nachbardorf – nur lag das sechzig Kilometer entfernt. Meine Kids haben Jugendkonzerte besucht, wo zwar gute und namhafte Künstler aufgetreten sind, es aber zum Beispiel keinen Alkohol gibt, und die auch schon früher am Tag anfangen. Und dann gibt es eine Reihe angesehener Blues- und Klassik-Festivals, zu denen Besucher aus aller Welt kommen. Ich für meinen Teil habe lediglich zwei Singer/Songwriter-Konzerte gesehen.

Fabian Schulenkorf

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #134 (Oktober/November 2017)

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