FEINE SAHNE FISCHFILET

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Absurde Tendenzen

Jan „Monchi“ Gorkow ist Sänger von FEINE SAHNE FISCHFILET – einer Band, der mit dem Anfang 2018 erschienenen Album „Sturm und Dreck“ der Durchbruch in die Charts und großen Hallen gelang und die im Februar dieses Jahres den Titel des Ox zierte. Neben ihrer Musik sind Monchi und Co. bekannt für den nimmermüden Einsatz gegen rechts – etwa beim „Wir sind mehr“-Konzert in Chemnitz – und werden nicht selten dafür angefeindet. Zuletzt wurde auf Bestreben von CDU, AfD und Neonazis ein Auftritt der Band in Dessau abgesagt. Die Begründung war eine bekannte: FEINE SAHNE FISCHFILET seien linksextremistisch. Und tatsächlich standen die Musiker ja vor einigen Jahren aufgrund von angeblich die Gewalt gegen Polizei und Staat verherrlichenden Songs im Verfassungsschutzbericht. Im Interview zieht Monchi ein Resümee der vergangenen Monate und Jahre, spricht auf die für ihn so typische Art Klartext – und nimmt noch einmal Stellung zu der Sache mit dem Linksextremismus.

Monchi, mit FEINE SAHNE FISCHFILET warst du in diesem Jahr in den Charts, in großen Hallen und an der Organisation des „Wir sind mehr“-Konzertes gegen rechts in Chemnitz beteiligt. Du warst und bist in aller Munde. Hast du sehr viele Nachrichten über die bekannten Kanäle bekommen in letzter Zeit?


Ja. Zu viele. Allein bei Facebook, Instagram und so. Das kann ich mir gar nicht alles geben – auch weil einfach extrem viel Müll darunter ist.

Du sprichst es an: Du wirst häufig nicht nur kritisiert, sondern beleidigt für deine klaren Aussagen zu politischen und gesellschaftlichen Dingen. Was war zuletzt deine Lieblingsbeleidigung?

Ach, das Übliche: „Du fettes Schwein“. „Wir stellen dich an die Wand“. „Du kannst nicht singen“. Aber ganz ehrlich, darauf gebe ich nichts. Was willst du zu solchen Leuten sagen? „Wow, jetzt weiß ich, dass ich dick bin! Ist ja was ganz Neues!“ Ich meine, wir sind eine Band, die sich FEINE SAHNE FISCHFILET genannt hat! Und dann denkt tatsächlich jemand, er könne uns dissen, wenn er uns „Ranzige Sahne Gammelsprotten“ nennt? Uns, die wir ohnehin schon diesen unfassbar coolen Namen haben? Das sagt doch alles über diese Leute aus. Nein, über so was mache ich mir keine Gedanken.

Es geht spurlos an dir vorüber?

Man muss das ignorieren. Hätte ich mir nach dem Konzert in Chemnitz die ganzen Beiträge im Internet durchgelesen, wäre ich ja depressiv geworden. Wenn da einer sagt: „Wir wissen, in welches Restaurant du gehst. Das nächste Mal, wenn du da bist, hast du ein Messer im Kopf“, dann registriere ich das und schaue dann beim nächsten Besuch vielleicht genauer hin. Aber letztendlich ist das alles doch das Internet-Feld. Ich dagegen versuche, mich mit der Realität zu beschäftigen. Und die sieht so aus, dass es mir und uns trotz alldem sehr gut geht. Mit ausverkauften Hallen und Konzerten. Wir haben den Luxus, dass wir so viele tolle Momente haben.

Aber wird man nicht trotzdem vorsichtiger, verliert sogar mal für Momente die Lust, wenn man derart hart angegangen wird?

Nein. Das ist ja nichts Neues, das kennen wir seit Ewigkeiten. Was neu ist, das ist lediglich diese Intensität. Die Masse an Leuten, die da mitmacht. Das sind nicht mehr nur die organisierten Faschos, sondern auch die Normalos. Zudem: Ganz viele von denen, die da schreien, haben sich bislang null mit uns beschäftigt.

An welchem Punkt würdest du über Personenschutz nachdenken?

Personenschutz? Niemals! Natürlich sind wir vorsichtig – das waren wir schon immer – und nehmen zu Konzerten wie etwa dem in Chemnitz ein paar Freunde mehr mit. Aber wenn ich mir vorstelle, den ganzen Tag mit Security durch die Gegend laufen zu müssen, diese Leute in meinem Leben zu haben, mir die Normalität in meinem Leben dadurch nehmen zu lassen – darauf habe ich keinen Bock! Ich lebe nicht mit dem Gedanken: Oh weh, wird jetzt was passieren?

Eine neue Qualität hat aufgrund eures Erfolges auch die Art, mit der du öffentlich angegangen wirst. Da taucht kurz nach Chemnitz plötzlich ein gefälschtes Bild auf, auf dem du angeblich den Hitlergruß zeigst.

Ja, das ist räudig. Aber es war zu erwarten. Weißt du, wir stellen da mit 95.000 Leuten zusammen so eine große Sache auf die Beine und lassen uns dabei von niemandem vereinnahmen. Es ist keine Parteiveranstaltung. Es ist keine Aktion, um das Image von Sachsen aufzupolieren nach dem Motto „Hier ist doch alles toll“. Wir machen das nur für die Menschen dort. Und dann läuft auch noch alles friedlich ab! Und man merkt, dass genau deswegen extrem viele Leute kotzen. Die würden es lieber sehen, wenn uns das entgleitet und es Krawall gibt. Und dann kommt eben so ein Fake-Foto zustande. Und es ist am besten, gar nicht darauf zu reagieren.

Dann wird auch noch euer geplantes Konzert im Bauhaus Dessau wegen eurer angeblich linksextremistischen Ausrichtung abgesagt, was eine Debatte quer durch die deutsche Politik- und Kulturlandschaft auslöst.

Dass so ein Ding aus dem Auftritt in Dessau wird, ist völlig verrückt! Damit hätten wir niemals gerechnet. Wir haben uns aufs Bauhaus gefreut, weil wir derlei besondere, ambivalente Sachen mögen, seitdem wir damals mal im Volkstheater Rostock gespielt haben. Wir sind jetzt nicht die einzigen Betroffenen davon, dass CDU und AfD offenbar immer weiter miteinander paktieren und irgendwann wohl auch miteinander koalieren werden. Und ich sage auch nicht, dass irgendjemand von der CDU etwas mit organisierten Nazis abgesprochen hat. Aber dass Politiker dieser Partei mit Nazis zumindest Hand in Hand gehen und eine solche Stiftung derart unter Druck setzen, das ist neu. Die Reaktion der Bauhaus-Stiftung ist zudem einfach nur peinlich. Dass eine Institution wie diese derart geschichtsvergessen agiert, finden wir ernsthaft erbärmlich und enttäuschend.

Hat sich jemand vom Bauhaus inzwischen mal bei euch gemeldet?

Wenn die Verantwortlichen dort ihre Verhalten ernsthaft als Fehler ansehen würden, dann hätten sie uns mittlerweile angesprochen und eingeladen. Das ist nicht passiert. Aber es war ja nicht das erste Mal und wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein, dass uns so etwas passiert. Wir bieten da offenbar eine riesige Projektionsfläche.

Offenbar. Was antwortest du denen, die euch Linksextremismus vorwerfen?

Wie oft wurde Bob Marley für sein Lied „I shot the sheriff“ kritisiert? Bei DIE TOTEN HOSEN grölen im Song „Bonnie und Clyde“ 45.000 Leute die Zeile „Wir schießen zwei, drei, vier, fünf Bullen um“ mit. Weißt du, es sagt doch schon alles, wenn Politiker von der CDU und von anderen Parteien, die damals auch für unseren Eintrag im Verfassungsschutzbericht verantwortlich waren, uns mit Nazibands wie LANDSER oder STAHLGEWITTER vergleichen. Es geht mir nicht darum, dass uns alle Leute feiern müssen. Ja, zugegeben, wir haben eine große Fresse. Aber diese Vergleiche sind einfach nur erbärmlich. Um das zu erkennen, muss man doch eigentlich nur mal schauen, was wir in den vergangenen Jahren alles gemacht haben. Ich weiß ehrlich nicht, was die Leute wollen. Nur Helene Fischer-Texte? Das wird nicht passieren. Denn wir singen unsere eigenen Storys. Wir singen von dem, was wir selber schon erlebt haben. Und klar, manchmal habe ich einfach Gefühle wie „Fick dich, Bulle!“ – trotzdem verachte ich doch nicht jeden Dorfpolizisten! Wir aber werden so dargestellt, als ob wir sieben Tage lang 24 Stunden am Tag von Hass erfüllt irgendwo sabbernd sitzen und Gewalt wollen. Das nimmt ja absurde Formen an! Und zwar überall, mittlerweile wird sogar Angela Merkel schon von vielen Leuten als Kommunistin dargestellt. Jeder Sozialdemokrat ist plötzlich ein Linksextremist. Und ich bin Stalinist. Dabei weiß jeder, der mich kennt, dass ich so etwas verachte. Aber man kann uns nennen, wie man will, wir machen einfach unser Ding.

Die Gegenseite bezeichnet dich gerne als Gutmensch und Moralapostel.

Das war ich noch nie. Im Gegenteil. Unsere Realität war früher LANDSER hören, saufen, kiffen, „Schrei nach Liebe“ grölen – und dazu abhitlern. Ich hatte Müll wie Sexismus, Rassismus in meinem Kopf und habe auch mal „Neger“ gesagt. Aber als 15-jähriger Pinscher war das eben so. Und genau da liegt der Unterschied zwischen unserer Seite und denen, die heute hetzen: Ich gehe offen mit meiner Vergangenheit um. Ich habe noch nie ein Geheimnis daraus gemacht. Die anderen aber tun so, als ob sie die mega geilen Leute sind und das auch schon immer waren. Wenn sich Leute hinstellen, die für die Flüchtlingspolitik zuständig sind und Zustände wie die auf Lesbos mitverantworten, wo ich zuletzt in einem dieser schlimmen Flüchtlingslager war, und diese Leute im Falle unserer Band dann erzählen, wie schlimm sie Gewalt finden, dann denke ich: Das sind Heuchler. Und ich werde mich niemals vor solchen Typen rechtfertigen. Allen anderen kann ich immer nur sagen: Schaut euch an, was wir in den vergangenen Jahren so gemacht haben. An diesen Dingen könnt ihr uns messen. Denn diese Dinge sprechen für sich. Das sind Dinge, auf die wir – und das kann ich, glaube ich, mit gutem Gewissen sagen – stolz sein dürfen. Wie gesagt, wenn alle derartig abdrehen, dann ist es das Beste, dass wir Ruhe bewahren und Taten sprechen lassen.

DIE TOTEN HOSEN haben euch unter ihre Fittiche genommen. Die haben in der Jugend auch Proteste erlebt – gegen AKWs, gegen Rechte, für den Frieden. Erzählen Campino und Co. dir manchmal von damals?

Auf jeden Fall. Wir tauschen uns aus. Aber nicht so, dass man sich da jetzt irgendwelche Heldengeschichten erzählt. Die haben einfach ein offenes Ohr. Gerade wenn wir mit Sachen mal überfordert sind, in die sich Außenstehende nicht hineinversetzen können. In solchen Situationen ist es ein gutes Gefühl, jemanden zu haben, der schon alles erlebt hat – von cool bis räudig. Und das ist bei den Hosen der Fall. Es ist toll, zu wissen, dass man sie immer anquatschen kann. Dass man Campino mal fragen kann: „Wie gehst du denn mit Dingen wie Chemnitz um? Können wir mal reden?“ Und dann erzählt Campino einem eben, dass die Band damals, nach der Veröffentlichung ihres Anti-rechts-Songs „Sascha“ auch Morddrohungen erhalten hat.

Könntest du Campino auch nachts um drei anrufen?

Das würde ich nicht machen. Aber vor dem Chemnitz­-Konzert war es beispielsweise so, dass ich ihn abends um 23 Uhr fragte, ob ich ihn am nächsten Morgen treffen könne – und tatsächlich um 10 Uhr früh bei ihm saß. Und um 15 Uhr war dann klar: Die Hosen sind dabei. Solche Dinge sagen schon eine ganze Menge über einen Menschen aus. Das spricht für sich.

Du bist für deine klaren Ansagen bekannt. Denkst du heutzutage dennoch mehr über das nach, was du in der Öffentlichkeit sagst, als früher, weil plötzlich, überspitzt gesagt, das ganze Land zuhört?

Ja, aber nicht weil das ganze Land zuhört. Sondern weil man die Situation bedenken muss. Es gibt Situationen, da kann man einfach nur mal abasseln. Das tue ich auch mal gerne. Aber wenn – Beispiel Chemnitz – eine Woche zuvor in dieser Stadt ein Mensch abgestochen wurde und Nazis versuchen, das für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, dann hat man seine Worte gut zu wählen und nicht einen auf Clown zu machen. Darauf achte ich mehr als früher.

Du hast es eben bereits angesprochen: Du warst kürzlich am Mittelmeer, um auf einem Flüchtlingsboot mitzufahren. Du hast ein Flüchtlingslager auf Lesbos besucht. Du warst in Syrien. Das sind Dinge, die für viele Künstler nicht selbstverständlich sind.

Ich weiß nicht ...

Ist dir Lob für derlei Dinge peinlich?

Nein. Aber wenn ich am Mittelmeer bin, dann erfüllt es mich eher mit Scham, dass ich zu wenig mache. Es muss mich niemand dafür zu feiern, dass ich mal eine Woche da runter fahre. Dass ich mit anderen im Lkw an die türkisch-syrische Grenze fahre. Dass ich mich auf ein Schlauchboot zwischen der griechischen und türkischen Küste begebe, in das am ersten Abend 396 Menschen steigen – nur einen Tag, nachdem ich mir im Saarland mit DIE TOTEN HOSEN die Birne vollgesoffen habe. Denn ich fahre ja wieder nach Hause. Aber es gibt Leute, die reißen sich da regelmäßig den Arsch auf – und werden nicht dafür gefeiert. Ein guter Freund von mir war Kapitän der Seawatch und hat in den vergangenen Jahren 4.100 Menschen das Leben gerettet. 4.100 Menschen! Stell dir mal vor, du rettest nur einem Menschen das Leben, das wäre ja schon unfassbar. Genau diese Leute gehören gefeiert. Diese Leute, die Menschen aus dem Wasser ziehen. Auf die muss man sich konzentrieren. Ich brauche mich da nicht feiern zu lassen.

Wie schwer ist nach solchen Erlebnissen die Rückkehr in die sichere Heimat?

Wenn ich von solchen Fahrten wiederkomme, dann brauche ich eine Zeit lang, um wieder runterzukommen – damit ich nicht alles peinlich finde, was ich dann mit der Band mache. Damit ich Probleme noch ernst nehme. Und wenn man dann nach Hause kommt, dann denkt man, dass man einfach nur sehr dankbar sein kann dafür, wo man geboren wurde. Eine Sache, für die man nichts getan hat. Das war reines Glück.

Wie ziehst du dich in derlei Momenten wieder in den Alltag zurück?

Die Musik hilft mir dabei. Das hätte ich früher nie gedacht, weil Musik früher für mich auch nie so wichtig war. Mittlerweile ist sie aber ein wichtiges Ventil für mich, weil ich in Songs wie beispielsweise „Suruc“ oder „Angst frisst Seele auf“ solche Erlebnisse verarbeiten kann. Erlebnisse wie in Syrien. Oder die Erfahrungen einer verzweifelten Freundin, die im NSU-Untersuchungsausschuss saß und durch Lied einer rechtsradikalen Band Morddrohungen bekam.

 


FEINE SAHNE FISCHFILET

... wurden 2007 in Mecklenburg-Vorpommern gegründet und engagieren sich seit jeher konsequent gegen Rassismus, unter anderem mit ihrer Konzertreihe „Noch nicht komplett im Arsch“, die sie in der unter dem Rechtsruck gebeutelten Heimat regelmäßig organisieren. Einige alte Songtexte bescherten ihnen aufgrund angeblich gewaltverherrlichender, linksextremistischer Zeilen einen Eintrag im Verfassungsschutzbericht. Im Stück „Staatsgewalt“ von 2011 etwa heißt es: „Wir stellen uns in einem Trupp zusammen. Und schicken den Mob dann auf euch rauf! Die Bullenhelme, die sollen fliegen. Eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein!“

Die Band spielt diese Songs heute nicht mehr und betonte schon mehrfach, dass es sich dabei um Rachefantasien nach von Polizisten ausgeübter Gewalt bei Demonstrationen gehandelt hat. Seit 2015 werden FEINE SAHNE FISCHFILET im Verfassungsschutzbericht nicht mehr erwähnt. Seit diesem Jahr gehört die Band zu den Künstlern des DIE TOTEN HOSEN-Managements JKP, sie spielten auch bereits zahlreiche Stadionkonzerte im Vorprogramm der Düsseldorfer. Noch bis Ende Dezember touren sie mit ihrem aktuellen Erfolgsalbum „Sturm und Dreck“ durch Deutschland. Viele Konzerte sind bereits ausverkauft. Die Dokumentation „Wildes Herz“ über Jan „Monchi“ Gorkow und FEINE SAHNE FISCHFILET (Regie: Charlie Hübner) wurde jüngst auf DVD veröffentlicht.