Interviews & Artikel : ALFRED HILSBERG :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

ALFRED HILSBERG

Der Journalist Jürgen Teipel hat im Winter mit "Verschwende deine Jugend" ein sehr schönes Buch vorgelegt, eine Interview-Collage mit allen Hauptdarstellern des frühen Punk in Deutschland (Verschwende Deine Jugend – Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave; Suhrkamp-Taschenbuch, 375 Seiten, € 12,73).

Für das Ox hat er sein Interview mit einem der Begründer unabhängiger Musikkultur überhaupt zusammengestellt: Alfred Hilsberg, dem "Punk-Papst" der späten 70er und frühen 80er Jahre, Gründer der legendären Labels What´s So Funny About und vor allem ZickZack.

Heute macht Alfred Hilsberg vor allem PR-Arbeit für die Hamburger Band BLUMFELD.

Wie kamst du zu Punk und was hat das Ganze für dich anfangs bedeutet?

Punk war für mich nur der Auslöser, selbst was zu machen. Ich habe 1976 in London die ersten Punkbands gesehen und fand das Phänomen wirklich wahnsinnig. Es hat mich umgehauen, dass so was möglich war: diese total bunte, verrückte Ansammlung von Leuten. Jeder sah auch anders aus. Jeder hatte sein eigenes Outfit. Es gab zwar ein gewalttätiges Element, aber das war nur Spiel. Das war ganz deutlich nicht ernsthaft, wenn die sich bekriegten. Ich habe dann ab Januar 1977 die ersten Punkkonzerte in Deutschland veranstaltet. VIBRATORS und STRANGLERS. Damals hat noch gar niemand gewusst, was Punk ist. Da kamen auch keine Punks. Da kamen ganz normale Leute hin. Alleine schon der Begriff Punk hat damals alle in helle Aufregung versetzt. Punk wurde als Schimpfwort begriffen. Das war einfach diese Langenscheidt-Übersetzung, dass Punk eben Müll ist. Mir sagten die Leute echt: Das kann ja nur Scheiße sein. Warum interessierst du dich dafür?

Wie sah es hier vor Punk aus?

Vor Punk war hier einfach ein Vakuum. Da war gar nichts. Es gab damals in Deutschland keine Jugendkultur. Der Zusammenbruch der ganzen K-Gruppen hatte ein großes Vakuum hinterlassen. Danach gab es nichts mehr, was noch irgendwas mit der Wirklichkeit von Jugendlichen zu tun hatte. Das war eine von großen Plattenfirmen beherrschte Szenerie. Und was das linke Spektrum betrifft: Das waren fast alles schreckliche Rockgruppen. Ein Highlight waren ja fast noch TON, STEINE, SCHERBEN.

Du warst dann 1978 entscheidend daran beteiligt, dass Punk in Deutschland überhaupt wahrgenommen wurde. Durch deine Mitarbeit an einer SPIEGEL-Titelgeschichte über Punk und vor allem durch deine Serie über die ersten deutschen Bands in Sounds, der damals größten ernstzunehmenden Musikzeitschrift.

Ja, mein "Rodenkirchen is burning"-Zweiteiler, haha. Das war natürlich eine ironische Floskel. Diese Düsseldorfer Bands hatten mich wirklich beeindruckt. Vor allem ging es denen nicht darum, irgendwas aus England nachzuahmen. Die wollten ihr eigenes Ding machen. Zum Beispiel schienen hiesige Identitäten ja vorher in der Musik überhaupt kein Thema zu sein. Aber in Düsseldorf war das selbstverständlich, dass man in der eigenen Sprache gesungen hat. Da gab´s gar keine Diskussion darüber. Weil man dadurch verständlich wurde.

Daraus entwickelte sich dann schnell das, was man damals New Wave nannte.

Ein Jahr nach Rodenkirchen hatte ich in der Sounds noch eine zweite Serie über deutschen Punk. Die hatte als Zwischenüberschrift: "Neue Deutsche Welle – Die Revolution ist vorbei – Wir haben gesiegt". Seitdem galt ich als derjenige, der die Neue Deutsche Welle erfunden hat. Dabei ist mir dieser Begriff gegen meinen Willen zugeordnet worden. Er kam zwar von mir, aber ich hatte denen bei Sounds gesagt, sie sollten ihn bitte nicht verwenden. Sie haben es doch getan. Und ich durfte mich jahrelang darüber ärgern, dass ich als Punkpapst bezeichnet wurde. Ich fing dann auch an, unter einem Pseudonym zu schreiben. Es gab in Sounds immer diese Pamphlete von Gröfaz und Goldmann – über die es heftigste Auseinandersetzungen gab. Das waren Jäki Eldorado und ich: Bildet Banden! Zerschlagt alle Plattenläden! Verhindert, dass in allen Plattenläden, außer bei Rip Off, Platten gekauft werden!

Das Hamburger Rip Off war ja der erste Punkplattenladen überhaupt. Und du warst der erste, der dann auch große Punk-Festivals veranstaltete: Hier in Hamburg in der Markthalle. Die funktionierten ja sozusagen als die Woodstocks von Punk in Deutschland.

Das waren für damals echte Großereignisse. Nicht nur für die Medien. Auch für die Leute. Drinnen waren schon 1.200 – und draußen noch mal 500, die nicht reinkamen. Da wurden die Absperrungen umgerissen – alles niedergewalzt. Die Leute wollten unbedingt rein. Die kamen aus hunderten Kilometern angereist. Obwohl, haha – viele Leute wären wahrscheinlich erst gar nicht gekommen, wenn sie gewusst hätten, was auf sie zukommt.

Weil es nicht nur um straighten Punk ging, sondern auch um die ganzen Richtungen, die inzwischen aus den ersten Punkideen entstanden waren?


Speziell in Hamburg gab es ja viele Leute, die sich gegen alles stellten, was auch nur irgendwie anders war. Es gab eine strikte Trennung zwischen Punks und Künstlern. Die Leute hier haben alles, was Kunst war, als feindlich betrachtet. Und ich habe mir gesagt: Dann kriegen sie eben genau das vor die Nase gesetzt, was sie so scheiße finden. Die Punks hatten ja bereits wieder angefangen sich zu uniformieren. Mit ihren Lederjacken.

Und diesen Leuten hast du nun MITTAGSPAUSE vorgesetzt, die ja aus CHARLEY´S GIRLS hervorgegangen waren – neben MALE eine der ersten deutschen Punkband überhaupt.

Dass sich da vier Leute in karierten Holzfällerjacken auf die Bühne stellten – das war ja auch eine Uniform. Nur eine völlig absurde Uniform. Zumindest emotional haben die Punks das sofort als gegen sich gerichtet verstanden. Die empfanden das als pure Provokation. Die versuchten dann MITTAGSPAUSE von der Bühne zu holen. Ich hatte ja die Illusion gehabt, dass sich durch diesen Zusammenprall an Stilrichtungen der eine oder andere positiv mit kreativer Arbeit beschäftigt, anstatt das nur abzulehnen. Aber es gab von Anfang an heftigste Auseinandersetzungen. Die heftigsten, die ich je erlebt habe. Da war alles verwüstet. Und ich war nicht versichert.

Mittlerweile gab es auch schon die erste reine Punk-Kneipe. Das Krawall 2000.

Das war ein Horrorladen. Da ein Konzert zu erleben, war die reine Qual. Ich habe mich immer draußen hingestellt und mir das von da angekuckt. Drinnen war es nicht aushalten. Da gingen nur 50 Leute rein. Aber 200 waren drin. Da ist einer auf dem anderen rumgetrampelt. Die Bands wurden berotzt. Die Bands rotzten zurück. Das fanden die alles toll.

Wie kam es dann zur Gründung von ZickZack?

Ich hatte zuerst gar kein eigenes Label machen wollen. Ich wusste ja gar nicht, was das ist. Das "Geräusche für die 80er"-Festival war dann aber schon so ein pädagogisches Gesamtkonzept von mir, haha. Da durften die Punks und die Künstler auch auf Zickzack aufeinander prallen. Auf Platte. Nicht nur auf dem Festival selbst.

Was war dein Selbstverständnis als Labelchef?

Das Label so demokratisch wie möglich zur Verfügung zu stellen. Und zwar nicht nur für lokale Sachen. Wenn jemand damals in Limburg wohnte, der hatte ja keine Möglichkeit, irgend etwas selbst zu organisieren. Und es ging auch nicht nur darum Sachen zu machen, die ich für kommerziell interessant hielt. Das spielte die geringste Rolle. Es ging mir auch um Sachen, von denen andere Leute sagten: Das ist scheiße. Oder die mir in diesem Moment vielleicht selber gar nicht passten. Das erste Jahr war von daher eine Explosion von Veröffentlichungen. Wir hatten das Label mit null Mark angefangen. Aber es war auch egal, was man rausbrachte. Das lief wie von selbst. Das erste Mal seit Jahren trafen Innovationen auf ein junges, ausgehungertes, vor allem intellektuelles Publikum. Die Konzerte waren irrsinnig besucht. Die Läden rissen sich um die Platten. Die wollten unbedingt unsere Sachen haben. Obwohl wir nicht einmal Werbung machten. Keine Anzeigen. Kaum Promos rausgeschickt. Aber die Journalisten haben uns die Bude eingerannt. Es hat einfach funktioniert. Das hat uns selber überrascht.

Das hat ja damals viel angestoßen. Unter anderem hat es Bands zum ersten mal die Möglichkeit gegeben, sich selbst zu organisieren.

Klar, zum Beispiel haben ABWÄRTS nicht nur den Rip-Off-Vertrieb mitgegründet – die haben letztlich alles selber organisiert. Sogar ihre Promotion. So ein Phänomen gab es vorher gar nicht. Aber das ist sehr bewusst abgelaufen. Die haben sich selbst nicht nur als Musiker definiert, sondern das insgesamt als gesellschaftliche Tätigkeit begriffen – auf allen Ebenen verstehen zu lernen, wie das funktioniert.

Was hatte dein damaliger Wahlspruch "Lieber zu viel als zu wenig" zu bedeuten?

Lieber zu viel, als zu wenig veröffentlichen. Es gab einfach so unglaublich viele interessante Sachen. Da konnte ich nicht sagen: Das eine ist wichtig – das andere ist unwichtig. Ich wollte das lieber in der Öffentlichkeit diskutieren lassen. Und deswegen habe ich fast jeden Tag eine Platte rausgebracht. Was kommerziell gar nicht geht. Noch dazu habe ich dieses Label wirklich desorganisiert betrieben.

Wie meinst du das?

Zickzack hatte 1981 eineinhalb Millionen Mark Umsatz. Ich habe gar nicht überschaut, was das an finanziellen Konsequenzen nach sich zieht. Ich habe mir überhaupt keine Gedanken gemacht. Nicht mal über das Finanzamt. Weil das Geld da war. Und es war immer wieder neues Geld da. Ich konnte immer wieder neues Geld für neue Bands investieren. Es schien einfach so weiterzulaufen.

Tat es aber nicht.

Der Versuch am Anfang war ja, eine neue, unabhängige Kultur zu etablieren. Ich hatte gedacht, dass wir selbst so stark werden, den Bands eine Perspektive geben zu können. Dann zerplatzte diese Illusion. Im Grunde haben wir uns selbst ausverkauft. Und uns auch immer mehr verspekuliert. Plötzlich hieß es, dass man besser produzieren müsste. Größere Studios! Produzenten! Durch Leute wie ABWÄRTS kamen uns auf einmal Ansprüche entgegen, die außerhalb unserer Möglichkeiten lagen. Die wollten irre viel Zeit in einem guten Studio haben. Wir hätten zigtausend Platten verkaufen müssen, um das zu decken. Aber trotzdem habe ich es natürlich mit Bauchweh mitgekriegt, dass ZickZack-Gruppen wie ABWÄRTS oder PALAIS SCHAUMBURG dann zur Industrie gegangen sind. Teilweise habe ich das sogar betrieben, weil ich dachte, da haben die ja wirklich mehr Möglichkeiten.

Wann war das?

Anfang 1982 – da stiegen die großen Firmen voll ein. 1981 hatte noch jemand bei mir angerufen: Willst du TRIO machen? Ich sagte: Nein, diesen Scheiß mache ich nicht. Die hatten so ein gnadenlos schlechtes Konzept – ein Nichts an Ideologie und Musik. Dann hatte ich das Angebot, EXTRABREIT zu machen. Die haben mich ein Jahr lang mit Material zugeschissen. Aber ich fand das so grausam. Und diese Gruppen gingen halt alle zur Industrie und waren auch für ein breiteres Publikum interessant, weil sie leicht konsumierbar waren. Dadurch hatten es aber unsere Gruppen schwer, überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Und die, die von uns zur Industrie gegangen waren, verkauften deshalb auch nicht mehr. Weil die Industrie nicht mit denen umgehen konnte. Sicherlich spielte da auch eine Rolle, dass manche Gruppen zwar produziert worden sind – aber deren Tapes sind dann bei der Industrie ein halbes Jahr in den Schubladen versauert. Die kamen einfach nicht raus. Die wurden zurückgehalten, damit andere Sachen, die denen erfolgreicher schienen, eher gepusht werden konnten.

Komischerweise ging dann alles, was von der originalen, unabhängigen Punkbewegung und der Neuen Welle ausging, zeitgleich mit den Kopien von der Industrie baden.

Auf dem Höhepunkt der Neuen Deutschen Welle haben die großen Firmen jeden Tag ein Dutzend Maxis rausgebracht. Nur um zu checken: Geht das oder geht das nicht? Und die Leute konnten diese Scheiße bald nicht mehr hören. Das ist verständlich. Auch unsere Sachen wollte plötzlich kein Schwein mehr hören. Das war alles diskreditiert durch diesen Massenausstoß an Neuer Deutscher Welle.

Wie ging es dir damals persönlich?

Ich fing mit Drogen an. Und zwar so richtig. Vorher hatte ich nur extrem gesoffen. Wodka. Das war Frustsaufen. Ich hatte ja zuerst gar nicht überschaut, was sich da alles an Schulden angehäuft hatte. Weil es bei mir gar keine reguläre Buchführung gab. Trotzdem habe ich 1984 noch einen Kredit von einer Bank gekriegt. Ohne irgendeine Form von Sicherheit. Indem ich in der Zentrale der Hamburger Sparkasse auf einer Tafel das Modell eines neuen Imperiums aufgemalt habe. Aber unsere "happy New Wave" gab es nicht mehr. Für mich war die ganze Welt verschwunden. Und diese Katastrophe bestimmt mich bis heute. Nicht nur die finanzielle Seite. Nicht nur diese Enttäuschung. Dieser ideologische Zusammenbruch. Ich musste auch erkennen, dass ich zum großen Teil selbst daran Schuld war. Phasenweise habe ich mich dann einfach besinnungslos getrunken. Bis ich mal irgendwo aufgewacht bin. Völlig kaputt und zerstört. Ich wusste nicht mehr, wer ich war, wo ich bin – nichts!

Und heute?

Ich habe immer noch Schulden aus dieser Zeit. Eine sechsstellige Summe. Und davon werde ich auch nie runterkommen.

Discographie:
(die wichtigsten ZickZack-Veröffentlichungen)
ABWÄRTS – Amok/Koma; LP; 1980; ZickZack ZZ 10
ABWÄRTS - Computerstaat; 7"-Single; 1980; ZickZack ZZ 2
ABWÄRTS – Für Mutti; 7"-Single; 1980; ZickZack ZZ 28
EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN - Kalte Sterne; Doppel-7"-Single; 1981; ZickZack ZZ 40
EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN - Kollaps; LP; 1981; ZickZack ZZ 65
DIE KRUPPS - Stahlwerksinfonie; LP; 1981; ZickZack ZZ 30
DIE KRUPPS - Wahre Arbeit, wahrer Lohn; Maxi-Single; 1981; ZickZack ZZ 55
PALAIS SCHAUMBURG - Rote Lichter; 7"-Single; 1980; ZickZack ZZ 23
PALAIS SCHAUMBURG - Telephon; 7"-Single; 1981; ZickZack ZZ 33
PALAIS SCHAUMBURG – Das Single Kabinett; Mini-LP; 1981; ZickZack ZZ 145
DIE TÖDLICHE DORIS - 7 tödliche Unfälle im Haushalt; Maxi-Single; 1981; ZickZack ZZ 35
WIRTSCHAFTSWUNDER, Salmobray; LP; 1980; Zick Zack ZZ 20

Sampler:
Geräusche für die 1980er; LP; (mit Flexi-Disc von Minus Delta T) 1980; ZickZack ZZ 3/4
Lieber zuviel als zuwenig; LP; 1981; ZickZack ZZ 45

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #46 (März/April/Mai 2002)