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Interviews & Artikel

DEVIL IN MISS JONES

Die Welt ist ungerecht. Wirklich jeder Punker hierzulande, der was auf sich hält, hat eine Platte von EA 80 im Schrank stehen, und wenn die Herren aus Mönchengladbach einen ihrer seltenen Auftritte geben, ist jeder Laden mit Hunderten von Leuten gerammelt voll. Doch was ist mit den, nun, "Zweitbands" der EA 80-Leute? Für die interessiert sich nur ein Bruchteil der Leute, die EA 80 selbst abfeiern. Weder O.C.D. (Nico und Oddel) noch SERENE FALL (Maul und Nico) und auch nicht THE DEVIL IN MISS JONES (Martin alias Junge) können eine auch nur annähernd grosse Beliebtheit verbuchen. Um letztere geht es in diesem Interview, und eigentlich sollten sie treuen Ox-Lesern bzw. Hörern der CD eigentlich längst bekannt sein, war doch bereits zweimal ein DEVIL...-Song auf der Ox-CD vertreten.

Anwesend waren beim Interview in den Privatgemächern des Ox-Chefs eben jener selbst, Carsten "Casi" sowie die Lebensabschnittsgefährtinnen Uschi und Christiane sowie natürlich Martin "Der schwarze Mann" Kircher himself.


"THE DEVIL IN MISS JONES" ist der Titel eines Pornofilms. Lassen sich Film und Band irgendwie miteinander in Verbindung bringen?

Nein.

Kennst du den Film?

Seit kurzem. Ich habe es nach Jahren unlängst endlich mal geschafft, den dritten Teil aufzutreiben, und naja, was soll ich sagen? Er ist ärgerlich, ich hätte mir das besser nicht angeschaut. Vergessen wir diese Verbindung einfach, es ist nur ein Name. Wie alle Bands hatten eben auch wir Schwierigkeiten einen Namen zu finden, und da EISENPIMMEL und andere begnadete Namen schon vergeben waren, haben wir einen aus einer Videoliste genommen, wobei man mich damals noch besänftigte, es sei ein Kinderfilm, wenn auch mit satanischem Inhalt.

THE DEVIL IN MISS JONES werden allgemein als direkte Nachfolgeband von BILLY & THE WILLIES gehandelt.

Das ist auch so.

Die Besetzung?

Ich bin quasi Mr. Jones und spreche für die gesamte Band. Eigentlich darf es das ja gar nicht geben, dass da eine Band interviewt wird und nur einer dasitzt. Deshalb müssen wir das gekonnt verschleiern. Also, du weisst, was zu tun ist - und dafür darfst du auch dein Augenlicht behandeln, ein kleiner Deal, hehe. Die Sache war so: BILLY & THE WILLIES hatten einen Drogentoten zu verzeichnen, ich spreche das mal so offen aus, und deshalb gab es einen neuen Bassisten.

Einer von euch wohnt nicht in Mönchengladbach, sondern in Berlin. Ich nehme an, dementsprechend oft werdet ihr proben.

Richtig, wir proben so gut wie nie und treten auch ungefähr genauso oft auf.

Wieso hast du neben EA 80 noch eine Band? Gibt es Sachen, die du musikalisch bei EA 80 nicht machen kannst oder willst?

Es gibt so gut wie keine Überschneidungen zwischen EA 80 und THE DEVIL IN MISS JONES. Während EA 80 versucht die Lebenskrisen zu bewältigen, versucht THE DEVIL IN MISS JONES die Krise, die durch den Genuss von zu viel harter Rockmusik entsteht, zu verarbeiten. Und das ist wahr.

Da du bei beiden Bands singst und auch Gitarre spielst, muss ich aber schon sagen, dass es Parallelen gibt. Schreibst du denn auch die Songs?

Das verraten wir nicht.

Hm. Ich finde aber auch, dass live durchaus Ähnlichkeiten vorhanden sind und mir mittlerweile THE DEVIL IN MISS JONES gerade live einen Tick besser gefallen als EA 80.

Ach ja? Das liegt daran, dass du tief in deinem Herzen mehr der Rock´n´roll-Typ bist, und das Rock´n´roll-Element in der Musik von THE DEVIL IN MISS JONES spricht dich persönlich eben besonders an. Und wenn ich dich so anschaue, hast du, mit der jungen Dame an deiner Seite auf dem Sofa sitzend, die Lebenskrisen bereits ein Stück hinter dir gelassen. Damit hat EA 80 deutlich an Bedeutung verloren, und die Grundlage des Lebens, nämlich der Rock´n´roll-Spirit, kann jetzt voll aus dir hervorbrechen und findet sein Ventil in der Musik von THE DEVIL IN MISS JONES, denn die ist nichts anderes als das Aneinanderkleben wundervollster Rock-Klischees - im vollen Bewusstsein, dass man das tut und nicht anders ist als die Bands, die man verabscheut.

Uff! Darf ich mal anmerken, dass das aber so klingt, als würdest du dein Empfinden, dein Verhalten auf mich projezieren?

...

Du schweigst. Soso, dann interpretiere ich das mal als Zustimmung. Und wenn du nicht redest, rede ich halt. Ich sehe den Unterschied zwischen beiden Bands darin, dass EA 80 letztendlich schwer in der Tradition deutschen Punkrocks stehen, während DEVIL... ganz eindeutig Vertreter noisigen Gitarrenrocks in bester SONIC YOUTH-Tradition sind.

Jaja, letzteres gehört natürlich zur Umsetzung von Klischees, denn das bedeutet ja auch, dass man nicht nur klassische Rockthemen irgendwie verwurstet und in bildhafte Texte kleidet, sondern dass man sich auch überall bedient. Früher, bei BILLY & THE WILLIES, war das ganz krass. Anfangs handelte da wirklich jedes Stück von irgend einer Band, das ging von PETER & THE TEST TUBE BABIES über TV PERSONALITIES und SWANS bis zu den BUTTHOLE SURFERS. Das kam ganz explizit in den Texten und den Titeln vor, und später wurde das dann etwas vermischt. Mittlerweile kommt das wieder stärker zum Tragen, so fallen bei der neuen Platte wieder Namen. Im ersten Stück etwa, wo´s garagig zugeht, kommt Billy Childish im Text vor, und das eine Stück heisst nicht umsonst "Big John´s favorite explosion". Wenn man genau hinschaut fällt einem also schon auf, dass wir nicht 100% innovativ sind und die Songs nicht aus dem Nichts entstehen, sondern wir auch mal komplett abkupfern. Aber das nimmt hoffentlich niemand ernst, und wir schämen uns für nichts.

Warum aber machst du mit EA 80 andere Musik als mit THE DEVIL IN MISS JONES? Andere Leute bleiben einer Band treu, ändern über die Jahre aber deren Stil.

Ich lehne es ab zu sagen, dass DEVIL... etwas neues machen. Dass sich EA 80 nicht irgend welchen Trends anpassen liegt daran, dass wir wirklich mit nichts angefangen haben. Bei uns war das echt so, wie andere Bands immer verlogen behaupten: wir haben einfach versucht, auf Instrumenten zu spielen und versucht, unsere eigene Musik zu spielen. Das einzige, was wir so kannten, waren ein paar alte Punkbands, aber an die kamen wir musikalisch damals nicht mal ansatzweise ran. Wir haben rumprobiert, einfach so zum Spass, und daraus ist etwas entstanden. Dieses Verhalten haben wir nie wieder abgelegt, so ist das noch heute. Und deshalb können EA 80 auch nichts anderes als das, was sie schon immer machen, das muss man so sagen.

Bei DEVIL... ist das ganz anders, da können wir jederzeit ungeniert den Stil wechseln. Die Platten sind immer ein buntes Nebeneinander, ohne dass es aber zu krass wäre. Da kann ich diese Gelüste ausleben. Andererseits hat das den Nachteil, dass man im Gegensatz zu EA 80 keinen eigenen Stil hat und eigentlich keiner die Band braucht, ausser wir selbst. Es ist doch so, dass man entweder zum Analytiker geht und erzählt, wie einen diese eine neue Platte doch bewegt habe, oder man geht in den Proberaum und macht ein lustiges Liedchen drüber. Andererseits: wen interessiert das auch? So ´n Punkerkid interessiert es doch gar nicht, was da so alte Herren selbstfindungsmässig zusammenschustern, wobei dann noch nicht mal ein lustiger Text dabei rauskommt.

Es ist ja auch ein grosser Unterschied, ob man englische Texte hat oder deutsche.

Ich finde Englisch sehr anonym, und die einzige Möglichkeit, aus dieser Anonymität herauszukommen, ist sich ein aufgepropftes Image zuzulegen. Und all die Bands, die das nicht tun, sind leider leider verloren, was dann zu solchen Verzweiflungstaten führt wie dem "Sound & Fury II"-CD-Sampler, wo all diese Loserbands versammelt sind. Die drohen doch sonst zu versinken, die haben es offensichtlich nicht geschafft, sich ein markantes Image zuzulegen. Und so wird auf dieser Compilation 70 Minuten lang gemeinsam geweint, und damit nicht genug, nein, sie lassen sich auch noch im Booklet von illustren Rockjournalisten verschiedenster Couleur beweinen bzw. trösten.

Ähem... Sind THE DEVIL IN MISS JONES da nicht auch dabei?

Ja klar, wir sind da auch dabei. Wir weinen mit.

Ihr seid eben voll die Loser. Apropos Loser: Martin, bei eurem Label BeriBeri ist man mit den Verkaufszahlen eurer Platten auch nicht so glücklich.

Wieso? Die neue 10" ist sogar schon ausverkauft. Allerdings muss ich sagen, dass Martin so eine geringe Erstauflage gepresst hat, dass er schon keine mehr hat, aber auch nicht sicher ist, ob er nachpressen soll. Aber du hast schon recht, so gut verkaufen sich unsere Platten nicht. Solche Musik interessiert eben keinen. Für mich sind 500 verkaufte Platten aber durchaus o.k. Ich höre mir die Platte an, ich weiss, dass die gut gemacht ist, sie macht mir Spass. Schade ist halt irgendwie, dass die Platte wirklich gut ist und trotzdem keine Käufer findet. Und wenn man zu traurig ist, sucht man sich halt ein Ventil wie diese Compilation und heult sich aus. Aber es passieren ja auch positive Dinge, wie wenn so ein Fanzine da ankommt und meint, das erste Interview in sieben Jahren Bandgeschichte machen zu wollen, müssen, können, dürfen...

Danke, danke. Meine Motivation für dieses Interview ist einfach über die Jahre gewachsen, weil bisher jedes eurer Konzerte genial war. Und ich verstehe es einfach nicht, dass die Leute wirklich so ignorant sind. Ich meine, hätten EA 80 auf dem Ox-Festival gespielt, wären da nicht 350 Leute dagewesen, sondern 750. Erstaunt dich sowas nicht auch, und wie erklärst du dir das?

Im Grunde genommen ist das gut, denn es unterstreicht, dass EA 80 keine Stars sind. EA 80 ist in sich dieses vielbeschworene Kult-Ding, aber alles, was darüber hinausgeht, verpufft im Nichts. Das ist ja nicht nur bei THE DEVIL IN MISS JONES so, das geht auch SERENE FALL und O.C.D. so. Dabei sind SERENE FALL musikalisch viel näher an EA 80 dran und von den Stücken her genauso gut. Aber die haben englische Texte, und damit verschwinden sie gleich im Nichts, die können von dem EA 80-Bonus ebenfalls nicht profitieren. Aber wie gesagt, ich finde das o.k. Ich finde diese "Ex-Soundso"- und "Spielt auch bei..."-Spielchen nämlich blöd, das hat was von "Das ist ein Star, da geh´ ich hin, ich will ja nur den Star, alles andere interessiert mich nicht." Das funktioniert bei uns nicht, und das ist für mich sehr befriedigend. Andererseits ist es manchmal auch nicht so schön, wenn zu den Konzerten niemand kommt und man dann ganz allein in einem kalten Raum auf der Bühne steht...

Trotzdem, ich finde das wirft ein komisches Licht auf die Leute, die EA 80 abfeiern, den Namen auf ihre Lederjacke krakeln, die Texte mitsingen - und sich dann einen Scheiss darum kümmern, was da noch so ist. Sorry, aber so ein Verhalten ist mir völlig fremd. Wenn ich eine Band gutfinde, interessiere ich mich doch auch für das, was damit zusammenhängt.

Für mich heisst das einfach, dass EA 80 eine einzigartige Kombination ist und ein einzelnes Element, auch wenn es der Sänger ist, nicht funktioniert. Nein, EA 80 sind eine unteilbare Gesamtheit: die Texte, die Stimme, der Gitarrensound, dieses etwas dröge von früher, diese etwas antiquierte Musik, und die Platten kann man auch leicht erkennen, weil sie alle ein Schwarzweiss-Cover haben. Das alles zusammen macht EA 80 aus, ein einzelnes Ding funktioniert nicht, das interessiert keinen. Aber immerhin, es gibt ein paar Leute, die schauen über den Tellerrand hinaus, und die darf man nicht verschweigen. Das sind die Leute, die alles von uns vieren haben müssen, die testen alles an und werden spätestens bei O.C.D., der Metalband von Nico und Oddel, gehörig auf die Nase fallen, weil das musikalisch nun gar nichts mehr mit EA 80 zu tun hat, hehe. Und bei KILLER ist das sicher auch so, da werden sich auch ein paar Leute fragen, was das denn soll.

Genau, was hat´s damit auf sich?

Äh, das ist doch top secret, auch wenn du das schon geoutet hast. Eigentlich hat das sogar jeder geoutet, also werde ich mich nicht mehr dazu äussern, weil eigentlich ist es schon noch geheim.

Und was ist mit dem "Projekt" mit Florian von GRAF ZAHL sowie Martin Büsser?

Dahinter steckt der Versuch in Kunstkreisen davonzukommen ohne Kunst gemacht zu haben. Das war bei einem Literaturfestival in Siegen, und da hatten wir drei halt einen Auftritt, so mit auf Tassen und Dosen hauen, Pleng, Kroing und Püff. Dazu trug dann Martin Büsser vor, was ihm beim Hören der "Musik" eingefallen ist. Es war sozusagen ein "Happening". Und irgendwann wird es auch eine Fortsetzung geben.

Im Vorfeld des Plastic Bomb-Festivals sickerte durch, dass EA 80 auftreten würden. Viele Leute freuten sich darauf, doch leider kam es dann nicht dazu, und stattdessen spielten EISENPIMMEL.

Ja, das sind Kumpels von uns, und weil es mir an dem Tag nicht so gut ging, rief ich die an und bot ihnen an, an unserer Stelle zu spielen. Ich war trotz Erkältung vor Ort und habe mir das mal angeschaut. Die Jungs sind einfach cool.

Was für Songs haben die an dem Abend gespielt, kannst du dich noch erinnern?

Äh, das waren "Staat hau ab", "Bleib wild" und "Scheisse im CD-Schlitz.

Ich fand die Ansagen des Sängers total krass, der hat das Publikum ja heftig beschimpft, so als Asselpunks und so.

Das fand ich auch hart, also ich hätte den beinahe von der Bühne geholt und voll auf die Fresse gehauen - bei aller Freundschaft.

Einige Leute waren auch richtig enttäuscht, die sind extra wegen EA 80 gekommen und beklagten sich, dass sie stattdessen so ´nen Scheiss wie EISENPIMMEL anschauen müssten. Das war also echt nicht so cool von EA 80, wegen ein bisschen Erkältung nicht aufzutreten.

Naja, aber EISENPIMMEL haben doch extra zum Schluss noch zwei BUTTOCKS-Coverversionen gespielt, um das EA 80-Publikum zu besänftigen. So von wegen der Wurzeln. Aber jetzt musst du irgendwie die Kurve zum THE DEVIL IN MISS JONES-Interview kriegen.

Auweia. Also gut: hast du keine Probleme damit, immer als EA 80-Martin wahrgenommen zu werden?

Nö, wieso? Das Problem hast du, wenn du alle EA 80-Passagen rausschneiden musst, damit das Interview freigegeben wird. Und irgendwie musst du es ja auch noch schaffen, die anderen drei von THE DEVIL IN MISS JONES ins Interview einzubauen.

Ach weisst du, da habe ich schon ganz andere Dinger gedreht. Ich könnte dir da Geschichten erzählen... Aber was ganz anderes: Wie kann man als Vegetarier so ein ekelhaftes Fischcover machen wie bei der letzten Platte?

Das Foto habe ich im Urlaub in China geknipst. Mir haben schon mehrere Leute gesagt, das sähe aus wie das Cover dieser VIETNAM VETERANS-Platte. Und schon haben wir wieder ein Zitat, wenn auch ein unbeabsichtigtes. Das Cover und der Plattentitel sind übrigens ein weiterer Aspekt dieser Vielschichtgkeit, die uns bei DEVIL... so wichtig ist. "Riverside" heisst nämlich das China-Restaurant, wo wir in Venlo immer Essen waren. Das liegt direkt am Drogenstrich, und wenn wir da zum Essen gingen, liefen uns immer die Dealer hinterher und zischten uns die seltsamsten Drogennamen zu. "Riverside" verkörpert deshalb für mich die Phantasie, als Nichtautofahrer im Cadillac am Drogenstrich vorbeizufahren und alle abzuballern. Die blutigen Überreste sammel ich dann ein und serviere sie im Restaurant meinen nichtvegetarischen Bandmitgliedern - natürlich mit Geschmacksverstärkern.

Kommen wir zu eurer Diskographie.

Es gibt von uns zwei Singles und zwei 10"s, wobei die beiden Singles und die erste 10" auf der "Hey Jesus"-CD zusammengefasst sind. Wer also cool sein will, kauft sich zwei Singles und zwei 10"s und hat alles von uns. Wer mittelcool ist, hat die CD und eine 10". Und wer superuncool ist, hat gar nichts.

Was wollen uns die vielfach auftauchenden christlichen Begriffe sagen? Die Band heisst THE DEVIL IN MISS JONES, die eine 10" "Hey Jesus" und ein Song ist "God" betitelt...

Nun, wenn du zu diesen gesichtslosen Bands gehörst, die irgendwo im Nichts schwimmen, dann kann man sich solche Krücken bauen und hat immer wieder eine Thematik, auf die man zurückgreifen kann. Na, und bei uns ist das halt der Teufel und Gott. Da fällt auch dem blödesten Rezensenten was dazu ein, das ist der Vorteil. Aber eigentlich ist meine Lieblingsthemathik das Autofahren, weil ich ja selber nicht fahre.

Tjaja, ich weiss. Du bist ja auch bei EA 80 der einzige, der weder Alkohol noch andere Drogen konsumiert, hast aber keinen Führerschein und so muss von den anderen auch immer einer nüchtern bleiben. Sowas ist doch unfair, und ich meine, ohne Führerschein ist man ja auch kein richtiger Mann.

Brillanter hätte ich nicht erklären können, warum es Spass macht, nicht zu trinken und nicht zu fahren. Ich glaube, ich wäre als Autofahrer der absolute Volltrottel in der Band - stell dir mal vor, ich müsste IMMER fahren und die Kerle durch die Gegend kutschieren. Und das wäre kein Spass, denn ich spiele in zwei Bands von gnadenlosen Säufern. Die bekennen sich dazu, die schränken sich nicht ein, die leben das einfach. Und ich stehe immer nüchtern dabei - und dann soll ich sie auch noch durch die Gegend fahren? Neee!"

Und? Haben die sich damit abgefunden?

"Schon. Und was glaubst du, was es mir für Spass bereitet nüchtern und ohne Führerschein im Auto zu sitzen und dann noch zu sagen "Hey, mach mal die Kippe aus." Das heisst, soweit kommt´s gar nicht mehr, ich hab´ die so gut im Griff. Und ich glaube an das Gute, ich fühle mich wie dieser Marshall in den alten Western, der aus Überzeugung sein Ding durchzieht. Wenn er mal Zweifel hat, kratzt er an seinem Sheriffstern und weiss wieder, was zu tun ist. Und alle, die böse sind, müssen sterben."

Bist du bereit, über deine SONIC YOUTH-Besessenheit zu reden? Du wirst ja als Besitzer einer der weltgrössten SONIC YOUTH-Plattensammlungen gehandelt.

Das ist vorbei, ich bin drüber hinweg.

Wie kommt´s? Hat es jemand geschafft, dich zu überrunden?

Nein, das geht gar nicht. Nein, es gefällt mir nicht mehr. SONIC YOUTH sind ziemlich uninteressant geworden, obwohl ich sagen muss, dass es wieder besser geworden ist in letzter Zeit, die scheinen den Dreh wieder rauszuhaben. Es ist nämlich so: Wenn man krachige Musik macht, darf man das nicht tun, weil es schick ist, ´ne tolle Rückkopplung zu machen. Nein, das muss man spüren, das muss man wollen, und es darf auch daneben gehen. Das darf man nicht künstlerisch kunstvoll anlegen, sondern nur zerstörerisch. Ein geplanter zwanzigminütiger Improvisationsteil ist einfach langweilig, ja völlige Scheisse. SONIC YOUTH waren immer dann gut, wenn sie mit so einer "Scheissegal ob die Gitarre verstimmt ist"-Einstellung rangegangen sind, und das haben sie heute verloren.

Ist das auch deine Einstellung?

Nicht zwangsläufig, aber da ich meine Gitarre sofort nach dem Stimmen wieder verstimme, kann ich mir das Stimmen leisten, ohne dass das anbiedernd rumkommt.

(Gelächter)

Ehrlich, das ist alles wahr! Es ist schon so, dass die recht seltenen Auftritte dazu beitragen, dass ich mir dieses Gefühl bewahrt habe, die Zähne zusammenzubeissen und es der Gitarre als meinem grössten Feind mal so richtig zu zeigen. Wenn ich das Gefühl nicht mehr hätte, gäbe es wohl auch diesen SONIC YOUTH-Effekt: "Hoho, jetzt werde ich meine Gitarre 90 Minuten lang mal so richtig durchschütteln!".

Ich finde es beinahe beängstigend, dich auf der Bühne zu sehen: Vorher und nachher bist du ein total ruhiger, beherrschter Mensch, aber auf der Bühne wirst du zu einer wilden Furie.

Was soll ich dazu sagen? Im Proberaum werde ich auch immer ganz schön wild, aber auf der Bühne ist das schon noch was anderes, da sind Leute, die dir zuschauen. Ich habe das gar nicht unter Kontrolle, was ich da mache: ich beherrsche mein Instrument nicht, ich vergesse alles, Töne und Texte, und ich weiss, dass ich da eigentlich gar nicht stehen dürfte ohne so einen Monitor, auf dem ich den Text ablesen kann. Und dann schauen mich noch all diese Leute an, die die Texte mitsingen, die ich selber vergessen habe. Das ist schon hart, das verstärkt noch den Effekt, dass ich gegen die unmöglichen Anforderungen ankämpfe. Und deswegen kommt es, dass ich beim ersten Akkord sofort durchdrehe. Seltsamerweise ist diese Spannung nach einem Auftritt dann gleich wieder weg, aber ich bin froh, dass ich höchstens mal zwei Auftritte am Stück machen muss. Ich könnte keine Tour durchhalten, weil da gleich am Anfang die Luft raus ist. Ich muss so einen Auftritt brauchen, und wenn ich zwei Konzerte an einem Wochenende hatte, habe ich für drei Wochen Ruhe, Ruhe vor mir selber.

Für wen sprichst du jetzt eigentlich konkret? Wer sind die anderen?

Wir nennen uns immer M, M, M und A. Das macht die Sache schön einfach. Schreib doch einfach Mr. Jones. Und überhaupt finde ich Interviews eh kacke, weil da meist bescheuerte Antworten auf halbherzige Fragen treffen.

Danke. Du willst also behaupten, das einzige, was dich zu deiner Reise nach Essen bewogen hat, unsere Essenseinladung war.

Nicht nur. Dazu kam auch die Neugier, berühmte Menschen, deren Weg man sonst immer nur kurz kreuzt, auch mal ganz privat zu erleben, zu sehen, wie eine grosse Plattensammlung aussieht, und natürlich das wahnsinnige Interesse meinerseits daran, was man wohl eine gesichtslose Band fragen wird, die sich im Nichts bewegt.

Beeindruckend finde ich ja auch, dass ich an dir noch nie andere als schwarze Kleidung gesehen habe. Ist wirklich alles in deinem Kleiderschrank schwarz?

Nein, denn ich habe Unmassen von bunten Band-T-Shirts im Kleiderschrank, die ich nie anziehe.

Wahrscheinlich wurden dir die alle von kleinen Punkbands geschenkt.

Ja, das sind vor allem BOXHAMSTERS-T-Shirts. Ich stehe immer mit diesem Hundeblick vor dem Merchandise-Stand und warte, dass man mir ein T-Shirt schenkt. Jeder weiss, dass ich die eh nie trage, aber ich schwöre dann, ich würde sie im Bett anziehen, und dann krieg ich doch wieder eins geschenkt. Andererseits sind die Shirts nur fürs Bett zu schade, also lasse ich sie lieber kuschlig im Schrank liegen.

Sehr praktisch ist das bei dir dann ja auch mit dem Wäschesortieren, das kannst du dir komplett sparen.

Von wegen! Für den Laien mag das so aussehen, aber es ist doch eine Herausforderung, die verschiedenen Schwarz-Schattierungen auseinanderzuhalten. Gerade morgens, wenn man den Kleiderschrank öffnet und das ungeübte Auge ins absolute Nichts blickt, kann ich durchaus differenzieren. Ich habe deshalb auch drei verschiede Abteilungen im Schrank, nämlich die Grau- und die Blauschattierungen sowie die, wo ich das noch nie richtig herausgefunden habe und wo ich hoffe, mit dem Verwaschungsprozess etwas mehr Klarheit hineinzubekommen.

Deine Vorliebe für schwarz hat aber nichts mit Farbenblindheit zu tun, oder?

Doch, farbenblind bin ich auch. Ich bin deshalb auch sehr gut darin, mich mit Leuten darüber zu streiten, ob ein Haus jetzt braun oder grün ist. Und es wirklich interessant, wie ernsthaft man sich mit Leuten über sowas streiten kann. Sehr schön ist es dann immer, wenn ich letztendlich eingestehe, dass ich mir mit dem Braun beispielsweise gar nicht so sicher bin, da ich farbenblind sei. Das hat mich schon manche Beinahe-Feundschaft gekostet. Naja, du weisst ja wie das ist, mit seinen Schwächen geht man eben nicht hausieren und bringt das erst gegen Schluss ins Gespräch ein.

Kommen wir auf deine Kleidung zurück: hast du eigentlich auch schwarze Unterhosen?

Ha, ich wusste, dass dieses Interview richtig tief gehen würde.

Naja, ich meine, mit schwarzen Unterhosen kann man auch nach drei Tagen ohne Wechseln noch in die Sammelumkleide im Schwimmbad gehen, ohne sich seiner Bremsspuren schämen zu müssen.

Nee, also sowas geht bei mir nicht. Ich bin ein Opfer sehr strenger Erziehung, und da gab es immer diese Frage: Junge, wir fahren in Urlaub. Wir sind sechs Tage weg, also wieviele Unterhosen packst du ein?

Sieben!

Richtig! Und wenn die Antwort von einer kleinen Unsicherheit begleitet wurde, war es schon vorbei.

Du hast die Frage nach der Farbe deiner Unterhosen noch nicht beantwortet. Sind sie nun schwarz oder nicht?

Nein, sind sie nicht, oder nur zum Teil. Ich kaufe immer bei Aldi diese Zehnerpacks, und da sind neben bunten auch immer weisse dabei, die ich dann ganz hinten in die Schublade stopfe. Die Gelben sind auch noch krass, zu denen habe ich ein gestörtes Verhältns, und schliesslich die anderen Farben, die ich trage. Und wenn wir doch mal auf Tour sind und ich weiss, dass wir in einer Frauen-WG untergebracht werden, packe ich auch mal die lila Unterhosen ein. Am liebsten, soviel zum Schluss, sind mir natürlich schon die schwarzen.

Ich bedanke mich für diese erschöpfenden Auskünfte.

Nachtrag: Am 18.1., einem Samstag, klingelte uns morgens kurz vor neun der Post-Express-Kurierdienst aus dem Bett. Ich öffnete leicht verkatert und völlig verschlafen die Tür, um einen Umschlag ohne Absender in die Hand zu nehmen, der offensichtlich eine Videocassette enthielt. Ins Bett zurückgetorkelt gab ich meiner Liebsten den Umschlag zum Öffnen, und wir waren auf alles gefasst, inklusive eines unappetitlichen Erpresservideos. Die Cassette gab keine weiteren Hinweise, also mit zittrigen Fingern das Ding in den Recorder gesteckt, auf Play gedrückt, und es erscheint ein nur von Taschenlampen erleuchteter Raum auf dem Fernseher, dazu eine Stimme, die sich als dem "Kommando Delta Kopinski" zugehörig outet und dazu auffordert, 6 DM in Briefmarken an eine bekannte Adresse zu schicken, um sodann eine Single zuerhalten. Nach 20 Sekunden ist die gespenstische Szene vorbei und wir sitzen verstört vor der Glotze, um dann synchroån loszuschreien "Martiiiiiinnnnnn.........!!!!!"...

Joachim Hiller

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #30 (I 1998)

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