ANGELIKA EXPRESS

Alltag für alle CD

Es war ja aus musikalischer Sichtweise immer eher ein Makel Kölner zu sein, gerade so wie ein nicht bemerkter riesiger Fettfleck auf dem Hemd während eines wichtigen Festbanketts. ANGELIKA EXPRESS retten unsere Ehre und geben den Kölnern nun schon seit einem guten Jahr wieder alles zurück, was uns immer fehlte.

Das soll gar nicht heißen, dass es in Köln nur Scheiß-Bands gab, vielmehr verhielt es sich so, dass alle bekannten Kölner Bands scheiße waren. Nach ihrem furiosen Debüt im letzten Jahr tourte sich die Band erst mal dermaßen den Arsch ab, dass es mittlerweile wohl kaum einen Ort in der Republik geben dürfte, der noch nicht gerockt wurde, und nur wenige, die nur einmal in das Vergnügen gekommen sind.

Nebenbei fand man noch die Zeit eine 5-Track-Maxi zu veröffentlichen und jetzt "Alltag für alle". Coole Plattentitel zum einen, gewohnt dufte Musik zum andern. Alles neu und alles bleibt beim Alten.

Im ersten Durchlauf konnte ich mich noch nicht entscheiden, ob ich die mittlerweile bessere Produktion dem noch etwas schrammeliger wirkenden Debüt vorziehen sollte oder nicht. In der zweiten Runde war es mir schon so was von egal und in der dritten habe ich bereits den Zweitsänger gegeben.

Der vierte Durchlauf war schließlich schon die musikalische Untermalung zu einer schockigen Fete im Partykeller. Alle sprangen und hüpften im Raum umher, Luftgitarren oder Luftbass umgeschnallt und ab ging die Post.

Die Erdbeerbowle knallte gut rein und schon bei "Es ist Zeit" lief der Schweiß in Bächen. Zu "Das ist Verrat" dann den flotten Pobackenboogie und bei "1970" packte einer der Älteren sogar eine Haschzigarette aus, was dazu führte, dass bei der Hommage, die mich an "Where's Captain Kirk" erinnert, an die schlechteste Sängerin der Welt, die auch einst als Kölnerin zu einer gewissen Popularität gelangte, sich alle dem kollektiven Rausch hingaben.

Nicht nur weil es zu heiß war, rissen sich die ersten schließlich die Klamotten vom Leib, brüllten "Rock Fucker Rock" und schon fingen welche an, in den Ecken zu fummeln, während der Rest der Bagage Champagner knallen ließ und die Mädchen nun auch zu den Luftgitarren griffen.

"Nimm mich mit" flüsterte mir eine dufte Biene ins Ohr und ich dachte mir noch, "Es wird böse enden", weil "Antonia" doch sonst eher dafür bekannt war, eine eingebildete Schnepfe zu sein.

Tja, was macht man nicht alles, wenn man von Erdbeerbowle und Rauschgift angetörnt ist. Jetzt hatte ich sie am Hals. Die würde ich nur mit einem geschickten kleinen Mord wieder loswerden, was sich aber wohl nicht vermeiden lassen würde, besser als mir den Rest meines Lebens zu versauen.

Außerdem hatte ich bereits ein bis zwei Augen auf die Freundin meines zugegebenermaßen besten Freundes geworfen. So was kann passieren, das ist das Risiko auf solchen Feten. Fete heißt Sex, Fete heißt Musik, Musik heißt Lautstärke.

Die Box vom Plattenspieler brennt durch, wir drehen das "Radio" auf und ich weiß, dass ich die Stimme von dem Typen kenne. Die Musik ist so laut wie nie zuvor, die Leute liegen nackt in den Ecken und springen durch den Keller, ein neues Girl an meiner Seite und wir drehen uns wie verrückt immer um uns selbst, nackt, erregt und berauscht.

Ich bin mittendrin, alles um mich herum dreht sich, dabei, drinnen, tanzend, schwitzend, nie wieder draußen sein, auch wenn ich muss, ich muss, muss ich, muss ich wohl?! Nix da. Der Blues, Klammerblues, knutschen, der romantische Song zum Schluss.

Die Ballade. Der Mann ist ein Songwriter. Eine Träne läuft über mein Gesicht, ich bin glücklich. ANGELIKA EXPRESS machen sich mit der wohlverdienten Beute davon. (10/10)