Interviews & Artikel

MATADORS

Der reinste Horror

Kanada ist nicht gerade als Psychobilly-Hochburg bekannt, und doch gibt es seit 1996 schon mit den MATADORS eine höllisch gute Band, die den Teufel einen guten Mann sein lässt und regelmäßig Konzertsäle in zombieske Untotenpartys verwandelt. Hooch, Bandgründer, Sänger & Gitarrist antwortete auf meine Fragen.


Hooch, worum geht es in dem Song "Bush party"? Ist er politisch?

Nein, "Bush party" ist überhaupt kein politischer Song. Es geht darum, mit seinen Freunden und einem Haufen Bier in den Wald zu fahren, ein großes Lagerfeuer zu machen und sich zu betrinken. Es geht also nicht um George Bush. Wenn ich ein Lied über George Bush schreiben würde, dann würde es Dummkopf-Kriegstreiber-Texas-Trottel-Idiot-Lügner-Betrüger usw. heißen. Ich schreibe überhaupt keine politischen Lieder ... aber wenn ich welche schreiben wollen würde, dann sollte ich auch die Möglichkeit dazu haben.


Das bringt zum uralten USA-Kanada-Konflikt ...

Versteh mich nicht falsch, ich liebe die Vereinigten Staaten und habe die Zeit, die ich dort verbracht habe, sehr genossen. Die meisten Leute dort sind großartig, es ist dort wunderschön und das Essen ist unschlagbar ... anders als anderswo auf der Welt. Es ist die Regierung und das politische System, was ich hasse. Es scheint, als gäbe es dort eine Art ökonomisches Gefängnis, aus dem es für die Armen unmöglich ist auszubrechen, während die Reichen immer reicher werden. Es gibt eine riesige Kluft zwischen der Mittelschicht und der Unterschicht. Ich denke, deshalb gibt es dort auch so viel Gewalt mit Schusswaffen. Ich weiß, dass es in Europa, ähnlich wie in Kanada, ein Gesundheitssystem gibt. In den USA gibt es das nicht und das betrübt mich. Es ist traurig, dass sie Milliarden Dollar pro Tag in einen Krieg stecken, der von Anfang an falsch war, es aber nicht schaffen, sich um ihre arme, hungernde und kranke Bevölkerung zu kümmern. Findest du das nicht auch ein bisschen seltsam?


Demnächst seid ihr mit den MATADORS in Europa unterwegs.

Wir freuen uns riesig auf die Tour. Ich bin letztes Jahr schon mit THE CREEPSHOW, der Band von meiner Frau, in Europa gewesen, und es war fantastisch. Die Tour ist wirklich etwas Besonderes für uns.


Apropos: Gibt es bei dir und deiner Frau eine Art Wettkampf in Bezug auf eure Bands?

Meine Frau Hellcat hat THE CREEPSHOW verlassen und jetzt eine eigene Band, HELLCAT AND THE PROWL ... Um deine Frage zu beantworten, nein, ich sehe da keine Konkurrenz zwischen den Bands. Ich meine, wir sind sehr unterschiedlich. Das fängt schon bei den sehr intensiven Live-Shows der MATADORS an. CREEPSHOW könnten da niemals mithalten. Wenn du sie fragst, würden sie auch antworten, dass sie nicht mal in die Nähe der Live-Shows der MATADORS kommen würden. Ein anderer Punkt ist der, dass THE MATADORS eine wirkliche "Billy"-Band ist und ihre Einflüsse bis zu Hasil Adkins, KING KURT, Carl Perkins und so weiter zurückgehen. Der "Billy"-Einfluss von CREEPSHOW geht nur bis TIGER ARMY oder THE LIVING END. Ich weiß das genau, schließlich lebe ich mit der Frau zusammen, die die ganzen Lieder geschrieben hat. THE CREEPSHOW sind eher von MY CHEMICAL ROMANCE, RANCID, THE OFFSPRING beeinflusst. Du kannst das schon alleine daran sehen, wo die Leute von CREEPSHOW vorher gespielt haben. Der Bassist war in einer RANCID-Tribute-Band, der Keyboarder war in einer Ska-Band. Die derzeitige Sängerin ist eine Country/Folksängerin - eine sehr gute, muss ich gestehen.


Wie steht es um die Psychobilly-Szene in Kanada und in deiner Umgebung?

Die Psychobilly-Szene? Da bin ich wirklich der Falsche, den du fragst. Ich weiß es wirklich nicht ... Als ich die MATADORS gegründet habe, gab es keine einzige Band in der Gegend, die ähnliche Musik gemacht hat. Heute gibt es hier Dutzende. Und um ehrlich zu sein, die meisten sind völlig scheiße. Einige bemerkenswerte Bands aus Kanada sind die GUTTERDEMONS, die ALLEY DUKES und die BRAINS. Richtig gut finde ich im Moment auch BLOODSHOT BILL.


Welche Einflüsse habt ihr als Band, gerade auch visuell?

Vor allem die Horrorsymbolik aus den 50er und 60er Jahren, meist aus Hollywoodklassikern, aber auch aus Blue Bolt- und EC-Comics aus dieser Zeit. Musikalisch würde ich Screaming Jay Hawkins, Carl Perkins, Howlin' Wolf und Muddy Waters sagen. Im Tourbus hören wir im Moment viel TURBONEGRO, BAPTIZED IN BLOOD, MOTÖRHEAD, FRANCINE, THE HITCHERS, TURBO AC's, Danko Jones ... viele verschiedene Sachen halt.


Du bezeichnest euren Stil als "Horrorbilly" - ist das der verrückte Bruder von Horrorpunk?

Ja, so ist es. Ich wollte den Begriff "Psychobilly" nicht für uns benutzen, weil ich die Bands, die wirklich diese Musik machen, nicht beleidigen wollte. Wir kommen nicht mal in die Nähe von solchen Bands wie den METEORS, DEMENTED ARE GO!, wir haben großen Respekt vor ihnen. Ich finde es eine Farce, wenn Bands, die offensichtlich nicht Psychobilly sind, auf diesen Zug aufspringen. So eine Band wollte ich nicht machen, die sich an diesem Betrug beteiligt. Deshalb habe ich den Begriff "Horrorbilly" erfunden. So wie Horrorpunk zu Punk, so verhält sich Horrorbilly zu Psychobilly ...

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #74 (Oktober/November 2007)

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