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ICHOR

Easy Listening Progressive Death

Die Stadt Trier hatte eigentlich in keinster Weise den Ruf einer Keimzelle für brutalsten Death Metal/core. Zwar gibt es mit dem Ex-Haus und dem dort jedes Jahr stattfindenden Summerblast-Festival zwei feste Größen der Szene, die sich auch einer entsprechenden Beliebtheit erfreuen, und auch die eine oder andere Band aus dieser Stadt konnte von sich Reden machen, kam jedoch nie über den Status einer Underground-Band hinaus. Mit ICHOR könnte sich dies nun ändern, schaffte es diese knietief im modernen Death Metal verwurzelte Band doch innerhalb nur eines Jahres seit ihrer Gründung, mit „The Siege“ eine bemerkenswerte Platte via Bastardized zu veröffentlichen und auch auf dem Live-Sektor für immer mehr offene Mäuler zu sorgen. Grund genug, der Band einige Fragen zu stellen, die mir Sänger Eric Rede beantwortete.

Erzähl doch erst mal etwas zu eurem bisherigen Werdegang. Wie kam es zur Gründung von ICHOR?

Nun, die Geburtsstunde von ICHOR liegt wohl im April 2008. Durch einen Zufall bin ich auf die anderen Jungs aufmerksam geworden. In irgendeinem Bulletin bei MySpace stand, dass eine Death-Metal-Band einen Shouter sucht. Da hab ich dann einfach mal reingeklickt und das, was ich da hörte, hat mich komplett weggefegt. Ich kannte die Band bis dahin überhaupt nicht und das will was heißen, denn ich wage einfach mal zu behaupten, dass man in einem Kaff wie Trier eigentlich alle Metal-Nasen kennt. Das machte mich zunächst etwas stutzig. Als ich mich dann den Jungs vorstellte, musste ich aber feststellen, dass ich den einen oder anderen doch schon vorher kannte, hehe. Das lag vor allem daran, dass Daniel, Dirk, Alex und Chris auch schon vorher in anderen Bands gespielt haben, die man schon hier und da mal live gesehen hat. Jedenfalls hatten sie das Material, welches sie bis dato geschrieben hatten, bereits im Studio aufgenommen, was zur Folge hatte, dass ich im Grunde nur noch meine Vocal-Lines zusammenzimmern und aufs Band bringen musste. Das Ergebnis war unsere kleine Debüt-EP und ab da agierten wir eigentlich auch schon als richtige Band.

Betrachtet man den Zeitpunkt eurer Gründung, habt ihr auf jeden Fall einen beachtlichen Spurt hingelegt, schließlich werden die meisten Bands wohl eher davon träumen, bereits nach einem Jahr mit einer Platte am Start zu sein. Was ist das Geheimnis eures Erfolges?

Das ist schwer zu sagen. Ich gehe eher davon aus, dass es einfach daran liegt, dass wir sehr fokussiert gearbeitet haben, denn wenn man seine vorherigen Erfahrungen mit einbezieht, weiß man im Grunde ganz genau, was man will und was eben nicht. Ich glaube, dass dies in jedem Fall ein großer Vorteil ist. Im Nachhinein betrachtet fallen einem dann aber auch wieder Dinge auf, die man hätte runder und besser machen können. Ich würde auch noch nicht so weit gehen und das Ganze als „Erfolg“ betiteln. Vielmehr handelt es sich um die Basis, oder den Grundstein, den wir nun gesetzt haben, und es liegt jetzt an uns, nicht locker zu lassen. Wir müssen noch härter an uns arbeiten, um die Band so noch weiter voranzutreiben.

Inwiefern hat euch die Erfahrung mit euren alten beziehungsweise anderen Bands bisher geholfen?

Nun, in den vorherigen Bands hat man sich seine Sporen erst verdienen, oftmals sogar hart bezahlen müssen, indem man häufig auf die Schnauze gefallen ist. Vor allem sollte man die Dinge stets nicht so locker nehmen und auch immer die nötige Konzentration mitbringen. Wir machen nunmal keinen einfachen Kram und unsere Musik verlangt sowohl dem Hörer als auch uns zuweilen einiges ab. Was wir auch schon früh gelernt haben, ist, den Hörer nicht zu langweilen, geschweige denn uns selbst. Es gibt so viele verschiedene Faktoren, die wir bis heute gelernt haben, aber auch noch einiges, das wir erst noch lernen müssen. Letztlich ist es aber genau das, was den ganzen Zirkus so spannend macht.

Und was wird nun mit euren anderen Betätigungsfeldern passieren? Haben doch insbesondere auch WORLDESCAPE das Potenzial, im großen Metal-Zirkus mitzumischen.

Was das angeht, gab es bisher noch keine nennenswerten Konflikte, die mich zu irgendwelchen schwierigen Entscheidungen gezwungen hätten. WORLDESCAPE sind bisher noch nicht so wahrgenommen worden, obwohl gerade die Europatour mit HATESPHERE schon ein sehr großer Schritt für uns war. Ich arbeite nach wie vor mit den Jungs an neuem Material. Außerdem herrscht auch zwischen beiden Bands eine riesige Freundschaft. Im Endeffekt liegt alles an einem guten Zeitmanagement. Wenn man das hinkriegt, ist und bleibt jeder glücklich.

War es eine bewusste Entscheidung, sich dem Death Metal mit Core-Elementen zuzuwenden, oder kam das eher durch Zufall?

Ich bin der Meinung, dass man so etwas nicht direkt steuern kann. Ich selbst komme ja eher aus dem Oldschool-Lager und bin mit Bands wie SLAYER, KREATOR, CANNIBAL CORPSE, ENTOMBED, DISMEMBER oder auch BOLT THROWER groß geworden. Dennoch liebe ich aber auch die modernen Sounds und Bands, denn gerade die Brutalität von Bands wie DESPISED ICON oder THE BLACK DAHLIA MURDER haut mich immer wieder um. Ich schätze auch, dass mit den so genannten Core-Elementen immer mehr die Aufmachung und Produktion gemeint sind. Die Medien brauchen einfach neue Begriffe, oder eher der Markt, denn eine neue Verpackung regt die Leute zum Kauf an. Nur weil mal ein so genannter Moshpart in den Songs vorkommt, wird es oft gleich als Deathcore abgestempelt. Schön und gut, aber ich für meinen Teil weiß auf jeden Fall, dass wir Death Metal spielen und das reicht mir.

Dennoch: Wie seht ihr die momentane Entwicklung der Deathcore-Szene? Schließlich zieht ihr aus diesem Lager mit Sicherheit nicht gerade wenige Leute. Es ist doch so, dass diese Szene immer mehr belächelt wird, weil allzu oft der modische Aspekt über die Musik gestellt zu werden scheint.

Es ist schon sehr erstaunlich, dass sich diese Genretypisierung bereits so lange hält und gerade der Modeaspekt wird ja immer mehr ins Extrem getrieben. Dabei finde ich das Bunte und immer Neue gar nicht mal so schlimm, denn viel Buntes und Verrücktes bietet doch oftmals eine Menge Potenzial und Raum für Kreativität. Um in grauen und beigefarbenen Klamotten herumzurennen, haben wir doch noch als Rentner Zeit.

Kommen wir auf eure Platte zu sprechen. Beim Durchlesen einiger Reviews im Vorfeld zu diesem Interview fiel immer wieder auf, dass ihr einigen Leuten zu sperrig seid. Sogar von „Progressive Death“ ist hin und wieder die Rede.

Manchmal kann ich das schon verstehen, vor allem da sich viele Schreiber unser Album nur einmal anhören und das wahrscheinlich nebenbei, während sie ein ganz anderes Review schreiben. Da rauscht natürlich schon mal was an einem vorbei. Klar, das ist schon irgendwie eine böse Unterstellung, ich habe aber auch schon den einen oder anderen kennen gelernt, der das offen zugegeben hat. Das ist nur allzu menschlich. Auf unserem Album gibt es auf jeden Fall viel zu entdecken und es hat sicherlich seine Ecken und Kanten, jedoch verleiht gerade dies unserem Debüt einen gewissen Charme. Als echten Progressive Death würde ich es jedoch niemals bezeichnen. So etwas gilt vielleicht für Bands wie THE FACELESS und OBSCURA, oder für jene Bands, die den echten, ursprünglichen Progressive Death Metal spielen wie CYNIC, ATHEIST und GORGUTS. Dagegen sind wir doch Easy-Listening-Stuff.

Was steckt hinter dem Titel eures Albums, welcher auf Deutsch soviel bedeutet wie „die Belagerung“? Gerade aus heutiger weltpolitischer Sicht kann man so etwas ja durchaus mehrdeutig auffassen. Oder messt ihr der Politik in eurer Musik eher weniger Bedeutung bei?

Für uns gilt ganz klar, keine politische Band zu sein, denn dazu müsste jeder von uns die gleiche politische Meinung vertreten. Ich denke, dass man sich häufig nur in Extremen einigen kann und da wir ein relativ liberaler Haufen sind, bildet die Politik für uns keinerlei kreativen Nährboden. Den Begriff der Belagerung kann man ja eigentlich auf alles ausdehnen, aber ein großer Teil wird wohl der medialen Welt zuteil, denn jener kann sich heute kaum noch jemand entziehen. Wir nehmen es oft als Inspiration und drehen den Spieß einfach um, indem wir diese Belagerung für unsere Zwecke nutzen, wenn man so will.

Gerade live fahrt ihr ein ziemliches Brett, wovon ich mich auch schon selbst überzeugen konnte. Wie wichtig sind euch die Gigs im Verhältnis zu Studioaufenthalten und euren Platten?

Zunächst einmal danke für dein Kompliment, denn genau das ist es ja, was eine Band wie uns ausmacht. Wenn man so etwas hört, dann hat sich eigentlich schon alles gelohnt. Wir wollen immer raus auf die Bühne, denn live zu spielen gibt einem persönlich so viel und dementsprechend bedeutet es uns auch eine Menge. Eine Platte aufzunehmen ist natürlich auch immer wieder ein Abenteuer und sehr spannend, aber auch sehr aufreibend, denn schließlich will man ja keine Fehler machen. Es ist dann wie eine Art Befreiungsschlag für uns, wenn wir die Songs anschließend live spielen und einfach alles rauslassen können.

Wohin wird die Reise mit ICHOR nun gehen?

Der Begriff „Reise“ ist wohl das beste Stichwort, um die Zukunft zu beschreiben, denn das Ziel ist es weiterhin, viel live zu spielen. Neben ein paar Einzelshows werden wir im Oktober eine kleine Tour mit BENIGHTED absolvieren, welche uns neben Deutschland auch in die Schweiz und nach Italien führt. Außerdem stecken wir auch schon wieder mitten im Songwriting, denn Stillstand wäre unser Tod. Diesmal wollen wir die Songs länger wirken und vor allem ruhen lassen, denn bereits Anfang nächsten Jahres ist ein weiterer Studioaufenthalt geplant. Außerdem werden wir in naher Zukunft ein weiteres Video drehen, welches wir im späten Herbst veröffentlichen wollen.

Jens Kirsch

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #86 (Oktober/November 2009)

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