CAVE 4

Die Mutter aller deutschen Surfbands

Vor zwölf Jahren gründeten Öli, Patricia, Marc und Dirk eine Band, die sie CAVE 4 nannten. Woher der Bandname stammt, konnte mir keines der Bandmitglieder sagen. CAVE 4 spielen einen recht merkwürdigen Sound, größtenteils instrumental, weshalb sie von diversen Veranstaltern ganz perplex nach ihrem Sänger gefragt wurden. Inzwischen sind sie DIE Surf’n’Roll-Band in Deutschland, und beileibe keine Unbekannten mehr. Kürzlich veröffentlichten sie nach fünf Jahren ihr drittes Album – Grund genug, ihnen eine Seite im Ox zu widmen. Das Interview mit Jörg, dem Küken der Band (er ist ja erst seit neun Jahren in der Band), wurde an einem Abend im Juli per Telefon geführt.

Das letzte Album ist jetzt ja schon ziemlich alt, warum hat es bis zur neuen Platte so lange gedauert?


Wir sind ja immer auf der Suche nach dem ultimativen Sound und wollen unsere Lieder natürlich perfektionieren. Wir waren jetzt drei Jahre nonstop im Studio, um dieses Meisterwerk zu produzieren. Aber ehrlich gesagt, sind wir einfach ziemlich faul, so richtig faul, deswegen hat das alles so lange gedauert. In den letzten Jahren ist auch mit unseren Jobs alles komplizierter geworden, wir sind ja alle mehr oder weniger freiberuflich tätig, ein paar von uns auch in der Musikbranche. In den letzten Jahren ist es auch schwieriger geworden, für Konzerte oder Proben überhaupt Termine zu bekommen. Aber letztendlich hat uns unsere Plattenfirma, Swindlebra Records, in den Hintern getreten und uns eine ultimative Deadline gesetzt. Daraufhin sind wir Weihnachten ins Studio gegangen und sind letztendlich auch sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Also sozusagen Studioaufnahmen einer Surfband unter dem Weihnachtsbaum ...

Kann man sich wirklich so vorstellen. Zum ersten Mal haben wir wirklich alles selber gemacht und auch die Platte selber produziert. Wir haben zum ersten Mal den Sound so hinbekommen, wie wir das haben wollten. Denn die anderen Platten waren zwar ganz nett, aber es kamen oft Leute zu uns, die meinten, live sei das klasse gewesen, aber auf Platte sei das ja gar nichts. Damit waren wir auch sehr unzufrieden, aber ich denke, das Problem haben wir gelöst und eine gute Mischung aus Live- und Studiosound gefunden.

Nehmt ihr eigentlich live auf?

Wir spielen immer alles live ein. Dieses Mal haben wir ein paar zusätzliche Gitarren und ein paar Backgroundvocals aufgenommen, aber grundsätzlich ist das alles live. Das liegt daran, dass wir es nicht anders können. Das ist auch der große Unterschied zu anderen Surfbands, die zehn Jahre fünfmal die Woche im Proberaum hängen und super fit auf ihren Instrumenten sind und alles spielen können. Wir kommen ja eher aus der Punkrock-Ecke. Von daher gehen wir an die Musik immer noch nach dem Prinzip ‚keep it simple‘ ran. Wir covern ja viel, dabei wird dir sicher aufgefallen sein, dass wir bestimmte Stücke so verändert haben, dass sie uns gefallen und wir sie spielen können. Nachher erkennen wir die Originale manchmal gar nicht wieder.

Ihr covert ja wie gesagt sehr viel. Wie verhält es sich damit bei der neuen Platte? Da erkenne ich eigentlich nur „Journey to the stars“ von den VENTURES.

Wir haben dieses Mal schon mehr eigene Lieder, gerade auch ein paar Gesangsstücke, und da sind wir auch sehr stolz darauf. Wobei man sagen muss, dass es schwer ist, ein gutes eigenes Surf-Instrumental zu schreiben. Die Hits sind alle schon geschrieben, niemand von uns wird so etwas wie ‚Hawaii 5-0‘ hinkriegen. Es gibt so viele geile Sachen, die man wieder entdecken kann. Wir sind ja beinahe so was wie Archäologen, obwohl, dafür sind wir nicht genug Plattenfreaks, aber wir kennen ja genügend Leute, die auch rare Sachen haben und das ist für uns auch immer ein wenig Geschichtsunterricht. Wir hören uns die Sachen an und versuchen sie zu spielen und ‚vercavefouren‘ sie dann, wie ich das immer nenne. Das heißt, dass wir die Songs ein wenig härter spielen, mit mehr Punkrock-Attitüde, und das klappt meistens ganz gut. Ein Lied muss auch CAVE 4-kompatibel sein. Das lässt sich Außenstehenden nur schwer beschreiben, aber wir wissen, wann es funktioniert. Wir machen das ja seit zwölf Jahren. Wir haben als Band genug Selbstbewusstsein, um zu wissen, was wir machen können und was nicht. Ich erinnere mich da gerne an die Geschichten von früher, aus der Zeit vor ‚Pulp Fiction‘, in der die Veranstalter nach dem zweiten Lied zur Bühne kamen und fragen, ob der Sänger denn noch käme. Mit dieser Art von Musik konnte kein Mensch etwas anfangen.

Das ist aber auch eine interessante Herangehensweise, so nach dem Motto „Wir spielen das Lied mal und sehen, ob es passt“ und nicht anders herum, „Wir müssen ein Link Wray-Cover spielen“ ...


Nein, überhaupt nicht. Wir covern die Stücke, die uns gerade gefallen. Jeder bringt mit, was ihm gefällt und wir spielen es dann. Da gibt es auch keine Grenze. Klar kommen die Sachen alle aus Punkrock, Rock’n’Roll, Beat und natürlich Surf, aber letztendlich sind wir für alles offen. Auf der neuen Platte covern wir auch ‚Nice girls‘ von PSYCHOTIC YOUTH, das ist ja auch nicht die typische 60er-Surf-Nummer. Das vorletzte Lied auf der Platte, ‚Gotta get myself together‘, ist im Original ein todlangweiliger Northern-Soul-Klassiker. Das haben wir auch übernommen, weil wir so ein schönes Duett mit Öli und Patricia machen konnten. Von dem Lied haben wir dann auch die Hälfte weggelassen, und auf einmal hat der Song gepasst. Für mich ist dieses Lied neben ‚Sheena was right‘ das Highlight der Platte – zumindest von den Gesangsstücken.

Stichwort „Sheena was right“. Warum hatte Sheena jetzt eigentlich Recht?


Weil Sheena ein Punkrocker war. Das ist doch ganz klar. Wenn man genau hinhört, ist dieses Album Joey und Dee Dee gewidmet. Wir haben leider vergessen, es explizit auf das Cover zu schreiben. ‚Sheena was right‘ ist über Sheena, dieser Song ist ein Tribut an die RAMONES. Am Ende des Songs ist auch dieser ‚Sheena is a punkrocker‘-Riff zu hören. Wir haben noch eine kleine RAMONES-Anspielung eingebaut, die aber bisher noch niemand gefunden hat, du wahrscheinlich auch nicht. Bei dem Song ‚The rebel‘ spielen wir im letzten Part die Melodie von ‚We want the airwaves‘. Wir haben gedacht, das begreifen ein paar Leute, aber das haben wir wohl so geschickt eingebaut, dass es keiner bemerkt hat, aber jetzt wissen es ja bald alle.

Du hast ja schon erwähnt, dass es CAVE 4 bereits zwölf Jahre gibt. Habt ihr euch das jemals vorgestellt, dass es die Band länger als ein paar Jahre gibt?

Auf jeden Fall. Dazu muss ich aber sagen, dass ich immer noch ‚der Neue‘ bin. Das ist ungefähr so wie bei AC/DC, bei denen Brian Johnson immer noch der neue Sänger ist, weil ich ja erst neun Jahre dabei bin. Die anderen drei haben ja mit Dirk angefangen, der dann auch bei den CHEEKS mitgemacht hat, da aber auch schon lange nicht mehr dabei ist. Auf jeden Fall sehen wir uns nicht nur als Band. Wir sind neben den CELLOPHANE SUCKERS und den BACKWOOD CREATURES in Köln mit eine der letzten Bands, die auch als Gang unterwegs ist. Die Band ist auch ein bisschen unsere Ersatzfamilie – nach all den Jahren weiß man, was man an den Leuten hat. Da wir uns sehr gut kennen, können wir auch über alles quatschen.

Das hört sich jetzt alles so an, als hättet ihr trotz eures gesetzten Alters kein Interesse daran aufzuhören?


Nein, auf keinen Fall. Es gibt außer uns keine deutsche Surfband, die live ein bisschen Show macht und sowohl Punkrock- als auch Rock’n’Roll-Attitüde besitzt. Alleine das ist etwas besonderes und das wollen wir auch auf keinen Fall aufgeben. Es ist klar, dass wir die Band inzwischen als Hobby betreiben. Wenn es so wäre wie bei den EMBRYONICS, wo wir eine Anfrage für eine siebenwöchige Tour bekämen, dann würde ich versuchen, es so hinzukriegen, dass es funktioniert. Aber wenn die Arbeit wichtiger ist, ist die Arbeit wichtiger. Aber auf dem Niveau, wie es jetzt ist, kann es eigentlich ewig weitergehen.

Das freut mich zu hören. Wie viele Konzerte spielt ihr inzwischen im Jahr?

So an die 40. Wir versuchen jedes Jahr eine längere Tour zu machen. Dieses Jahr waren wir an zwei verlängerten Wochenenden mit den TURBO AC’s unterwegs. Bei den Amerikanern weiß man ja nie so recht, aber mit Kevin Cole kamen wir alle sehr gut aus. Das Publikum war zwar sehr auf die TURBO AC’S fixiert, aber wir haben für unsere Verhältnisse trotzdem sehr viele Platten und T-Shirts verkauft.

Hm, 40 Konzerte ... Ich hätte eigentlich schon erwartet, dass ihr mehr Konzerte pro Jahr spielt, so 50 bis 100.

Nein, die Zeiten sind vorbei, leider. Vor vier, fünf Jahren hatten wir auch viel mehr Zeit. Uwe von Swindlebra Records hatte ja auch unglaublich viel selber gebucht, aber das konnte er aus persönlichen und gesundheitlichen Gründen nicht mehr. Uwe ist ja der Motor hinter uns, und er macht auch sehr viel für seine anderen Bands.

Was mir noch aufgefallen ist: Ihr seid in letzter Zeit nicht mehr sehr viel in den Süden gekommen.

Diese Frage habe ich dir im Grunde schon beantwortet. Uwe hat die guten Kontakte im Süden, er hat da ein gutes Netzwerk aufgebaut und hat Wochenend-Touren für uns gebucht. Ihm ging es eben nicht so gut und da er unsere Booking-Agentur für Süddeutschland darstellt, waren wir einfach schon etwas länger nicht mehr da. Angst vor Bayern haben wir nicht. Die Konzerte in Rettenbach in der Sonne waren einfach sehr schön, das war einer der geilsten Clubs aller Zeiten, obwohl es dort auch schweinekalt war, manchmal. Das wird jetzt aber wieder anlaufen, da die Platte ja auch richtig promotet werden soll.

Und wie ist live jetzt das Verhältnis zwischen Coverversionen und eigenen Songs? Über die Platte hatten wir ja schon gesprochen.
Auf der Platte ist es ungefähr halbe-halbe. Live ist es fast auch so, bis auf die Zugaben. Es gibt ein paar Stücke, die wollen die Leute von uns hören und da kommen wir auch nicht von weg. Das ist ungefähr dasselbe wie bei einem STONES-Konzert, da will man ja auch ein paar bestimmte Lieder hören. Dadurch dass wir die Songs aber auch nicht 1:1 nachspielen, sondern so verfremden, identifizieren wir uns auch damit und sehen sie als unsere eigenen Lieder an.

Mir ist auch aufgefallen, dass ihr auf der Platte mehr singt, als auf den früheren.

Das machen wir bei Konzerten eigentlich schon lange, wie du ja sicher weißt. Es ist jetzt auch ein richtiger Mix geworden, da wir ja auch eigene gute Gesangsstücke haben. Uns gefällt diese Mischung sehr gut und den Leuten auch, glaube ich. Auf eine pure, instrumentale Surfband hätte von uns keiner mehr Lust. Die Mischung macht’s.

Claus Kick