CLOSET MONSTER

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Keeping Punk Rock Independent

In Zeiten, in denen es vielen Bands darum geht, harte Musik mit wenig Inhalt zu spielen, gibt es zum Glück auch noch welche, die es vorziehen eher melodischere, eventuell massentauglichere Töne anzuschlagen und diese mit Texten in einem politischen Kontext zu verfeinern. Die bekannteste dürfte wohl ANTI-FLAG sein, aber auch Kanada schläft nicht und brachte die Band CLOSET MONSTER hervor. Einer ihrer letzten Europa-Gigs fand bei den Heartcore-Tagen statt. Nach einem guten, energiegeladenen Auftritt verkrümelten Steffen Nazihunter und ich uns mit der Band in den Backstageraum, um dort bis 5 Uhr morgens zu plaudern und zu trinken.

Seid ihr genervt, permanent als Band mit ehemaligen SUM 41-Mitgliedern promotet zu werden?

Marc:
Genervt ist noch untertrieben. Das mit SUM 41 ist jetzt schon über sechs Jahre her. Damals waren sie noch eine Garagenband, die keiner kannte. Wir haben damit ja überhaupt nichts mehr zu tun. Wenn wir jetzt also immer noch so angekündigt werden, ist das ja eine Art Vortäuschung falscher Tatsachen, nur damit deren jetzige Fans zu unseren Konzerten kommen. Das finden wir nicht gut, obwohl es schön ist, wenn viele Leute zu unseren Konzerten kommen und die Show genießen.

Denkt ihr manchmal, dass ihr, wenn ihr bei SUM 41 geblieben und größer geworden wärt, eure politische Message an mehr Leute weitergeben könntet?

Marc:
Wäre ich in der Band geblieben, wären sie nicht an dem Punkt angelangt, wo sie jetzt sind. Es wäre nicht möglich gewesen, da sie die Band gar nicht so vermarkten und verkaufen hätten können. Es gibt jetzt gar keinen Raum mehr für irgendeine politische Aussage. Ihre Aussage ist: Einfach nur Spaß haben. Wenn es ernster geworden wäre, hätte nachher auf jeden Fall jemand gesagt: ‚Schmeißt ihn raus. Er ruiniert eure Karriere.‘ Sie sind einfach nur Kids, die eine Menge Spaß haben. Genau das ist es auch, was all die Leute hören wollen, aber für mich ist das nur Scheiße.

Ihr seid ja wie gesagt eine recht politische Band und mischt das mit sehr melodischem Punkrock. Warum? Um mit der Eingängigkeit mehr Leute zu erreichen?

Marc:
CLOSET MONSTER gibt es jetzt schon so lange und da hat es sich einfach so ergeben. Es hängt natürlich erstmal davon ab, was für Bands wir so hören. Außerdem haben wir immer wieder neue Arten von Punk kennen gelernt. Es ist natürlich schön, dass wir damit auch ein zum Teil jüngeres Publikum anziehen, welches normalerweise ja nicht mit unseren Idealen und Einstellungen in Berührung kommt.

Auf Join The Team Player seid ihr ja eher Kontrastprogramm, da dort sonst hauptsächlich Hardcorebands sind. Da könnte man ja fast glauben, dass man euch nur wegen dieser ominösen Vergangenheit gesignt hat.

Marc:
Das ist garantiert nicht so. Sie wollten unser Album rausbringen, nachdem sie unsere CDs gehört haben. Damals wußten die noch gar nichts davon und als wir es ihnen erzählt haben, waren sie erstmal überrascht.

Ich finde das ihr live wesentlich aggressiver rüberkommt als auf Platte, die ja doch eher poppiger ist.

Marc:
Das sehen wir genauso. Das Album haben wir bereits 2001 aufgenommen und die Songs dafür schon 2000 geschrieben. Wir wollten unbedingt viel touren und haben dann das Angebot bekommen, nach Europa zu kommen. Deshalb sind wir auch noch nicht dazu gekommen, etwas Neues rauszubringen. Unser jetziges Album mag ich nicht mehr so. Es war zu der Zeit gut, als wir es geschrieben haben, aber das sind nicht mehr wir. Das macht mich dann etwas wütend, wenn Leute das Album hören, es nicht mögen und deshalb nicht zu unseren Konzerten kommen. Wir müssen den Leuten immer beweisen, dass wir anders sind, als sie auf Grund unseres Albums vielleicht annehmen.

Für viele Leute ist es ja Rebellion genug, Punk zu hören. Was war denn eure letzte politische Aktion?

Marc:
Wir sind viel unterwegs, aber wir waren zwischendurch bei zwei Anti-Kriegs-Demonstrationen in Toronto.
Brandon: Wir überlegen auch immer auf Demonstrationen zu gehen, wenn wir in fremden Städten sind, aber leider verpassen wir das meistens.
Marc: Untereinander reden wir sehr viel über Politik und erklären halt immer den anderen unsere Einstellung. Es ist aber nicht so, dass wir großartige Treffen abhalten oder so. Es müssen nicht immer direkte Aktionen sein, auch reden und diskutieren kann einen weiterbringen. Das Beste, was man machen kann, ist mit Leuten reden, die sonst keinen Bezug zu der Sache haben.

Die Linke ist ja auch sehr zerstritten. Das gibt es tausend verschiedene Gruppierungen, die sich zum Teil sogar bekämpfen. Viele Menschen schreckt das schon im Vorfeld ab.

Marc:
Das sehe ich auch so. Es gibt aber auch viele große Aktionen, die gut klappen, obwohl verschiedene Gruppierungen daran teilnehmen. Man braucht eine vereinte Linke, damit man was erreichen kann. Uns hat es positiv überrascht, dass es in Europa so eine klare Links/Rechts-Trennung gibt. Die gibt es bei uns in Kanada nicht so, denn die Leute geben da einen Scheiß drauf. Keiner ist links und keiner rechts, alle sind nur Konsumenten. In manchen kanadischen Städten, wie Toronto, gibt es aber doch eine große Präsenz der Linken.“

Gibt es dann auch viele Nazipunks bei euch?

Marc:
Ich kann nicht für die ganze kanadische Punkszene sprechen, aber es hat sich wieder etwas verbessert. Vor ein paar Jahren gab es richtig viele Nazipunks/Bonehead-Konzerte. Es war nötig, dass die Anti Rascist Action mehr Präsenz zeigt und die Leute aufklärt – teilweise kam es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Was auch nicht immer gut ist. Die Aufklärung hat aber schon dazu beigetragen, dass sich alles etwas beruhigt hat. Das Naziding ist natürlich immer noch da, aber nicht mehr so stark in der Punkszene. Die Leute hängen meistens in ihren Bomberjacken in Bars rum und warten darauf, irgendwelche Leute zusammenschlagen zu können.

Kennt ihr das Buch „No Logo“? Die Autorin kommt ja auch aus Toronto.

Marc:
Ja, natürlich. Ich habe es vor zwei Jahren gelesen und es hat mich umgehauen. Jeder, der immer noch an gewisse Ideale glaubt, muss dieses Buch lesen. Es ist großartig.

Stimmt es, dass das Nike-Logo das meist geforderte Tattoo in Amerika ist?

Marc:
Oh, mein Gott, das ist wirklich war. Ich habe es selber schon gesehen und konnte es kaum glauben. Nike hat einen so großen Einfluss. Sie besitzen einen Club in Toronto, der wie ihr letzter Schuh heißt, Presto. Die haben einen lokalen Punk-Booker engagiert, um dort jedes Wochenende Shows zu buchen. Und jede Band, die dort spielt, kriegt ein kostenloses Paar Presto-Schuhe. Es war interessant zu sehen, welche Bands dort alle gespielt haben. Es geht da echt nur um Kohle. WARSAW PACK, eine Hip-Hop-Band, die auf dem Label von PROPAGANDHI sind, wurden für den Laden gebucht. Sie hatten dann den Plan, die Veranstaltung als ein Kunstprojekt zu filmen, die sich dann gegen den Presto Club richten sollte. Kurz vorher ist die ganze Aktion aber geplatzt. Das Ganze wäre ziemlich cool geworden.

Was denkt ihr denn über Shows wie die Vans Warped-Tour? Dahinter steckt ja auch ein gewisser kommerzieller Aspekt.

Marc:
Es gibt mehrere Gründe, warum ich die Warped-Tour nicht mag. Einer der Hauptgründe ist, dass ich in No Logo gelesen habe, dass Vans durch den Umzug ihrer Fabriken in die Dritte Welt die erste Warped Tour finanziert hat. Es ist traurig, wenn so etwas akzeptiert wird, denn man kann auch ohne diese ganzen Sponsorengeschichten eine Tour wie diese auf die Beine stellen. Die ganzen DIY-Punkbands, die hier spielen, könnten das auch ohne Vans tun. Wir wurden dieses Jahr auch eingeladen auf der Warped Tour zu spielen und haben uns hingesetzt und diskutiert, ob wir das machen sollen. Allerdings dann so, wie es WARSAW PACK im Presto Club machen wollten. Dramatischer und als Kunstprojekt. Wir hätten dann all die Informationen über Vans kopiert und an die Leute verteilt. Wenn wir jetzt hätten alles zerstören wollen, würde man uns verprügeln und das würde zu nichts führen. Man muss die Leute zum Nachdenken anregen.

In Deutschland lief die wohl eh nicht so gut, denn die letzte war vor vier Jahren und es wird hier wohl auch keine mehr geben.

Marc:
Ein paar der ersten kanadischen Warped-Touren fanden unter anderem im Sky Dome statt. Das war ein riesiger Laden und dort gab es an wirklich jeder Ecke McDonalds. Da denk ich mir doch auch, dass da was nicht stimmen kann, oder?

Erstaunlicherweise gehen immer noch sehr viele Leute aus den sogenannten Subkulturen regelmäßig zu McDonalds. Was anderes: Warum glaubt ihr, dass die Leute, je älter sie werden, auch konservativer und eingefahrener werden?

Marc:
Du meinst, dass z.B. die Hippie-Generation zur Yuppie-Generation wurde, oder? Ich glaube, dass es die Angst und Hoffnungslosigkeit der Menschen ist, die sie dazu bringt. Wenn du anfängst, an so etwas wie eine Revolution zu glauben, denkst du, dass du eine glückliche Veränderung der Welt erleben wirst. Und wenn du dann in ein gewisses Alter kommst, und nichts von dem ist passiert, bricht doch alles für dich zusammen.

Aber ihr schreibt doch teilweise selber entsprechende Texte. Ist das nicht dasselbe?

Marc:
Nein, denn Hoffnung, Kreativität und Vorstellungen sind ja eine gute Sache. Wir haben auch verstanden, dass es so, wie wir es uns wünschen würden, nicht möglich ist. Es kann auch guter Glauben sein, das reicht. Wenn du dein ganzes Leben an etwas geglaubt hast, auch wenn es nicht eintrifft, und du stirbst dann, war es doch das beste Leben, was du führen konntest. Niemals aufzugeben ist wichtig. Vielleicht bin ich auch nur ein dummer Hippie, hehe.
Brandon: Es ist wichtig, immer zu sagen, was man denkt, dann ist man schon einen ganzen Schritt weiter. Man darf sich nichts gefallen lassen.

Warum kaufen die Leute bei euch ihre Punk/Hardcore-CDs immer noch in großen Supermärkten?

Marc:
Es gibt keine andere Möglichkeit. Viele Leute haben aber auch nicht so den Einblick in die Szene und somit keine Ahnung, auf welchen alternativen Wegen sie ihre Musik bekommen können. Als ich jünger war, wusste ich das auch nicht und hatte mein erstes Punkrock-Album auch aus dem Supermarkt. Erst später entdeckte ich verschiedene Mailorder und die Möglichkeit aus dem Internet zu bestellen.

Was erzählt man in Kanada in der Schule über Deutschland?

Marc:
Bevor wir hier hin kamen, kannten wir nur die Geschichte der beiden Weltkriege und die schrecklichen Dinge, die da passierten. Uns wurde auch erzählt, wieviel sich hier danach verändert hat und dass sich danach alles wieder gefestigt hat. Wir mögen Deutschland gerne.

Steffen Nazihunter & Timbo Jones