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Interviews & Artikel

DROPKICK MURPHYS

Es wäre gelogen, würde ich behaupten, ich hätte mich von Anfang an rückhaltlos für die Bostoner DROPKICK MURPHYS begeistern können. Nö, irgendwie war mir der Streetpunk der Bostoner bislang eine Spur zu dick aufgetragen. Aber bitte, man ist ja lernfähig, und nachdem ich Al Barr, einst bei den BRUISERS und seit über einem Jahr neuer Sänger der Eastcoast-Formation, kennengelernt hatte, musste ich meine Meinung etwas revidieren. Das Interview fand statt in einem kleinen italienischen Restaurant in London, direkt neben dem "Garage", wo die DROPKICK MURPHYS mit den US BOMBS und BOMBSHELL ROCKS Ende Februar das vorletzte Konzert ihrer Europatour spielten.

Die Geschichte von Anfang an, bitte.

O.k. Die DROPKICK MURPHYS wurden im Dezember ´96 in Boston im Keller unter einem Friseurladen gegründet, eigentlich nur als Spassprojekt von Ken Casey am Bass und Rick Barton an der Gitarre. Schlagzeug spielte anfangs ein gewisser Jeff Urner, Sänger war Mike McColgan. Das heisst, zuerst spielte Bill Close von THE FREEZE Schlagzeug, und die Jungs spielten nur Coverversionen von THE CLASH und so. Sie spielten dann als Vorband von THE FREEZE und die Kids waren begeistert. Später kam dann Matt Kelly dazu, der bis heute Schlagzeug spielt. Rick Barton spielt seit 1979 in Bands, war unter anderem bei THE OUTLETS, die in Boston jeder kennt. Für Ken dagegen war es die erste Band. "Ballroom Hero" war dann der erste eigene Song, den die Jungs schrieben, und bei dem Song verwendeten sie bereits einen Dudelsack. Ken und Rick fragten sich damals noch, ob die Leute diese Irland-Connection kapieren bzw. überhaupt bemerken würden, doch wie sich gezeigt hat, ist das mittlerweile zum Markenzeichen der Band geworden.

Äh, ich dachte, der Dudelsack sei ein schottisches Instrument...

Nun, wir haben zum einen diese schottischen, zum anderen diese irischen Einflüsse. Das Intro von "Do or die" ist "Scotland the brave", und ich bin schottisch-deutscher Abstammung.

Naja, mich hat das halt etwas verwirrt: einerseits dieses Irland-Dingens, andererseits die dazu nicht ganz schlüssig passenden schottischen Elemente.

Ich weiss, was du meinst, aber so ist das halt, wenn eine Band was macht, was sie von anderen unterscheidet: da passt manches nicht ins gewohnte Raster. Abgesehen davon hören Ken, Matt und Rick seit frühester Kindheit Irish Music, sie kommen eben aus irischstämmigen Familien. Kens Grossvater etwa kam seinerzeit aus Irland nach Boston und gründete später mit anderen die erste Matrosengewerkschaft Bostons - davon handelt auch "Voice of the docks". Dieser irische Einfluss ist also allgegenwärtig, denn das sind einfach die familiären Wurzeln der Band, die sind damit - auch musikalisch - aufgewachsen, bei Hochzeiten, Geburtstagen, Taufen, Begräbnissen und so weiter. Die kommen auch alle aus Quincy, einem Stadtteil von Boston, der fast vollständig in irischer Hand ist. Wir haben da unseren Proberaum, und es ist immer wieder interessant, wie irisch dort alles ist: überall irische Flaggen, irische Kneipen und so weiter. Was nun wieder die Band anbelangt, so unterscheiden wir uns von anderen Punkbands dadurch, dass wir ausser den üblichen Punk- und Rock´n´roll-Roots auch noch diese irischen Wurzeln einbringen. Aber wir wissen natürlich, dass wir nicht die ersten sind, die das gemacht haben, schliesslich gibt es die POGUES und noch einige andere mehr.

Du hast eben immer wieder zwischen der Band und dir unterschieden. Nun bist du erst seit einem Jahr und dem zweiten Album dabei - wie und wann haben sich eure Wege erstmals gekreuzt?

Ich kannte die Dropkicks von Anfang an und sie haben mehrfach für meine damalige Band THE BRUISERS den Opener gemacht. Als ich dann von den ständigen Line-Up-Wechseln der BRUISERS nach zehn Jahren die Schnauze voll hatte, stand ich vor der Entscheidung, nach diesen ewigen Shit-Jobs mir endlich was richtiges zu suchen oder nach dem Ausstieg von Mike McColgan bei den DROPKICK MURPHYS einzusteigen. Ich kannte die alten Aufnahmen und konnte mir nicht so recht vorstellen, wie meine Stimme an dieser Stelle klingen würde, doch als ich dann ein Tape mit neuen Songs gehört und ein bisschen rumprobiert hatte, konnte ich mir vorstellen, es zu machen.

War es denn schwer, nach zehn Jahren die eigene Band aufzugeben und bei einer anderen einzusteigen?

Es wäre schwer gewesen, wenn der zeitliche Ablauf so gewesen wäre. Aber es gab die BRUISERS ja schon nicht mehr, als Ken mir das Angebot machte, von daher war es für mich kein Problem. Da war es schon schwerer, die Entscheidung zu treffen, die BRUISERS aufzulösen. Und nur um es klarzustellen: es ist nicht so, dass ich von der einen zur anderen Band übergesprungen bin.

Die BRUISERS waren eine Oi!- und Streetpunk-Band. Gab und gibt es dafür eine Szene in Boston?

Oh ja! Das ist eine ziemlich grosse Szene mit einer ganzen Reihe von Bands und vielen neuen Kids, wobei das Problem mal wieder ist, dass es derzeit keinen All Ages-Club gibt.

Äh, da fällt mir ein, dass ich glaube, die BRUISERS ´91 mal in der Nähe von Boston gesehen zu haben, als ich Bill von TOXIC NARCOTIC besuchte. Das war eine Show mit PATRIOT und TOXIC NARCOTIC in einer Halle der Vietnam Veterans.

Mann, du warst da??? Klar, jetzt erinnere ich mich. Puh, das ist ja ´ne Ewigkeit her! Bill und TOXIC NARCOTIC sind alte Freunde von mir. Vor ein paar Tagen erst hat Kerrang! eine DM-Story gemacht und mich gefragt, welche Bostoner Bands ich denn empfehlen könnte - und ich habe natürlich TOXIC NARCOTIC erwähnt. Und erst kürzlich haben wir TOXIC NARCOTIC mit nach Seattle genommen, als wir da spielten.

Ihr habt gestern in Dublin gespielt. Wie haben euch die Leute dort aufgenommen?

Es war eine phantastische Show. Der Laden war ziemlich klein, ich stand fast die ganze Zeit auf einer Monitor-Box und hielt mich an einer Stange an der Decke fest, weil es so eng und voll war. Und ehrlich, die Leute haben uns abgefeiert. Für uns war das eine echt wichtige Erfahrung, denn es gibt ja doch immer wieder ein paar Leute, die uns vorwerfen, dieses Irische an unserer Musik sei ein Fake. Nach der Show wurden wir bestürmt, doch bald wieder in Dublin zu spielen. Für uns war es beinahe ein religiöses Erlebnis, ehrlich: ich war richtig high, als ich von der Bühne ging. Es war äusserst ermutigend für uns, von waschechten Iren, die seit Ewigkeiten traditionelle irische Musik spielen, gelobt zu werden. Ein grösseres Kompliment kann man gar nicht bekommen, denke ich. Und verdammt, das war ein sehr, sehr gutes Gefühl, denn wir haben von der Presse auch blöde Kommentare bekommen wegen der irischen Elemente in der Musik - nur weiss ich jetzt, dass es mir egal sein kann. Wichtig ist nur, dass wir von den Leuten akzeptiert werden, von denen diese Musik kommt.

Hm, ich muss ja auch zugeben, dass ich so meine Probleme mit den DROPKICK MURPHYS habe bzw. hatte. Mir war zum Beispiel beim ersten Album etwas zuviel Pathos im Spiel, da wirkte manches doch etwas dick aufgetragen, etwa diese Working Class-Attitüde.

Hm, ich denke, dass wir bei manchen Leuten diesen Eindruck hinterlassen haben was damit zu tun, dass die DROPKICK MUPRHYS sehr schnell recht gross geworden sind. Aber ehrlich, das ist alles real, die Band kommt eben aus einem Working Class-Umfeld, das sind alles Familien, die schauen müssen, wie sie zurechtkommen. Und wenn die Texte einen entsprechenden Inhalt haben, dann gründet sich das auch auf persönliche Erfahrung. Aber aus diesem Grund haben wir auch keine Texte über Anarchie oder über das Leben als Hausbesetzer - das ist nicht unser Background. Was wir singen und sagen ist ehrlich, und die Leute spüren das. Denn ich weiss genau, die Leute haben ein Gespür für Fakes, die merken sowas. Und noch was: ich habe auf dieser Tour wohl schon über 60 Interviews gegeben und immer wieder sowas in der Art gehört wie du eben gesagt hast. Doch das Erstaunliche ist, dass die Leute, speziell hier in Europa, die DROPKICK MURPHYS mit ganz anderen Augen sehen, seit ich in der Band bin. Vielleicht hat es was damit zu tun, dass sie mir wegen meiner BRUISERS-Vergangenheit vertrauen. Mit anderen Bands ist uns das auch so gegangen, da hiess es, dass man seit Al Barrs einstieg wisse, dass die DROPKICK MURPHYS "real" seien.

Tja, so ist das halt in der Punkszene: ohne Stallgeruch bist du nichts.

Oh ja, Credibility spielt eine ganz grosse Rolle. Die Punkszene ist sehr misstrauisch, mit Sicherheit die misstrauischste Musikszene überhaupt und jeder ist ständig auf der Hut vor den Haien, vor Leuten, die nur darauf aus sind, mit dieser Musik ein paar Mark zu verdienen. Manchmal erinnert mich das an die irischen Neighborhoods in Boston: wenn es da Ärger gibt, ruft da keiner die Polizei, die machen das unter sich aus. Wobei ich das natürlich nur vom Hörensagen kenne, denn ich bin kein Ire.

Dafür aber zur Hälfte deutsch. Ist es o.k., jetzt auf Deutsch weiterzureden?

Ja klar. Meine Mutter kommt aus Regensburg: I bin a Bayer! Sapperlott! Und mein Vater ist Amerikaner mit schottischen Vorfahren. Er war in der Armee und hat 1965 in München meine Mutter getroffen, als sie für die amerikanische Armee arbeitete. Ich bin aber nicht in Deutschland geboren, sondern in New Hampshire. Meine Mutter war sich aber immer sicher, dass ich Englisch auch von alleine lernen würde, also hat sie mit mir Deutsch geredet. Bis zu meinem vierten oder fünften Lebensjahr sprach ich auch nur deutsch. Wenn ich jetzt in Deutschland bin oder Deutsche treffe, versuche ich jetzt halt immer zumindest a bisserl, äh, ein bisschen deutsch zu reden. Die Amerikaner sind in dieser Hinsicht ja sonst immer ziemlich faul und erwarten, dass jeder Englisch redet. In Europa dagegen spricht jeder noch mindestens eine andere Sprache, das finde ich gut.

Warst du denn schon öfter in Deutschland?

Klar. Mein Vater war ´74/´75 in Berlin Lehrer an der John F. Kennedy-Schule, da wohnte ich also in Berlin, und ´81 war ich als Austauschschüler an einem Gymnasium in Braunschweig. Ausserdem habe ich Verwandte in Deutschland und der Schweiz, die ich immer wieder mal besucht habe, und meine Eltern wohnen seit 13 Jahren in Wien. Mein Vater ist Lehrer an der American International-Schule und meine Mutter arbeitet als Kindergärtnerin und Ballettlehrerin.

Und, waren deine Eltern auch mal bei einem eurer Konzerte?

Klar, jedesmal wenn wir in Wien oder zumindest irgendwo in der Nähe spielen kommen sie zum Konzert. Das sind dann zwar nur ganz kurze Treffen, was schade ist, da wir eigentlich ein sehr enges Verhältnis haben, aber immerhin.

Und was halten sie von der Band?

Sie sind stolz auf mich, und das ist schön.

Hattest du denn die üblichen Probleme mit deinen Eltern, weil du Punk bist?

Na klar. Ich bin in der Punkszene, seit ich dreizehn oder vierzehn war. Jetzt bin ich 31 und sie haben kapiert, dass das nicht nur so eine Phase ist. Sie sehen aber auch, dass ich Platten mache, dass Leute zu unseren Shows kommen, und da merken sie, dass das schon was ist, was Sinn macht. Letztes Jahr spielten wir bei der Warped-Tour mit, vor 10.000 Leuten, und meine Eltern standen am Rande der Bühne und sahen das alles, zusammen mit meiner Frau. Nach dem Auftritt war ich der glücklichste Mensch der Welt, ehrlich.

Kennst du noch deutsche Punkbands von damals, als du in Braunschweig warst?

Natürlich SLIME mit "Alle gegen alle". Und noch ein paar andere, aber ich kann mich gerade echt nicht an die Namen erinnern. Damals in Deutschland sah ich auch zum ersten Mal richtige Punks und Skinheads, denn in Boston war zu der Zeit nur Hardcore angesagt, da lief jeder mit kurzen Haaren rum. Ich fragte die deutschen Punks dann auch erstmal, warum sie mit den Skins nichts zu tun haben wollten, und sie erklärten mir, dass kurze Haare bzw. Glatze hier was anderes bedeuten als in der US-Hardcore-Szene. Damals gab es in den USA noch dieses Unity-Gefühl zwischen der Hardcore-Szene und den Skins. Heute ist das in den USA auch stilistisch wieder eine andere Sache, da orientieren sich die Skins stark an den Europäern mit ihren Ben Sherman-Klamotten.

Wie kommt ihr denn mit den Skins bei euren Shows zurecht? In Essen waren bei der Show wohl auch ein paar Naziglatzen.

In Chemnitz auch, wie man uns sagte. Hm, das kommt immer auf die Situation an. Mit den BRUISERS und BLOOD FOR BLOOD haben wir mal in Dresden gespielt, und da tauchten 80, 90 Nazis auf, mit SKREWDRIVER-Shirts und so. Auf sowas habe ich keine Lust, ich will nicht, dass man mich auf der Bühne sieht und vor mir zeigen ein Dutzend Leute den Hitlergruss. Das ist natürlich offensichtlich, andererseits können wir als Band den Leuten, die zu den Shows kommen, nicht in ihre Köpfe schauen. Einerseits denke ich, dass es nicht unser Job ist, die Welt zu verändern, andererseits wollen wir entsprechendes Gedankengut auch nicht unterstützen oder gutheissen. Es wäre zwar schön, wenn eine Band die Einstellung der Leute beeinflussen oder verändern könnte, aber ich glaube nicht daran. Ich denke, eine Band sollte eine gute Show spielen und die Leute unterhalten. Abgesehen davon finde ich, dass es in der Verantwortung der örtlichen Szene liegt dafür zu sorgen, dass keine Nazis auftauchen - und nicht die der Band von ausserhalb, die die Leute vor Ort gar nicht kennt. Wenn es also passiert, dass du plötzlich zwanzig Leute mit dem Hitlergruss vor dir stehen hast, dann spielst du dort das nächste Mal eben nicht mehr, weil die örtliche Szene wohl nicht in der Lage ist, den Müll wegzuräumen. In Leipzig im Coney Island etwa gibt es in dieser Hinsicht keine Probleme.

Abgesehen davon seid ihr trotz gewisser Einflüsse auch keine Oi!-Band.

Nein, sind wir auch nicht. Es sind auch nur Matt und ich, die Skinhead-Roots haben.

Aber warum zieht ihr dann so viele Fans aus dieser Ecke?

Ich denke, das liegt am Working Class-Background. In den USA haben viele Skins eine Working Class-Background, weshalb sie uns mögen.

Musikalisch habt ihr dann auch diesen Streetpunk-Einfluss, doch ist der ebensowenig dominierend wie die Folk-Einsprengsel.

Ich finde es nicht erstrebenswert Musik zu machen, die man leicht klassifizieren kann. Wir haben, gerade auf der neuen Platte, so viele Einflüsse von Punk über Hardcore bis zu Rock´n´roll und irischen und schottischen Traditionals verarbeitet, dass wir nicht in die gängigen Schubladen passen. Ich finde auch, dass die neue Platte das bislang beste ist, was die DROPKICK MURPHYS aufgenommen haben - aber womöglich liegt das daran, dass das mein Debüt als DM-Sänger ist. Für mich ist das auch eine neue Erfahrung, denn ich habe meinen Stil zu singen schon ziemlich verändert. Ich finde auch, dass "Do or die" ein gutes Debüt war, nur konnte ich Mikes Gesang nicht leiden - der klang wie ein geprügelter Seehund, veränderte nie die Tonhöhe.

Wie war denn die Reaktion auf dich als neuer Sänger?

Am Ende dieser Tour werde ich in elf Monaten 107 Shows mit den DROPKICK MURPHYS gespielt haben, und das sind beinahe so viele Shows wie sie mit Mike gespielt haben. Von der ersten Show an hat mich das Publikum akzeptiert, das Kapitel Mike war abgeschlossen. Ich denke, der Wechsel erfolgte auch nich gerade rechtzeitig, denn wenn eine Band erst richtig bekannt ist, ist es verdammt schwer, den Frontmann auszutauschen. Es war auch insofern nicht schwer Mikes Stelle einzunehmen als er keine Songs geschrieben hat. Er hat ein paar Texte eingebracht, aber der kreative Teil kam von den drei anderen, und so war da kein Bruch.

Nun gibt´s du auch die meisten Interviews - wie kommen die anderen drei denn damit klar?

Die haben damit kein Problem. Die sind mit mir, wenn ich das so sagen darf, ziemlich zufrieden und hassten Mike zum Schluss hin nur noch. Ich will jetzt nicht ins Detail gehen, aber sie waren froh, dass er ausstieg. Ich sage nur soviel: schau dir mal ein SWINGIN´ UTTERS-Video an und eines von den DROPKICK MURPHYS mit Mike - und dann siehst du, wo Mike sein ganzes Gehabe geklaut hatte.

Das Artwork eures neuen Albums...

Haha, hätte mich ja auch gewundert, wenn du nicht danach gefragt hättest. Ich habe zu den anderen vorher gesagt, dass gerade von den Deutschen Fragen dazu kommen werden.

Nun, das Artwork sieht ziemlich militaristisch aus.

Ja, aber das soll es gar nicht, aber ich weiss schon, was du meinst: der Titel "The gang´s all here", die Soldaten, das sieht für Unbeteiligte vielleicht etwas komisch aus. Ken hatte ursprünglich die Idee, eines dieser Werbeplakate für Kriegsanleihen aus dem 2. Weltkrieg zu verwenden, aber dann ergab sich die Möglichkeit, dass Almera was für uns macht, dieser mexikanische Grafiker, der viel für Epitaph arbeitet. Was den Titel anbelangt, so ist das ein umgangssprachlicher Ausdruck, den meine Grossmutter immer bei Familienfeiern verwendet - eben wenn die ganze Band mal wieder versammelt ist. Aber ich sehe schon, dass das vielleicht nur in Amerika funktioniert, in Europa aber womöglich etwas irritiert. Jedenfalls lag es uns fern, militaristisch wirken zu wollen - und textlich kann man uns da sowieso nichts vorwerfen. "Pipebomb on Landsdowne" ist der einzige "gewalttätige" Song, und der ist nur ein Witz: Landsdowne Street ist eine Strasse in Boston, in der die ganzen Techno- und Yuppieläden sind.

Im Booklet findet sich der Satz "Get off your computer and get a life!". Was hat´s denn damit auf sich?

Nun, Computer sind sehr nützlich und hilfreich, um weltweit mit Leuten zu kommunizieren. Aber gerade das Internet ist auch ein riesiger Quell von Falschinformationen, was wir ganz direkt miterlebt haben. Nach dem Ausstieg von Mike kursierten in den Chatrooms die wildesten Gerüchte über die Gründe und darüber, was Mike jetzt macht. Das war alles Bullshit, aber tausende Kids haben das gelesen und am Ende geglaubt.

Mir scheint, dass das aber besonders ein Problem der USA zu sein scheint, denn hierzulande gibt´s damit nur ganz selten mal ein Problem.

Gut möglich, jedenfalls soll dieser Satz ein Statement zu diesem Thema sein. Ich selbst habe mit dem Internet nichts zu schaffen, mir reicht, dass meine Frau ständig am Rechner hängt und ständig meint "Honey, schau mal, was ich hier habe." Mich interessiert das aber kein Stück: Get off your computer and get a life.

Was mir am ersten DM-Album ziemlich aufstiess war "Get up", diese Glorifizierung der STIFF LITTLE FINGERS. Nun warst du damals noch nicht in der Band, aber vielleicht kannst du ja trotzdem was dazu sagen.

Jaja, ich weiss, ich kenne die Geschichten über die STIFF LITTLE FINGERS bei ihrer letzten Tour. Ein paar Leute haben mir erzählt, wie die sich aufgeführt haben. Aber der Song bezieht sich auf die alten STIFF LITTLE FINGERS, die, die ich auch nicht mehr erlebt habe. Ich sah sie ´88 und da waren sie nicht gerade toll, aber Rick sah die Band damals zu ihrer besten Zeit und darauf bezieht sich der Text. Bei sowas darf man auch nicht unbedingt nur an alte Hasen wie dich und mich denken, sondern an Kids, für die diese Musik neu ist und die man so mit der Nase auf die Wurzeln dieser Musik stossen kann.

Lost & Found - zwar haben die DROPKICK MUPRHYS mit dieser exquisiten Firma aus Hannover nichts zu tun, aber dafür konntest du mit den BRUISERS ja einschlägige Erfahrungen sammeln. Erzähl doch mal...

Okay, also die BRUISERS haben ´93 auf einem kleinen Label namens Primitive Records aus Newbury Port das Album "Cruisin´ for a bruisin´" veröffentlicht. Es wurden 2.000 Stück gepresst und auch irgendwie verkauft, aber ein grosser Erfolg war es nicht für uns. ´94 waren wir dann mit MADBALL auf Europatour und ich bekam einen Anruf von einem Typen namens Bernd Granz. Der bot uns an, innerhalb eines Monats die Platte in Europa zu veröffentlichen und Anzeigen zu schalten und der Deal klang gut, so dass wir das am Telefon klarmachten. Später traf ich dann Uwe von Lost & Found in Bielefeld auf einem Konzert und er machte einen netten Eindruck, obwohl mich schon zu diesem Zeitpunkt einige Leute vor Lost & Found gewarnt hatten. Nun, ich hatte also diverse Geschichten gehört, aber mir gegenüber waren Lost & Found bis zu diesem Zeitpunkt korrekt gewesen. Aber es dauerte dann nicht lange, bis ich dieses "Getting fucked before getting kissed"-Gefühl bekam. Irgendwie lief der Kontakt zwischen uns dann sehr schleppend - sie gaben uns Kohle für die Aufnahmen zu "Up in flames", alle anderen Aufnahmen bezahlten wir selbst - und wir waren froh, dass sich überhaupt jemand im fernen Europa um uns kümmerte. Tja, ich hatte ja keine Ahnung, dass sich unsere Sachen ganz gut verkauften in Europa, denn am Telefon waren Bernd und Uwe nicht gerade gesprächig. So dauerte es bis ´97, als wir wieder auf Tour kamen und ich persönlich bei ihnen in Wedemark vorbeischaute. Und siehe, es stellte sich heraus, dass sie von uns rund 10.000 Platten verkauft hatten. Ich fragte dann, wo unser Geld sei, worauf sie keine überzeugende Antwort geben konnten. Mir war klar, dass die beiden Typen Arschlöcher sind, und seitdem befinden wir uns im Krieg. Ein Jahr später fuhr ich wieder in Wedemark vorbei, packte soviele CDs ein, wie ich tragen konnte, und die schissen sich beinahe in die Hosen. Die Typen sind Scumbags, das weiss jetzt hoffentlich jeder, doch was soll ich sonst machen? Man lernt eben nie aus und es ist ein beschissenes Gefühl, wenn nicht du als Band mit einer Platte Geld verdienst, sondern jemand anderes.

Dann passt ja die Textzeile aus "Amazing grace" auch irgendwie: "I once was lost but now I´m found."

Hm, haha, ehrlich gesagt ist mir das noch nie aufgefallen, aber ja, das ist gut!

Wie kamt ihr dazu, dieses Traditional aufzunehmen?

Es ist ein altes schottisches Lied, das in Amerika bei feierlichen Anlässen gerne gespielt wird. Ich habe es, wenn ich mich recht erinnere, zuerst in einem Western gehört, und irgendwie verfolgt dich so ein Lied eben. Wir hatten dann die Idee, eine verrockte Version einzuspielen, die klassisch beginnt und dann mit den Gitarren richtig hart wird. Und so weit ich weiss gab es bisher keine andere Punkrockversion.

Apropos: Gibt´s denn in den USA sowas wie eine Szene von Punkbands, die mit Folkelementen arbeiten?

Nicht viele. Mir fallen auf Anhieb nur zwei Bands ein: die BIG BAD BULLOCKS aus Boston, die eher traditionellen irischen Folk à la POGUES spielen, und die STREET TROOPERS aus Kanada arbeiten mit einem Dudelsack. Aber soweit ich weiss sind die DROPKICK MURPHYS, die erste Punkband, die diesen Sound spielt. Die SWINGIN´ UTTERS haben zwar auch so ´nen gewissen Touch, aber das ist nicht so vordergründig.

Habt ihr denn vor, euch in Zukunft etwas mehr in Folk-Kreisen zu bewegen?

Wir haben auf jeden Fall vor, dieses Jahr auf dem Guiness-Festival in Irland zu spielen, aber ich weiss nicht, ob das klappt. Letztendlich sind und bleiben wir aber eine amerikanische Punkband, auch wenn wir auf der Platte mit Mandoline, Dudelsack und Fideln gearbeitet haben und Johnny Cunningham von den RAINDOGS als Gastmusiker hatten.

Auf Tour habt ihr aber keines dieser Instrumente am Start.

Nein, denn keiner von uns spielt sowas. Ken versucht aber Tinwhistle spielen zu lernen und Matt kann auch ganz gut traditionell trommeln. Beim Intro hatten wir ausserdem ein Drum Corps im Studio, und den Dudelsack spielte Joe Delaney, der in Boston für das Polizeimusikkorps arbeitet und gar nicht weg kann, denn wenn ein Polizist stirbt, muss er spielen. Abgesehen davon wäre es auch viel zu teuer, ihn nur für einen Song mitzunehmen.

O.k., das war´s.

Genug geratscht? Well, thank you.

Joachim Hiller

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #35 (II 1999)

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ALARMSIGNAL ging es schon immer um Inhalt und Klartext mit minimalem Hang zu Punk-Parolen und großer Vorliebe für geballte Fäuste. Musikalisch und sozial tief verwurzelt in der Deutschpunk-Szene liefern sie ihren treuen Hörern auf Platten und ... mehr