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Interviews & Artikel

DWARVES

Die Zeit: Mittwoch, der 19. Januar 2000. Der Ort: Zalé, ein eher feines Restaurant auf der Haight Street in San Francisco. Die Personen: Blag Dahlia von den DWARVES, Norbert und Joachim vom Ox. Die Speisen: Lachs mit irgendwas im Falle des Herrn Dwarve, Tortellini mit Gemüsesauce im Falle der Herren Ox. Die Getränke: Wasser, Bier, Wein. Der Anlass: Das Erscheinen des neuen Albums "Come Clean" der DWARVES, die bereits seit Mitte der Achtziger ihr musikalisches Unwesen treiben und auf der Bühne gerne durch Gewaltaktionen gegen das Publikum, sowie Nacktheit und das Tragen von Masken auffallen.

Was hat´s mit dieser Schwäche für "dwarves", für Zwerge, auf sich?


"Was? Ach, du meinst "tiny little people", diese Art von "dwarves"?"

Ja, das, was wir in Deutschland "Liliputaner" nennen.

"Echt? Nach dem Buch "Gullivers Reisen? Wow, das wusste ich bislang nicht. Das ist ein schöner Ausdruck. Aber ich nehme an, du spielst auf das Albumcover an. Der Kerl heisst Bobby Faust, ein witziger Typ aus New York."

Fühlt der sich nicht etwas verarscht, wenn ihr ihn halbnackt neben zwei hübsche Mädels auf das Cover eurer Platte packt?

"Nö, der weiss, dass wir uns über ihn lustig machen, und er verarscht mich ja auch die ganze Zeit wegen meiner Musik. Ich habe Bobby Ende der Achtziger in Brooklyn getroffen, als er in gewisse, nicht ganz legale Aktivitäten verwickelt war. Aber mittlerweile ist er erwachsen, falls man das bei ihm so ausdrücken kann. Ich glaube, er ist knapp über einen Meter "gross". Früher hatte er einen Hund namens Buggie, ein Riesenviech, das grösser war als er selbst. Immerhin hat er auf ihn gehört. Er hat dann immer "Buggie, Buggie" gekreischt, was sehr seltsam klang und woraus ich gerne mal einen Disco-Song gesampelt hätte."

Wer sind denn die Mädels auf dem Cover? Eure Freundinnen?

"Nee, ich habe noch nie meine Freundin auf ´nem Plattencover gehabt. Das sind zwei Models aus New York."

Apropos Disco-Songs: Was hat´s mit diesem Song "Over you" auf eurem neuen Album auf sich?


"He, du meinst den Track, wegen dem uns alle Punkrocker hassen werden? Der hat sich so ergeben: wir hatten gerade diesen schönen Doublekick-Drum-Loop aufgenommen, Holy Smokes fiel ein schöner Gitarrenlauf ein und mir kam der passende Text dazu, und so war das eine spontane, schnelle Angelegenheit. Aber das klang noch nicht fett genug, also liessen wir Eric Valentine und sein Produktionstalent ran. Aber, ob der Song in einem Club die Leute auf den Dancefloor locken kann, das wage ich trotzdem zu bezweifeln. Ich glaube, man muss sich erst an den Song gewöhnen, sich reinhören, bevor man ihn schätzen kann. Was soll´s, mein persönlicher Musikgeschmack ist sehr breit, ich höre Techno und Speedmetal und..."

...Rap. Zumindest steht das im Interview im "Hitlist".

"Au Mann, dieses Hitlist-Interview! Ich habe da ein paar Bands aufgezählt, deren Songs im Radio mir derzeit gefallen, und als ich dann das Interview vor mir hatte, sah es so aus, als ob ich diese Bands alle hasse und nur Rap höre. Pech, das wird mich wohl die nächsten Monate verfolgen. Aber ja, ich höre seit Jahren HipHop, ich mag die unterschiedlichsten Stile von Underground bis Kommerz, und irgendwie versuche ich dann, all die Musik, die ich höre, in meine Band reinzufummeln. Sowieso ist auf der aktuellen Platte viel mehr HipHop drauf, als die Leute bemerken. Zum Beispiel das Schlagzeug: bei vielen Songs klingt das Schlagzeug zwar nicht nach HipHop, aber etwa bei "Over you" ist der Rhythmus nicht Jungle oder so, sondern ein doppelter HipHop-Beat. Bei "Come where the flavor is" oder "How it´s done" haben wir zum Beispiel "richtiges" Schlagzeug aufgenommen, aber auch noch viel mit Samples gearbeitet, um den Beat fetter zu machen. Viele Punkplatten leiden eben unter dem mittelmässigen Schlagzeug, das wollte ich nicht. Die neue Platte enthält also viele versteckte HipHop-Elemente, nur bedeutet das nicht, dass wir in beschissenen Baggy-Klamotten rumlaufen und Worte wie "Yo!" verwenden. Wir sind eben immer noch eine Punk/Garage-Band, was aber auch keinen Gegensatz zum HipHop darstellt, der eben schon immer auch diesen Garage-Aspekt hatte, als jeder mit recht simplem Equipment was aufnehmen kann."

Das neue Album unterscheidet sich schon erheblich von seinem Vorgänger und den Platten davor. War das alles so geplant?

"Klar. Das ist nicht einfach so passiert, ich bin der Mann mit dem Masterplan - und ich hatte mit Eric Valentine einen der besten Produzenten und mit Brad Cook einen sehr guten Mann am Mischpult, sowie verschiedene gute Gastmusiker, sowie natürlich die ganzen Leute von den DWARVES, sowohl von früher wie von heute. Jeder hat seine speziellen Qualitäten, konnte die einbringen, und meine Idee war, eine Platte zu machen, die sich minütlich verändert, bei der sich die Leute ständig abwechseln und auch die Produktionsmethode. Der eine Song ist live im Studio in einem Take eingespielt worden, der andere das Produkt von einer Woche Studioarbeit. Es gibt eben ganz unterschiedliche Wege, eine Platte zu machen, und wir haben hier verschiedene Wege kombiniert."

Was hast du bislang für Feedback zum Album bekommen?

"Ganz verschiedenes. Die einen mochten es, die anderen nicht. Die einen finden es gut, dass wir mit dieser Platte gängige Genregrenzen durchbrochen haben, die anderen sind nur auf eine Sache programmiert und mögen zwar die Punksongs auf "Come clean", aber hassen "Over you", und letztendlich bestätigt mich beides. Mein Job ist es nämlich, Reaktionen zu provozieren. Ehrlich, ich habe es satt, immer wieder die gleiche Punkplatte vorgesetzt zu bekommen."

Eddie Spaghetti von den SUPERSUCKERS hat euer neues Album mit den Worten kommentiert, ihr würdet damit kommerziellen Selbstmord begehen?

"Haha, wie soll das denn gehen? Wie sollen wir den bisherigen kommerziellen Selbstmord der DWARVES denn noch toppen? Glücklicherweise hatten die SUPERSUCKERS aber mehr Glück mit unserem Musikstil, denn die waren von Anfang an grosse DWARVES-Fans und haben es immerhin geschafft, sich sowas wie eine Karriere aufzubauen. Aber unsere Platte "kommerzieller Selbstmord"? Ich weiss nicht... Ich produziere ja selbst Platten für andere Bands, und von dem Standpunkt aus würde ich doch sagen, dass die Platte ansprechend ist und sich die eine oder andere Band durchaus vorstellen kann, sich von mir produzieren zu lassen. Wenn jemand was Altbewährtes machen will, braucht er mich nicht zu fragen, aber wenn was neues herauskommen soll, bin ich der richtige. Ausserdem waren die DWARVES schon immer die Band, die nicht zur Party eingeladen wurde, wir haben nie so richtig "dazugehört", und das hat uns schon immer die Freiheit gegeben, genau das zu machen, was wir wollten, ohne uns darum kümmern zu müssen, ob es die Leute aufregt oder verstört."

Aber es hat euch schon immer Spass gemacht, die Leute zu schocken oder zu irritieren.

"Ja, klar, aber auch eher in den frühen Tagen der DWARVES. Der Geschmack der meisten Menschen ist eben sehr vorsehbar, und ich bin es nicht, und auch nicht die anderen in der Band. Jedesmal, wenn wir also versucht haben, die Sache etwas voran zu bringen, war es für die Allgemeinheit etwas zu früh und jeder schaute uns nur verstört und fragend an. Wenn dann Jahre später jemand anderes mit der gleichen Idee ankommt, halten die Leute es dann für brillant. Aber so bin ich halt, und wenn eine Sache durch ist, bin ich schon an der nächsten dran. Dafür bin ich zwar noch nie belohnt worden, aber darauf kommt´s nicht an, ich mache eben lieber das, worauf ich gerade Lust habe."

Musikalisch ist das bei den DWARVES ja auch der Fall: in eurer Frühphase habt ihr Garagepunk gespielt, der damals keine grosse Sache war, sich heute aber recht grosser Beliebtheit erfreut.

"Ja, aber die wenigsten Leute wissen das. Bei der Gelegenheit möchte ich auf die auf Recess erschienene DWARVES-Compilation "Lick it" hinweisen, die all die frühen garagigen DWARVES-Songs enthält. Aber ehrlich gesagt haben mich diese ganzen Garage-Fans schon damals in der Schule genervt mit ihrem Geschwätz, wie viel cooler die Bands in den Sechzigern doch gewesen sein. Das "Problem" ist und war, dass kein Genre gross genug für die DWARVES ist, und das ist Teil des "kommerziellen Selbstmords" der Band. Es ist eben viel einfacher, viele Platten zu verkaufen, wenn man eine Band in eine Schublade packen kann."

Was treibt dich an? Der Wille, das zu machen, was keiner erwartet?

"Zum einen das, zum anderen gibt es so viele Wege zu rocken, dass es langweilig ist, sich auf einen zu beschränken. Wenn eine Band zwanzig Platten gemacht hat und alle gleich klingen, frage ich mich schon, ob nicht auch zwei oder drei gereicht hätten."

Nun ja, aber in eurem Info steht, dass seinerzeit Fletcher von PENNYWISE euch an Epitaph empfohlen hat - und PENNYWISE sind nicht gerade eine Band, die sich durch grosse stilistische Variation auszeichnet...

"Ehrlich? Der war das? Gut für ihn! Und weisst du was? Fletcher ist einer der wenigen, die noch richtig Punkrock sind. Warum? Wenn du den triffst, merkst du sofort, dass er kein Typ ist, der irgendwann auf den fahrenden Zug aufgesprungen ist. Der lebt das, was er macht."

Trotzdem ist das, was er musikalisch macht, völlig vorhersehbar.

"Da gebe ich dir recht, aber erstens waren sie mit die ersten, die diesen Sound gemacht haben, und zweitens läuft es damit sehr gut für sie. Die verkaufen hunderttausende Platten. Und ehrlich, ich würde gerne mal die Chance bekommen, eine PENNYWISE-Platte zu produzieren. Das Problem vieler Bands, die eine Grösse wie PENNYWISE erreicht haben, ist ja, dass sie musikalisch stehen bleiben und sich nicht weiterentwickeln."

Kommen wir auf die DWARVES zurück. Ihr habt den Ruf, dass eure Shows auch mal etwas gewalttätig werden und auch mal jemand eine Gitarre oder einen Mikroständer über den Kopf geschlagen bekommt. Dieses Gefahrenpotential eurer Konzerte unterscheidet euch ja durchaus von all diesen cleanen Kiddie-Punk-Shows.

"Als ich seinerzeit anfing, auf Punkkonzerte zu gehen, war es immer gefährlich. Heutzutage ist das definitiv nicht mehr der Fall, die meisten Kids gehen nur da hin, um sich das neueste T-Shirt zu kaufen und das war´s dann. Mir persönlich gefällt dieses gefährliche Element deshalb sehr gut an den DWARVES, auch wenn diese Gewaltausbrüche eigentlich gar nichts mit mir zu tun haben, nicht zu mir passen."

Wie meinst du das?

"In "echt" bin ich ja gar nicht so "gefährlich", wie du vielleicht festgestellt hast. Aber auf der Bühne, im Zusammenhang mit den DWARVES, bin ich schon so oft provoziert worden, dass mittlerweile unzählige Geschichten darüber kursieren, was ich alles angestellt haben soll. Dabei hat das gar nichts mit meiner Persönlichkeit zu tun, und oft waren auch Drogen oder Alkohol im Spiel. Ich mag den Ruf, gewalttätig zu sein, aber eigentlich nicht, auch wenn mir klar ist, wo er herkommt. Ich spiele aber gerne damit, finde es lustig, und wenn doch etwas passiert bei einem Konzert, bin ich natürlich zur Stelle. Für mich ging es immer darum, eine möglichst wilde Show abzuziehen, mit einem gewissen gefährlichen Element - und nicht darum, jemandem den Schädel einzuschlagen. Nein, es geht eher darum, dass die Leute sich real der Gefahr bewusst sind, dass jemand was auf den Kopf bekommen könnte. Ach, und dann wirst du älter und irgendwie wird alles noch verrückter. Und letztendlich will ich nicht dafür verantwortlich sein, dass jemand verletzt wird und auch selbst nicht verletzt werden."

Du sagst das?!?

"Ja, aber man kann eben nie vorhersagen, was ich tun werde, denn ich bin ziemlich unberechenbar."

Bist du denn in diesem Zusammenhang auch schon mal mit der Staatsgewalt in Konflikt geraten?

"Ich bin schon das ein oder andere Mal von den Cops auf die Wache mitgenommen worden oder musste ins Krankenhaus, aber ich musste noch nie eine Nacht im Krankenhaus bleiben oder bin verhaftet worden. Und es gab auch noch nie eine Anklage gegen mich."

Erstaunlich!

"Ja, finde ich auch, und es ist gut so, hehe. Ich glaube nämlich nicht, dass ich im Knast ein besonders harter Bursche wäre. Wahrscheinlich wäre ich ein ziemliches Weichei, und von daher lege ich auch keinen grossen Wert darauf, in Zukunft diese Erfahrung machen zu müssen."

Gerade in den USA scheinen Konzerte mittlerweile völlig jedes Gefahrenpotential eingebüsst zu haben. Vor ein paar Tagen war ich hier auf einer Show, da hing neben der Bühne ein Banner, auf dem Stagediving, Moshing und Slam-Damcing ausdrücklich verboten wurden. Was bleibt da noch? Ist der Druck auf Clubs, Bands und Management so gross, dass die von jedem Teenager, der auf die Fresse fliegt, eine Klage befürchten - und ist das nicht ein Problem für euch?

"Naja, ich will jetzt echt nicht Horrorstories verbreiten. Klar, ab und an passiert mal was bei unseren Shows, aber bislang haben die DWARVES über tausend Konzerte gespielt, und die allermeisten sind ohne alle Probleme gelaufen. Und selbst, wenn mal Blut geflossen ist, so hat doch niemand einen bleibenden Schaden genommen - und auch kein Clubbesitzer oder Veranstalter hat je wegen uns Probleme bekommen. Trotzdem: uns umgibt dieses Element von Gefährlichkeit, und ich sage auch nicht, dass wir uns nicht mal ruppig aufgeführt haben, aber man muss das alles relativieren. Andere Bands treiben es hinter der Bühne verdammt wild und auf der Bühne sind sie dann schön brav, und bei uns ist es eher anders herum."

Wie ist es mit dem Erwartungsdruck der Konzertbesucher? Erwarten die nicht, dass ihr auf der Bühne die Sau rauslasst?

"Ja, schon, und ich habe mir auch schon überlegt, einfach mal eine ganz normale Show abzuziehen, ohne alles, was uns sonst ausmacht, einfach nur, um die Reaktionen zu testen. Aber bislang waren wir nie diszipliniert genug, das auch durchzuziehen, denn letztendlich sind wir eben doch ziemlich chaotisch. Und ausserdem stehe ich einfach auf eine Show mit ordentlich Action und bin nicht in einer Band, um den Leuten zu erzählen, wie sie sich ordentlich aufführen, denn es geht ja um Rock´n´Roll."

Themen, die bei euch immer wieder auftauchen, sind Sex, Gewalt und Nacktheit.

"Mmmmh, ja, stimmt, Sex und Gewalt sind zentrale Themen, die die DWARVES ausmachen - und auch die Menschheit an sich. Und der einzige Grund, weshalb ich mich dem Rock´n´Roll verschrieben habe, ist der, dass ich so mit unzähligen Frauen Sex haben konnte. Ich kann das nur jedem zur Nachahmung empfehlen. Ausserdem bin ich es, mit dem dich deine Freundin betrügt oder betrügen wird, also gewöhne dich an den Gedanken."

Iggy Pop hat das schon vor dreißig Jahren gesagt.

"Genau, der gute alte Iggy hat das schon sehr früh erkannt. Er musste aber auch büssen für seine Attitüde: seine Platten waren lange Jahre kaum erhältlich, er hatte Probleme, eine Plattenfirma zu finden, und seinerzeit hatten die Leute grosse Angst, dass er oder jemand im Publikum gekillt werden könnte. Und es ist nur ein kleiner Schritt zwischen dem Punkt, wo dich jeder fürchtet und für verrückt hält und dem, wo man dich für eine Legende hält."

Und wo stehen die DWARVES?

"Was mich betrifft, so sehe ich die DWARVES als Legende des Punkrocks an."

Na klar. Und jetzt muss Du dieser Erwartung gerecht werden.


"Ja und nein. Diese Erwartungen sind für mich auch Grund, sich weiter zu entwickeln. Nach diesem Album wird keiner sagen können, die DWARVES seien im Jahre 2000 nur die Typen, die "Blood, Guts And Pussy" aufgenommen haben. Über dieses Album hiess es damals, es sei schlecht gespielt, habe keine Melodien, das Artwork sei beschissen, und ich frage mich, ob jetzt, zehn Jahre später, die gleichen Vorwürfe kommen werden. Denn die Produktion ist heute fraglos gut, Melodien sind auch vorhanden, und das Coverartwork ist sehr fein. Und mit Sicherheit wird es Leute geben, die uns nicht mehr für cool, für Punkrock halten werden, die uns für "alt" halten, was ein klassischer Vorwurf an Bands ist, die mehr als nur ein paar Jahre durchgehalten haben..."

... immerhin hast du schon graue Haare.

"Ja klar. Ich steh´ drauf, und die Mädels auch. Und das ganze Gemaule geht mir am Arsch vorbei, denn ich mache einfach meine Platten und es ist mir scheissegal, was die Leute von mir denken, ob sie die Platten kaufen oder uns live sehen wollen. Ich werde einfach immer weiter Platten machen, jede anders als die davor, und hoffentlich wird es doch immer ein paar Leute geben, die sich dafür interessieren. Ausserdem ist es sowieso unerheblich, was die Leute von einer Platte denken, die gerade erschienen ist. Bislang war es noch bei jeder Veröffentlichung so, dass die Welt dafür noch nicht bereit war und erst Jahre später den wahren Wert erkannt hat."

Was hat´s damit auf sich, dass ihr nackt auftretet? Wollt ihr mit der Zurschaustellung eurer Genitalien Frauen hinter die Bühne locken?

"Haha, nun, glaub´ mir einfach , dass es nicht viel braucht, um die Leute hinter die Bühne zu locken, gerade bei einer All-Ages-Show. Es ist viel schwerer, sie so zu schocken, dass sie sich nicht backstage trauen. Sowieso hatte ich meine besten Erlebnisse mit Frauen vor der Show oder danach in einer Kneipe, wenn sie nicht wussten, von welcher Band ich bin. Ausserdem war ich früher öfter nackt, denn da sah ich ohne Kleider einfach besser aus. Jetzt werde ich allmählich alt und fett und muss wohl über regelmässige Fitnessübungen nachdenken, wenn ich mich weiterhin ausziehen will. Hewhocannotbenamed ist da besser dran, er hat diesen makellosen Athletenkörper und den muss er einfach zeigen."

Und, hat sich schon mal jemand von eurer Nacktheit belästigt gefühlt?

"Klar, die Polizei hat sich öfters mal blicken lassen, aber wir sind nie festgenommen worden. Diese Unantastbarkeit ist eben das Geheimnis der DWARVES. Wir leben in unserem eigenen kleinen Universum und haben es bislang noch immer geschafft, wirklichem Ärger aus dem Weg zu gehen."

Was hat´s mit Greedy Records auf sich? Das ist doch dein Label, oder?


"Ja, es ist mein Label, obwohl ich selbst keine Platten veröffentliche, sondern direkt an andere Labels weiterlizenziere. "Greedy" ist eher mein Markenzeichen, das auch auf Platten auftaucht, die ich produziert habe, etwa JON COUGAR CONCENTRATION CAMP oder F.Y.P."

PROPAGANDHI haben sich auf der Split-Platte mit F.Y.P. eher negativ über euch geäussert.

"Ja, und es interessiert mich nicht - auch nicht, was diese Typen für Musik machen, ob sie gut oder schlecht sind, und was sie für moralische Vorstellungen auf die DWARVES übertragen. Wer so doof ist, zu glauben, er könne mit Punkrock die Welt verändern, dem ist eh nicht mehr zu helfen, der kann mich gar nicht treffen mit seinen Äusserungen. Wer wirklich was bewegen will, der sollte nicht palavern, sondern seine Zeit nutzen und in einem Frauenhaus oder sonstwo arbeiten, was wirklich jemandem hilft."

Womit vertreibst du dir derzeit die Zeit?

"Ich produziere ab und an mal eine Platte - als nächstes stehen STRAIGHT FACED für Epitaph an -, kümmere mich um die geschäftliche Seite der DWARVES und habe noch mit einer Bekannten so eine Spoken Word-Sache am Laufen. Die ist Verlegerin, und wir haben vor, in der nächsten Zeit gemeinsam verschiedene Spoken Word-Sachen zu veröffentlichen - nicht von mir, sondern von verschiedenen Schreibern."

Was ist mit den anderen DWARVES - und vor allem, wer ist das derzeit?

"Da sind Hewhocannotbenamed und Holy Smokes an den Gitarren, Chip Fracture am Bass - das ist der Typ von JON COUGAR CONCENTRATION CAMP - sowie Trevor Whatever, der für Samples und Sounds zuständig ist, und Vadge Amoral am Schlagzeug. Aber obwohl, bis auf Chip, der aus San Diego kommt, alle hier in der Gegend wohnen, haben wir trotzdem seit Oktober kein Konzert mehr gespielt. Naja, jetzt, wo die Platte da ist, müssen wir aber wohl wieder darüber nachdenken ein paar Shows zu spielen. Dabei gehe ich sogar gerne auf Tour - da draussen sind schliesslich die ganzen Girls."

Was ist mit einer Europa-Tour?

"Es ist angedacht mit ZEKE zu touren, mal sehen, ob da was daraus wird."

Passen würde es ja: die haben kurze Songs und beinahe genauso kurze Sets wie ihr. Eine DWARVES-Show dauert ja selten länger als 20 bis 30 Minuten...

"Naja, wir haben diesen Ruf und haben bei der letzten Tour in Deutschland auch wirklich immer nur sehr kurz gespielt, aber damals waren wir eben nicht eingespielt und nur darauf vorbereitet, im Vorprogramm von ME FIRST & THE GIMME GIMMES ein paar Songs zu spielen. Als die dann die Tour cancelten, standen wir alleine da. Aber bei der nächsten Tour werden wir sicher länger spielen, 40 Minuten oder so, mal sehen."

Danke für´s Interview!

Norbert Johannknecht

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #38 (März/April/Mai 2000)

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SICK OF IT ALL

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