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Interviews & Artikel

PLANES MISTAKEN FOR STARS

Prediger in eigener Sache

Höher, schneller, weiter! Das war die bisherige Marschrichtung, in die die einstige Emo-Band PLANESMISTAKENFORSTARS mit jedem neuen Release vorstieß. Mit dem letzten Album „Fuck With Fire“ schienen die seligen Zeiten der „Emo Diaries“-Tage endgültig passé, die Band hatte ihre eigene Nische gefunden, irgendwo zwischen Crust, Screamo und epischem Noisecore der Marke NEUROSIS. Mit dem neuen Album „Up In Them Guts“, das dieser Tage mit einiger Verspätung auf No Idea erschien, soll nun wieder alles anders werden. Oder zumindest „ein kleines bisschen“, wie die Lieblingsfloskel von Chefbrüller und Gitarrist Gared lautete.

Jener schien alles andere als vorbereitet auf ein Interview. In Denver ist es gerade mal elf Uhr morgens, als bei Gared das Telefon bimmelt. Immer wieder entschuldigt er sich, um sich um dies und das zu kümmern, und seinen Manager zu unterrichten, der zwar das Interview in die Wege leitete, aber doch sehr erstaunt darüber war, dass sich ein deutsches Magazin für die Band interessierte.

Nervosität schien auch angebracht, denn die Release-Parties für „Up In Them Guts“ sollten in den nächsten beiden Tagen stattfinden, nur gab es bis dahin noch gar keine Veröffentlichung, die es zu feiern galt. Der Veröffentlichungstermin der Platte war zum x-ten Mal verschoben worden. „Die Aufnahmen sind komplett abgeschlossen, und wir stehen in den Startlöchern. Leider hapert es am Artwork. Das nimmt doch ein kleines bisschen mehr Zeit in Anspruch als wir dachten. Wir wollen einfach, dass es perfekt wird. Für die Shows morgen und übermorgen haben wir ein paar Spezialpressungen auf Vinyl dabei, nur keine CDs, aber das ist egal, denn ich kann CDs sowieso nicht leiden, haha. Eigentlich sind wir auch gar nicht nervös, denn wir spielen die Shows in unserer Heimatstadt Denver, werden dort also nur auf Freunde treffen und mit denen eine Party feiern.“
Nicht nur bei den Kumpels dürfte die Erwartungshaltung ziemlich groß sein, waren PMFS doch mit jeder neuen Platte für eine Überraschung gut. Was hat sich diesmal geändert? „Ich weiß nicht ... Ich glaube, ‚Up In Them Guts‘ ist wieder ein kleines bisschen härter geworden, aber nicht auf die Art und Weise, wie du vielleicht glaubst. Die Songs sind ein bisschen strukturierter, die Gitarren heftiger aber dennoch melodiöser, und ich denke, dass die Texte diesmal ein bisschen düsterer ausgefallen sind.“

Noch düsterere Texte, wie soll das möglich sein? Schon auf „Fuck With Fire“ ließen die Lyrics jeden Hornbrillenträger verzweifelt in sein Taschentuch prusten, eine Steigerung müsste eigentlich einen Massensuizid auf den Konzerten auslösen. Zum Glück kann Gared entwarnen: „Die meisten Songtexte sind persönlicher Natur, genauer gesagt geht es um mich. Auf den alten Platten habe ich nicht so viel persönliches eingebracht, da ging es mehr um jeden von uns. Ich fühle mich zwar auch ein wenig unwohl bei der Sache, aber trotzdem mussten die Gefühle raus.“

Um was für Gefühle es sich handelt, konkretisiert Gared nicht. Nur dass er damit scheinbar gegen Dämonen kämpft, die in seinem Inneren hausen, und Musik ihm als eine Art Exorzismus dient, und seine Stimme, das Gebrüll, als ureigenes Ausdrucksmittel. Dennoch will der Sänger seine Musik nicht als eine Art Selbstkasteiung ansehen: „Unsere Songs handeln alle von verschiedenen Situationen, aber ich gebe zu, dass sie alle einer offensichtlichen Hauptthematik zu Grunde liegen. Obwohl die Lieder manchmal sehr düster und aggressiv rüberkommen, hegen sie doch alle den Grundgedanken, dass es für uns alle wichtig ist, einander mehr zu lieben, miteinander besser umzugehen, und das Leben an sich ein bisschen mehr zu schätzen. Wenn wir unsere Songs singen, dann vertreiben wir unsere Dämonen, um unseren Engeln den Weg frei zu räumen. Wir wollen uns von dem Hässlichen befreien.“
Aber warum sind dann die Album-Titel so martialisch? Man könnte fast meinen, PMFS hätten ein eher feindseliges Verhältnis zum menschlichen Körper. „Ich weiß, die Plattentitel sind alle sehr düster, aber wir versuchen sie natürlich auch ein bisschen frech und ‚punky‘ zu gestalten, so dass die Leute darüber schmunzeln können. Allerdings handelt es sich nicht um reine Witztitel, höchstens Insider-Witze, aber die Titel sollen vor allem gewisse Assoziationen in deinem Gehirn auslösen, ein bestimmtes Bild vor dir entstehen lassen, auch wenn es vielleicht nicht immer das schönste Bild ist. Wir glauben, dass man zuerst das Hässliche verstehen muss, bevor man das Schöne verstehen kann.“ Doch selbst, wenn die Leute nicht verstehen sollten, von was Gared gerade singt, so hofft er doch, dass zumindest die Musik für sich spricht, und Gefühle in den Zuhörern weckt. „Der Gedanke, dass Leute aus aller Welt dieselben Gefühle haben wie ich, wenn wir unsere Songs spielen, fasziniert mich.“
Der musikalische Vergleich zu NEUROSIS wurde schon angesprochen. Auch wenn sich PMFS von dieser Band nicht beeinflusst sehen, so haben sie mit ihnen doch eines gemeinsam: Ähnlich wie das Kollektiv aus San Francisco hausten PMFS in einer Kommune. Vor rund fünf Jahren zog es die damaligen Bandmitglieder Gared, Mikey, Matt und Jamie zusammen mit neun anderen aus dem verschlafenen Nest Peoria, Illinois nach Denver, einer Stadt mit kulturellem Leben, aber ohne den negativen Beigeschmack solcher Moloche wie Los Angeles oder New York. Mit knapp 2.000 Dollar in der Tasche gründeten sie zu dreizehnt eine kleine Kommune. „Für rund drei Jahre lebten wir alle zusammen in einem Haus, haben eine Menge gesoffen, zusammen Musik gemacht oder Karten gespielt, Konzerte für Bands veranstaltet. Das war eine großartige Zeit. Mittlerweile leben wir aber wieder getrennt, weil wir ja auch während der Touren die ganze Zeit auf engstem Raum zusammenhängen, und einfach mal ein bisschen Abstand voneinander brauchen. Dennoch glaube ich, dass zwischen uns nach wie vor ein sehr starkes Zusammengehörigkeitsgefühl besteht.“

Umso schwerer muss es gewesen sein, als Bassist Jamie im August 2003 verkündete, die Band zu verlassen: „Ja, das war sehr schmerzvoll für uns, als er ging. Keiner von uns hatte das vorausgesehen, wir waren ja zur Hälfte schon mit dem neuen Album fertig. Nach dem Ende der Sommertour sagte er uns einfach, dass er nicht mehr in der Band sein wolle. Manche Leute können eine bestimmte Sache eben nur so und so lange machen, dann müssen sie etwas Neues beginnen. Wir anderen waren kurz davor, die Band aufzulösen, aber dann stießen wir auf Charlie aka Chuck French. Wir waren schon vorher mit ihm gut befreundet, weil wir mit seiner ehemaligen Band PERALTA oft getourt sind. Ich glaube, Mike von SMALL BROWN BIKE hat ein Album von ihnen veröffentlicht, mittlerweile gibt es sie aber nicht mehr. Wie auch immer, Chuck wollte jedenfalls schon immer in einer ‚Full Time‘-Band spielen, die richtig tourt und so, und wir wollten uns ja auch nicht wirklich auflösen, also nahmen wir ihn auf, und jetzt ist alles super. Wir sind voller neuer Energie, haben ein neues Paar Ohren und ein neues Paar Hände, einen neuen kreativen Geist. Es kann wieder losgehen, aber ohne Chuck wäre die Band definitiv auseinander gebrochen.“

Die Energie dürfte vor allem auf den Konzerten von PMFS zu spüren sein. Ein geradezu legendärer Ruf eilt dem Quartett voraus. Bei Live-Konzerten sollen sie komplett ausrasten, ziehen sich nackt aus und hauen sich ihre Instrumente um die Ohren. Einmal rammte sich Gared seinen Gitarrensattel so fest ins Gesicht, dass dieser abbrach. Solche Anfälle nennt der Sänger, dem übrigens schon der eine oder andere Zahn fehlt, „one of those Southern Baptist moments“, wenn ihn der „Spirit“ oder die „Erleuchtung“ mal wieder voll gepackt hat. Mit einer ausgeklügelten Rock‘n‘Roll-Show hat das nichts zu tun. „Nicht auf jeder Show ticken wir aus. Manchmal spielen wir einfach einen ganz normalen Gig. Nicht jeden Abend fühlen wir uns in der richtigen Stimmung, weil wir zum Beispiel Heimweh haben oder krank sind. An solchen Abenden sind die Sterne am Himmel dann das einzige, was erleuchtet wird. Aber dann gibt es Tage, da fühlt sich alles einfach gut an und wir flippen total aus. Manchmal ziehen wir auch unsere Kleider aus, aber nur weil es zu heiß ist. Ich bin lieber nackt, als mir den ganzen Abend einen abzuschwitzen. Wir wollen Spaß haben und, ich meine ... Es ist jedermanns Show. Unsere Konzerte sollen etwas Spirituelles verbreiten. Das heißt nicht, dass einer von uns religiös ist oder in die Kirche geht, aber wir sind eine spirituelle Band. Unsere Kirche ist die Live-Show, unsere Religion die Liebe und der Rock‘n‘Roll.“

Gared unterscheidet dabei zwischen Spiritualität und Religiösität: „Ich glaube, Religion ist grundsätzlich eine schlechte Sache. Religion ist dogmatisch, schreibt dir vor, was du zu tun hast. Spiritualität hingegen ist etwas anderes, das ist etwas, was jeder von uns in sich trägt, und das ist vor allem die Liebe. Diese Message wollen wir in unseren Songs verbreiten. Liebe heißt nicht, dass man die ganze Zeit glücklich sein und lächeln soll. Liebe kann dich auch wütend machen oder leidenschaftlich. Darum dreht sich alles bei uns: Liebt einander mehr und lebt jeden Atemzug so leidenschaftlich, als könnte es euer letzter sein!“

Ein Vorwurf, den sich die Band von unwissenden Zuschauern immer wieder anhören muss, ist der, sie seien eine Metal-Band. Oftmals reicht schon das optische Erscheinungsbild, um bei den Kids die Scheuklappen hoch gehen zu lassen. Lange Haare und versiffte Bärte passen nicht ins Schema des Durchschnittspunks. Die Theatralik einiger Songs tut ihr übriges. Dabei kann Gared Heavy Metal gar nicht ausstehen: „Das, was heutzutage als Heavy Metal durchgeht, ist doch alles scheiße. Aber ich mag alten Heavy-Rock und Metal, Bands wie BLACK SABBATH, THIN LIZZY, JUDAS PRIEST oder IRON MAIDEN. Das war es aber auch schon, was Metal angeht. Es gibt sowieso nicht viel moderne Musik, die ich gerne höre. Das gilt allerdings auch für Punk und Hardcore. BAD BRAINS oder MINOR THREAT gehören zu meinen Lieblingsbands, aber das neue Zeug interessiert mich nicht. Ausnahmen sind vielleicht CURSIVE, AGAINST ME und DARKEST HOUR.“
Altmodisch sind PMFS auch, was den Sound ihrer Alben angeht. An allen Ecken kratzt, fiept und rumpelt es. Dieses „besondere“ Klangerlebnis erinnert oft an eine alte, tausendmal abgespielte Schallplatte und ist durchaus beabsichtigt. „Wir sind alle mit Bands wie HÜSKER DÜ und KILLING JOKE aufgewachsen oder den ganzen alten SST-Platten. Dieser Sound war sehr inspirierend für uns. Ich mag den kratzigen und dunklen Klang dieser Platten. Es hört sich an, als besitze die Aufnahme eine eigene Seele. So etwas war auch unser Ziel. Zwar ist das neue Album eine Spur sauberer produziert als die letzten, aber nicht viel. Es hört sich immer noch ziemlich verranzt an. Die Pop-Kids werden es hassen, hahaha.“

Foto: Shane Mc Cauley
Livefoto: Tyler Brown

Ingo Rothkehl

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #56 (September/Oktober/November 2004)

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