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Interviews & Artikel

RADIO 4

Disco Punk Straight Outta Brooklyn

Als vor zwei Jahren RADIO 4 ihr zweites Album „Gotham“ veröffentlichten, saß ich Bassist Anthony Roman ebenfalls in Köln zum Interview gegenüber. RADIO 4 waren da noch ein Geheimtipp, die Europaversion ihrer Platte noch nicht raus und sie eigentlich nur Fans des famosen Gern Blandsten-Labels bekannt. Dass mit einem Song wie „Dance to the underground“ aber eine Menge gehen würde, das war irgendwie klar, und so hat unser erneutes Gespräch einen interessanten Vorher-Nachher-Aspekt. Und Nachher ist auch wieder Vorher, denn die neue Scheibe „Stealing Of A Nation“ kennt zum Zeitpunkt des Gesprächs Ende Juni außer ein paar Journalisten auch noch keiner, keiner weiß, wie das Publikum auf den doch erheblich modifizierten Disco-Punk der Band aus Brooklyn reagieren wird. Ich jedenfalls war spontan begeistert, schaffen es RADIO 4 doch erneut, mit einem ganz eigenen Sound Altes und Neues zu verbinden, ohne sich selbst (und andere) zu kopieren.
Anthony, du kommst aus New York, und hast offensichtlich trotz rigider Anti-Raucher-Bestimmungen das Rauchen nicht aufgegeben.

„Nein, das hat ‚The Man‘ bisher nicht geschafft, das Rauchen bleibt weiterhin ein Problem in unserer Band. Dabei sind die Gesetze echt streng, nur in Brooklyn, wo ich wohne, gibt es noch ein paar Kneipen, die sich nicht darum scheren. In Manhattan dagegen wird das Rauchverbot überall streng kontrolliert. Immerhin, in ein paar Biergärten ist es noch erlaubt, aber davon gibt es kaum welche in Manhattan – in Brooklyn aber schon.“
Was hat sich in den letzten beiden Jahren getan? Als wir uns das letzte Mal sahen, war der ganze Wirbel um euch noch nicht losgegangen.
„Vor zwei Jahren war unsere Platte auf Gern Blandsten raus, und wenn man eine Platte für so ein Label macht, hofft man für sich selbst, vielleicht fünf- oder zehntausend Platten verkaufen zu können. Damit wärst du ja schon glücklich, doch plötzlich verzehnfacht sich diese Menge, weltweit werden 60-70.000 Platten verkauft, du fliegst kreuz und quer durch die Welt, spielst in Japan, in Europa. Das verändert einen natürlich etwas – nicht der Erfolg als solcher. So super erfolgreich sind wir auch gar nicht, aber wir können eben mittlerweile von der Band leben, wir reisen viel, sind älter und klüger geworden, als wir es unter normalen Bedingungen geworden wären. Wir sind uns vieler Dinge eben stärker bewusst geworden, und jetzt, da wir eine Platte für ein größeres Label gemacht haben, beobachten wir selbst auch ganz genau, wie und wo wir manipuliert werden, was wann wie passiert und was warum nicht. Man achtet eben genauer auf die Details und bedenkt seine Entscheidungen noch stärker. Wir haben viel Erfahrung gesammelt. Anfangs waren wir einfach nur begeistert, uns war alles egal, nur schnell rein in den Flieger und mal sehen, wo der uns hinbringt. Nach einer Weile merkst du dann aber, dass man sich in eine bestimmte Richtung bewegen muss, oder es ist die Anstrengung nicht wert. Aber so was kann man erst sagen, wenn es läuft, denn anfangs waren wir nur froh, dass die Platte in Europa überhaupt veröffentlicht wurde.“
Wie war das dagegen bei Gern Blandsten?
„Wir hatten keinerlei Verpflichtungen gegenüber irgendwem, wir haben gemacht, was wir wollten. Aber gleichzeitig gibt es eben eine bestimmte Grenze, wie erfolgreich man auf so einem kleinen Label sein kann. Dieses Verhältnis zwischen absoluter Unabhängigkeit einerseits und Erfolg andererseits ist der Haken an der Sache, da muss man sich eben entscheiden. Das ist bei deinem Heft doch nicht anders: Du könntest dich auch dafür entscheiden, es komplett farbig zu machen und andere Themen zu bringen, und damit mehr Geld machen, aber du müsstest damit auch den Geschmack von mehr Leuten befriedigen, mehr Hefte verkaufen, mehr Anzeigen nehmen, von Zigarettenfirmen etwa, und dann wäre es ein anderes Heft. Solche Schritte wollen sehr gut überlegt sein, und als wir noch bei Gern Blandsten waren, kamen wir gar nicht in die Verlegenheit, über so was nachdenken zu müssen.“
Wie ist heute euer Verhältnis zu Charles von Gern Blandsten?
„Gut! Ich werde mich morgen Abend, wenn ich wieder zurück bin, auch direkt mit Charles treffen. Wir sind gute Freunde, haben zusammen außerhalb von New York ein Sommerhaus gemietet, es gab nie ein Problem zwischen uns. Wir waren einfach zu groß geworden für Gern Blandsten, aber er hat ja noch unsere beiden Alben und die EP im Programm. Wenn sich das neue Album gut verkauft, hilft das sowohl ihm wie uns, denn wir haben einen sehr fairen Deal mit ihm.“
In Europa seid ihr auf City Slang, wo seid ihr in den USA?
„Auf Astralwerks, einem Sublabel von EMI, wie City Slang auch. Da sind auch die CHEMICAL BROTHERS, THE BETA BAND, PRIMAL SCREAM und so weiter. Das war früher eher ein Dance-Label, jetzt machen sie mehr Rock, aber sie haben auch den ganzen Brian Eno-Katalog wieder aufgelegt. Es ist ein sehr respektables Label, sie nehmen ihren Job wirklich ernst. Man könnte es beinahe als eine Dance-Version von Matador bezeichnen. Wir waren seinerzeit schon wegen ‚Gotham!‘ mit ihnen in Kontakt, sie wollten das Album dann sogar Gern Blandsten abkaufen, aber Charles hatte keine Lust darauf. Und so war es eine natürliche Entscheidung, mit dem neuen Album zu Astralwerks zu gehen.“
Das mit Astralwerks als Dance-Label passt ja irgendwie, denn euer neues Album ist unter Beibehaltung des typischen RADIO 4-Sounds recht tanzbar ausgefallen. Wie kam es dazu?
„Wir haben uns einfach mehr für Dance interessiert und stilistisch etwas vom Punkrock weg bewegt. Wir haben uns verändert, neue Bands und Platten entdeckt, andere Interessen entwickelt, und das schlägt sich auch in deiner Musik nieder. Und so ist es auch gut möglich, dass unsere nächste Platte ganz ohne Elektronik auskommt, wer weiß. Diesmal haben wir einen Keyboarder und einen Percussionisten dazugeholt, das verändert den Sound natürlich, da hat sich von ganz allein ein anderer Rhythmus entwickelt. Mehr steckt nicht dahinter, kein Plan, einem Trend zu folgen, uns dem Label anzupassen oder so. Uns hat es schon immer interessiert, so viel unterschiedliche Musik zu spielen wie möglich, und so findest du auf der neuen Platte auch Einflüsse aus Dub und Reggae. Wir haben gelernt, dass man eine Gelegenheit beim Schopf ergreifen muss, wenn sie sich bietet, denn es kann sein, man hat sie nie wieder. Wann, wenn nicht jetzt, sollen wir solche Experimente machen? Es ist wie mit deinem Leben auch, ständig neue Fragen und Herausforderungen: Soll ich nach New York ziehen? Soll ich heiraten? Bin ich schon reif für ein Kind? Soll ich das Haus kaufen oder nicht? Tja, und wenn du immer vor einer Entscheidung immer wegläufst, hast du zum Schluss gar nichts. Und ich bin mir sicher, diese Erfahrung macht jeder. Zeit ist eben ein wichtiger Faktor, im Leben an sich und vor allem auch für eine Band – eine Karriere ist immer begrenzt, die ROLLING STONES und BAD RELIGION mal ausgenommen, haha. Wir sind in der glücklichen Situation, als Band neue Wege gehen zu können, weil wir den entsprechenden Support bekommen, und deshalb sollten wir diese Gelegenheit auch nutzen.“
Dabei ist das, was du als „Dance Music“ bezeichnest, ja unter Punkrock-Aspekten durchaus „Dance Music“, aber jemand, der absolut im Dance-Bereich unterwegs ist, wird RADIO 4 sicher immer noch als Punkband wahrnehmen. Wie siehst du das?
„Genau so sehe ich das auch, exakt. Wenn mir jemand sagt, wir hätten ja eine straighte Dance-Scheibe gemacht, dann muss ich das verneinen. Das Album wurde in England, wo man Dance Music ja sehr ernst nimmt, schon ein paar Leuten vorgestellt, und die meinten, das könnten sie nicht spielen, das sei ja gar keine Dance Music. Ich habe einen Freund, der ist ein sehr großer Fan und begeisterter Sammler im Bereich Reggae und Rocksteady. Dem spielte ich mal THE CLASH vor, also deren Dub- und Reggae-Sachen, und er meinte nur, das sei ja ganz okay, aber doch kein Reggae. Für uns Punks ist es aber schon Reggae, und da sieht man eben, wie sich die Sichtweise unterscheidet. Und wenn jetzt viele Journalisten ankommen und sagen, wir machen jetzt Dance Music, fällt es mir leicht, das zu verneinen. Wir sind immer noch eine ‚dance-influenced rock band‘. Und ja, ein paar Leute werden sich jetzt beklagen, dass wir nicht mehr so nach GANG OF FOUR klingen, aber egal.“
RADIO 4 wurden und werden ja gerne im Kontext all dieser „neuen“ Bands aus Brooklyn genannt. Dein Kommentar?
„Also, es gibt auf jeden Fall eine Menge gute Bands in Brooklyn. Und viele Bands werden ja schon alleine deshalb in die ‚Hip‘-Kategorie gesteckt, weil sie aus New York kommen. Es gab diverse Bands aus New York, die in den letzten Jahren Erfolg hatten, aber einen ‚Trend‘ konnte ich nie erkennen, denn seit einer Ewigkeit kommen ständig neue Rockbands aus New York. Es ist immer die Presse, die aus bestimmten Bands und Stilen einen Trend macht, in dem sie ihre Aufmerksamkeit darauf richtet. Da werden dann auch Bands zusammen in eine Kategorie gesteckt, die nichts miteinander zu tun haben. Die YEAH YEAH YEAHS etwa kannte ich nicht, bevor sie überall in der Presse waren, und ich habe die in den letzten Monaten auch nicht getroffen. Da triffst du dann Leute erst deshalb, weil die Presse gerne hätte, dass du was miteinander zu tun hast. So was wird fast immer von den Medien konstruiert. Klar, mit manchen Bands sind wir ganz gut befreundet, aber nicht in einem Maße, wie das immer dargestellt wird. New York ist einfach so eine riesige Stadt, da gibt es unzählige kleine Sub-Szenen. Ich kann mich erinnern, dass mich vor zwei Jahren, als ich zu ‚Gotham!‘ Interviews gab, sehr viele Presseleute fragten, was ich denn von INTERPOL, THE RAPTURE, YEAH YEAH YEAHS und so weiter halte.“
Okay, du hast damit angefangen ...
„Na ja, ich denke, ich werde Fragen dazu diesmal wohl noch mehr als letztes Mal gestellt bekommen, denn INTERPOL oder YEAH YEAH YEAHS hatten ihren Erfolg in den letzen beiden Jahren. Aber für uns ist das eben nichts Neues, und das, was außerhalb als frische, neue Szene wahrgenommen wird, ist für uns nichts Neues. Aber wie soll jemand in Deutschland das auch wissen, der so weit weg ist von New York? Ich weiß ja auch nichts von der Szene in Berlin, und wenn ich jemandem aus der Berliner Szene erzähle, dass man in New York denkt, die Dance-Szene dort sei ja sehr aktiv und innovativ, dann sieht der das wohl auch etwas anders. Andererseits haben INTERPOL und THE FAINT neue Platten raus, andere Bands aus diesem Spektrum auch, von daher lebt diese Szene, und außerdem brauchen viele Bands ja auch zwei, drei Platten, um richtig gut zu werden, ihren Sound zu entwickeln. Gleichzeitig werden die Unterschiede zwischen den Bands deutlicher.“
Was ist neu an eurem neuen Album?
„Wir haben uns entschieden, uns verstärkt auf das Songwriting zu konzentrieren, denn im Gegensatz zum Sound ist es ein guter Song, der zeitlos bleibt. Gestern sagte jemand im Interview, die REPLACEMENTS hätten im Vergleich zu den PIXIES oder SONIC YOUTH einfach die besseren Songs geschrieben, und ich denke, MISSION OF BURMA ist ein weiteres Beispiel dafür. ‚Academy fight song‘ oder ‚Revolver‘ sind einfach ewige Klassiker, wegen ihres Songwritings. Oder nimm THE CURE, oder Morrissey: Die haben auch deshalb noch heute Erfolg, weil sie einfach gute Songs haben – das unterscheidet THE CURE von all den anderen Goth-Bands, die es Anfang der Achtziger gab, an die sich heute aber keiner mehr erinnert.“
Was hat dich zu dieser Erkenntnis gebracht?
„Letzten Sommer verbrachte ich einige Zeit mit meiner Frau und Freunden in unserem Sommerhaus, und wir hörten unter anderem alte Platten von den Bands, die ich eben erwähnte, und die ROLLING STONES und Bob Dylan. Wenn du eine Party feierst, was für Platten legst du dann auf? Eben, die Klassiker, die jeder mitsingen kann, mit denen sich die Leute identifizieren können. Man hat uns gesagt, unsere neue Platte sei mehr Pop als die bisherigen. Pop ist ja beinahe schon ein schmutziges Wort, wenn man damit Britney Spears und Co. meint, aber wenn jemand damit THE CURE meint, empfinde ich das als Lob. Jedenfalls wurde mir bzw. uns klar, dass wir mehr auf das Schreiben eigenständiger Songs achten müssen als darauf, einfach nur ein gutes Album zu machen.“
Anthony, ich sehe einen Button mit einem roten Stern drauf an deiner Jacke. Ein politisches Statement?
„Durchaus. Die amerikanische Spielart des Kapitalismus, das Wertesystem hat nichts mehr zu bieten, es geht nur noch darum, Geld zu machen. Das hinterlässt ein Gefühl der Kälte, der Leere, es erschreckt mich, dass den Leuten in den USA nur noch Geld, Geld, Geld wichtig ist.“
Und was erwartest du von den Wahlen?
„Ich hoffe, dass Bush die Wahl verliert, doch sobald die Wirtschaft wieder etwas wächst, gehen auch seine Werte wieder nach oben. Das alte Problem in den USA: Wenn die Leute genug Geld verdienen, sind sie zufrieden. Ich glaube zwar nicht, dass der Sozialismus eine wirkliche Alternative wäre, aber manche Elemente sind gut, und die USA haben es in Sachen Kapitalismus auf jeden Fall übertrieben. Es gibt derzeit eine TV-Show mit Donald Trump, ‚The Apprentice‘, und da geht es nur darum, einen Job zu bekommen, und der Schlüsselsatz ist ‚You‘re fired!‘. Das ist krank.“
Würdet ihr denn bei punkvoter.com mitmachen, wenn man euch fragt?
„Die Idee finde ich gut, nur musikalisch würde ich mich da nicht zuhause fühlen. Dass solche Aktionen etwas bringen, hat man damals ja bei der Wahl von Clinton gesehen und der ‚Rock The Vote‘-Kampagne von MTV. Ich denke, das hat was gebracht, und ich finde, wer im Bereich der Jugendkultur, sei es Film oder Musik, aktiv ist, sollte den Leuten auch zeigen, was der richtige Weg ist. Deshalb sagen wir auch, was wir denken, denn zu viele andere Bands scheinen nur ihren Spaß haben zu wollen. Auch Punkrock scheint mir in diese Richtung abgedriftet zu sein, es gibt für meinen Geschmack zu viele sexistische Spaßbands. Gut, wenn da Bands wie BAD RELIGION oder BEASTIE BOYS deutliche Worte finden. Es stand politisch nie so schlimm wie jetzt, da muss jeder sagen, was er denkt.“
Anthony, danke für das Interview.

Fotos: Michael Lavine, Bill Benedetto

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #56 (September/Oktober/November 2004)

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