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Interviews & Artikel

NIM VIND

Mehr als Horror

Kein „Go!“ in den Songs, keine Horrorfilm-Lyrics, kein Grusel-Oufit. Der Kanadier Nim Vind geht seinen eigenen Weg. Zwar fühlt er sich auch irgendwie der Horrorpunk-Szene zugehörig, er verweigert sich aber etwaigen Limitierungen. Das fängt beim Namen an, der so ungewöhnlich klingt wie seine Musik.

Du warst der Lead-Sänger der im Underground recht populären MR. UNDERHILL. Auf „Fashion Of Fear“ gibt es auch diverse Neuaufnahmen von Songs deiner ehemaligen Band. Ist Nim Vind die Fortsetzung von MR. UNDERHILL, oder doch ein Soloprojekt?


„Es ist das Ende von MR. UNDERHILL, mein Soloprojekt und eine klare Verbesserung im Vergleich zur alten Band. Da die Fans aber einige der von Konzerten bekannten Songs auf einem Album hören wollten, hab ich sie aufgenommen. Ich sehe das Ganze etwa so wie damals, als SAMHAIN zu DANZIG wurden.“

Dein Stil ist kaum zu beschreiben, von Horrorpunk über Death-Rock bis hin zu Rockabilly und sogar Glam-Rock ist alles dabei. Wie entsteht eine solch wilde Mischung?

„Die meisten Song-Ideen entstehen auf Grund von Gefühlen, z. B. durch Filme oder Bücher. Ich lasse mich relativ wenig von anderer Musik beeinflussen, auch wenn ich einige Bands sehr mag, wie THE DAMNED, THE MISFITS, THE DOORS, FEAR, BAUHAUS, alte GUNS N’ ROSES, Elvis, alte MEGADETH, DANZIG ... Auch Film-Komponisten wie Danny Elfman und Ennio Morricone oder Komponisten wie Mahler haben es mir angetan.“

Denkst du, du könntest die Hörer überfordern? Immerhin sind Stücke wie „Interview with the icon“ oder „Astronomicon“ sicherlich nicht mit normalem Punkrock zu vergleichen.

„Ja, genau das will ich erreichen. Ich denke, die Genre-Grenzen weichen ohnehin immer mehr auf. Marilyn Manson könnte heute problemlos einen Song mit Eminem singen. Mich langweilt es, in einem festgelegten Stil spielen zu müssen. Zu meinen Gigs kommen grundverschiedene Leute, wie z.B. auch bei MOTÖRHEAD. Es gibt schnieke Tussis, die MOTÖRHEAD mögen und Death Metal-Freaks, die auf die Band stehen. So soll es bei mir auch sein. Ich mag einfach zu viele Genres, als dass ich mich für eines würde entscheiden wollen. Death Rock, Punk, Metal, New Wave, Goth ... Alles super, solange eine Flasche Whisky dazu passt.“

Dasselbe scheint für dein Outfit zu gelten. Vom Lederjacken-Punk mit Spikes auf dem Kopf über den HIM-Tunten-Look mit Federboa hast du dich jetzt zum Marky Ramone-Look-alike entwickelt ...

„Ich liebe es, neue Dinge auszuprobieren. Ich mag Veränderung und Weiterentwicklung. Und ich lasse mich nicht von einer Marketing-Maschinerie in ein Outfit zwängen. Schau dir Elvis an, wie oft hat der sich verändert? Oder David Bowie. Manchmal wusste man nicht, ob der noch ein Kerl ist. Auch Danzig hat heute keine Devillocks mehr.“

Wenn man deine Website und dein myspace.com-Portal anschaut, wird deutlich, dass gerade weibliche Fans das an dir schätzen. Da gibt es bestimmt noch ein paar interessante Anekdoten ...

„Ach, das geht von anonymen Nachrichten auf meinem Handy bis zu einer jungen Dame, die mir während eines Live-Konzertes ihre oralen Kenntnisse verdeutlichen wollte. Ich hab’s als Kompliment aufgefasst. Und ich mag es einfach, positives Feedback zu bekommen. Eine wilde Party haben wir einmal gefeiert, als ich ein Fred Flintstone-Kostüm trug und wir zu einem Song der Band FORBIDDEN DIMENSION rumgetanzt haben. Ich war der einzige mit Kleidung ...“

Ganz ernst geht es also nicht immer zu. Der Titel deines Albums klingt dagegen schon recht deprimierend. Obwohl „Fashion Of Fear“ auch als Statement gegen den Düster-Trend zu sehen sein könnte. Gegen Emily Strange-Kopien und Bands wie GOOD CHARLOTTE, die plötzlich auf schwarzen Nagellack und Devillocks stehen. Ist Angst in Mode gekommen?

„Absolut. Angst ist Big Business. Die Menschen werden verwirrt und verängstigt gehalten, so arbeiten die Regierung und die großen Unternehmen, um oben zu bleiben. Die besten Käufer sind die, die ein Produkt kaufen, um Sicherheit und Schutz zu erwerben. Angst ist überall, sie ist in den Gesichtern der Leute, die Pillen schlucken, um nicht wahnsinnig zu werden. Sie fürchten sich ohne ihre Medizin. Sie zeigt sich in den Gesichtern von Menschen, die sich ihre Gewehr-Kollektion an der Wand anschauen und daran denken, wann die Invasion passieren wird. Und die Angst ist auch in den Kids, die ihre Eltern ärgern wollen, die sie fürchten, oder denen, die einfach dazu gehören wollen. Sie sind ängstlich, weil sie nicht wissen, wie sie eine eigene Persönlichkeit entwickeln. Die Menschen haben heute mehr Angst, denn je zuvor. Und Emily Strange nachzumachen oder wie GOOD CHARLOTTE rumzulaufen, zeigt nur, dass die Kids Angst vor der Realität haben und dem ein betont toughes und cooles Outfit entgegen setzen wollen. Der alte Punk-Look hat was bedeutet, man hat sich absichtlich abgesondert, wollte nicht dazu gehören. Heute bedeutet der Punk-Look für viele nur, Geld für die coolen Klamotten zu haben. Die Gesellschaft muss wieder lernen, was es heißt kreativ zu sein und eigene Wege zu gehen.“

Joachim Brysch

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #59 (April/Mai 2005)

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