PANIC

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Dying for it

Wie viele andere Bands aus Boston vor ihnen, war auch PANIC nur eine kurze, aber äußerst intensive Existenz gegönnt. In den knapp zwei Jahren ihres Bestehens, von 2000 bis 2002, hatte die Band um Sänger Gibson Miller mit ihren zwei Single-Veröffentlichungen wesentlichen Anteil an der heutigen Vormachtstellung ihres damaligen Labels Bridge 9 als heute führendes Hardcore-Label der East Coast. Ein hohes Maß an emotionaler musikalischer Expressivität, gepaart mit lyrisch anspruchsvollen, desillusionierten Texten ließ PANIC schnell in die Herzen der HC-Fans weltweit vordringen. Einer bereits geplanten Europatour kam die Auflösung der Band zuvor, deren Mitglieder sich anschließend in späteren Größen wie AMERICAN NIGHTMARE, GIVE UP THE GHOST oder THE EXPLOSION wieder fanden. Die Zeit von PANIC war damit zwar vorbei, doch im Zuge des Rereleases ihres ersten Demos auf dem niederländischen Label Reflections, lud man die Band Ende März 2005 für ein einmaliges Stelldichein auf wenigstens einer europäischen Bühne ein. Bei strahlendem Sonnenschein traf ich Sänger Gibby und Gitarrist Azy zu einem Gespräch im Arnheimer Stadtpark.

Posthum habt auch ihr es endlich nach Europa geschafft. Wie gefällt es euch denn nun?

Gibby:
„Es ist klasse! Nach einem Kurztrip nach Berlin und Köln vor einiger Zeit ist das erst mein zweiter Besuch. Wir waren in Amsterdam bei Freunden und es ist immer eine schöne Abwechslung mal aus New York raus zu kommen. Leider fliegen wir morgen schon wieder nach Hause zurück.“
Azy: „Ich war schon öfter hier und kenne fast alle größeren europäischen Städte von Touren mit IN MY EYES und AMERICAN NIGHTMARE.“

Hier sind eine Menge Kids, die eigens wegen euch aus ganz Europa angereist sind. Hättet ihr euch das jemals so vorgestellt?

Azy:
„Ich habe eben mit zwei Kids gesprochen, die den ganzen Weg aus Italien hierher gekommen sind – Wahnsinn! Aber ich bin auch irgendwie froh darüber, dass die Leute von überall her finden, denn der Grund, warum wir heute hier spielen ist, dass wir während unseres Bestehens ja nie die Chance hatten, bei euch aufzutreten. Ich hoffe, dass die Kids nachher dann auch richtig abgehen!“

Habt ihr Unterschiede zur US-Szene feststellen können?

Azy:
„Auf jeden Fall. In den Staaten würde nie ein Fan einfach so auf uns zukommen und ein Gespräch anfangen. Alles ist viel distanzierter und selbst viele Bandkollegen meinen, sie wären zu wichtig, um mit dir reden zu können.“

Viele amerikanische Kids sind sicher sauer, dass ihr nicht in den USA auftretet, oder?

Azy:
„Es gab einiges Gezeter in den USA, du hast Recht. Gespräche für eine Show in den USA sind aber geführt, die, wenn, dann in Boston stattfinden wird. Reflections hatte die Idee mit dem Auftritt hier beim ‚Arnheim Hardcore Meeting‘. Dazu veröffentlichen sie unser Demo noch einmal als limitierte Single. Wir waren nach unserer Auflösung ja nicht gerade glücklich, es nie für eine Tour über den Teich geschafft zu haben.“
Gibby: „2002 bekamen wir eine Menge eMails, die nach den Gründen für die Trennung fragten. Dabei sind wir gar nicht im Streit auseinander gegangen. All diese Leute können wir jetzt endlich mal persönlich treffen. Eine ganze US- bzw. Europatour würden wir zeitlich jedoch nicht hinbekommen. Azy und ich wohnen mittlerweile in New York, Jesse lebt in Texas, Masek in Kalifornien. Und Damian und Jamie sind ständig auf Tour.“

Als ich euren Ex-Bassisten Damian Genuardi von THE EXPLOSION letztens traf, erzählte er, ihr hättet die Absicht, nur Songs der ersten Single zu spielen. Warum keine Songs deiner ersten Band THE TROUBLE?

Gibby:
„Haha, wir werden alles spielen, was PANIC als Band jemals geschrieben hat. Dazu gibt es dann noch ein paar Extras. Lass dich überraschen!“

Demnach gibt es auch keine neuen Songs?

Gibby:
„Nein, auf jeden Fall nicht von PANIC. Zu THE TROUBLE kann ich so viel verraten, dass Bridge 9 das erste Album und die Singles wiederveröffentlichen wird. Pünktlich zu unseren im Sommer stattfindenden Reunion-Shows in Boston, Philadelphia und New York soll das Ganze erschienen sein. Vielleicht treten THE TROUBLE sogar beim ‚Posi Numbers Fest‘ auf.“

In letzter Zeit gab es ja die ein oder andere Auferstehung. Neben YOUTH OF TODAY, sollen sich auch INSTED sowie BOLD reformiert haben.

Azy:
„Wir haben den Vorteil, dass wir keine reine Straight Edge sind. Bei Bands wie YOUTH OF TODAY oder INSTED ist das was anderes. Da muss man sich schon fragen, ob die wirklich noch hinter ihren Texten von damals stehen. Wir können uns mit unseren Lyrics immer noch ohne Probleme identifizieren.“
Gibby: „Solange man gemeinsame Interessen vertritt und Freude an der Musik, den Kids und der Szene hat, ist das alles völlig okay. Es sollte aber stets eine Sache des Herzens sein und nicht des Geldes.“

Wen hast du denn für diese einmalige PANIC-Reunion-Show gewinnen können?

Gibby:
„Wir treten zwar nur zu viert auf, dafür sind aber nur Musiker der ursprünglichen Besetzung dabei. Als da wären Azy an der Gitarre, ich am Mikro und Jesse an den Drums. Damian spielt mit THE EXPLOSION heute Abend in London, kann also leider nicht dabei sein. Ihn vertritt Brian Masek von AMERICAN NIGHTMARE am Bass, sein Vorgänger bei PANIC.“

Was ist mit dem Rest?

Gibby:
„Nun, wir sind immer noch Freunde, sehen uns aber nicht mehr so häufig. Scott Peacock ist permanent mit seiner neuen Band EMBRACE TODAY unterwegs. Mit Damian habe ich früher jeden Samstag zusammen als DJ Platten aufgelegt. Wir hatten eine Art Punk/New Wave-Party-Reihe unter dem Namen startboston.com. Das ist zwar schon etwas her, aber es war damals ein großes Ding in der Untergrundszene Bostons. Er ist wie ein Bruder für mich.“

Was denkst du persönlich über die Entscheidung von THE EXPLOSION zu einem Majorlabel zu gehen?

Gibby:
„Ich kann ihnen nur gratulieren und das Beste wünschen! Sie haben es verdient.“

An welchen Projekten bzw. Bands seid ihr zur Zeit beteiligt?

Azy:
„PERMANENT DAMAGE heißt die Band, mit der ich zur Zeit in Boston spiele und gerade eine Demo-CD aufgenommen habe.“
Gibby: „Ich habe ein Elektro-Projekt mit einem Freund in Berlin. Es trägt den Namen FIELDS. Nach unserer Rückkehr nach Boston wollen Azy und ich dann noch zusammen was auf die Beine stellen. Demnächst mehr dazu.“

Eure beiden einzigen Releases sind bei eurem Heimatlabel Bridge 9 erschienen. Was war der Grund dafür und wie kommt ihr mit Chris Wrenn, dem Labelchef, aus?

Gibby:
„Bridge 9 war damals die Institution in Sachen Hardcore in Boston. Er suchte damals Bands und wir ein Label. Auf diese Weise haben alle von der gemeinsame Arbeit profitiert. Chris Wrenn hat Azy übrigens mal ordentlich den Hintern versohlt!“
Azy: „Chris wohnte gleich nebenan. Wir waren dicke Freunde und ständig zusammen. Und Gibby hat Recht, wir hatten wirklich mal eine kleine Auseinadersetzung. Es war eine Art Showkampf, bei dem wir gegeneinander boxten. Mit dem Preisgeld hat Chris dann die zweite Single meiner damaligen Band AMERICAN NIGHTMARE finanziert.“

Die beiden Singles haben ein sehr schönes und eigenwilliges Layout. Gerade das Cover der zweiten Single, das ein schlichtes Gruppenbild von euch zeigt, ist eher HC-untypisch.

Gibby:
„Die Aufnahme entstand nach der Rückkehr von einer Show vor unserem Proberaum.“
Azy: „Aaron Turner von Hydrahead Records und ISIS ist verantwortlich für das Artwork beider Releases. Bei der ersten Single gaben wir ihm zunächst gar keine Vorgabe und es entstand dieses exzellente Art-Cover. Die zweite Single sollte dann aber absichtlich schlicht und kalt wirken. Ich wollte, dass es komplett anders aussieht als die üblichen HC-Cover. Die Kids hassten dieses Bild!“

Wie war die Zusammenarbeit mit Kurt Ballou von CONVERGE und God City Studios und warum habt ihr für das zweite Output ein anderes Studio, Atomic, bzw. einen anderen Produzenten gewählt?

Azy:
„Ich hätte gerne wieder mit Kurt gearbeitet. Ich schätze Kurt sehr, aber leider hatte er damals nur wenig Zeit, so dass wir schließlich zu Dean Baltulonis nach New York fuhren, was natürlich auch nicht minder schlecht war. Ich bin eben ein Fan von kontinuierlicher Zusammenarbeit, bei der über die Jahre etwas wachsen kann. Wir waren zum Beispiel immer auf demselben Label und Mike Bukowski hat fast alle T-Shirts für uns entworfen.“

Euer Demo-Tape wurde damals auch in Deutschland auf dem Label Blood Sunday Records veröffentlicht. Wusstet ihr davon?

Gibby:
„Ja, das war alles genehmigt. Der Typ brachte damals einige Demos von Bands aus Boston heraus. Eigentlich war der Plan aber stets, dass Reflections unsere Singles co-releasen sollte ...“
Azy: „Wozu es aber nie kam! Mittlerweile sind Bridge 9 und Reflections so unabhängig, dass sie das beide nicht mehr nötig haben. Alle Bands in den USA haben großen Respekt vor Reflections, schließlich haben sie auch viele Bands nach Europa geholt.“

Gibby, du bist der Gründer von makeoutclub.com. Was hat es damit auf sich und welche Philosophie verfolgt diese Webpage?

Gibby:
„Angefangen hat es im Jahr 2000, lange bevor Seiten wie myspace.com und andere auftauchten. Auf makeoutclub.com kann sich jeder, der will, mit Bild und Text vorstellen und auf diese Art und Weise Menschen mit gleichen Interessen kennen lernen. Zur Zeit arbeiten wir an einem komplett neuen Design mit verschiedenen neuen Features. Wenn möglich, soll es demnächst auch in verschiedenen Sprachen anlaufen. Es gibt nichts Wichtigeres als Austausch.“

Was bedeutet Freundschaft für dich persönlich?

Gibby:
„Für mich ist es genau das: Das Teilen gemeinsamer Ideen und Interessen, wie zum Bespiel Musik.“

Ist PANIC eigentlich nach dem Song „Panic“ der SMITHS benannt?

Gibby:
„Nein, aber die Energie dieses Liedes mögen wir alle sehr. THE TROUBLE hatten mal einen Song mit dem Titel ‚Panic fit‘, wonach ich die Band auch nennen wollte. Aber irgendwie war es dann einfach zu blöd, eine Band nach einem Song, den man selber geschrieben hatte, zu betiteln. Also kürzten wir das Ganze zu PANIC ab.“

Wann und wie hast du die SMITHS kennen gelernt?

Gibby:
„Ich war acht Jahr alt und verbrachte die Ferien in einem Sommerlager. Es gab eine Art Playbackshow, bei der man zu Songs nur die Lippen bewegen sollte. Der Campleiter wählte einen Song der SMITHS und um mich war es geschehen!“

Hast du Morrissey mal getroffen?

Gibby:
„Bei einem Konzert 1997 in Boston bin ich auf die Bühne gelaufen und habe ihn umarmt! Er ist kein direktes Idol, wird für mich aber stets ein großer Autor und Poet bleiben.“

Könntet ihr euch ein Leben ohne Musik vorstellen?

Gibby:
„Nein, eher würde ich mich umbringen. Es ist das einzige, was ich in meinem Leben habe und das Einzige, was mich wirklich antreibt.“
Azy: „Nein, niemals.“

Vielen Dank für das Gespräch!