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Interviews & Artikel

JAWBOX

Es handelt sich wahrscheinlich auch nicht um den Normalfall, daß man am selben Tag im selben Café in Köln auf zwei Bands trifft, die beim selben Majorlabel sind, aber ansonsten nicht unterschiedlicher sein könnten. Das fängt bei der geographischen Herkunft (Seattle-Washington D.C.) an, geht weiter mit dem musikalischen Stil, und erstreckt sich bis hin zu den Erfahrungen, die man bezüglich des Majorvertrags gemacht hat. Besonders ulkig war dann, daß sich Elizabeth Davis von SEVEN YEAR BITCH und JAWBOX-Bassistin Kim Coletta aber auch noch gut kannten. So wurde ungehemmt über drei Tische hinweg ausgiebiger Erfahrungsaustausch betrieben, was die anderen Gäste etwas irritierte. Mein Vorschlag, doch direkt eine Podiumsdiskussion unter dem Motto "Ich und mein Majorlabel" zu machen, wurde aber ignoriert. Außerdem war noch der zweite JAWBOX-Gitarrist Bill Barbot anwesend, obwohl eigentlich Jay Robbins angekündigt war. Robbins besitzt bei JAWBOX als einziger eine halbwegs aufregende Biographie, da er seine ersten musikalischen Gehversuche auf den letzten beiden GOVERNMENT ISSUE-Platten "Crash" und "You" machen durfte, die in einer Zeit entstanden, als plötzlich alte Hardcore-Helden nach durchschnittlichen Rockbands klingen wollten.

Die erste JAWBOX-Scheibe hatte ich '91 eher aus einer Dischord-Euphorie heraus gekauft, als daß ich von der Platte als solcher musikalisch überzeugt gewesen wäre. Bis auf die Coverversion des JOY DIVISION-Songs "Something must break" ist "Grippe" eine ziemlich lahme, etwas flach produzierte Platte und gehört nicht gerade zu meinen Lieblingen. Zu dieser Zeit bestehen JAWBOX noch aus Coletta, Robbins und Adam Wade. Erst mit dem Hinzukommen des zweiten Gitarristen Bill Barbot und der nächsten Platte "Novelty" (1992) gelingt der Band eine überzeugende Genese des JAWBOX-Sounds. "Static" ist ein absoluter Killersong, den TAR später bei einer Split-7" verhunzen werden. Damit ist die Dischord-Zeit für JAWBOX vorbei, und "For Your Own Special Sweetheart" (1994) erscheint bei Atlantic, in Deutschland jedoch beim Independent-Label City Slang. Es gibt auch ein Video auf den einschlägigen Sendern, das aber zumindest in Deutschland keinen besonderen Popularitätsschub auslöst. Auch hier ist wieder mit "Savory" der JAWBOXsche Übersong dabei, und auch der Rest der Platte macht diesmal einen sehr gesunden Eindruck. Komischerweise klingt "For Your Own ...", genauso wie die aktuelle, titellose vierte Platte, wesentlich stärker nach Dischord als die noch bei Dischord erschienenen Sachen (klingt paradox, ich weiß...), und insgesamt wird die Band wirklich immer besser. Beim Anblick des Ox und meiner noch nicht ganz verdauten Überraschung über die Wiedersehensfreude der befreundeten Bands, gelingt Mrs. Coletta noch eine coole Steigerung.


Kim: Du hast so überrascht geklungen, weil wir jemanden von einer anderen Band kennen. Wenn du tourst, kennst du Massen an Bands. Übrigens war Scott von METROSCHIFTER früher einer unserer Roadies und brachte unsere ersten Sachen auf Kassette heraus.

Ja, die Welt ist klein! Ich bin außerdem überrascht, daß eure Erfahrungen mit Atlantic so anders ausfallen.

Bill: Wir haben weniger Probleme als 7 YEAR BITCH, weil wir, bevor wir bei Atlantic unterschrieben, viele gute Ratschläge von befreundeten Bands wie HELMET oder POSTER CHILDREN bekommen haben, wie wir die Kontrolle über unsere Band behalten. Dazu gehört in Europa auf einem Independent-Label zu sein. Ansonsten wären wir wahrscheinlich in derselben Situation wie SEVEN YEAR BITCH. Wir zahlen nicht, um hierhin zu kommen, weil Christof von City Slang weiß, daß es wichtig für uns ist. Er kümmert sich um unsere Band, was ein Majorlabel in Europa nicht tun würde.

Kim: Unser Vertrag bei Atlantic ist auch ziemlich ungewöhnlich zustande gekommen, da Mike Gitter, einer unserer Freunde, der 1981 bei sämtlichen Hardcore-Konzerten anzutreffen war, plötzlich einen einen Job als A&R-Mann bei Atlantic bekam. Er kam zu uns und fragte, ob wir je über die Möglichkeit eines Majorlabels nachgedacht hätten. Wir hatten vorher nie bewußt Ausschau nach einem Majorlabel gehalten. Also machten wir eine lange Liste von Forderungen, ohne die wir bei Atlantic nicht unterschrieben hätten. Und sie gingen tatsächlich darauf ein. Wir haben im Vertrag abgesichert, daß wir in Europa auf einem Independentlabel sein wollen, ebenso wie in Australien.

Natürlich ist es nicht immer einfach mit Atlantic, weil dort so viele Leute arbeiten. Sie sind wie ein Haufen Clowns, die versuchen etwas zu tun. Du fragst jemand, der muß seinen Boss fragen, und der wiederum seinen Boss. Es ist sehr frustrierend, einen Monat auf eine Antwort zu einer relativ einfachen Frage zu warten. Andererseits ist der Vertrieb der Platte sehr gut und sie machen Werbung dafür. Wir persönlich haben deshalb eher gute Erfahrungen mit Atlantic gemacht, und glauben auch sehr viel Kontrolle zu haben. Das gilt aber nicht für jede Band, du mußt schon vorsichtig sein.

Glaubt ihr, daß JAWBOX in dieser Hinsicht cleverer als andere Bands sind?

Kim: Nein, mit Klugheit hat das nichts zu tun. Wenn du in den Staaten bei einem Major unterschreibst, solltest du eine bestimmte Anzahl Fans besitzen und einen Namen haben, ansonsten wirst du von diesem riesigen Monster verschluckt . Momentan gibt es eine Welle von neuen Gitarrenrock-Bands, die einen Majorvertrag bekommen. Inzwischen nehmen sie wirklich jeden, weil sie das Geld haben und es sich leisten können. Sie werfen all diese Bands auf den Markt, manches funktioniert, anderes nicht. Für sie ist es nur ein finanzieller Verlust, den sie abschreiben und damit die Band loswerden. Junge Bands sind naiv, ihnen fehlt nicht die Intelligenz, sondern die Erfahrung mit der Musikindustrie und jemand, der sie richtig berät. Sie unterschreiben zu früh und die Majors wissen meist nicht, wie sie so eine Band vermarkten sollen, wenn die keine gewachsene Anhängerschaft hat. Sie sollten zuerst bei einem guten Indie sein und eine natürliche Entwicklung durchmachen. Dann bist du erfahren genug und wirst nicht übers Ohr gehauen. Du kannst bei einem kleinen Label genauso schlechte Erfahrungen machen, es gibt keine Garantien, und überall in der Musikindustrie gibt es gute und schlechte Leute. Deshalb mußt du die finden, die hart für dich arbeiten. Es wird oft verallgemeinert, daß Indie automatisch gut und Major schlecht ist.

Bill: Eigentlich hängt es davon ab, wie paranoid du bist. Wir haben von Anfang an alle geschäftlichen Aspekte kontrolliert, weil wir wissen, daß wir, wenn wir sicher sein wollen, daß die Dinge nach unseren Vorstellungen passieren sollen, allem die nötige Aufmerksamkeit schenken müssen. Wir waren auch sehr nervös, als wir bei Atlantic unterschrieben, weil viele unserer Freunde bei Majorlabels ziemlich beschissen worden sind. Wenn Atlantic den Vertrag verletzen sollten, stehen JAWBOX auf der einen Seite und Atlantic auf der anderen. Was sollen wir auch tun, sie verklagen? Dazu fehlt uns das nötige Geld. Es ist ein sehr schwieriger Balanceakt zwischen Vertrauen und Geschäft.

Ist es nicht ein wenig naiv zu glauben, alles in einem so riesigen Unternehmen kontrollieren zu können?

Kim: Sicherlich wäre es dumm, das zu glauben. Aber die Dinge, die uns wichtig sind, haben sich nicht grundsätzlich geändert. Bei Dischord mußtest du, wenn du Publicity haben wolltest, die Sachen selber verschicken. Das vermisse ich nun wirklich nicht. Bei Atlantic gibt es jetzt Leute, die dafür bezahlt werden und die lassen wir in Ruhe ihren Job machen. Wir sind ja nicht vollkommen verrückt.

Bill: Aber was Dinge angeht, wie unsere Band durch Albumcover, Poster und Anzeigen in der Öffentlichkeit repräsentiert wird, wählen wir schon aus. Denn wenn plötzlich eine Anzeige mit einem Monster, das 666 auf der Stirn hat, herauskäme, hätte das nichts mit unserem Band-Image zu tun. So etwas könnte passieren, wenn wir es nicht durch unseren Vertrag geregelt hätten. Es gibt auch Bands, denen es egal ist und die sich irgendwie vermarkten lassen, was auch o.k. ist, aber deshalb sind wir nicht auf einem Majorlabel.

Was hat sich denn konkret geändert, nachdem ihr von Dischord zu Atlantic gewechselt seid? Habt ihr plötzlich mehr CDs verkauft oder seid ihr urplötzlich große Rockstars geworden?

Kim: Sehen wir etwa aus wie große Rockstars? Nein, das ist nun wirklich nicht passiert. Es hat sich etwas verändert, aber nicht radikal. Viele Leute denken, daß man eine völlig andere Person wird, wenn man bei einem Major unterschrieben hat und nur noch Lederhosen trägt und in einer Limousine vorfährt. Unheimlich wichtig ist für uns, zugänglich fürLeute zu bleiben, die mit uns sprechen wollen. Wenn sie ein Problem mit uns haben oder uns etwas nettes sagen wollen, wir sind da und hören ihnen zu. Wir beantworten all unsere Fan-Post und haben inzwischen auch eine Web-Seite. Vielleicht ändert sich das, wenn wir nochmal doppelt so groß werden, aber wir werden es trotzdem versuchen.

Bill: Das war auch nie unser Ziel, wir wollten unser Publikum vergrößern, mehr Platten verkaufen und unser Leben als Band etwas vereinfachen. Und das haben wir auch geschafft. In den Staaten hat sich die Anzahl unser Plattenverkäufe verdoppelt. Das war für uns ein Fortschritt, auch wenn es keine 12 Millionen Platten waren. Unsere Musik und unsere Band sollten sich weiterentwickeln. Jede Tour wurde etwas besser und mehr Leute interessierten sich für uns.

Das war auch nicht als Vorwurf gemeint. Viele Bands stehen irgendwann vor der Entscheidung, von ihrer Musik zu leben oder weiterhin miese Jobs machen zu müssen.

Kim: Wenn wir damals nicht auf Tour haben, blieb uns gar nichts anderes übrig, als miese Jobs anzunehmen. Weil wir immer die geschäftliche Seite von JAWBOX kontrollieren wollten, mußten wir 40 Stunden die Woche irgendwelche Jobs machen und uns 60 Stunden um unser Label Desoto und die Band kümmern, was ziemlich anstrengend und stressig war. Ich mußte soviele Sachen machen, daß mir nichts davon wirklich Spaß gemacht hat. Viele Bands, die an diesen Punkt kommen, brechen auseinander, besonders wenn du nicht genügend Geld damit machst. Ich bin stolz darauf, von der Band leben zu können. Das war ein kleines Ziel von mir, und daraus ist ein kleines Auskommen geworden.

Laßt uns doch mal über speziell über eure Credibility sprechen, die ihr noch mit euch rumschleppt, weil ihr mal eine Dischord-Band gewesen seid.

Kim: Ich bin überrascht, daß dich das so interessiert, schließlich ist es schon drei Jahre her. Klar, wir waren nie nie eine reine Major-Band. Das ist übrigens eines der Probleme, wenn du auf Dischord bist. Viele Leute, sowohl in Europa als auch in den Staaten, denken bei Dischord zuerst an FUGAZI, und deshalb mußte jede Band dieselben Regeln einhalten. Sie müssen "All ages"-Shows spielen, die nicht mehr als fünf Dollar kosten, keine Drogen nehmen und kein Bier trinken. Das kann sehr frustrierend sein, wenn alle Dischord-Bands in dieser Form gleichgesetzt werden. Wenn du auf Tour bist, fragen dich die Leute, wann denn FUGAZI auf Tour kommen. Manchmal hast du den Eindruck, als wenn du gar keine eigene Identität besitzen würdest, weil du von dieser Legende Dischord-Records verschluckt wirst. Natürlich hat das auch gute Seiten, weil du es garantiert mindestens 5.000 Leute gibt, die automatisch jede Dischord-Platte kaufen. Es spielt dabei keine Rolle, wie die Band klingt. Auch als wir noch auf dem Label waren, haben Dischord-Bands schon sehr unterschiedlich geklungen, aber in den Köpfen von vielen Leuten gibt es nach wie vor den Dischord-Sound. Vielleicht hat das früher gestimmt, als es noch weniger Releases gab.

Eine andere Sache im Zusammenhang mit Dischord ist, daß einige Leute an JAWBOX interessiert sein könnten, aber unsere Platten nicht beachten, weil Dischord nach wie vor den Ruf eines Hardcore-Labels hat. SHUDDER TO THINK haben sich oft mit mir über dieses Problem unterhalten, weil sie wegen Dischord nie ein größeres Publikum erreichen konnten. Ich denke ständig, darüber nach, weil ich immer noch bei Dischord arbeite. Es ist ein tolles Label, aber es hat seine Eigenheiten. Aber du hattest nach Credibility gefragt. Ich glaube wir haben Credibility, weil wir unsere Band sehr verantwortungsvoll führen. Und das rechtfertigt für mich unsere Credibility, und ist viel wichtiger als das Label, auf dem du gerade bist. Trotzdem gibt es eine Minderheit, die nichts mehr von uns wissen wollte, nachdem wir bei Atlantic unterschrieben hatten. Diese Leute waren aber mehr an Dischord als an unserer Musik interessiert.

Aber es ist natürlich auch schwierig, sich musikalisch gegen eine Persönlichkeit wie Ian MacKaye abzuheben, der mit seinen Bands Hardcore-Geschichte geschrieben hat.

Kim: Ich mag Ian, aber er ist nunmal Ian MacKaye, die Punkrock-Ikone. Wenn er in einer Band ist, kaufen direkt 250.000 Leute die Platte. Das passiert mir nicht, weil ich nur Kim Coletta bin. Ich besitze nicht diese Heiligen-Aura. Es kamen schon Kids zu Dischord, die allen Ernstes behaupteten, Ian wäre der wiedergeborene Jesus Christus. Ian fragt sich dann selber, warum ihn diese Leute so behandeln.

Ich glaube, daß er zum Teil aber auch selber daran schuld ist, da er einen persönlichen Kodex entwickelt hat, was man als Band tun darf und was nicht. Für ihn wäre die Vorstellung, bei einem Major zu unterschreiben, undenkbar. Wie hat er denn auf euren Weggang reagiert?

Bill: Das wäre eher eine Frage an ihn als an uns. Wir sind nach wie vor gute Freunde und er hat vollstes Verständnis dafür. Er sieht ein, daß nicht jede Band auf Dischord die Popularität von FUGAZI besitzt. Es ist eine sehr einzigartige Situation in der Musikszene, da es momentan niemand vergleichbares in den Staaten gibt. Niemand, der seine durchgängige Biographie einer sehr talentierten Person besitzt. Und er weiß, daß niemand auf Dischord damit mithalten kann, und er erwartet es auch nicht.

Ist die Musikszene in Washington eigentlich noch so einflußreich, wie sie es noch vor ein paar Jahren war?

Bill: Es ist immer noch eine sehr fruchtbare Szene, da sehr viele gute Bands in Washington leben und arbeiten. Da hat sich nicht viel geändert, mal abgesehen von der musikalischen Bandbreite, die wesentlich vielfältiger geworden ist. Auf Dischord gibt es immer noch sehr viele gute Bands, aber auch auf Desoto kommen Platten heraus, die man normalerweise nicht aus Washington erwarten würde.

Kim: Die Szene ist aber noch so überschaubar, daß man die meisten Leute kennt. Es gibt auch nicht dieser Konkurrenzkampf, der in den meisten anderen Städten vorherrscht. Es klingt vielleicht klischeehaft, aber Washington hat eine sehr positive Szene, man kennt, hilft und unterstützt sich. Falls wir etwa mal Probleme mit unserem Computerprogramm haben, rufen wir einfach bei Simple Machines an, da sie mit demselben System arbeiten.

Es erscheint mir trotzdem etwas schizophren, daß ihr bei einem Majorlabel seid, aber ein Independentlabel betreibt und sogar noch bei Dischord arbeitet.

Kim: Niemand haßt mich wegen dieser Entscheidung und beides ist streng voneinander getrennt. Ich besitze ein Independent-Umfeld und arbeite im Prinzip immer noch independent. Wir wissen viel über die Musikindustrie und die Majors, aber sicher immer noch mehr über den Independent-Bereich. Es nicht schwer, auch weiterhin mit all den Leuten zusammenzuarbeiten, da sie nicht so Punkrock sind, daß es für sie unakzeptierbar wäre.

Bill: Das gemeinsame Ziel, das wir mit Desoto, JAWBOX und auch unserem Majorlabel verfolgen, lautet, gute Musik für Leute zugänglich zu machen. Sie wissen zu lassen, daß etwas interessantes und fruchtbares in der Musik passiert. Wobei die Wege, die wir dazu nutzen, sehr unterschiedlich sind. Desoto ist unsere Art, anderen jungen Bands zu helfen. Weil wir jetzt mehr Erfahrung haben, können wir wieder etwas an die Gemeinschaft zurückgeben, bringen Platten heraus und verlieren dabei einen Haufen Geld. Desoto Records, das Label der Liebe, haha!

Wie sieht eigentlich euer musikalischer Background aus? Ich glaube, Jay ist der einzige, der vorher in einer bekannteren Band gespielt hat.

Kim: Sagen wir mal, er ist der einzige, der in einer Band war, die Platten
herausgebracht hat.

Bill: Mein Background und der von Zach [Zachary Barocas, Schlagzeuger auf "For Your Own ..." und "Jawbox"] ist sehr ähnlich. Wir haben in unserer Jugend viel Hardrock-Radio gehört, also AEROSMITH, AC/DC, LED ZEPPELIN und all die schreckliche Popmusik, die es in den 70ern und 80ern gab. Wir haben schon früh in Bands gespielt, bei mir waren es bestimmt 15. Keine davon hat besonders viel erreicht, und viele haben noch nicht mal einen einzigen Auftritt absolviert oder es geschafft, ein paar richtige Songs zu schreiben. Seit ich dreizehn bin, habe ich mit anderen Leuten zusammen in Bands gespielt und konnte so einige Erfahrung sammeln. Bei Kim ist es völlig anders: JAWBOX ist ihre erste Band. Sie ist eine Spätentwicklerin, genau wie Jay. Jay wuchs mit klassischer Musik und Filmmusik auf. Er hörte mit 18 zum ersten Mal Rockmusik, und das war dann gleich Punkrock.

Kim: Er ist erst letztes Jahr auf LED ZEPPELIN gestossen und erzählte uns sofort begeistert, wie cool das doch wäre. Wir konnten darauf nur sagen "Klar Jay, das sind ja auch unsere Wurzeln".

Lieber spät als nie!

Kim: Das haben wir ihm auch gesagt. Jays Background ist ziemlich verrückt. Was mich betrifft, hat das Bill richtig zusammengefasst: JAWBOX war meine erste Band und die anderen konnten alle wesentlich besser spielen. Da ich mit so exzellenten Musikern zusammenspielen durfte, bin ich immer besser geworden, and now I kick your ass!

Was mich bei eurer ersten Platte "Grippe" gewundert hat, war, daß sie so rockig war. Für Dischord-Verhältnisse erschien mir das sehr ungewöhnlich.

Kim: Für mich war "Banging The Drum" von SCREAM die erste Rockplatte auf Dischord. Oder auch SHUDDER TO THINK. Aber "Grippe" ist sicherlich kein besonders punkiges Album. Ich war auch nie daran interessiert, typischen Hardcore zu machen.

Bill: Als ich die ersten Demos hörte, die Adam [Wade, Schlagzeuger auf "Grippe" und "Novelty"] mir geschickt hatte, war ich sehr überrascht. Zu dieser Zeit interessierte ich mich ziemlich für Hardcore. "Twister" war z.B. ein Hardcoresong, aber die meisten anderen Songs waren so langsam. Die erste Platte hat mehr mit Rock zu tun, als dem, was man normalerweise von einer neuen Dischord-Band erwarten würde.

Ich glaube sogar, daß man bei JAWBOX eine völlig entgegengesetzte Entwicklung feststellen kann. Eure Platten werden eigentlich immer härter und dynamischer.

Kim: Komischerweise meinen die meisten Leute, daß wir immer poppiger werden. Ich finde es gut, wenn Leute völlig unterschiedliche Meinungen zu unserer Platte haben. Das ist das schöne an Musik, alles ist so subjektiv.

Bill: Wir versuchen bei jeder Platte sowohl die Härten als auch die melodischen Aspekte besser hervorzuheben. Ich denke, die neue Platte ist von der Qualität der Produktion her sehr klar geworden und hebt am besten diese Koexistenz und die Unterschiede unseres Sounds hervor.

Kim: Ich glaube, sie ist wesentlich dynamischer und emotionaler geworden, weil wir sie fast live ohne Overdubs eingespielt haben. Wir waren richtig in den Songs drin, weil wir sie schon vorher auf einer Tour mit JAWBREAKER live gespielt hatten und gut mit ihnen vertraut waren. Alles paßte auf eine sehr leidenschaftliche Art zusammen, die ich vorher noch nie gespürt habe.

Ihr habt bisher alle Platten mit unterschiedlichen Produzenten aufgenommen: Eli Janney, Ian Burgess, Ian MacKaye, Ted Niceley, John Agnello. Wie wichtig sind die denn für den JAWBOX-Sound?

Bill: Eigentlich sollte Ted auch die neue Platte aufnehmen, und die Änderungen bei der Produktion wollten wir mit ihm zusammen machen. Wir mußten die Aufnahmen aber verschieben, weshalb Ted während des neuen Termins schon GIRLS VS. BOYS produzierte. Er sagte, es täte ihm leid, und ob wir nicht unseren Termin verschieben könnten, wozu wir keine Lust hatten. Deshalb kamen wir auf John, der schon bei "For Your Own ..." mitarbeiten sollte, aber damals konnten wir uns keine zwei Produzenten leisten. Von den Leuten, mit denen wir bisher zusammengearbeitet haben, war es mit John am angenehmsten. Ian MacKaye war auch sehr gut, aber der zählt nicht richtig, weil es nur eine 7" war, die an einem Tag aufgenommen wurde.

Kim: Dieses Mal hätten wir es auch ohne Produzent versuchen können, da wir im letzten Jahr ein 8-Spur-Studio für Übungszwecke installiert haben und Bill und Jay auch schon andere Bands produziert haben. Aber wir sind alle sehr starke Persönlichkeiten,weshalb es besser für uns ist, mit einem Außenstehenden zu arbeiten. Wir würden ansonsten nur herumstreiten und uns nicht auf die Musik konzentrieren. Manche Leute brauchen einen Produzenten, um ihre Songs fertig zu kriegen oder aus dem Bett zu kommen, aber wir brauchen keinen Babysitter, sondern jemanden, der mit unserer Musik vertraut ist.

War es eigentlich nötig, Tori Amos zu covern?

Bill: Tori ist eine sehr interessante Person, die in den Staaten sehr viele Platten verkauft. Jeder spricht und schreibt über sie. - selbst die, die ihre Musik hassen. Sie tut etwas, was für Popmusik sehr ungewöhnlich ist. Sie hat andere Qualitäten, manche nennen es "elf rock". Dieser Song von ihr ist irgendwie in meinem Kopf hängengeblieben, da er sehr unheimlich ist. Ich fand seine Strukturen sehr interessant und dachte, daß es spannend sein könnte, damit etwas anderes zu versuchen. Die anderen haben erst darüber gelacht, aber dann ergab sich sehr schnell etwas und wir nahmen den Song in einem Durchgang auf. Er sollte erst auf der B-Seite einer japanischen 7" landen, die aber nie erschien. Deshalb kam er auf die neue Platte. Wir wußten aber nicht, daß "Cornflake Girl" ein so großer Hit in Europa war, weshalb uns bisher jeder darauf angesprochen hat.

Ich habe eigentlich hauptsächlich gefragt, weil ihr bisher immer sehr seltsame Coverversionen hattet.

Kim: Ja, JOY DIVISION, BUZZCOCKS, R.E.M., TAR, THE CURE, Frank Sinatra, BIG BOYS. Es macht einfach Spaß, die Songs anderer Leute in Besitz zu nehmen. Es befriedigt einen, Songs zu spielen mit denen man aufgewachsen ist und mit denen man vertraut ist. Wir spielen die Songs meistens nur auf einer Tour, denn warum sollen wir auch sieben Jahre später einen JOY DIVISION-Song spielen, den wir nicht geschrieben haben.

Thomas Kerpen

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #24 (III 1996)

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