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Interviews & Artikel

JETS TO BRAZIL

Meiner bescheidenen Meinung nach war "Orange Rhyming Dictionary" von JETS TO BRAZIL eine der besten Platten, die ´99 veröffentlicht wurden. JETS TO BRAZIL, das sind Blake Schwarzenbach (Gitarre, Gesang; ex-JAWBREAKER), Jeremy Chatelain (Bass; ex-HANDSOME) und Chris Daly (Drums; ex-TEXAS IS THE REASON). Vor zwei Jahren schlossen sie sich in Brooklyn, NY zur "Supergroup" zusammen, warfen all das, was ihre alten Bands ausgemacht hatte, in einen Topf, und verliessen die Easley Studios in Memphis im August ´98 nach nur zwei Wochen mit einem von J Robbins (ex-JAWBOX) produzierten Ausnahme-Album. Punk, Pop, Gitarrenrock und, nun ja, "Emo", wurden hier zu einem dichten, intensiven Ganzen verwoben, und auch live konnte die mit dem Zugang von Brian Maryansky (Gitarre; ex-THE VAN PELT) zu einem Quartett angewachsene Band völlig begeistern. Wir befragten JETS TO BRAZIL nach ihrem Auftritt im Kölner "Underground".

Blake, ihr kommt aus New York City - würdest du bitte eben erklären, was du für ein T-Shirt trägst?


Blake:
"Eines, auf dem steht "I don´t love New York City"."

Warum bist du dann nicht in San Francisco geblieben?


Blake: "Weil ich San Francisco noch mehr nicht liebe. Ausserdem hatte ich mir für unsere letzte US-Tour vorgenommen, es mir mit so vielen Leuten in so vielen Städten wie möglich zu verderben."

Brian, du bist "neu" in der Band bzw. warst bei den Aufnahmen zum Album noch nicht dabei.

Brian: "Ja, aber ich bin schon seit September ´98 dabei, seit der ersten US-Tour."

Und somit bei der ersten Euro-Tour nicht dabei.

Blake: "Nein, die war im Sommer ´98, als wir mit THE PROMISE RING drei Wochen unterwegs waren. Das war übrigens das erste Mal, dass ich gerne in Deutschland auf Tour war. Mit JAWBREAKER war ich ja vorher schon hier, aber das war immer eher unangenehm. Aber mit JETS TO BRAZIL spielten wir die besten Konzerte dieser Tour letztes Jahr sogar in Deutschland."

Unglücklicherweise wart ihr nicht bis zum Schluss dabei, und so verpasste ich euch...

Blake: "Ja, sorry, aber wir mussten in die USA zurück, um das Album aufzunehmen."

Chris: "Für uns war die Europatour damals so eine Art Generalprobe, ob wir überhaupt als Band funktionieren, untereinander klarkommen, live harmonieren und um die Songs zu üben. Davor hatten wir erst ein paar Shows gespielt."

Das hat sich wohl mittlerweile geändert. Wie mir Tim von eurem Label Jade Tree erzählte, entwickelte sich euer Album zum bestverkauften auf Jade Tree, und live seid ihr wohl seit Monaten im Dauerstress.

Blake: "Naja, so schlimm war das nicht, wir waren immerhin fast den ganzen Sommer zuhause, um Songs für das neue Album zu schreiben, aber davor und danach spielten wir sehr viel."

Nun ist bekannt, dass das ständige Touren wohl mit ein Grund für den Split von JAWBREAKER war: du hattest keine Lust mehr darauf. Und jetzt?

Blake: "Sagen wir so: wenn du in einer Band bist und ständig auf Tour, würde es mich wundern, wenn das irgend wen nicht nach einer Weile nervt. Man hat schliesslich noch ein "normales" Leben zuhause. Ich wollte auch einfach was Neues anfangen, ganz ohne "Ballast" aus der Vergangenheit. Sowieso war der Ausgangspunkt dieser Band der Versuch von drei "Ex-Mitgliedern", wieder mit anderen Musik zu machen und Spass zu haben."

Habt ihr ein Problem damit, in Interviews über eure alten Bands zu sprechen?

Brian:
"Nein, das ist schon okay, und so viel werden wir danach gar nicht gefragt. Wobei im Falle von THE VAN PELT da schon ein Interesse besteht, denn wir machten aus der Band damals ein grosses Geheimnis, weil wir nicht zu viel von uns preisgeben wollten. Wir lösten die Band dann auf, verschwanden, und plötzlich tauchte ich bei dieser Band wieder auf. Wenn jetzt jemand Fragen hat, soll er fragen, das ist schon okay, aber es gibt auch eine Grenze, wo ich nichts mehr sagen will."

THE VAN PELT, HANDSOME, TEXAS IS THE REASON, JAWBREAKER: alle vier Bands waren sehr gut in ihrem Genre, lösten sich aber trotzdem auf. So ein Split bringt es oft mit sich, dass die Ex-Mitglieder erstmal demotiviert sind, doch in eurem Fall ging´s gleich weiter, und erstaunlicherweise seid ihr mit der neuen Band erfolgreicher als mit den Vorläufern.


Chris:
"Naja, zuerst war es auch so bei uns. Wir waren mies drauf und wollten nie wieder Musik machen. Aber mit der Zeit gab sich das dann wieder, und wir lernten uns zu einem Zeitpunkt kennen, wo wir uns gegenseitig motivierten. Wir hatten die gleichen Vorstellungen, was wir machen wollten, nachdem jeder für sich entschieden hatte, doch wieder Musik zu machen."

Irgendwie ist es ja so, dass eure neue Band so "stark" ist, dass man gar nicht so das Bedürfnis hat, viel über eure alten Bands zu reden.

Blake: "Hm, ja, das ist nett, dass du das so sagst. Mir wäre es auch gar nicht recht, wenn Leute nur deshalb zu unseren Konzerten kommen, weil sie die Vorgängerbands gut fanden."

Brian: "Diesen Punkt haben wir längst überschritten, ja, und das schönste an JETS TO BRAZIL ist, dass wir keinen Beschränkungen unterworfen waren und sind. Wir können experimentieren, ausprobieren, was immer wir wollen, es gibt keine selbst oder von anderen auferlegten Beschränkungen."

Trotzdem: Ihr seid auf Jade Tree Records, und heute abend wurde die ganze Veranstaltung - unter anderem spielten hier JOSHUA, METROSCHIFTER und EUPHONE - unter dem Oberbegriff "Emo" geführt. Wie steht ihr dazu?

Chris:
"Ich weiss nicht, was ich dazu sagen soll. Sowas passiert eben, und das hat, glaube ich, weniger mit dem Label zu tun, sondern eher was mit unseren früheren Bands."

Brian: "Es ist wohl einfach so, dass Bands gerne in bestimmte Kategorien eingeordnet werden. Es gibt einfach so viele Bands, dass es gar nicht möglich ist, jede für sich stehen zu lassen."

Chris: "Dabei halte ich es für ziemlich seltsam, wenn jemand Jade Tree als "Emo-Label" bezeichnet. Die einzige Band, die wirklich "emo" ist, ist PROMISE RING. Auf KID DYNAMITE, JOAN OF ARC oder EUPHONE trifft das doch gar nicht zu."

Blake: "Ich finde, es ist auch ganz offensichtlich, dass unsere Band keine Emo-Band ist, wenn uns jemand mal hört. Diese ganzen Klischees treffen auf uns nicht zu, wenn ich uns mal mit Bands vergleiche, die sich selbst als Emo-Band bezeichnen."

Und sowieso ist Musik ja immer emotional.

Chris: "SLAYER sind sehr emotional, aber nicht gerade eine "Emo"-Band..."

Blake: "Für mich ist das alles eine Frage der Authentizität der Emotionen. Die Frage ist, ob du an die Person glaubst, die da auf der Bühne steht: "Verarschst du mich da oben oder machst du das aus Leidenschaft?" Und das hat nichts mit einer bestimmten Stilrichtung zu tun, das ist universell: Are you fucking with me or are you playing real music that you´re into?"

Blake, was ist das für eine Katze, deren Foto du auf deine Gitarre geklebt hast?

Blake: "Das ist Chinatown, meine Katze. Ich hatte das Foto mal bei der Probe dabei, um es Brian zu zeigen, und irgendwie fand es dann seinen Weg auf meine Gitarre. Chinatown ist aber zuhause in New York geblieben."

Hoffentlich nicht in Chinatown...


Blake:
"Hoffentlich nicht in Chinatown, sondern in Brooklyn, wo alle guten Katzen sein sollten."

Ihr habt einen neuen Song mit dem deutschen Titel "Milch und Äpfel" gespielt. Wie kommt´s?

Brian:
"Wir haben den Titel für die Tour geändert, auf Anregung unseres Fahrers."

Was hat´s mit "Conrad" vom aktuellen Album auf sich? Uschi meinte, dass der Song mit diesem Keyboard sie total an NEW ORDER erinnert. Und im Info zu dieser Platte wird New Wave als Einfluss genannt...

Blake: "Naja, der New Wave-Vergleich stammt nicht von mir, aber egal. Aber abgesehen davon bin ich ein grosser Fan von vielen New Wave-Bands, besonders aber von NEW ORDER. Von daher ist die Ähnlichkeit also nicht von der Hand zu weisen."

Welche anderen Bands haben auf euch Einfluss ausgeübt, in welcher Weise auch immer?

Blake: "Generell gesagt sind es zu viele, um sie aufzuzählen, aber um mal ein paar "Extreme" zu nennen, wären da FUGAZI oder RADIOHEAD zu nennen, Bands, die dein komplettes musikalisches Weltbild sprengen, die dich immer wieder neu in Aufregung versetzen können, weil sie sich ständig verändern."

In einem eurer Songs, in "Lemon Yellow Black", taucht die Zeile "Don´t be so German" auf - was hat´sdamit auf sich?

Blake: "Ich wusste, dass mich jemand darauf ansprechen wird... Also gut: dieser Songs wurde von einer Albert Camus-Biographie inspiriert, und es ging da auch um sein Verhältnis zur Résistance, der Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzung. "Don´t be so German" liesse sich in diesem Fall also ganz frei mit "Gib den Besatzern nicht nach" übersetzen. Frage jetzt bitte nicht nach einer tieferen Bedeutung, denn ich schreibe meine Texte immer sehr offen und frei."

Das ist sowieso eine Qualität eures Albums: es ist musikalisch und textlich sehr "offen", bietet sehr viel Raum für Interpretationen und lässt sich immer wieder neu entdecken.


Blake: "Oh, danke, das ist doch schön. Für mich machen viele unserer Songs oft erst im Nachhinein Sinn, wenn sie geschrieben und aufgenommen sind, denn der eigentliche Schaffensprozess ist meist sehr anstrengend. Der Sinn, die Logik, erschliesst sich auch mir oft erst später."

Wer schreibt denn die Texte, wer die Musik?

Blake:
"Die Musik schreiben wir alle zusammen, wobei ich es oft bin, der mit der Grundidee ankommt."

Brian: "Blake hat immer schon die Texte, was ein guter Ansatzpunkt ist. Dann kommen ein paar Akkorde, eine Melodie, und ein Song entsteht. Es macht Spass, so zu arbeiten, und wir harmonieren als Band sehr gut."

Ich war ja erstaunt, dass du tatsächlich das Keyboard mit auf Tour gebracht hast. Es ist ja oft so, dass Bands im Studio mit einem Synthie arbeiten, ihn aber live nicht einsetzen.

Blake: "Stimmt, aber das Keyboard gehört zu uns. Ich wollte keine dieser Bands sein, die ein Keyboard nur im Studio benutzt, aber sich nicht traut, es auch auf eine Bühne zu stellen. Anfangs wurden wir belächelt wegen dieses kitschigen Achtzigerjahre-Keyboards, aber das ist Bullshit, ich liebe mein Keyboard und habe im letzten Jahr auch stark an meinem Klavierspiel gearbeitet. Und so sind wir jetzt mit diesem Riesenkasten auf Tour, der verdammt unhandlich ist."

Ich habe gelesen, dass viele der Songs bereits von dir alleine zuhause geschrieben wurden, bevor die Band existierte, und ich denke mal, dass da das Keyboard auch eine Rolle spielte.


Blake: "Ja, stimmt. Ich habe die Songs zum Teil am Keyboard geschrieben, von daher gehört es einfach zu JETS TO BRAZIL."

Blake, mir fiel eben auf, dass du mit geschlossenen Augen singst.

Blake: "Ja, stimmt. Wenn ich die Augen öffne, starre ich die Leute an und vergesse meine Texte. Nur manchmal, wenn ein Konzert sehr gut läuft, kann ich die Augen öffnen."

Brian: "Mir geht das ähnlich. Ich habe vorhin erst beim letzten Song die Augen geöffnet und ins Publikum geschaut. Oder ich starre auf den Boden. Ich kann mich sonst einfach nicht auf das Spielen konzentrieren."

Blake: "Ganz schlimm ist auch, wenn ständig Leute vor und auf der Bühne rumlaufen. Das bringt mich völlig schlecht drauf. Andererseits sind hübsche Frauen direkt vor der Bühne zwar inspirierend, aber auch irritierend."

Du hast vorhin ein neues Album erwähnt.


Blake: "Ja, wir haben schon ´ne Menge neuer Songs und werden im März ins Studio gehen - auch wieder mit J. Robbins als Produzent, nur diesmal in den Inner Ear Studios in Washington. Erscheinen wird das Album dann Ende des Sommers, aber vielleicht kommt vorher noch eine Single."

Ist es für euch denn wichtig, mit einem bestimmten Produzenten zu arbeiten?

Blake: "Hm, da habe ich noch nie so richtig darüber nachgedacht. Er ist ein Freund, und ja, wohl auch unser Produzent. Er ist für uns beinahe wie ein Bandmitglied. Bei Produzent denke ich eher an jemanden, der dir erzählen will, was du wie spielen sollst. Bei J. ist das anders, er hat immer sehr gute Ideen und hilft uns sehr, er ist sehr engagiert bei der Sache. J. und ich kennen uns schon seit Jahren, und auch Chris hat auch schon mit ihm aufgenommen. Er passt einfach zu uns."

Fragen nach dem Bandname mag ich ja eigentlich nicht, trotzdem bin ich neugierig, was hinter JETS TO BRAZIL steckt...

Blake:
"Okay, auf die Gefahr hin, dass dich die Banalität der Antwort enttäuscht. Chris kam mit dem Namen an, und er stammt von einem Poster, das man im Film "Breakfast at Tiffany´s" sieht. Audrey Hepburn plant ihre Flucht aus New York City, geht in ein Reisebüro, und da sieht man im Hintergrund ein Poster, auf dem steht "Jets to Brazil"." Das ist alles."

Und was ist ein "Orange Rhyming Dictionary"?

Blake:
"Das kann ich nicht erklären, glaube ich, denn das versteht eigentlich nur jemand, dessen Muttersprache Englisch ist, und selbst in Amerika versteht das kaum jemand. Aber, na gut, ich versuche es mal: Es hat was mit Grammatik zu tun, mit einer Regel, und die besagt, dass es im Englischen kein Wort gibt, dass sich auf "Orange" reimt. Naja, und von da aus musst du jetzt selbst mit dem Albumtitel klar kommen. Das hat keinen tieferen Sinn, es ist halt ein nettes, kleines Wortspiel."

Danke für die Aufklärung.

Joachim Hiller

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #38 (März/April/Mai 2000)

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