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Interviews & Artikel

KASSIERER

Kunst und Kultur

Es soll ja Menschen ausserhalb des Ruhrgebietes geben, die nicht so ganz nachvollziehen können bzw. wollen, was zwischen Duisburg und Dortmund so abgeht und wie sonst ganz normale, vernünftige und friedliche Liebhaber guter Musik eine Band wie die KASSIERER abfeiern können - von den LOKALMATADOREN und EISENPIMMEL ganz zu schweigen ... "Musik für beide Ohren" heisst das neue Album des Quartetts aus Wölfi, Volker Kampfgarten, Mitch Maestro und Nicolai Sonnenscheisse, und Wölfi sowie Nico standen mir unlängst in der heimlichen KASSIERER-Zentrale, dem Plattenladen "Dirty Faces" unweit des Bochumer Hauptbahnhofes, Rede und Antwort

Sonst geht´s euch gut?

Nico:
"Bestens!"

Wölfi: "Bestens!"

Was für Probleme muss man haben, um bei den KASSIERERN tätig zu werden?

Wölfi:
"Ich denke, dass eigentlich das Losgelöstsein von allem Irdischen die Voraussetzung dafür ist, um derartige künstlerische Grosstaten zu vollbringen wie für die KASSIERER zu spielen. Das bedeutet, dass insbesondere finanzielle Unabhängigkeit, Gesundheit und geistiges Wohlbefinden unmittelbare Voraussetzungen sind, um diesen gelebten oder gesungenen gotischen Dom entstehen zu lassen. Insofern ist die Voraussetzung zum Musizieren, dass wir keine Probleme haben."

Kann ich dem entnehmen, dass viele der Themen, die ihr in euren Texten behandelt, gar nicht aus dem realen Leben der Akteure gegriffen sind?

Wölfi:
"Richtig, das haben wir zum Grossteil von den normalen Menschen über das Hörensagen oder Sagenhören adaptiert."

Nico: "Wir sind derzeit auch noch dabei, das alles noch weiter zu vereinfachen. Wolfgang arbeitet an einem Computerprogramm, das nach dem Eingeben einfacher Begriffe vollständige KASSIERER-Texte ausgibt."

Wölfi: "In seiner endgültigen Ausbaustufe soll die Software sogar in der Lage sein, sich die Begriffe selbst aus dem Internet zu laden und wir wären dann auch noch von unserer grössten Last befreit, nämlich der, Texte zu schreiben."

Wenn ich nun auf die textlichen Schwerpunkte eingehen darf, so ist zu konstatieren, dass sich da so manches auf orale, anale und vaginale Themen konzentriert.

Wölfi:
"Findest du? Ich denke gar nicht, dass wir bestimmten Schwerpunkten nachgehen, sondern vielmehr, dass wir eben das Leben so vertonen, wie wir es vom Hörensagen oder Sagenhören kennen. Klar, es gibt auch ein paar Ficktexte, aber die haben wir nur, um die Platte auch zu verkaufen. Unser "wahrer" Inhalt liegt in den anderen Texten, und wenn man es mal statistisch erfasst, wird der Anteil der Ficktexte bei uns 95% bei einer LP respektive CD nie überschreiten."

Ich denke, mit den 5% "anderen" Texten ist der kulturelle Wert dann auch gesichert.

Wölfi:
"Natürlich, die klassische 5%-Hürde eben."

Gab es denn schon Reaktionen zum neuen Album? Ich denke da besonders an einen Herren namens Thomas Wenner, bei dem es sich wohl um den Bochumer Polizeipräsidenten handelt.

Wölfi:
"Richtig, das ist der Bochumer Polizeipräsident. Und der wird in diesem Lied ausgiebig gelobt. Ich denke, dass gerade diese lobende Auseinandersetzung mit der Staatsmacht ein Zeichen setzen kann."

Nico: "Wir wollten mit dieser Platte einfach mal konstruktiv unsere Stimme erheben."

Wölfi: "Ich möchte bei dieser Gelegenheit nochmal zum Anfang unserer Interviews zurückkehren: Das künstlerische Schaffen bedingt, dass man von allen irdischen Dingen losgelöst lebt. Und dazu wiederum trägt Thomas Wenner einen grossen Teil bei. Man muss nämlich in Bochum keine Angst haben auf die Strasse zu gehen, man muss keine Angst haben vor Schlägereien, Überfällen etc., denn Thomas Wenner sorgt mit seinen grün gekleideten Staffeln dafür, dass in Bochum wieder Freiheit herrscht. Freiheit, das bedeutet ja nicht nur Freiheit zu, sondern auch Freiheit von, von Dieben, Rowdys und sonstigem Gesindel. Das ist ja gerade dieser Freiheitsansatz, der von vielen falsch verstanden wird: da ist schnell die Rede davon, dass man sich vom Staat überwacht fühlt und so, aber das ist ja völliger Quatsch. Der Staat, der für die Sicherheit des Bürgers sorgt, sorgt damit auch für die Freiheit des Bürgers. Und somit mussten wir einfach dieses Loblied auf unseren Polizeipräsidenten Thomas Wenner anstimmen."

Mit einem rechtspopulistischen Ansinnen eurerseits hat man es also keinesfalls zu tun?

Wölfi:
"Nein, ich bitte dich! Das wäre ja schon Protest!"

Nico: "Darüberhinaus wollten wir ja auch auf das aussergewöhnlich gute Aussehen von Herrn Wenner hinweisen."

Wölfi: "Richtig, denn bei einem Polizeipräsidenten ist ja nicht nur wichtig, dass es für Sicherheit sorgt, sondern auch, dass er schön aussieht und Ausstrahlung und Charisma hat."

Wolfgang, dich verbindet mit diesem Herren ja schon seit langem eine innige Beziehung. So weit ich weiss, gibt es hier in Bochum öffentliche Plätze, auf denen Angehörige gewisser sozialer Gruppen nicht so gerne gesehen sind.

Wölfi:
"Sagen wir es so: ich hatte in der Vergangenheit einen Briefwechsel mit Herrn Wenner, um den mich sicher einige beneiden werden. Es gab da dieses Vorkommnis, dass ich hier in Bochum anlässlich eines so genannten "Punktreffens" einen Platzverweis bekam, der dann aber im Rahmen eines verwaltungsgerichtlichen Verfahrens zurückgenommen wurde, ja es wurde sogar festgestellt, dass ich mich bei allen zukünftigen "Punktreffen" - die seitdem in Bochum nicht mehr stattgefunden haben - aufhalten darf, es sei denn, dass ich "besoffen herumsitze und herumliege sowie gröle"."

Ach was! Hast du das denn jemals gemacht?

Wölfi:
"Nein, aber das hat die Polizei von mir behauptet. Das heisst, natürlich sitze und liege ich oft besoffen herum und gröle, aber eben an diesem speziellen Tag nicht, an dem dieses "Punktreffen" war und mir dieser Platzverweis erteilt wurde, da war ich nüchtern. Der Verwaltungsrichter meinte, bevor die Polizei und ich für unsere Position jeweils Unmengen Zeugen beibringen und wir ein langes Verfahren führen, sollten wir lieber einen Vergleich schliessen. Und der sagt eben aus, dass ich mich auf Punktreffen aufhalten darf, so lange ich nicht besoffen herumsitze oder -liege und gröle."

Damit ist sicherlich kein Konzert von euch gemeint, oder? Denn ein derartiges Verhalten kenne ich von dir eigentlich nur im Rahmen eurer Performance, die man auch als "Konzert" bezeichnen könnte.

Wölfi:
"Ja, aber das ist ja laut Gesetz keine öffentliche Versammlung, denn sowas findet unter freiem Himmel statt. Bei einem bedachten Konzert, bedacht natürlich nicht im Sinne von überlegt, sondern in dem Sinn, dass da ein Dach drüber ist, kann ich dann schon besoffen herumsitzen und -liegen sowie grölen - ein Privileg, von dem ich immer wieder gerne und ausführlich Gebrauch mache."

Was für Worte reimen sich eigentlich auf Wenner? Mir fallen da gar keine ein.

Nico:
"Beispielsweise Penner."

Wölfi: "Aber dieses Wort kommt in unserem Text ja gar nicht vor. Wir haben in diesem Lied den neumodischen Ansatz des Selbstreims angewandt, dass sich also Wenner auf Wenner reimt. Ich singe ja "Thomas Wenner Wenner Wenner Wenner Wenner". Musiktheoretisch kann ich das aber nicht erklären, denn wenn ich von Musik Ahnung hätte, wäre ich nicht in dieser Band. Aber damit sind wir schon bei einer Grundüberlegung, die ich seit langem verfolge. Ich meine, dass jeder das tun muss, wovon er Ahnung hat, ein ganz konservatives "Schuster bleib bei deinem Leisten" also. Ich finde, dass man die Musik den Musikern überlassen sollte, und so kann ich als Sänger auch nicht sagen, dass das, was die KASSIERER machen, Musik ist."

Nico, was sagst du dazu?

Nico:
"Tut mir leid, dazu kann ich auch nichts sagen. Dazu ist nur Volker befugt, unser grosser Musiktheoretiker."

Ich sehe hier gerade einen SPD-Kugelschreiber liegen...

Wölfi:
"Der gehört nicht mir, sondern Jeschke von Dirty Faces!"

Ach so, aber trotzdem ist das eine gute Überleitung zur Frage nach dem Hintergrund des Liedes "Das Skelett von Willy Brantt". Äh, seid ihr zu feige, den Namen korrekt zu schreiben?

Wölfi:
"Sagen wir so: Bei Frau Seebacher-Brandt, der Witwe des ehemaligen Bundeskanzlers, der eine zufällige Namensgleichheit mit dem von uns besungenen Herrn Brantt aufweist, soll es sich um eine der prozessfreudigsten Frauen der Welt handeln..."

Es gibt Stimmen, die behaupten, mit dem neuen Album würden sich die KASSIERER wiederholen.

Wölfi:
"Anfangs habe ich die Musiker ja gewarnt, wieder ´ne CD zu machen, denn die werde wieder rund, komme wieder in ´ne eckige Packung, aber die haben meine Einwände abgeschmettert."

Du willst also sagen, der Vorwurf sei ungerechtfertigt.

Wölfi:
"Ja, denn der wirkliche Streit in der Punkmusik geht ja nicht darum, neue Themen zu finden, sondern die immer gleichen Themen in immer einfacherer, schlichterer Form auszudrücken. Nehmen wir einfach mal dieses gute, aber komplizierte Lied "Kein Geld für Bier", das wir früher immer gecovert haben: das ist alles noch viel zu kompliziert. Nein, da sind wir mit der neuen Platte ein gutes Stück weiter und "Besoffen sein" stellt da doch einen erheblichen Fortschritt bei der Simplifizierung dar. Mich stört eigentlich nur noch dieses Wort "Warzenschwein" im Refrain, aber sonst ist die Simplifizierung doch sehr geglückt. Ich denke, der wahre Wettstreit in der Punkszene besteht in der immer weiteren Simplifizierung der immer gleichen Themen - wie Ficken und Besoffensein."

Und wie würdest du eure Leistung in dieser Hinsicht auf einer Skala von eins bis zehn bewerten?

Wölfi:
"Ich würde sagen, sie lässt sich, ähnlich wie bei der Richter-Skala, nur auf einer nach oben hin offenen Skala bewerten. Wobei ich dazu anmerken muss, dass mir aufgefallen ist, dass bis vor ein paar Jahren in den Nachrichten bei jedem Erdbeben die Standardfloskel lautete "Dieses Erdbeben erreichte die Stärke soundso auf der nach oben offenen Richterskala". Vor drei Jahren haben sie dann diesen Zusatz "nach oben offen" weggelassen. Da musst du mal drauf achten, und bei diesen Erdbeben neulich konnte man das noch kontrollieren. Ich war weniger erschrocken über die vielen Toten als darüber, dass dieses "nach oben offen" abhanden gekommen ist."

Tja, da sollte man mal die Fachleute dazu befragen.

Wölfi:
"Oder den Herrn Richter. Aber ich glaube, ich habe jetzt ganz gut von einer Antwort auf deine Frage abgelenkt."

Äh, stimmt.

Nico:
"Dann mache ich das jetzt. Ich finde, die neue Platte ist wirklich hervorragend gelungen. Wir haben in einer eindrucksvollen Weise unsere bisherigen Werke übertroffen."

Ah ja. Dann werden ja wohl auch die Reaktionen auf eure bisherigen Platten diesmal noch übertroffen werden. Und dazu fällt mir vor allem die Reaktion der BJP, der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ein, die ja versucht hatte, euer letztes Album zu indizieren.

Wölfi:
"Ich denke, die sollen ruhig mal machen. Die ganzen Aktionen gingen ja nicht von denen aus, sondern von diversen Jugendämtern. Ich sehe der Entwicklung diesmal gelassen entgegen, weil eine Indizierung zu einem Zeitpunkt, da drei Sachen nicht indiziert worden sind, sich überwiegend verkaufsfördernd auswirken dürfte."

Kannst du kurz mal zusammenfassen, was genau bei der letzten Platte vorgefallen ist?

Wölfi:
"Es gab einen Antrag des Jugendamts Leipzig, die Platte "Habe Brille" zu indizieren. Dies sollte bei der BJP erst vor einem Gremium von drei Leuten behandelt werden, das für die "schnellen" Sachen zuständig ist, aber das wurde von uns abgewehrt, und so gab es eine Verhandlung vor dem zwölfköpfigen Gremium - bzw. dreizehnköpfig, wenn man die Vorsitzenden dazurechnet - und dort überraschten wir mit einem umfangreichen Gutachten eines Germanisten, was so überraschend kam, dass die BJP ihrerseits beschloss, ein Gutachten in Auftrag zu geben. Dabei handelte es sich um ein psychologisches Gutachten von einem Herrn Poppelreuter aus Bonn..."

Nico: "...eine sehr blasse Erscheinung..."

Wölfi: "...der zur Bewertung der Platte diese einer Ansammlung von drei Schülerinnen eines Mädchengymnasiums oder sowas vorgelegt hatte. Der kam zum Schluss, die Platte müsse indiziert werden. Von uns gab´s dazu dann ein Gegen-Gegengutachten, und danach löste sich die Sache in Wohlgefallen auf."

Nico: "Das Erstaunliche war, dass die BPJS bei der ersten Sitzung gesagt hatte, sie könne die Sache nicht beurteilen, da unser Gutachten sehr fundiert sei. Nach der Indizierungsempfehlung des Herrn Poppelreuter hat dann aber unser Gutachter dessen Gutachten völlig auseinandergenommen, da es wohl auch formale Mängel aufwies."

Wölfi: "Schon zuvor, in der Verhandlung, hatte der Poppelreuter seine Argumente aufgegeben, und als wir dann vor der BPJS unser Siegerfoto gemacht haben, schlich er sich mit eingekniffenem Schwanz zur Tür hinaus. Das war ein Bild für die Götter."

Wie kommt man an so ein Gutachten?

Wölfi:
"Sagen wir mal so: Man kennt einen, der kennt jemand, der sowas macht."

Nico: "Der Herr heisst Dr. Thomas Hecken, der ist an der Ruhruni hier in Bochum und beschäftigt sich schwerpunktmässig mit dem Thema Zensur. Es war ein glücklicher Zufall, dass wir den kennengelernt haben. Er war auch bei der Sitzung in Bonn anwesend, hat da sein Gutachten vorgestellt, eine halbe Stunde ganz komplizierte Sachen erzählt, die ich überhaupt nicht verstanden habe, und das war´s dann."

Wölfi: "Äh, ich hab´ da mal eine ganz andere Frage: Kannst du das Band mal anhalten, damit ich mir noch ein Bier holen kann?

Danke."

Kein Thema.

 

 

So, aufgetankt?

Wölfi:
"Ja, danke."

Nehmt ihr diese BJP-Sache ernst, oder war das für euch eher ein Spielchen à la "KASSIERER vs. Staatsmacht"?

Nico:
"Sagen wir so: Es ist gar nicht so schlimm indiziert zu werden. Man ist damit ja nicht verboten, sondern es bedeutet, dass die Platten Leuten unter 18 nicht zugänglich gemacht werden dürfen, und es ist durchaus nicht schlecht für den Verkauf."

Wie ist es denn mit dem Gefühl für die Wirkung der eigenen Texte? Ich denke, unter Punkern mögen eure Texte zwar deutlich sein, aber wenn man die Leuten vortragen soll, die die eigene Mutter sein könnten, wird das vielleicht etwas komisch.

Wölfi:
"Wir haben in der Tat vor der Verhandlung bei der BPJS mit unseren Onkeln und Tanten, Omas und Opas geübt. Wie dort üblich haben wir die gesamte Platte bei normaler Lautstärke abgespielt, über die Texte diskutiert, und nur dadurch kam unser Erfolg zustande. Nein, diese Geschichte war frei erfunden."

Nico: "Es stimmt aber, dass die Texte in diesem formalen Rahmen doppelt so hart wirken."

Wölfi: "Man kann so eine Aktion aber auch zum Anlass nehmen, um sich Anregungen für neue Lieder zu holen. Wenn unser Anwalt nämlich in der Verhandlung sagt, es gebe kein mehr tabuisiertes Thema als Sex im Alter, dann kann dabei eben ein Lied wie "Rudelfick im Altersheim" entstehen."

Sehr schön sind ja auch eure instrumentalen Nummern.

Wölfi:
"Oh ja! Es macht unglaublichen Spass, wenn ein Lied mit provokantem Titel dann gar keinen Text hat. Etwa "Die Scheide von Kristiane Backer": da kramen dann zwölf Rentner fieberhaft in ihren Unterlagen und suchen den Text, um ihn mitlesen zu können, aber finden natürlich nichts. Das bringt eine gewisse Heiterkeit in die Runde. Und das unterscheidet eine Verhandlung dort von einer vor Gericht: es kommt darauf an, die Leute zum Lachen zu bringen, und schon hat man 65 Pluspunkte, und ab 75 hat man gewonnen."

Nico: "Genau, denn dieses Zwölfergremium muss mit einer Zweidrittel-Mehrheit beschliessen, dass indiziert wird. Wenn du vier Leute auf deiner Seite hast, können sie nichts mehr machen."

Wenn auf euren Konzerten 17jährige picklige Lehrlinge eure Texte inbrünstig mitgrölen und eventuell den satirischen Charakter, in dem sie verfasst wurden, gar nicht so ganz erfassen, wie fühlt man sich da?

Wölfi:
"Das ist ja eine ganz grundsätzliche Frage: Ist ein Künstler für seine Rezeptionsgeschichte verantwortlich? War Wagner verantwortlich für Hitler?"

Äh...

Wölfi:
"Ich meine jedenfalls, dass unsere Platten als Ganzes gesehen auch für Fünfzehnjährige so viele Botschaften enthalten, dass dieses oder jenes nicht so ganz ernst gemeint ist. Da wird ja viel mit Übertreibung gearbeitet. So bringe ich in einem Text jemanden nicht um, sondern reisse ihm den Arm ab und haue ihm damit vor die Schnauze. Das ist ja rein technisch nicht möglich, und man muss nicht Metzgerlehrling sein, um einschätzen zu können, dass man Arme nicht so einfach abreissen kann. Ich denke also, dass selbst für unser junges Publikum auf niedrigem geistigem Niveau dürften doch Teile unserer Lieder nur ihre lustige Seite haben oder unverständlich und verschlossen bleiben."

Nico: "Ich denke, selbst der pickligste, dümmste sechzehnjährige Fleischerlehrling..."

Soso...

Nico:
"...merkt, dass bei den KASSIERERN doch noch ein bisschen was anderes dahintersteckt. Selbst wenn er es nicht versteht, so spürt er es doch irgendwie."

Wölfi: "Zumindest haben wir die Hoffnung. Andererseits, und das wurde uns auch bei der BPJS immer wieder gesagt: "Sie wissen gar nicht, wie dumm die Menschen sein können". Ich habe da auch ein Beispiel parat: Als in Bochum vor Jahren das Musical "Starlight Express" anlief, da war es unendlich schlecht besucht und ich hatte doch noch ein so optimistisches Menschenbild, dass ich dachte, das rechnet sich nie. Anfangs kam man da für 12,50 DM rein, weil´s keiner sehen wollte. Doch wenn ich sehe, wie die Leute da mittlerweile reinrennen, bin ich doch erschrocken, wie dumm die Menschen sind. Andererseits laufe ich manchmal da vor dem Theater rum um zu kontrollieren, ob die Leute, die dort hingehen, nicht zu unseren Konzerten kommen, was sich bislang auch bestätigt hat, und insofern habe ich dann durchaus noch Hoffnung."

Nico: "Im Falle unseres neuen Stücks "Besoffen sein" finde ich es aber auch durchaus gut, dass man eigentlich nicht weiss, wie´s gemeint ist. Einerseits..."

Wölfi: "Jetzt verrätst du es doch!"

Nico: "...gibt es bestimmt Leute, die es halbwegs ernst nehmen, wenn sie das mitgrölen, andererseits ist es aber auch die Parodie eines Saufliedes. Und so sprechen wir dann sowohl das simple wie das anspruchsvolle Publikum an."

Wölfi: "Ausserdem: Stell dir mal vor, jede künstlerische Darbietung würde sich an der dümmstvorstellbaren Person orientieren, das wäre ja der Niedergang von Kunst und Kultur schlechthin. Ist es nicht eher so, wie mal jemand gesagt hat, dessen Namen ich vergessen habe, dass es Aufgabe der Kultur ist... Also da stecken ja zwei Worte drin, nämlich Kult und Ur, und man muss eben den Menschen für den Kult urbar machen. Da steckt also der Begriff Urbarmachung drin, und wir sind vielleicht insofern auf einem ganz niedrigen Niveau mit unserem Schaffen, als wir eine Urbarmachung für die Kultur an sich betreiben. Und wenn irgend wer später mal meint, uns als Fan aufgeben zu müssen, wird er danach sicher Kant, Goethe und ähnliches lesen."

Zwischen "Habe Brille" und "Musik für beide Ohren" habt ihr diese Platte mit Interpretation von Liedern des Wiener Liedermachers Georg Kreisler gemacht. Was gab´s denn da für Reaktionen?

Nico:
"Überwiegend positive."

Wölfi: "Die Platte war ja mehr für die Presse gemacht... Wenn man die positiven Kritiken in Relation zur Verkaufszahl setzt, mus man das einfach so sagen. Aber wir haben die Platte auch mehr für uns selbst gemacht."

Nico: "Aber auch, um das Publikum zu überraschen."

Wölfi: "Mich wunderte ja sowieso, dass es nicht mehr Platten zu Kreislers 75. Geburtstag gab. Ausser uns war da nur noch die von Mario Adorf, die Kreisler aber selbst Scheisse fand."

Ich glaube, ich habe auf meine Frage von vorhin immer noch keine Antwort erhalten. Also: Es gibt Stimmen, die behaupten, mit dem neuen Album würden sich die KASSIERER wiederholen.

Wölfi: "Das ist so, als würde man einem Architekten folgende Vorhaltung machen: "Was soll das sein? Ihr neues Haus? Es ist doch wieder aus Stein und Beton"."

Nico: "Ausserdem hat die neue Platte so verschiedene Höhepunkte, etwa unser Hörspiel. Ich denke, wir sind einerseits unserem Stil treu geblieben, haben andererseits aber auch neue Akzente gesetzt. Was die Texte anbelangt, so war es schwer, "Habe Brille" noch zu toppen, klar."

Wölfi: "Anfangs hatte ich auch die Befürchtung, das neue Album könnte ein Selbstplagiat werden, aber ich denke, das ist sie meines Erachtens nicht geworden. Und ich habe auch den Eindruck, dass die Platte auch musikalisch sehr ausgereift ist, obwohl ich als Nichtmusiker davon zugegebenermassen keine Ahnung habe."

Wölfi, für das Cover bist wahrscheinlich du als am Computer versierter ausgebildeter Druckvorlagenhersteller verantwortlich.

Wölfi:
"Ja, richtig. Schau dir mal diese Verwirbelungen im Himmel über Berlin an auf dem Titelbild, das sieht schon sehr nach Van Gogh aus, und das passt ja wieder zum Titel."

Genau wie die nette Bildergeschichte im Booklet, in der es ums Ohrenabschneiden geht.

Wölfi:
"Genau. Und dann nimm dir mal ein Buch über Van Gogh und vergleiche die Bilder darin mit dem von mir auf der Rückseite der Platte..."

Wenn ich mich nicht irre, handelt es sich dabei um "Selbstbildnis mit verbundenem Ohr", entstanden im Januar 1889 in Arles.

Wölfi:
"Genau."

Apropos, warum hast du eigentlich diesen seltsamen Verband um den Kopf...?

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #37 (IV 1999)

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