CATARACT

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Wider das egoistische Dasein

CATARACT sind mit ihrer neuen CD in ihrem eigenen Reich angekommen. "Kingdom" begeistert mit elf kajalstiftfreien Wutbrocken sowie intelligenten, kritischen Texten und geht trotz des Verzichts auf angesagte Emo- oder Pop-Elemente deutlich schneller in die Ohren als ihre bisherigen Tonträger. Die metallische Schlagseite ist noch wuchtiger, doch bewahren sich die Schweizer nach wie vor ihre Hardcore-Kennzeichen - und scheuen sich trotz der Ernsthaftigkeit ihrer Aussagen im Studio nicht vor sehr eigenwilligen Auflockerungsmethoden, wie Gitarrist Simon Füllemann dem Ox zu Protokoll gab.


Simon, in Interviews vor dem Release des "Kingdom"-Vorgängers "With Triumph Comes Loss" war von einer gewissen Nervosität zu lesen, weil es eure erste CD für Metal Blade Records war. Wie kommentierst du heute den Labelwechsel?


Überaus positiv. Man ist immer nervös, wenn man sich in Gefilde vorwagt, in denen man sich nicht auskennt. Die Erfahrungen der letzten zweieinhalb Jahre sind durchaus als sehr positiv zu sehen, auch die zwei oder drei weniger coolen Erlebnisse haben sich positiv auf uns ausgewirkt. Wir haben daraus gelernt, sind heute nicht mehr nervös, sondern gespannt auf die weitere Entwicklung, sind überzeugt von dem, was wir machen - und die Vergangenheit hat gezeigt, dass wir es hauptsächlich richtig machen. Allgemein sind wir im Nachhinein noch froher über den Wechsel, weil er uns als Band und auch menschlich extrem vorangebracht hat. Selten konnten wir mit "neuen" Szenen und Menschen einen solch intensiven Austausch pflegen wie in den letzten zwei Jahren. Es ist spannend, vor Publikum zu spielen oder mit Leuten zu sprechen, die nicht den gleichen Background haben wie du. Es gibt viel mehr Reibungspunkte und man lernt mehr von anderen, als wenn man sich dauernd mit Leuten umgibt, die sowieso immer derselben Meinung sind wie du. Aber wir lieben die Welt, wo wir zu Hause sind und aus der wir kommen, nur unter dem Aspekt der Weiterentwicklung und Verbreitung dessen, was wir lieben, ist es wichtig, neue Wege zu gehen.

Obwohl ihr schon viele Jahre musiziert und demnach technisch sehr fit seid, arten eure Songs nie in Frickel-Arien aus, sondern kommen schnell auf den Punkt. Würdest du sagen, dass das Schreiben eines ohrwurmtauglichen Songs ohne Ballast schwieriger sein kann als die Komposition eines Tracks, in dessen Verlauf die Gitarristen möglichst viele Tonleitern rauf- und runterspielen? Müsst ihr euch manchmal sogar zurücknehmen, um die Songs nicht zu überlasten?

Ja, das ist richtig. Wir nehmen uns zum Teil zurück. Es ist auch richtig, dass es schwieriger ist, einen fokussierten Song zu schreiben, als 20 abstruse Riffs aneinander zu hängen. Wir hatten das in unseren Bands vor CATARACT gemacht, darum kann ich das so sagen. Mit CATARACT lernen alle in der Band jeden Tag neu, was es heißt, "Songs" zu schreiben - mit Chorus, Bridge, Strophe etc. Es ist von uns bewusst so gelenkt. Wir finden, dass sich heute zu viele Bands an Vorbildern orientieren und zu stark versuchen, noch besser als diese zu sein oder noch mehr von dem, was das Vorbild ausmacht, in ihre Songs zu packen. Das hat viel mit Identität zu tun. Die vermissen wir oft. Ich denke, wir haben diese.

Wie war Arbeit mit dem dänischen Produzenten Tue Madsen, der momentan nahezu jede wertige Metal-Veröffentlichung zu betreuen scheint?

Die Arbeit war dieses Mal noch intensiver und enger, und machte noch sehr viel mehr Spaß als beim letzten Mal, obwohl uns das fast nicht möglich erschien. Tue produzierte, stand uns bei und gab Tipps. Er nahm also nicht einfach nur die Songs auf, sondern trug auch zu ihrer Gestaltung bei. Dadurch, dass wir frühzeitig vor dem Studiotermin bereits die Möglichkeit hatten, mit ihm an den Songs zu arbeiten, geriet das Resultat umso spannender, variabler und besser. Anekdote? Hahaha, ja, es gibt sogar Fotos davon. Ihr solltet die "Spinal Tap"-Bandfotos sehen, hahahaha. Das war sehr lustig, Perücken im Studio machen es einfach amüsanter, das selbe Teil zum zwanzigsten Mal einzuspielen.

Auf deiner MySpace-Seite steht, dass du die Neigung hast, verschiedenste Aktivitäten gleichzeitig zu betreiben, dich aber manchmal lieber auf eine fokussieren würdest. Wieso fällt dies so schwer?

Interessant, dass das über das MySpace-Profil bekannt wurde, das ich wieder mal überarbeiten muss, denn dort steht seit circa zwei Jahren das Gleiche, hahahaha. Warum? Weil ich ein extrem vielseitiger Mensch bin und viele Interessen habe. Von sozialen über sportlichen bis hin zu extremen Dingen und abgefahrenen Sachen. Aber alles, was ich mache, tue ich hundertprozentig und lebe es. Das ist das Wichtigste. No gods, no masters.

Als "bestes Buch 2005" nennst du dort eine Mao-Tse-Tung-Biografie. Warum?

Es ist selten, dass man ein politisches Buch von einem Autor über die Geschichte seine Landes findet, die auch noch so unverblümt und ehrlich ist, dass der Autor bei der Veröffentlichung mit dem Tod rechnen muss. In diesem Fall wurde das Buch in China verboten. Da weiß man, dass es ein ehrliches, ungeschminktes Buch ist. Das macht es aus, das Buch des Jahres zu sein. Lyrik, Realität und Mut.