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Interviews & Artikel

CHURCH

A box of byrds

"Under the milky way" ist ein Lied, das jede Hausfrau mitsummen kann, ohne jemals einen weiteren Song von THE CHURCH gehört zu haben, geschweige denn deren Namen zu kennen - und zudem eines, das erst kürzlich von Rick Springfield fürchterlich verhunzt wurde (immerhin kommt auch der aus Australien). Seit 1980 existiert diese Institution australischer Gitarrenmusik nahezu in Originalbesetzung, mit Sänger und Bassist Steve Kilbey und den beiden Gitarristen Marty Willson-Piper und Peter Koppes. Nur die Schlagzeuger wechselten häufiger: nach Nick Ward (1980-1981) kam Richard Ploog (1981-1990) und schließlich Tim Powles, der auch auf der aktuellen Platte mitspielt. Ebenfalls konstant blieb der leicht wiedererkennbare Sound der Band, der geprägt wird vom an die BYRDS erinnernden Rickenbacker-Gitarrenspiel von Marty Willson-Piper und der auf dem 81er-Debüt "Of Skins And Heart" noch recht simpel gestrickt daher kam, nicht weit entfernt von unkonventionelleren Wave-Bands wie ECHO & THE BUNNYMEN anzusiedeln war und dort mit "The unguarded moment" bereits einen dieser unvergesslichen CHURCH-Hits enthielt. Gefolgt wurde diese Platte ein Jahr später von meiner persönlichen Lieblingsplatte "The Blurred Crusade", alleine schon wegen des epischen, achtminütigen "You took" und Hits wie "Almost with you" und "When you were mine".

Es dauerte dann bis 1988, dass der Band mit dem Album "Starfish", sicherlich eines ihrer besten, und der dazugehörigen Single "Under the milky way" der große Durchbruch beschieden war, was sie aber auch gleichzeitig in die Krise stürzte. In den 90ern war die Band zwar immer noch aktiv, wurde aber wohl hauptsächlich nur noch von echten Fans wahrgenommen, zumal nach "Sometime Anywhere" von 1994 THE CHURCH auch plötzlich ohne Label dastanden und inzwischen wie so viele ehemals wichtige 80er-Bands Independentstatus besaßen. Musikalisch aktiv waren alle Beteiligten in all der Zeit eigentlich immer, so existieren diverse Soloplatten von Kilbey, Willson-Piper und Koppes. Und während Kilbey, der ja auch mit dem Anfang des Jahres unerwartet verstorbenen Grant McLennan von den GO-BETWEENS als JACK FROST zwei Platten aufgenommen hat, inzwischen als Maler recht erfolgreich ist - seine Motive zieren auch die letzten CHURCH-Platten -, war Willson-Piper immer als Studio- und Live-Gitarrist aktiv, zum Beispiel bei ALL ABOUT EVE und zuletzt auf dem SAINTS-Album "Nothing Is Straight In My House". Und mit der neuen Platte "Uninvited, Like The Clouds", ebenso wie mit ihrer zuvor entstandenen, rein akustisch eingespielten Best-Of-Platte "El Momento Descuidado", dürften THE CHURCH auch die größten Zweifler davon überzeugt haben, dass mit ihnen immer noch zu rechnen ist, zumal sie während ihrer bisherigen Karriere sowieso nie wirklich schlechte Platten aufgenommen haben, auch wenn man bei ihnen inzwischen verstärkt den Einfluss von Prog- und Krautrock heraushören kann. Unter http://en.wikipedia.org/wiki/The_Church findet sich übrigens eine recht empfehlenswerte, umfassende Band-Biografie.

Nachdem ich eigentlich ja mit Willson-Piper reden sollte, habe ich nach einigen Umwegen dann doch Steve Kilbey am Hörer, ohne dessen tolle Stimme und markantes Songwriting THE CHURCH überhaupt nicht vorstellbar wären.


Hallo, Steve, eigentlich sollte ich ja mit Marty sprechen, aber der ist ja nun verhindert. Gibst du normalerweise gar keine Interviews mehr?


Doch, doch, aber ich sollte erst morgen mit den Interviews dran sein, wir teilen uns das auf. Außerdem spricht er auch ein wenig deutsch. Marty ist erstaunlich, er spricht französisch, er spricht deutsch, er spricht schwedisch und sehr gut spanisch. Und pass auf, wenn er flämisch redet. Aber du kannst mich natürlich alles fragen, was du ihn fragen wolltest.

Mir war bisher jedenfalls gar nicht bewusst, dass Marty zuerst in Liverpool gelebt hat, bevor er zu THE CHURCH stieß. Ich hatte euch bisher immer für echte Australier gehalten.

Ja, er ist in England geboren, wuchs in Liverpool und Manchester auf und lebte dann in London, bevor er nach Australien ging. Und ich wurde auch in England geboren. Aber meine Familie ging nach Australien, als ich drei war. Peters Mutter kommt aus Hamburg. Und die Eltern von Richard, unserem ersten Schlagzeuger, kommen aus Holland. Und unser momentaner Schlagzeuger Tim stammt aus Neuseeland, aber wurde auf Samoa geboren. Wir sind wirklich nicht sehr australisch.

Also ist es eine Form von Missverständnis, zu meinen, THE CHURCH würden einen irgendwie typisch australischen Sound machen?

Natürlich leben wir hier und Australien beeinflusst uns sicher, und unser neues Album ist sowieso unser bisher australischstes. Wenn du aber musikalisch etwas typisch Australisches suchst, würdest aber du nicht zu THE CHURCH greifen. Wir standen mit einem Bein eigentlich immer in Europa, was unser grundsätzliches musikalisches Feeling anging.

Aber wäre euer Sound nicht doch anders, wenn ihr zum Beispiel in den Staaten leben würdet?

Ich glaube, unser Sound wäre immer der gleiche, unabhängig davon, wo wir leben, weil wir immer Menschen mit großen Plattensammlungen waren, die es uns ermöglichten, uns vorzustellen, dass wir ganz woanders wären, etwa in einer anderen Zeit. Es spielte für mich nie eine Rolle, dass ich in Australien bin: Ich las den NME, hörte meine Platten und war dadurch in meinem Kopf in einer anderen Welt. Und als ich dann begann, Songs zu schreiben, war ich auch in meiner eigenen Welt, und es war eine Welt, die unabhängig von Australien, England oder Amerika funktionierte. Einflüsse davon kann man natürlich wiederfinden, aber das passierte alles auf einmal in meiner Welt, es war also im Prinzip nicht wirklich an einem bestimmten Ort. Das alles hat in einer verzerrten Weise Einfluss darauf. Wenn ich mir Europa anschaue, sehe ich es durch die Augen eines Fremden, die eines Australiers. Aber wenn ich mir Australien anschaue, sehe ich es durch die Augen eines Europäers. Mein Glück war immer, nicht nur mit einem Land verbunden zu sein, denn ich lebte auch eine Weile in Schweden und in Amerika. Und ich denke: Scheiß auf bestimmte Länder, ich bin ein Weltbürger, ich will nichts mit irgendwelchen patriotisch-nationalistischen Ideen zu tun haben. In meinen Songs geht es um andere Orte, wo so was keine Rolle spielt. Aber wie schon gesagt, unsere neue Platte ist tatsächlich sehr geprägt vom heißen Klima hier in Australien und aggressiver, als es normalerweise der Fall bei uns ist, da wir die Platte im Hochsommer in Sydney aufgenommen haben.

Also doch ein geografischer Einfluss auf die Musik ...

Natürlich, es verändert Dinge, aber es spielt dabei keine Rolle, ob wir in London, New York, Sydney oder Hamburg sind. Bestimmte Orte haben dabei einen größeren Einfluss als andere, aber die Basis ist, dass ich mit der Sehnsucht geboren wurde, das zu tun, was ich mache, das wollte ich immer und werde es immer tun, so lange ich Platten aufnehmen, Bilder malen oder Gedichte schreiben kann. Und dabei beschreibe ich die Dinge, die ich beschreiben will. Ich weiß nicht genau, was es ist, aber deshalb mache ich es auch immer weiter, und deshalb sind Leute wohl auch an dem interessiert, was ich tue - und das jetzt seit 25 Jahren.

Ich habe gelesen, dass ihr, als ihr 1988 in L.A. "Starfish" aufgenommen habt, euch dort nicht besonders wohl gefühlt habt. Wäre das ein Beispiel für einen weniger positiven Einfluss auf eure Musik?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe mich eigentlich nirgendwo in Los Angeles wohl gefühlt. Alleine schon, weil man große Entfernungen zurücklegen musste, zwischen den Apartments, wo wir lebten und dort, wo das Studio war. Ich habe einen schlechten Orientierungssinn, und dann musste ich auch noch auf der "falschen" Fahrbahnseite fahren. Zu dieser Zeit gab es auch noch diese Freeway-Schießereien, wo Leute in L.A. wahllos aufeinander ballerten. Und daran musste man immer denken, wenn man das Auto neben einem beobachtete und der Kerl darin zurückblickte und man dachte: Hoffentlich erschießt er mich nicht ... Und dann gab es noch diese beiden Amerikaner im Studio, Waddy Wachtel und Greg Ladanyi. Ich meine, in Australien waren wir zu dieser Zeit eine halbwegs erfolgreiche Band, wir waren nicht wirklich groß, aber Leute, die mit uns zusammenarbeiteten, respektierten uns, wie zum Beispiel Peter Walsh, der war Engländer und hat zuvor sehr gerne mit uns gearbeitet. Aber diese beiden Typen gingen ziemlich grob mit uns um, und dazu kam ein starker Marihuana- und Kokain-Missbrauch von Seiten der Band und der Produzenten, ebenso wie viele Diskussionen und all so was. Weißt du, manchmal kann mich eine sehr unangenehme Situation zu Höchstleistungen anspornen, und ich dachte mir damals, diese beiden Typen schaffen mich nicht, ich werde mein Bestes geben. Und wenn sie Sachen vorschlugen, von denen sie genau wussten, dass sie nicht funktionieren würden und auch, dass ich sie nicht machen würde, taten sie das nur, um zu sehen, ob ich darauf eingehe. Ja, Herr Produzent, ich mache alles, was Sie sagen. Sie taten das nur, um zu sehen, ob ich die Platte machen wollte oder nicht. Zum Beispiel, dass wir zu so einem dämlichen Gesangslehrer sollten, irgendwo mitten in Hollywood, der mal ein Filmstar war. Das war einfach albern. Was hatte das mit unserer Platte zu tun? Sie waren auch erst erstaunt, als ich dann wirklich zu ein paar Gesangsstunden ging. Der Gesangslehrer hatte zwar nicht das Gefühl, dass ich irgendwelche Fortschritte machte, aber diese beiden Typen fanden, dass ich plötzlich wesentlich besser singen würde. Klar, ganz wie ihr meint! Und all das zusammengenommen war für mich und Marty ein Ansporn, das Album aufzunehmen, aber Peter und Richard gefiel das alles überhaupt nicht. Sie blühten nicht gerade in ihrer Arbeit auf, sie waren einfach von allem genervt und sauer, dass sie so behandelt wurden. Für mich war es nur ein bestimmter Prozess und ich wollte sehen, was dabei letztendlich herauskam. Man kann etwas Negatives nehmen und daraus etwas Positives machen, genauso funktioniert es aber auch andersherum. Man muss in der Lage sein, damit umzugehen, was während so eines Prozesses entsteht. Und bei uns entstand daraus rein zufällig ein echter Hit.

Seltsam dabei ist nach wie vor, dass Menschen "Under the milky way" kennen, die ansonsten noch nie ein anderes Lied von euch gehört haben.

Aber das ist besser, als wenn wir diesen Song niemals gehabt hätten. Zumindest kennen die Leute einen Song von uns, und ich habe ein Stück dieser Art geschrieben. Aber das sind dann sowieso Leute, die nicht wirklich wissen, was ich tue. Es ist in etwa so, als ob man nur ein Buch eines Autors kennt und nicht weiß, dass er noch einige andere geschrieben hat, die vielleicht genauso interessant sind und die man genauso mögen würde, wenn man sie mal antesten würde. Es ist ein Segen und ein Fluch zugleich, so einen Song zu haben, aber letztendlich ist es besser als Nichts.

Und es sicher auch ein Beispiel dafür, wie man einen Hit schreiben kann, ohne das auch nur ansatzweise zu ahnen.

Ja, ich hatte keine Ahnung, es war nur ein Song unter vielen. Als wir die Platte aufnahmen und sie produzierten, hat niemals jemand etwas darüber gesagt, dass dieser Song etwas Besonderes sein könnte. Bis zu dem Tag, als unser Manager mit einem Typen von Arista zu uns kam, sie den Song hörten, sich umdrehten und sagten, dass das ein echter Hit sei. Und alle anderen meinten nur: Wie bitte? Sie holten dann noch andere Typen von Arista, die auch meinten, dass das ein Hit sei. Es gab für sie überhaupt keine Zweifel mehr, dass sie ein Video produzieren und viel Geld da reinstecken wollten. Und ich meinte: Was ist, wenn es nicht funktioniert? Sie lachten nur und meinten, sie wären mehr als 20 Jahre im Geschäft und würden einen Hit erkennen, wenn sie ihn hören. Der Song kam raus und war vom Start weg erfolgreich, jedem gefiel er und er landete in den Charts. Das ist so eine Sache, keiner weiß, wie es geklappt hat, aber wenn die nächste Platte ansteht, meint jeder, man bräuchte wieder so einen Song. Und man fragt sich, was denn das eigentlich überhaupt für ein Song war. Ich weiß es nicht, es war für mich nur ein Song, der plötzlich völlig den Rahmen sprengte, und jeder Song danach würde im direkten Vergleich höchst unvorteilhaft dastehen.

War "Starfish" somit auch die berühmte schlechte Erfahrung mit einem Majorlabel, die es ja wohl bei jeder Band zu geben scheint?

Wir waren ja schon vorher auf Majorlabels, bei Warner Brothers und EMI, wir waren eigentlich immer bei großen Labels. Wir hielten das für unsere Bestimmung und für unser gutes Recht, auf einem Majorlabel zu sein. Sie behandelten uns eigentlich immer recht gut, aber in unserer Naivität erwarteten wir, dass man uns automatisch immer gut behandeln würde. Sowohl wir als auch Arista waren jedenfalls überrascht, dass die Platte so ein Erfolg war, das ist sicher. Wir wussten danach nur nicht so recht, was wir tun sollten, und in Folge fiel alles etwas auseinander, weil sich scheinbar niemand wirklich dafür interessierte. Wir hatten acht Jahre gekämpft, um mal etwas Erfolg zu haben, und dieser Kampf hielt die Band zusammen, trotz gewisser Meinungsverschiedenheiten. Aber als der Kampf vorbei war und wir Erfolg hatten, drifteten alle viel zu schnell ab. Es war sehr bedenklich, da jeder dachte, er könne jetzt sein eigenes Ding machen, wo wir ja jetzt erfolgreich waren. Und anstatt sich um die Band zu kümmern, die diesen Erfolg ermöglicht hatte und zu schauen, was man da eigentlich hatte und sorgfältig die nächsten Schritte zu planen, drehten wir alle völlig ab. Ich kann dir gar nicht sagen, warum die Entscheidungen, die wir trafen, überhaupt getroffen worden - es war einfach ein heilloses Chaos.

Also wäre es der Band ohne diesen Hit vielleicht sogar besser ergangen, meinst du?

Nein, ich glaube, dann würde es die Band nicht mehr geben. Dieser Hit unterstützte uns nachhaltig in finanzieller Sicht. Und glücklicherweise ist es auch noch ein schöner Song, der knapp 20 Jahre später immer noch ein schöner Song ist. Man denkt inzwischen nicht: Mein Gott, was ist das denn? Aber als ich ihn damals geschrieben habe, habe ich nicht geahnt, dass ich ihn später immer noch spielen oder darüber reden würde - es war nur irgendein Song.

"Under the milky way" ist ja dennoch mit einem bestimmten 80er-Jahre-Feeling verknüpft, weshalb er wohl auch zuletzt auf dem Soundtrack von "Donnie Darko" auftauchte, ebenso wie "The killing moon" von ECHO & BUNNYMEN. Insofern fand ich die Entscheidung des Regisseurs Richard Kelly wenig glücklich, die Platzierung beider Songs in seinem Director's Cut wieder zu verändern.

Stimmt, das war in der ersten Version besser. Manchmal wissen Regisseure einfach nicht gut mit Musik umzugehen und verstehen nicht, wie viel Bedeutung so was haben kann, und gerade "Under the milky way" funktioniert hier auf eine sehr eigenartige Weise. Ich hatte zuvor noch nie das Gefühl gehabt, dass es so ein seltsamer Song ist, bis ich den Film sah, der ihm eine ganz neue Empfindung hinzufügte, aber das hat er mit dieser Änderung wieder zerstört. Ich glaube, beides sind Songs, die den 80ern irgendwie entkommen sind, obwohl sie sehr mit den 80ern verknüpft sind und in der Lage, Leute sofort wieder in diese Zeit zurückzubringen. Es sind einschneidende Songs in der Jugend mancher Leute gewesen, die mit speziellen Gedanken und Gefühlen zu tun haben. Viele Leute kommen zu mir und erzählen: Das erste Mal, als ich "Under the milky way" gehört habe, war dieses oder jenes ... Erinnerungen, bei denen man noch genau weiß, was damals passiert ist. Aus irgendwelchen Gründen ist unser Song dazu in der Lage. Man denkt, man wäre wieder im Jahr 1988, als man ihn das erste Mal gehört hat, aber genauso gelingt es ihm, mehr als nur ein 80er-Jahre-Song zu sein. Es ist ähnlich wie mit BEATLES-Songs, die sehr Sixties-mäßig sind, aber die man auch heute noch hören kann und dabei immer noch spürt, wie großartig sie sind, wohingegen viele andere Songs ganz fürchterlich in ihrer Zeit gefangen sind. Zum Beispiel eine Band wie DURAN DURAN, die kann man sich 2006 einfach nicht mehr anhören und es irgendwie befriedigend finden. Sicher gibt es immer noch Leute, die eine DURAN DURAN-Platte auflegen, weil sie sie wirklich hören wollen, und das klingt jetzt vielleicht etwas überheblich und Simon Lebon wäre da eventuell anderer Meinung, aber ich finde, wenn man 2006 "Under the milky way" hört und die dazugehörige Platte, denkt man immer noch, dass sie ziemlich gut ist.

Die 90er waren ja dann keine sehr glückliche Zeit für euch, und ich muss auch zugeben, dass ich nach "Gold Afternoon Fix" von 1990 das Interesse an THE CHURCH verloren habe, wie wahrscheinlich einige andere Leute auch.

Ja, Peter und Richard verließen die Band, und übrig blieben Marty und ich. Wir hatten unsere Chance auf Erfolg gehabt und es dann versaut. Es war keine schöne Zeit, aber inzwischen ist alles wieder wesentlich besser. Ich denke aber auch, dass "Gold Afternoon Fix" für viele Leute eine große Enttäuschung war, und das zu Recht. Und die haben dann nicht mehr mitbekommen, dass "Priest = Aura" von 1992 wieder eine sehr gute Platte war. "Starfish" mochten viele Leute, weil die Platte ein bestimmtes "echtes" Gefühl transportierte. Dann folgte mit "Gold Afternoon Fix" ein wesentlich zynischeres, langweiligeres und steiferes Album, und wahrscheinlich dachten viele Leute, uns wäre dasselbe wie vielen anderen Bands passiert: man macht eine richtig gute Platte und vermasselt dann alles. Viele Leute registrierten dann nicht mehr, dass wir diesen Kurs mit "Priest = Aura" wieder korrigiert hatten. Es war die Platte, die jeder von uns haben wollte, aber da war es schon zu spät. Grungerock war plötzlich angesagt, und die Leute waren nicht mehr an ausgeklügelter, Soundtrack-artiger Musik mit Texten über griechische Mythologie interessiert, sie wollten Kurt Cobain. Wir hatten unsere Chance gehabt und verpasst, waren an einem toten Punkt angelangt. Aber so ist das nun mal.

Habt ihr zu dieser Zeit mal daran gedacht, den Sound von THE CHURCH ganz drastisch zu verändern, mehr Elektronik zum Beispiel?

So was gibt es bei uns ja durchaus, aber uns war auch klar, dass man mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug endlos viel Raum hat, neue Sachen zu entdecken. Ich glaube auch, dass wir bei solchen Sachen nicht wirklich gut gewesen wären bzw. dass die Leute das von uns auch gar nicht hören wollen. Ich denke, es gibt immer genug Menschen, die Musik mit einem natürlichen Live-Feeling hören wollen, mit einem Sänger und anderen Leuten, die wirklich Gitarre und Schlagzeug spielen und wo nichts aus einem Computer kommt. Ich meine, ich mag Computer-Musik, aber ebenso auch handgemachte Musik.

Auf jeden Fall stellt man bei euren in den 90ern entstandenen Platten fest, dass da weniger die Suche nach einem weiteren "Under the milky way" im Mittelpunkt stand, sondern eine schlüssige Gesamtatmosphäre.

Das stimmt. THE CHURCH waren ja auch immer sehr von "Shoegazing"-Musik beeinflusst, von Bands wie MY BLOODY VALENTINE. Als das Ende der 80er aufkam, gefiel uns dabei die Tatsache, dass alles sehr viel Atmosphäre besaß und die Songs sich nicht um besonders herausstechende Elemente drehten. Bei vielen dieser Bands konnte man ja kaum die Texte verstehen. Das hat uns in gewisser Weise befreit und in dem Gefühl bestärkt, nicht typische Songs zu spielen, sondern mehr atmosphärische Kompositionen. Ich meine, sowas haben wir natürlich auch schon vorher gemacht, aber diese Bands haben uns gezeigt, wie man es gleichzeitig melodisch und atmosphärisch hinbekommen kann, was unseren Sound sicher verändert hat. Selbst so was wie Grunge hat uns verändert, da wir durchaus auch noisiger wurden. Als Tim Powles dann zu uns stieß, brachte er mehr Elemente von Grunge und Elektronik ein.

Es fällt schwer, eine wirkliche Schublade für THE CHURCH zu finden, doch was hältst du von "Neo-Psychedelia"?

Ich weiß nicht ... Das ist sicherlich ein Teil unserer Musik. Wenn uns jemand fragt, was denn eine gute Umschreibung für THE CHURCH wäre, sagen wir meist Spacerock. Weil wir den Konventionen entfliehen wollen, die etwas wie Neo-Psychedelia mit sich bringt, so als ob man immer und immer wieder "I am the walrus" oder "When I'm sixty-four" spielen und lustige Kostüme, Frisuren und Schnurrbärte tragen würde - damit wollen wir nichts zu tun haben. Und Spacerock gibt uns ein eher atmosphärisches Gefühl, gleichzeitig auf der Erde und im Weltraum zu sein. Neo-Psychedelia klingt, als ob man Teil einer Gruppe wäre. Wir aber machen das schon seit 25 Jahren und wissen eigentlich gar nicht genau, was wir da machen, wussten es eigentlich noch nie. Wir haben mit unseren Gitarren rumgespielt und Songs geschrieben und irgendwann kam ein Journalist an und meinte, dass das Neo-Psychedelia sei. Wie ein Vogel auf einer Insel, der nicht weiß, was er ist, bis ein Engländer auftaucht und meint, dass er ein Papagei sei. Der Vogel weiß nicht, dass er das ist, jemand hat nachträglich entschieden, was er ist. Und so ist das auch mit uns: Wir haben uns nie entschieden, etwas Spezielles zu sein, wir machen einfach unsere Musik und dabei kommt am Ende etwas Bestimmtes heraus.

Thomas Kerpen

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #67 (August/September 2006)

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